8. Die Einsicht, dass Talent und Genetik unterschiedlich verteilt sind

Jedes Mal, wenn ein Neuer ins Gym kam und er binnen eines Jahres stärker und breiter geworden ist, als ich - dann habe ich die Welt gehasst. Ja, es ist völlig ungerecht, welche genetischen Vorzüge manche Menschen genießen. Es ist auch ungerecht, dass manche trotz völlig unregelmäßigem Luschi-Training besser wachsen.

Foto: Frank-Holger Acker

Aber blickt mal nur ein einziges Mal über den Bodybuilding-Tellerrand hinaus, dann erblickt man allerorten völlige Ungerechtigkeit: der arme Kerl mit dem hässlichen Gesicht, der nächste ist nur 1,55 Meter "groß", wieder einer kam mit einer körperlichen Behinderung auf die Welt und ein ganz anderer kann sich anstrengen, wie er will - kriegt aber keinen ordentlichen Schulabschluss hin. Der verschwimmen unsere BB-typischen Probleme im Nebel der Relevanz.
Mir bleibt also nichts anderes übrig, als die völlig normalen Ungerechtigkeiten dieser Welt zu akzeptieren und einfach das Bestmögliche aus meinen Anlagen zu machen. Schlussendlich habe ich mehr dadurch gewonnen, indem ich mich mehr als andere anstrengen musste, viel mehr an der Technik und dem Muskelgefühl gearbeitet habe und einfach damit klarkommen musste, nicht der Beste zu sein. Auch nicht der Zweitbeste.
All diese "By-the-way"-Erkenntnisse haben mir stark im Leben geholfen, als es plötzlich mehr als nur mich selbst und meine Hobbies gab.

9. Die Erkenntnis, dass man im Gym und den Magazinen nur die Gesunden sieht

Diesen Punkt halte ich für ziemlich wichtig. Je öfter wir optisch mit etwas konfrontiert sind, umso stärker glauben wir daran, dass das Gesehene durchschnittliche Realität ist.

Wer ständig verblödete Ami-Serien mit Kunst-Püppchen guckt, deren affektiertes Leben sich um "Ups"-Wörter dreht - der wird sich das irgendwann zum Vorbild nehmen und sich fragen, ob man mit 40 kg noch zu fett, ohne 3 andere Quasselstrippen um sich herum zu einsam und ohne diese übertrieben gekünstelte Mimik überhaupt ein interessantes Leben führt.

Wer sich jeden Abend irgendwelche Hardcore-Pornos reinzieht, der glaubt auch irgendwann daran, dass Frauen nur dauerwillige, schmerzgeile Objekte sind.

Und so läuft es auch im Eisensport: Ein junger, motivierter Trainierender orientiert sich an den Platzhirschen im Studio und abends zu Hause werden dann stundenlang auf dem Klo die Hochglanzmagazine mit den Wettkampf-Fotos der Ausnahmeathleten bewundert. Man wünscht sich immer mehr diese geile Mischung aus schierer Muskelmasse, messerscharfer Teilung und staubtrockenem Körperfettgehalt - und dann ... schaut man sich im Spiegel an. Was für ein ernüchternder Vergleich - zum Heulen.
Man muss sich immer wieder sagen: Das, was wir sehen, ist höchst selektiv. Im Studio laufen Tiere rum - aber eben nur die, deren Körper jahrelanges Training, jahrelangen Eiweiß- und gegebenenfalls sonstigen Missbrauch überlebt und wahrscheinlich einige andere Einschränkungen mehr hinnehmen musste, die man auf Anhieb eben nicht sehen kann.
Wen man hingegen nicht im Gym sieht: Alle, die es irgendwann mal rausgekegelt hat, aus dem Spiel - wegen bösartigen Verletzungen, Langzeitfolgen von Medikamentenkonsum oder schlicht der mangelnden Motivation.

Die sitzen dann entweder nur noch in der studioeigenen Sauna und erzählen, wie toll sie früher mal ausgesehen haben, oder bleiben gleich zu Hause.

Und was die Magazine betrifft: Die Abgebildeten wurden zu einem bestimmten Zeitpunkt fotografiert - und dieser Zeitpunkt heißt nicht Offseason. So viel dazu.

10. Kreuzheben

Hier hätte ich jetzt auch Kniebeugen oder Beinpresse schreiben können - aber es geht ja um meine individuelle Erfahrung. Fakt ist, dass man extrem davon profitiert, in einer Ganzkörper-Übung stark zu werden. Meine Hebel und Längenverhältnisse lassen da eher gute Werte im Kreuzheben zu, während das Beugen völlig hinterherhinkt.
Ich sage nicht, dass man ein bestimmtes Gewicht für so und so viele Wiederholungen heben können muss, um als stark zu gelten.
Ich sage nur, dass es wesentlich wahrscheinlicher ist, dass man breit wird, wenn man mit der Zeit 15 x 150 kg heben kann, als wenn man nur 15 x 70 kg schafft.

Foto: Frank-Holger Acker

11. Herausstreichen von Übungen, in denen man einfach nicht stärker wird

Ich habe mich jahrelang mit der Kniebeuge herumgequält. Ich weiß nicht, wie oft ich von kompetenten Trainern meine Ausführungstechnik habe kontrollieren lassen, dennoch machte ständig der untere Rücken dicht und ich war einfach im unteren Teil der Bewegung unverhältnismäßig schwach. Ich habe mehrere Jahre beherzt alles gegeben und bin nie über 100 kg für Wiederholungen herausgekommen. Dies, während ich gleichzeitig ohne große Anstrengung 150 kg für Wiederholungen heben konnte.

