| Handelsnamen | Andriol®, Restandol®, Undestor®, Virigen® |
| Gattung | Testosteron-Ester |
| Bezeichnung | Testosteron Undecanoat |
| Nomenklatur | 17beta-undecanoyloxy-androst-4-en-3-one |
| Östrogenbildung | ja (Östradiol) |
| Androgenlevel | mäßig |
| Anabollevel | mäßig |
| Halbwertszeit | ca. 2,5 Std. |
Chemische Kennzahlen Andriol
| Chemische Formel | C19H28O2 |
| Molekulargewicht | 456.7 g/mol |
| Schmelzpunkt | 155 °C |
| Chemische Formel (mit Ester) | C30H48O3 |
| Molekulargewicht (Ester) | 112,17 g/mol (Undecanoat) |
| Schmelzpunkt (mit Ester) | 63 °C |
| Kohlenstoffatome (Ester) | 11 (Undecanoat) |

Vorwort zu Andriol
Andriol ist zweifellos ein außergewöhnliches Produkt. Denn während (fast) alle anderen oralen anabolen Steroide mit der lebertoxischen 17alpha-Alkylierung daherkommen, verspricht es orale Bioverfügbarkeit, ohne diese Nebenwirkung zu besitzen. Und geht man nach dem, was der Hersteller sagt (siehe die Seite Andriol von Organon International), dann scheint es seit Jahrzehnten eine bewährte Alternative zur Testosteron-Spritze zu sein. Das klingt verlockend, aber dennoch hat Andriol im Bodybuilding einen schlechten Ruf. Und das hat in der Hauptsache zwei Gründe:- Andriol wird generell eine schlechte Wirksamkeit nachgesagt. Das wiederum wird auf eine schlechte Bioverfügbarkeit zurückgeführt. Man ist also der Ansicht, dass nur wenig von der eingenommenen Andriol-Menge im Blutkreislauf ankommt.
- Andriol ist ein ziemlich teures Produkt.
Die Gliederung unseres Steroidprofils zu Andriol wird daher wie folgt aussehen:
- Zunächst wird kurz dargestellt, was sich hinter dem Namen Andriol verbirgt, warum ein solches Produkt überhaupt auf den Markt gebracht wurde, und wie Andriol an der Leber vorbei in den Blutkreislauf gelangen kann.
- Im Jahr 2002 wurde die Formel geändert, und aus Andriol wurden Andriol Testocaps. Wir sagen, was es damit auf sich hat.
- Anschließend gehen wir der Frage nach, ob die Wirksamkeit von Andriol überhaupt nachgewiesen ist. Denn wenn man nach dem gehen würde, was manche sagen, dann wären hier ernsthafte Zweifel angebracht.
- Und schließlich folgt der Abschnitt zur Pharmakokinetik von Andriol. Hier sagen wir, welche Andriol-Dosis den Testosteronspiegel in welchem Umfang erhöht, wie groß die individuellen Unterschiede sind und was es ausmacht, wenn man Andriol mit den Mahlzeiten einnimmt, oder nicht.
- Anabole Steroide haben bekanntlich ihre Nebenwirkungen. Da im Falle Andriol täglich recht hohe Dosen oral zugeführt werden, könnte dies einen Effekt auf die Leberwerte haben. Auch der Frage nach anderen Andriol-Nebenwirkungen werden wir auf Basis einer Langzeitstudie nachgehen.
- Und last not least werden wir ein Fazit zu Andriol abgeben.
Was ist Andriol eigentlich ?
Andriol ist im Vergleich zu anderen anabolen Steroiden ein relativ neues Proukt. Die meisten anabolen Steroide wurden in den 40er, 50er und 60er-Jahren patentiert. So z.B. Testosteron-Propionat (1941), Methyltestosteron (1945), Nandrolon (1955), Testosteron-Enantat (1958), Methandrostenolon (1959) und Oxandrolon (1964).Andriol dagegen erst 1975 und man war zu diesem Zeitpunkt auf der Suche nach dem idealen Produkt für eine Testosteronsubstitution. preview
Mit den injizierbaren, langen Testosteron-Estern (also z.B. Testosteron Enantat) ist eine Testosteronsubstitution ohne weiteres möglich, jedoch haben diese den Nachteil, dass alle zwei oder drei Wochen eine Spritze fällig wird. Viele Menschen empfinden Injektionen aber als unangenehm und ziehen orale Varianten von Medikamenten vor. Ich habe hier z.B. gerade eine Langzeitstudie zur Anwendung von Andriol vor mir liegen, an der auch 23 Männer teilgenommen haben, die zuvor mit injizierbarem Testosteron substituiert worden waren. Und von denen bewerteten 18 die Unabhängigkeit von der Spritze positiv.
Wenn man aber Testosteron einfach so oral zuführt, wird dieses größtenteils von der Leber zerstört, denn die erkennt Androgene als Toxine. Es gibt eine Studie aus dem Jahr 1974 (Johnson et al.1), in der gezeigt wurde, dass man 400 - 600 mg freies Testosteron auf einmal zuführen muss, um (kurzzeitig) einen physiologischen Testosteronspiegel zu erreichen.
Mit Methyltestosteron hatte man nach Einführung schnell schlechte Erfahrungen gemacht. Seine orale Bioverfügbarkeit ist zwar gut, und es erfüllt auch alle biologischen Funktionen von Testosteron, aber es hat den Nachteil der 17alpha-Alkylierung. Und so kam es bald zu Berichten über "adverse events" wie erhöhte Leberwerte, Cholestase und Peliosis Hepatis. Später wurde dann sogar ein Zusammenhang zwischen der Langzeitanwendung von Methyltestosteron und dem Auftreten von Lebertumoren festgestellt.
Aber es gibt noch einen anderen Weg um einen Wirkstoff oral bioverfügbar zu machen. Denn wenn man eine Substanz extrem fettlöslich macht, dann kann sie vom Körper so aufgenommen werden wie Fette aus der Nahrung. Und das ist der Weg, den man bei Andriol gewählt hat.Dazu stattet man das Testosteron-Molekül an der 17beta-Position mit einem sehr langen Ester aus. Im Falle von Andriol ist das der Undecanoat-Ester, woraus sich auch der Wirkstoffname ergibt: Testosteron Undecanoat. Anstatt zur Pfortader der Leber (und damit der sicheren Vernichtung entgegen), gelangt der Andriol-Wirkstoff nun aus dem Darm ins lymphatische System und anschließend über den "Ductus Thoracicus" in den Blutkreislauf. Die Aufnahme wird bei Andriol dadurch noch etwas verbessert, dass das Testosteron Undecanoat nicht einfach in Pulverform verabreicht wird. Stattdessen kommt es in kleinen, ovalen, rotbraunen Kapseln daher, in denen der Wirkstoff in einer öligen Flüssigkeit gelöst ist. Eine solche Andriol-Kapsel enthält 40 mg Testosteron Undecanoat.
Andriol ist also nichts anderes als Testosteron, das man mit einem Trick oral bioverfügbar gemacht hat, ohne dessen Grundstruktur (wie bei Methyltestosteron) ändern zu müssen. Es wird nur von einem Hersteller produziert - der Firma Organon.
Andriol versus Andriol Testocaps
Seit 2004 ist Andriol in Deutschland mit einer neuen Formel auf dem Markt - aus Andriol wurden "Andriol Testocaps". Zuvor war der Testosteron-Ester in Ölsäure gelöst, nun hat der Hersteller diese durch eine Mischung aus Rizinusöl und Propylen-Glycol-Laurat ersetzt. Und während das "alte" Andriol in Dosen verpackt war, kommen die neuen Andriol Testocaps nun im Blister daher.Auf die Bioverfügbarkeit von Andriol hat die neue Formel aber keinen Einfluss, stattdessen hatte die Firma Organon bei der Änderung die Haltbarkeit des Produktes im Visier:
- Das alte Andriol war zwar prinzipiell 3 Jahre haltbar, jedoch musste es in der Apotheke bei 2 - 8 Grad Celsius und daher im Kühlschrank gelagert werden. Nach Anbruch der Packung und Lagerung bei Raumtemperatur war es dann nur noch 3 Monate haltbar.
- Bei Andriol Testocaps gibt es diese Einschränkungen nicht mehr. Die Haltbarkeit beträgt 3 Jahre, auch wenn es bei Zimmertemperatur gelagert wird.
Ob die neue, verbesserte Andriol-Formel aber wirklich in jeder Hinsicht ein Vorteil ist, sollte aus meiner Sicht doch noch einmal durchdacht werden. Denn Rizinusöl ist nicht gerade für seine beruhigende Wirkung auf den Magen-Darm-Trakt bekannt.Und so taucht dann auch in der Fachinformation zu den Andriol Testocaps ein neuer Absatz unter dem Punkt Nebenwirkungen auf, der beim "alten" Andriol nicht zu finden war: "Aufgrund des Gehaltes des Hilfsstoffes Rizinusöl können bei Einnahme dieses Arzneimittels gelegentlich Störungen in Form von Magenverstimmungen und Durchfall auftreten." Die Wörter "können" und "gelegentlich" signalisieren dem geneigten Leser zwar eine geringe bis nicht vorhandene Relevanz, die Ergebnisse einer Studie mit den neuen Testocaps (Houwing, 20032) lassen dagegen anderes erahnen. Man war dort zwar auch der Meinung, dass die neuen Andriol Testocaps "well tolerated" wurden, jedoch zählte man bei den 19 Probanden wahrend der zweitägigen Studie insgesamt 27 "adverse events". Und die bestanden hauptsächlich aus Magen-Darm-Problemen (Bauchschmerzen, Durchfall, Blähungen) und Kopfweh.
Unwahrscheinlich übrigens, dass solche Probleme seltener werden, wenn man Andriol Testocaps in Bodybuilding-üblichen Mengen dosiert ...
Wirkt Andriol überhaupt ?
Die erste ausführliche Studie zu Andriol, in der neben den Hormonen auch die Auswirkungen auf Sexualität und Stimmungslage der Probanden untersucht wurden, fand im Jahr 1981 statt, und es nahmen 11 hypogonadale Männer daran teil (Skakkebaek et al.3). "Hypogonadal" bedeutet, dass der Körper zu wenig Testosteron produziert.Von den 11 Männern waren fünf (wegen Hodenkrebs) kastriert, bei einem wollten die Hoden aus anderen Gründen nicht, und die restlichen fünf hatten eine Fehlfunktionen der Hypophyse. D.h., dass die Hoden zwar prinzipiell funktionsfähig sind, die Hypophyse aber kein (oder nicht genug) LH produziert. Und damit fehlt den Hoden der Reiz zur Testosteronproduktion.
Ich erwähne das deshalb, weil nach einer Kastration (oder bei einer Fehlfunktion der Hoden) der LH-Spiegel meist sehr hoch ist - die Hypophyse "merkt", dass sich zu wenig Testosteron im Körper befindet, und versucht die nicht mehr vorhandenen Hoden durch mehr LH zur Testosteron-Produktion zu animieren. Wenn man nun mit injizierbarem Testosteron substituiert, dann geht der LH-Wert normalerweise sehr deutlich runter. Das exogen zugeführte Testosteron drückt also die Achse in den Keller.
Da von Andriol ja manchmal behauptet wird, dass es die Achse nicht beeinflusst, ist es natürlich interessant zu sehen, was hier mit dem LH-Wert passiert.
Das Design der Studie sah wie folgt aus:
- Die Männer wurden nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen eingeteilt
- In jeder Gruppe gab es eine "Washout"-Phase (2 Monate), eine Placebo-Phase (2 Monate) und eine Andriol-Phase (auch 2 Monate).
- In der Washout-Phase erhielten die Teilnehmer der Studie keine Medikamente. In der Placebo-Phase gab es Kapseln, die genauso aussahen wie Andriol, aber nur Ölsäure enthielten. Und in der Andriol-Phase wurden zweimal täglich 2 Kapseln Andriol verabreicht (morgens und abends). Bei 40 mg Testosteron Undecanoat je Kapsel ergibt das also pro Tag 160 mg.
- Die Reihenfolge der Phasen in Gruppe 1: Washout - Placebo - Andriol. Also 4 Monate ohne Androgene und dann 2 Monate mit Andriol.
- Und in Gruppe 2: Washout - Andriol - Placebo. Nun also 2 Monate ohne, dann 2 Monate Andriol und nochmal 2 Monate ohne Androgene.
- Am Ende eines jeden Monats mussten die Teilnehmer zur Blutabnahme in die Klinik kommen. Also auch während des "Washouts". Bei denen, die sich gerade in der Andriol-Phase befanden, wurden dann 2 Blutproben genommen. Die erste kurz vor der morgendlichen Andriol-Einnahme, die zweite vier Stunden danach.
- Über die gesamten 6 Monate mussten alle Teilnehmer wöchentlich umfangreiche Fragebögen ausfüllen - Anzahl der Ejakulationen pro Woche, Häufigkeit sexueller Gedanken, subjektiv empfundene Vitalität und noch einiges mehr. Und bei den Besuchen in der Klinik fanden auch noch einmal Interviews statt - da ging es dann um solche Themen wie Erektions- und Ejakuationsprobleme.