Irgendwann musste ich einsehen, dass die Kniebeuge zwar überall als "Königin der Übungen" bezeichnet wird - aber ich bin ihr nicht mehr untertan. Ihre Regentschaft war zu hart und verletzungsanfällig für mich, so dass ich lieber einen leichteren Job bei ihrem Sohn, Prinz Beinpresse angenommen habe. Macht viel mehr Spaß dort - und negative Folgen habe ich auch noch nicht mitbekommen.
Ähnlich geht es vielen Trainierenden mit dem Bankdrücken. Wenn man es nach Jahren nicht schafft, sein Körpergewicht locker für mehrere Wiederholungen zu drücken, dann sollte man sich lieber umorientieren.
Dips halte ich da für eine gute Alternative, da Kurzhantel-Bankdrücken wahrscheinlich die gleichen Schwierigkeiten verursachen wird, wie reguläres Bankdrücken. Ansonsten habe ich gute Erfahrungen mit Kabelübungen und Hammerstrength-Maschinen gemacht.

12. Die Überwindung der Angst, sich zu verletzen

Das ist jetzt ein hochsensibles Thema, denn es trifft so lange nicht auf jeden Trainierenden zu. Wer, wie ich, ein recht schmales Knochengerüst hat und sehr zu Selbstbeobachtung neigt, der übertreibt schnell mit der Angst vor Verletzungen. Aber diese Angst ist leider ein limitierender Faktor beim Kraftaufbau - denn es kostet einfach mal Überwindung und ab einem gewissen Punkt muss man von perfekter Technik abweichen, weil die Konzentration und Koordination durch vorherige Beanspruchung gelitten haben.
Ich kann hier keine Faustregel mit auf den Weg geben, aber wer ständig sein Trainings-Gewicht nach unten korrigiert, um "an der Technik zu feilen", obwohl er seit Monaten keine echten Fortschritte macht, der gehört wohl zu dieser Kategorie.
Wer hingegen tatsächlich in der Vergangenheit an Verletzungen gelitten hat, auf den trifft dieser Punkt nicht zu.

13. Progression fällt nicht vom Himmel

Um muskulöser zu werden, muss man stärker werden. Völlig klar. Nur wie wird man stärker, wenn man das nicht mehr durch den Anfängerbonus und hohe Kalorienzahlen "von selbst" passiert?
Ab einem gewissen Punkt muss mehr wachsen, als nur das Arbeitsgewicht im Satz. Man muss seine Schmerzgrenze erweitern, den Durchhaltewillen stärken und immer mehr Mut aufbringen, weiterzumachen.
Und das sind Prozesse, die man bewusst einleiten muss - sie hängen mit willentlichem Verschieben der eigenen Komfort-Grenzen zusammen. Es ist nicht einfach, Schmerz zu überwinden - aber welcher Schmerz ist wohl schlimmer:

Derjenige, den man hat, wenn man nach 5 Jahren feststellen muss, dass man sich nicht weiterentwickelt hat - oder derjenige, den man verspürt, wenn die Fasern zittern und das ZNS schon aufgeben will?

Die Entwicklung liegt bei jedem selbst. Mich tröstet allerdings auch der Umstand, dass diese psychologische Barriere erst den Wert überdurchschnittlicher Kraft und Muskelmasse definiert. Wenn es einfach wäre, dann könnte es jeder und man könnte wesentlich weniger stolz auf das Erreichte sein.

14. Körperliche Stärke verursacht nicht automatisch geistige Stärke

Als Hänfling habe ich muskulöse Typen meist dafür bewundert, dass sie so selbstbewusst und glücklich wirken. Ich dachte mir: Habe ich erstmal 30 kg Fleisch mehr drauf, dann läuft alles wie von selbst: Anerkennung, Durchsetzungskraft, Mut, Frauen und bessere Freunde.

Scheiße, lag ich falsch!
Ich muss ja zugeben, dass es in einem rauhen Umfeld (Diskothek, Fußballstadion, Kampfsport etc) von echtem Vorteil ist, statt 60 lieber 90 kg zu wiegen - aber wenn man sich allein auf dicke Arme stützt, kann man Selbstbewussstsein allenfalls vortäuschen. Mittlerweile weiß ich, dass die meisten breiten Typen das auch tun. Was wäre von vielen übrig, wenn sie ganz normal aussehen würden?
Innerliche Stärke speist sich aus Selbstwertgefühl, Ehrlichkeit zu sich selbst, konstruktivem Umgang mit Schuldgefühlen, von Anerkennung unabhängig zu sein, zu seiner Meinung zu stehen und dem Bewusstsein, dass man eben nicht immer der Größte ist und sein muss.
Bodybuilding kann sehr viel dazu beitragen, all diese Dinge zu lernen und zu integrieren - aber als Selbstzweck ist es nutzlos.

Foto: Frank-Holger Acker

Die Liste ist nicht abschließend

Bodybuilding hat mir natürlich viel mehr beigebracht, als ich hier auflisten konnte. Aber erstens ist der Weg noch lange nicht vorbei - und zweitens müssen auch noch ein paar Themen für künftige Artikel übrigbleiben.

Ich bedanke mich für die Aufmerksamkeit!