Interessant sind hier nur die schwarzen Balken. Diese stellen den Mittelwert über alle Teilnehmer der Studie dar. Bei den weißen Balken handelt es sich um die sogenannte "Standardabweichung" - eine statistische Größe, die nicht weiter interessiert.
Gezeigt wird der Mittelwert in der Washout-Phase (no treatment), in der Placebo-Phase (Placebo) und nach einem sowie zwei Monaten mit Andriol. In der Andriol-Phase wird zusätzlich noch einmal unterschieden nach dem Wert kurz vor der morgendlichen Andriol-Einnahme (0 h) und vier Stunden danach (4 h).
In der Grafik wird als Maßeinheit nmol/l verwendet, während bei uns eher ng/ml üblich sind. Ich habe die Werte für Testosteron daher der Grafik entnommen und in ng/ml umgerechnet. Das Ergebnis ist in der folgenden Tabelle dargestellt.
| Zeitpunkt | Testosteron (ng/ml) |
| Washout-Phase | 0,33 |
| Placebo-Phase | 0,33 |
| Nach 1 Monat Andriol vor der Einnahme | 0,77 |
| Nach 1 Monat Andriol 4 Stunden nach Einnahme | 4,12 |
| Nach 2 Monaten Andriol vor der Einnahme | 0,88 |
| Nach 2 Monaten Andriol 4 Stunden nach Einnahme | 3,79 |
Wenn man die Zahlen anschaut, sollte man in etwa im Hinterkopf haben, wo der Referenzbereich für Gesamttestosteron liegt. Der wird oft unterschiedlich definiert - in den USA z.B. etwas breiter. Dort geht man davon aus, dass alles normal ist, was zwischen 3 ng/ml und 10 ng/ml liegt.
Der Mittelwert beträgt in Washout- und Placebo-Phase 0,33 ng/ml und liegt damit deutlich niedriger als das, was normal ist. Mit Andriol sieht es besser aus, wobei man aber beachten muss, dass der Maximalwert jeweils 4 bis 5 Stunden nach der Einnahme erreicht wird, um dann nach etwa der gleichen Zeit wieder auf das Ausgangsniveau zu sinken. Und das zeigt sich dann auch bei den Messungen vor der morgendlichen Andriol-Einnahme. Der Testosteron-Wert liegt hier bei 0,77 ng/ml bzw. 0,88 ng/ml und ist damit deutlich niedriger als die untere Grenze des Referenzbereichs. 4 Stunden später liegt er dann (im Maximum) bei 4,12 ng/ml bzw. 3,79 ng/ml und damit zwar über der unteren Grenze, aber auch nicht gerade hoch.
Die Einnahme von Andriol führt also hier zu einem Testosteronspiegel, der zweimal am Tag die untere Grenze des Referenzbereichs überschreitet. Nämlich jeweils im Maximum nach der Einnahme am Morgen und am Abend. Die meiste Zeit dürfte der Wert aber unterhalb des Referenzbereichs liegen.
Interessanterweise ist das für DHT nicht so. Im unteren Teil der Grafik geben die gestrichelten Linien den Referenzbereich für DHT an (normal range). Und man erkennt, dass der Mittelwert für DHT in der Andriol-Phase entweder im Referenzbereich liegt, oder sogar die obere Grenze des Referenzbereichs überschreitet.
Man erklärt dies damit, dass die Umwandlung zu DHT schon dann einsetzt, wenn sich das Testosteron Undecanoat noch auf seinem Weg durch das lymphatische System befindet. Aus Testosteron Undecanoat wird dann DHT Undecanoat. D.h., dass die Konversion auch dann stattfindet, wenn der Undecanoat-Ester noch nicht vom Testosteron-Molekül abgespalten worden ist.
Bei einem Testosteronspiegel, der die meiste Zeit unter dem Referenzbereich liegt, würde man meinen, dass auch die Wirkung des Testosterons nicht allzu deutlich ausfallen kann. Dem war allerdings nicht so - die Ergebnisse aus Fragebögen und Interviews zeigten, dass sich unter Andriol eine normale Sexualität entwickelte. Auch die subjektiv empfundene Vitalität nahm unter Andriol deutlich zu. Das illustriert die folgende Grafik für Gruppe 1 (Washout - Placebo - Andriol).

Die senkrecht eingezeichneten Linien trennen die Phasen voneinander, die jeweils mit einem Buchstaben gekennzeichnet sind: Washout (a), Placebo (b) und Andriol (c).
Für jede Phase ist der mittlere Testosteronspiegel angegeben: Washout 0,6 nmol/l (0,17 ng/ml), Placebo 0,4 nmol/l (0,12 ng/ml) und Andriol 14,63 nmol/l (4,22 ng/ml).
Die gestrichelte Linie mit den Dreiecken (Δ) steht für die subjektiv empfundene Vitalität, die Linie mit den Kreuzen (x) für die Häufigkeit sexueller Gedanken und die Linie mit den schwarzen Punkten (•) für die Anzahl der Ejakulationen pro Woche.
Am deutlichsten wird der Effekt von Andriol bei der Anzahl der Ejakulationen pro Woche. Offensichtlich schläft die Sexualität in der Washout-Phase praktisch ein - während am Anfang noch gut eine Ejakulation pro Woche drin ist, tut sich nach ca. 4 Wochen gar nichts mehr. Und das bleibt auch über die komplette Placebo-Phase so - keine Ejakulationen mehr.
Unter Andriol ändert sich das schnell. Nach 2 Wochen Andriol ca. 1,5 Ejakulationen / Woche und ab der 4. Woche dann etwa 2 Ejakulationen / Woche.
Einen ähnlichen Verlauf haben die Kurven für Vitalität und Häufigkeit sexueller Gedanken. Innerhalb der Washout-Phase ein signifikanter Rückgang, während der Placebo-Phase dann Stabilität auf niedrigem Niveau und schließlich ein signifikanter Anstieg in der Andriol-Phase.
Schauen wir nun noch, welchen Einfluß Andriol auf die Achse hat. Es geht also darum, was sich bei den Werten für LH tut. Man muss dabei beachten, dass an der Studie sowohl Männer mit primärem als auch mit sekundärem Hypogonadismus teilgenommen haben.
Beim primären Hypogonadismus liegt die Ursache bei den Hoden und der LH-Wert ist sehr hoch. Beim sekundären Hypogonadismus dagegen sind die Hoden meist intakt und die Hypophyse produziert zu wenig LH. Der Wert ist dann entsprechend niedrig. Was sich insgesamt beim LH tut, ist in der folgenden Grafik dargestellt.

Die schräg gestreiften Balken geben den jeweiligen Mittelwert wieder, die längs gestreiften Balken die statistische Größe "Standardabweichung". Letztere ist für uns aber wieder uninteressant, weshalb wir nur die schräg gestreiften Balken betrachten werden.
Wie in der Grafik zu Testosteron / DHT wird der Mittelwert in der Washout-Phase (no treatment), der Placebo-Phase (Placebo) und nach einem sowie zwei Monaten mit Andriol dargestellt. In der Andriol-Phase wird unterschieden nach dem Wert vor der morgendlichen Andriol-Einnahme (0 h) und vier Stunden später (4 h).
Im oberen Teil sind die Werte der Männer mit primärem Hypoganodismus zu sehen, im unteren Teil die der Männer mit sekundärem Hypogonadismus. Erwartungsgemäß sind erstere deutlich höher als letztere.
Wesentlich ist aber, dass die Werte sich durch das Andriol nicht statistisch signifikant ändern. Evtl. gehen sie im ersten Andriol-Monat leicht zurück, zur Signifikanz reicht es aber nicht.
Es scheint daher so, dass Andriol bei einer Dosierung von 160 mg/Tag wirklich keinen Einfluss auf die Achse ausübt.
Schlussfolgerungen aus dieser Andriol-Studie:
- Bei hypogonadalen Männern konnte eine deutliche Wirkung von Andriol gezeigt werden. Prinzipiell scheint das Andriol-Prinzip also zu funktionieren.
- Allerdings lassen 160 mg Andriol/Tag den Testosteron-Spiegel nur in bescheidenem Umfang steigen. Hier auf einen Wert von ca. 4 ng/ml und damit gerade mal etwas über die untere Grenze des Referenzbereiches.
- Die Studie sagt nichts darüber aus, wie lange die Wirkung von Andriol anhält. Deshalb ist es auch nicht möglich, die Erhöhung des Testosteronwertes durch Andriol mit der injizierbarer Testosteron-Ester zu vergleichen.
- Andriol kommt nur in einer Dosierung zur Anwendung - es kann daher nichts darüber gesagt werden, wie der Anstieg des Testosteronspiegels ausfällt, wenn die Dosis z.B. verdoppelt wird.
- Dadurch, dass immer nur der Mittelwert über alle Teilnehmer angegeben wird, bleibt unklar inwieweit sich Unterschiede in der Testosteron-Blutkonzentration bei den einzelnen Teilnehmern ergeben haben.
- Interessanterweise steigt DHT unter Anriol merkbar deutlicher an als Testosteron. Sogar bisweilen ein gutes Stück über die obere Grenze des Refrenzbereichs hinaus.
Pharmakokinetik von Andriol
Andriol und seine Wirkung auf den Testosteronspiegel
Die Studie, die ich als nächstes vorstellen möchte (Houwing et al., 20032), liefert besonders interessante Ergebnisse. Denn diese erlauben einen Vergleich von Andriol mit einem injizierbaren Testosteron-Ester. Und zwar ein Vergleich in der Art "wieviel Andriol entspricht wieviel injizierbarem Testosteron". Bei dieser Studie kamen übrigens die neuen Andriol Testocaps zur Anwendung.Hier das Design der Studie im Überblick:
- An der Studie nahmen insgesamt 45 (weibliche) Probanden teil.
- Die Frauen wurden in drei Gruppen eingeteilt:
- Die erste Gruppe erhielt morgens und abends je 20 mg Andriol. Die Einnahme erfolgte direkt nach dem Früstück und nach dem Abendessen. Die Einnahme am Abend lag genau 12 Stunden nach der Einnahme am Morgen.
- In der zweiten Gruppe wurden morgens und abends je 40 mg Andriol verabreicht.
- Bei der dritten Gruppe waren es je 80 mg Andriol.
- Blutproben wurden vor der Andriol-Einnahme am Morgen und danach 24 Stunden lang einmal pro Stunde entnommen. Anschließend dann noch einmal 26, 28, 32, 36 und 48 nach der ersten Einnahme.
Die folgende Grafik zeigt, wie sich die Testosteron-Blutkonzentration über die Zeitachse entwickelt hat.

Die vertikale Achse gibt den Testosteronspiegel in ng/ml an, die horizontale Achse die Zeit in Stunden seit der ersten Einnahme von Andriol. Da die letzte Messung 48 Stunden nach der ersten Einnahme gemacht wurde, ist das auch der letzte Wert auf der Zeitachse. Die senkrechte, gestrichelte Linie markiert den Punkt der zweiten Einnahme, 12 Stunden nach der ersten Einnahme von Andriol.
Für jede der drei Gruppen ist eine Linie eingezeichnet, die den Mittelwert der Testosteron-Blutkonzentration zum jeweiligen Zeitpunkt angibt:
- Die Linie mit den kleinen schwarzen Dreiecken zeigt den Testosteronspiegel in der Gruppe mit 2 mal 80 mg Andriol. Man erkennt, dass der Blutspiegel ca. 6 Stunden nach der ersten Einnahme sein Maximum erreicht und dann bei gut 6 ng/ml liegt. Danach geht es rasch wieder abwärts und nach 12 Stunden ist beinahe das Ausgangsniveau erreicht. Die zweiten 80 mg Andriol führen interessanterweise zu einem weniger deutlichen Anstieg des Testosteronspiegels. Hier werden 6 Stunden nach der Einnahme knapp 4 ng/ml erreicht. Weitere 6 Stunden später ist dann das Ausgangsniveau beinahe wieder erreicht.
- Die Linie mit den weißen Punkten zeigt die Eintwicklung des Testosteronspiegels in der Gruppe mit 2 mal 40 mg Andriol. Der Verlauf der Kurve ist ähnlich wie bei der ersten Gruppe, wobei die Peaks nun allerdings nur ca. halb so hoch ausfallen. 6 Stunden nach der ersten Einnahme werden gut 3 ng/ml ereicht und nach 12 Stunden ist die Blutkonzentration nahe dem Ausgangsniveau. Auch hier fällt der Peak nach der zweiten Einnahme nicht so hoch aus wie nach der ersten Andriol-Einnahme - nach weiteren 6 Stunden werden knapp 2 ng/ml erreicht. Nochmal 6 Stunden später ist man beinahe wieder beim Ausgangsniveau angelangt.
- Werfen wir zuletzt noch einen Blick auf die Linie mit den schwarzen Punkten, die den Blutpiegel der Gruppe mit 2 mal 20 mg Andriol repräsentiert. Wir haben hier wieder einen ähnlichen Verlauf wie bei den beiden vorangegangenen Kurven, jedoch mit entsprechend niedrigeren Peaks. Erstes Maximum nach ca. 6 Stunden bei ca. 1,5 ng/ml, nach 12 Stunden dann wieder beinahe bem Ausgangsniveau. 6 Stunden nach der zweiten Einnahme das zweite Maximum mit gut 1 ng/ml, weitere 6 Stunden später wieder nahe dem Ausgangsniveau.

Die Parameter unter "Testosterone" haben die folgende Bedeutung:
- Cmax1 ist die Maximalkonzentration nach der ersten Andriol-Einnahme
- Cmax2 ist analog dazu das Maximum nach der zweiten Einnahme
- Tmax1 ist die Anzahl der Stunden nach der ersten Einnahme bis zum Maximum
- Tmax2 ist die Zeit bis zum Erreichen des Maximums nach der zweiten Einnahme
- AUC0-12 ist die Fläche unter der Kurve innerhalb der ersten 12 Stunden
- AUC0 - tlast ist die Fläche unter der Kurve von der ersten Einnahme bis zur letzten Messung
Man mag sich bei Betrachtung der Ergebnisse wundern, warum z.B. in der Gruppe mit 2 mal 80 mg Andriol bei Cmax1 ein Wert von 7,68 ng/ml angegeben ist, während in der Grafik im Maximum ein Wert von nur etwas über 6 ng/ml zu sehen ist. Das liegt einfach daran, dass nicht alle gleichzeitig den Maximalwert erreichen. Und wenn man nun den Mittelwert über die Maximalwerte der Teilnehmer bildet (wie in der Tabelle), erhält man natürlich einen anderen Wert, als wenn man den Mittelwert nach 6 Stunden bestimmt (wie in der Grafik).
In der Studie wird dann noch eine interessante statistische Analyse durchgeführt. Und zwar werden die Werte für Cmax1, AUC0-12 und AUC0 - tlast daraufhin verglichen, ob sie proportional zur eingenommenen Menge sind. Es wird also analysiert, ob eine Verdopplung der Andriol-Dosis auch zu einer Verdopplung des Testosteronspiegels führt.
Ergebnis war, dass sich die statistische Signifikanz hinsichtlich Proportionalität für die Basis-korrigierten Testosteronwerte ("Baseline-corrected testosterone") bei allen drei Parametern zeigen lässt. Zu Deutsch heißt das, dass bei einer Verdoppelung der eingenommenen Andriol-Menge auch doppelt so viel Testosteron im Blutkreislauf ankommt.
So viel zu den Ergebnissen, die man der Studie direkt entnehmen kann. Ich werde nun noch ein paar eigene Schlussfolgerungen ziehen.
Bei den beiden Parametern AUC0-12 und AUC0 - tlast mag sich mancher fragen, ob diese ziemlich theoretischen Größen auch irgendeinen praktischen Nutzen haben. Den haben sie in der Tat - denn mit Hilfe der Größe AUC kann die Wirkung von Andriol auf den Testosteronspiegel z.B. mit der von Testosteron Enantat verglichen werden.
Die "Area under the Curve" (also die Fläche unter der Kurve) drückt hier aus, in welchem Umfang Andriol den Testosteronspiegel über den Zeitraum der Messungen zu erhöhen vermag. Nimmt man z.B. den Basis-korrigierten Wert in der "2 mal 80 mg"-Gruppe, so ergeben sich 65,4 ng/ml*h. Da die Erhöhung des Testosteronspiegels proportional zur Dosis ist, kann man daraus einfach die AUC von einer Kapsel Andriol berechnen - 2 mal 80 mg sind 4 Kapseln, daher erhält man die AUC von einer Kapsel Andriol, wenn man 65,4 durch 4 dividiert. Die AUC einer Kapsel beträgt demnach 16,4 ng/ml*h.
Vergleichen wir dies nun mit der Wirkung von Testosteron Enantat. Die folgende Grafik stellt den Testosteronspiegel bei einem Schema mit 250 mg Testosteron Enantat/Woche dar. Berechnet wurde sie mit fornit's Roidrechner.

Der Testosteronspiegel schwankt hier zwischen 12,4 und 19,86 ng/ml. Im Mittel ergeben sich also etwa 16,2 ng/ml. Da der Blutspiegel bei injizierbarem Testosteron mit langem Ester (also z.B. bei Testosteron Enantat) über den Tag als konstant angenommen werden kann, errechnet man daraus leicht die AUC über 24 Stunden: 16,2 ng/ml * 24 h = 387,6 ng/ml * h
Wenn man nun wissen möchte, wieviele Kapseln Andriol man über 24 Stunden bzw. pro Tag nehmen müsste, um den gleichen Effekt auf den Testosteronspiegel zu erreichen, muss man nur noch die AUC von Testosteron Enantat über 24 Stunden durch die von einer Kapsel Andriol teilen:
387,6 / 16,4 = 23,7 Kapseln
Auf Deutsch heißt das dann also, dass man ca. 24 Kapseln Andriol/Tag nehmen muss, um den gleichen Effekt wie bei 250 mg Testosteron Enantat/Woche zu erreichen.
Das lässt sich dann auch als Bioverfügbarkeit in % ausdrücken. Mit 40 mg/Kapsel müsste man pro Woche insgesamt 23,7 * 40 mg * 7 = 6.637,8 mg orales Testosteron Undecanoat zuführen, um die Wirkung von 250 mg Testosteron Enantat zu erzieln. Und das heißt dann, dass im Vergleich zu Testosteron Enantat die Bioverfügbarkeit von Andriol 250 mg/6.637,8 mg = 3,8 % beträgt.
Fassen wir wieder die Key-Facts aus dieser Studie zusammen:
- Der Testosteronspiegel erreicht sein Maximum ca. 6 Stunden nach der Einnahme von Andriol. Es braucht dann etwa die gleiche Zeit, bis der Spiegel wieder zu seinem Ausgangsniveau zurückgekehrt ist.
- Die Einnahme von zwei Kapseln Andriol (80 mg) führt im Maximum zu einer Erhöhung des Testosteronspiegels um ca. 7,45 ng/ml. Das Maximum ist aber nur eine Art kurzzeitiger Peak.
- Andriol-Dosis und Erhöhung des Testosteronspiegels sind proportional zueinander. Eine Verdoppelung der Dosis führt also auch zu einer Verdoppelung der Erhöhung des Blutspiegels.
- Über die rechnerische Göße AUC (Area under the Curve) kann Andriol z.B. mit Testosteron Enantat verglichen werden - und schneidet dabei extrem schlecht ab. Um mit Andriol die gleiche Wirkung wie bei einem Injektionsschema mit 250 mg Testosteron Enantat/Woche zu erreichen, wären 23 - 24 Kapseln Andriol/Tag nötig !
- Schlecht sieht es auch aus, wenn man die Bioverfügbarkeit von Andriol mit der von Testosteron Enantat vergleicht - magere 3,8 %.
Indivuelle Unterschiede bei der Bioverfügbarkeit
Wenn man nach dem geht, was in den bisher betrachteten Studien über Andriol zu lesen war, dann scheint es zwar keine gute Bioverfügbarkeit zu haben, aber dennoch verlässlich zu wirken. Zumindest dann, wenn man es ausreichend hoch dosiert. Das legt insbesondere die Studie mit den 45 Frauen nahe, denn dort wurde ja gezeigt, dass Andriol-Dosis und Wirkung auf den Testosteronspiegel zueinander proportional sind.Ich möchte daher die Ergebnisse einer weiteren Studie vorstellen, in der auf die individuellen Unterschiede bei der Bioverfügbarkeit von Andriol genauer eingegangen wird (Schürmeyer et al., 19834). Das Design der Studie kann man wie folgt skizzieren:
- An der Studie nahmen insgesamt 20 Männer teil, davon 12 gesunde und 8 hypogonadale.
- Die Männer erhielten morgens zum Frühstück jeweils 3 Kapseln Andriol, also 120 mg.
- Kurz vor dem Frühstück (also kurz vor der Andriol-Einnahme) und dann 8 Stunden lang im Abstand von jeweils einer Stunde wurden Blutproben entnommen.
| Normale Männer | Hypogonadale Männer | |
| Basal | 5,51 ng/ml | 2,28 ng/ml |
| Maximum | 14,19 ng/ml | 12,06 ng/ml |
| Differenz | 8,68 ng/ml | 9,78 ng/ml |
Mit "Basal" ist hier die Messung vor dem Frühstück gemeint, also der Basiswert. Die Erhöhung des Testosteronspiegels durch Andriol betrug hier 8,68 ng/ml bzw. 9,78 ng/ml. Sie fällt damit etwas deutlicher aus als bei der letzten Studie (da waren es bei 80 mg ca. 7,45 ng/ml), aber hier kamen ja auch 3 Kapseln Andriol und damit 120 mg zur Anwendung. Die Werte liegen also in einem Bereich, der zu dem passt, was man schon in den anderen Studien herausgefunden hatte.
Aber werfen wir nun einen Blick auf die individuellen Unterschiede nach der Einnahme von Andriol. Wie in der Tabelle angegeben, lag das Maximum im Mittel bei 14,19 (normal) bzw. 12,06 ng/ml (hypogonadal). Die Spanne der einzelnen Maximumwerte war jedoch sehr groß, sie reichte nämlich von 4,9 ng/ml bis zu 27,69 ng/ml ! Also in etwa der Faktor 5,5.
Und große Unterschiede gab es auch beim Verlauf des Testosteron-Blutspiegels. Die folgenden Grafiken zeigen diesen beispielhaft für 4 Teilnehmer aus der Gruppe der normalen Männer.

Zu sehen sind hier zwei Kurven, die die Testosteronkonzentration im Speichel und im Blut dartstellen. Interessant ist hier die Kurve mit den schwarzen Punkten, die sich auf den Blutspiegel bezieht. Auf der horzontalen Achse ist die Zeit in Stunden, beginnend mit der Einnahme (basal) angegeben. Die Achse rechts zeigt die Testosteron-Blutkonzentration in nmol/l.
In diesem Beispiel wirken die 120 mg Testosteron Undecanoat (Andriol) schnell und deutlich. Das Maximum wird schon nach 2 Stunden erreicht und liegt bei ca. 94 nmol/l (27,1 ng/ml).

Im zweiten Beispiel tut sich zunächst 4 Stunden lang so gut wie nichts. Dann geht der Blutspiegel innerhalb von einer Stunde rauf auf ein Maximum von ca. 56 nmol/l (16,2 ng/ml).

Das dritte Beispiel zeigt eine Kurve mit einem etwas gleichmäßigeren Verlauf. Das Maximum wird 3 Stunden nach der Andriol-Einnahme erreicht und liegt dann bei ca. 67 nmol/l (19,4 ng/ml).

Im vierten Beispiel will das Andriol nicht so recht anschlagen. Erst nach 5 Stunden beginnt der Blutspiegel lansam anzusteigen. Das Maximum wird erst nach 8 Stunden erreicht und liegt bei ca. 33 nmol/l (9,5 ng/ml).
Fazit aus dieser Studie:
- Wenn man nur die Mittelwerte einer größeren Gruppe von Teilnehmern betrachtet, dann kommen die verschiedenen Andriol-Studien zu ähnlichen Ergebnissen.
- Betrachtet man die indivduellen Unterschiede, dann muss man eigentlich sagen, dass die Wirkung von Andriol völlig unberechenbar ist.
- Bei manchen Probanden steigt der Testosteronwert durch Andriol sehr deutlich in den supraphysiologischen Bereich, bei anderen wirkt Andriol dagegen kaum. Hier reichte die Spanne von 4,9 ng/ml bis zu 27,69 ng/ml.
- Auch die Zeit bis zum Erreichen des Maximums ist individuell sehr unterschiedlich - manchmal sind es nur 2 Stunden, manchmal 8.
Einfluss durch Einnahme mit den Mahlzeiten
Wenn man z.B. in die Fachinformation zu Andriol (mit Stand vom September 1999) schaut, dann findet sich dort unter "Art und Dauer der Anwendung" der Hinweis, dass Andriol Kapseln nach dem Essen unzerkaut geschluckt werden sollen. Dass die Einnahme von Andriol mit den Mahlzeiten zu einer Verbesserung der Bioverfügbarkeit führt, ist also schon länger bekannt.Wie groß dieser Effekt bei Andriol aber wirklich ist, wurde erst im Jahr 2003 systematisch untersucht (Bagchus et al., 20035). Ich habe mir auch diese Andriol-Studie angeschaut und will Design und Ergebnisse hier kurz zusammenfassen.
- An der Studie nahmen 16 Frauen teil.
- Im Abstand von einer Woche wurden zwei Untersuchungen durchgeführt
- Die Frauen erhielten einmal 80 mg Andriol (also zwei Kapseln) kurz nach dem Frühstück.
- Beim anderen Mal gab es 80 mg Andriol ohne Frühstück und die Frauen durften auch in den folgenden 4 Stunden nichts essen.
- Blutproben wurden vor der Andriol-Einnahme am Morgen und danach 16 Stunden lang jeweils einmal pro Stunde entnommen. Anschließend dann noch einmal 18, 20 und 24 Stunden nach der Einnahme.

Auf der vertikalen Achse ist der Testosteronspiegel in ng/ml angegeben, während auf der horzontalen Achse die Zeit in Stunden zu sehen ist - sie beginnt bei 0 (mit dem Zeitpunkt der Einnahme) und endet bei 24 (dem Zeitpunkt der letzten Messung). Die Kurve mit den kleinen schwarzen Dreiecken zeigt (gemittelt) die Ergebnisse von Andriol mit Frühstück, die Kurve mit den schwarzen Punkten dagegen die Messergebnisse ohne Frühstück.
Man erkennt auf Anhieb, dass der Testosteronspiegel bei der Einnahme von Andriol mit Frühstück sehr deutlich nach oben ausschlägt. Nach 5 Stunden wird ein Maximum von ca. 8 ng/ml erreicht, danach sinkt der Blutspiegel kontinuierlich wieder ab.
Ganz anders dagegen Andriol ohne Frühstück. Hier "dümpelt" der Testosteronspiegel vor sich hin, ein Anstieg ist kaum erkennbar. Das illustriert auch die tabellarische Zusammenfassung der Ergebnisse:

Cmax ist die maximale Testosteron-Blutkonzentration nach der Andriol-Einnahme (als Mittelwert über alle Telnehmer). Tmax ist die mittlere Dauer bis zum Erreichen des Maximums und AUC die Fläche unter der Kurve im Messzeitraum. "Fasting" bezieht sich auf die Ergebnisse ohne Frühstück, "Fed" auf die mit Frühstück.
Die Einnahme von 80 mg Andriol mit dem Frühstück führt hier also zu einem Maximum von 10,7 ng/ml, ohne Früstück werden mit Andriol dagegen nur 0,669 ng/ml erreicht.
Als Fazit aus dieser Studie muss man also feststellen, dass Andriol ohne Essen praktisch überhaupt nichts bringt. Es muss zusammen mit den Mahlzeiten eingenommen werden um einen nennenswerten Einfluss auf den Testosteronspiegel haben zu können.
Nebenwirkungen von Andriol
Die orale Verabreichung von Andriol könnte einige Nebenwirkungen verursachen, die man bei injizierbarem Testosteron nicht findet.- So hat die Leber bei oraler Verabreichung sicher etwas mehr Arbeit, denn von den 80 - 240 mg Testosteron Undecanoat, die pro Tag bei einer Substitution (oder Supplementierung) mit Andriol zugeführt werden, muss sie ca. 50 - 150 mg metabolisieren. Wenn der Körper selbst Testosteron produziert, hat es die Leber dagegen nur mit 5 - 9 mg pro Tag zu tun. Das könnte sich mit der Zeit auf die Leberwerte auswirken.
- Zudem entstehen bei der Verabreichung von Andriol vergleichsweise hohe Blutspiegel an DHT und Östradiol. D.h., dass der Testosteronspiegel zwar im unteren Referenzbereich oder sogar größtenteils darunter liegt, während DHT und Östradiol aber leicht supraphysiologisch sind (und damit oberhalb des Referenzbereiches). Die Kombination aus DHT und Östradiol trägt wahrscheinlich zur Entstehung einer benignen Prostatahyperplasie (also einer gutartigen Prostatavergrößerung) bei. Zumindest gibt es Studien, die zu diesem Schluss gekommen sind (z.B. Wilson, 1980). Bei erhöhtem Östradiolspiegel besteht außerdem das potentielle Risiko einer Gynäkomastie.
Bei dieser Studie erhielten die Männer je nach Grad des Hypogondismus 80 - 200 mg Andriol/Tag. Anfangs wurden sie in Intervallen von 3 Monaten untersucht, später nur noch alle 12 Monate. Bei jeder Untersuchung wurde den Probanden natürlich auch Blut abgenommen. Die Blutabnahme erfolgte immer 7 - 9 Stunden nach der morgendlichen Andriol-Einnahme (und 3 - 4 Stunden vor der nächsten Einnahme).
In den folgenden Tabellen sind die Ergebnisse der Blutmessungen wiedergegeben.

Die erste Tabelle zeigt die gemessenen Parameter, den jeweiligen Referenzbereich und die gemittelten Werte der Studienteilnehmer über die ersten 4 Jahre. Bei den ersten 10 Parametern (also von "Bilirubin" bis "Acid Phosphatase") handelt es sich um Werte, die die Leber betreffen. Interessant sind hier vor allen γ-Glutamyltransferase (GGT), SGOT (GOT) und SGPT (GPT). Dann folgen noch Testosteron, DHT, Östradiol und das Verhältnis aus Testosteron zu DHT.
Zum Schluß ist noch der Harnfluss in ml/Sekunde aufgeführt. Der wurde aber nicht bei allen Teilnehmern gemessen, sondern nur bei den 8, die zu Beginn der Studie 50 Jahre oder älter waren. Der Harnfluss ist deshalb interessant, weil er mit einer Prostatavergrößerung abnehmen würde.

Hier die gleiche Darstellung für die nächsten 4 Jahre.

Und schließlich die Werte für die letzten beiden Jahre der Langzeitstudie.
Wenn man diese Werte eine Weile auf sich wirken lässt, dann erkennt man das, was auch die statistischen Analysen ergeben haben - sie schwanken manchmal etwas, sind aber vom Trend her konstant. GGT pendelt zwischen 15 und 18 U/L, GOT zwischen 8 und 10 U/L und GPT zwischen 9 und 10 U/L.
Testosteron liegt zwischen 5,4 und 6,7 nmol/l, was 1,6 bis 1,9 ng/ml entspricht, und ist damit unterhalb des Referenzbereichs. Das hängt wohl damit zusammen, dass die Messungen stets einige Stunden nach dem Testosteron-Maximum durch Andriol vorgenommen wurden.
DHT und Östradiol liegen dagegen stets etwas oberhalb des Referenzbereichs. Auf den Harnfluss hat das jedoch keine Auswirkungen gehabt - lediglich bei 2 Männern wurde eine leichte Verminderung festgestellt, die aber einfach aus dem Alter resultiert.
Eine Gynäkomastie durch Andriol ist bei keinem der Telnehmer aufgetreten.
Als Fazit aus dieser Studie folgt wohl vor allem, dass man sich im Zusammenhang mit Andriol keine Gedanken um seine Leber machen muss. Etwas unschön ist dagegen die Tendenz von Andriol, die Werte für DHT und Östradiol im Vergleich zu Testosteron überproportional zu erhöhen. Bei den geringen Dosen, die hier zur Anwendung gekommen sind, ist das offensichtlich bedeutungslos. Anders könnte dies aber schon aussehen, wenn man Andriol so dosieren würde, dass man auf einen Testosteron-Spiegel zielt, der durchgehend im supraphysiologischen Bereich liegt. Studien gibt es dazu aber leider nicht.
Fazit zu Andriol
Betrachten wir noch einmal kurz die Andriol-Key-Facts aus den angeführten Studien:- Dass Andriol prinzipiell wirkt, kann man als erwiesen ansehen. Zumindest, wenn es um eine Testosteron-Substitution bei hypogonadalen Männern geht.
- Die Bioverfügbarkeit von Andriol liegt im Vergleich zu injizierbarem Testosteron bei miserablen 3,8 %. Um mit Andriol die gleiche Wirkung auf den Testosteron-Spiegel wie mit 250 mg Testosteron-Enantat/Woche zu erreichen, müsste man theoretisch 24 Kapseln Andriol/Tag schlucken. Man beachte aber, dass das nur Mittelwerte sind !
- Die tatsächliche Bioverfügbarkeit von Andriol schwankt individuell sehr stark. Nach Gabe von 120 mg Andriol reichten die individuellen Maximalwerte von 4,9 ng/ml bis zu 27,69 ng/ml. Die individuelle Wirkung von Andriol auf den Testosteron-Blutspiegel ist also praktisch unberechenbar. Aus diesem Grund ist es auch nicht empfehlenswert es mit einer höheren Dosis zu probieren.
- Andriol ist ein teures Produkt. Wenn man wieder von der theoretischen Rechnung mit den 24 Kapseln Andriol/Tag ausgeht und einen Schwarzmarktpreis von 50 Cent/Kapsel annimmt, dann würden sich pro Woche 24 * 7 * 50 Cent = 84 EUR ergeben. Eine Ampulle Testosteron Enantat ist dagegen um die 5 EUR zu haben.
- Damit ergibt sich im Bodybuilding nur ein sehr eingeschränkter Nutzen von Andriol. Es ist eventuell denkbar, dass man es zum Erhalt eines physiologischen Testosteronspiegels während einer Kur mit einem anderen anabolen Steroid einsetzt. Zum Aufbau ist Andriol aber kaum zu gebrauchen.
Referenzen
1 Johnsen SO, Kampmann JP, Bennet EP, Schonau Jorgensen F.; Enzyme induction by oral testosterone. Clin Pharmacol Ther 1976;20:233-236.2 Houwing NS, Maris F, Schnabel PG; Pharmacokinetic study in women of three different doses of a new formulation of oral testosterone undecanoate, Andriol Testocaps. Pharmacotherapy (United States), Oct 2003, 23(10) p1257-65
3 Skakkebaek NE, Bancroft J, Davidson DW, Warner P.; Androgen replacement with oral testosterone undecanoate in hypogonadal men: a double blind controlled study. Clin Endocrinol (OxJ) 1981; 14:49-61.
4 Schurmeyer Th, Wickings El, Freischem CW, Nieschlag E.; Saliva and serum testosterone following oral testosterone undecanoate in normal and hypogonadal men. Acta Endocrinol(Copenh) 1983; 102:456-462.
5 Bagchus WM, Hust R, Maris F; Important effect of food on the bioavailability of oral testosterone undecanoate. Pharmacotherapy (United States), Mar 2003, 23(3) p319-25
6 Gooren LJ; A ten-year safety study of the oral androgen testosterone undecanoate. J Androl (United States), May-Jun 1994, 15(3) p212-5