… und wie man sie widerlegen kann
Wir brauchen ganz verschiedene Menschen, damit die Welt sich dreht. Verdient ein leidenschaftlicher und fähiger Musiker weniger Bewunderung als ein Mr. Olympia, weil man ihm seine Passion im Schwimmbad nicht ansieht? Müssen wir den lebenslustigen Nachbarn mitleidig belächeln, weil er sich zufrieden mit einem "Warum ein Sixpack, wenn man auch ein Fass haben kann?" den dicken Bauch streichelt? Dürfen wir jeden als Weichei abstempeln, der nicht masochistisch genug ist, um sich die Schläge der schwarzmaskierten Domina namens Deadlift, Hypertrophy-Specific Training und Anaboles-Lowcarb-Intermittent-Fasting gefallen zu lassen?Die Antwort lautet sicher: nein. Leben und leben lassen. Anderen Menschen ungebeten auf Gedeih und Verderben die eigene Meinung aufzwängen zu wollen stellt quasi den Mundgeruch des Sozialverhaltens dar: Es katapultiert mit großer Wahrscheinlichkeit ins gesellschaftliche Abseits. Aus diesem Grunde habe ich nie besondere Ambitionen in diese Richtung verfolgt. Was mich allerdings persönlich immer wieder verärgert ist die doch nennenswert große Masse an Menschen, die es ja eigentlich wollten – aber aus stets gleichen fadenscheinigen Gründen an der Schlechtigkeit des Lebens scheitern. Scheinbar hat jeder das schwerere Los gezogen als wir. Da ich an so viel Ungerechtigkeit nicht glauben möchte, folgt hier der Versuch einer kritischen Auseinandersetzung mit den beliebtesten Rechtfertigungen des unfreiwilligen (?) Nicht-Sportlers.
# 1: "Ich habe keine Zeit für regelmäßiges Training."
Der Klassiker, Evergreen und Dauerbrenner unter den Ausreden und daher ohne Zweifel an vorderster Front der Aufzählung zu nennen! Dass unsere Gesellschaft chronisch und unheilbar an zunehmendem Stress und Termindruck erkrankt ist, mag niemand abstreiten. Die schwedische Gardine vor den Zeitfenstern des Alltags bietet immer ein simples Alibi. Aber wird der unbändige Drang nach körperlicher Ertüchtigung so vieler Menschen tatsächlich nur durch die Mühlen der Arbeitswelt gestoppt? Führen tatsächlich so viele Menschen ein Leben, in dem nicht einmal Luft bleibt für eine lächerliche Stunde an drei Tagen in der Woche?Zugegeben: Sollte ich mein eigenes Stresslevel auf einer Skala von 1 bis 10 einordnen, nach deren Eichung die 10 dem eines alleinerziehenden Berufspendlers entspricht, der neben der Leitung eines international operierenden Großkonzerns mehrere Ehrenämter bekleidet, und die 1 dem eines jogginghosentragenden, 25-jährigen Frührentners – ich würde es tendenziell in unmittelbarer Nähe des Letztgenannten ansiedeln. Als Studentin genieße ich das Privileg eines eher sporadisch gefüllten Terminkalenders, daher kann ich an dieser Stelle weniger aus Erfahrung sprechen. Hier dennoch ein paar theoretische Überlegungen: dass der Mensch die Hälfte seines Lebens schlafend und weitere drei Jahre auf der Toilette verbringt, muss wohl als lästige, aber unvermeidbare Tatsache angesehen werden.
Allerdings meine ich mich an eine Statistik zu erinnern, nach der der durchschnittliche Deutsche täglich vier Stunden (!) vor dem Fernseher verbringt. Gleichzeitig haben aber überdurchschnittlich viele Deutsche keine Zeit für regelmäßigen Sport … wer findet den Fehler im Bild?
Es ist mir schon bewusst, dass vielen Menschen wirklich durch ihre beruflichen und privaten Verpflichtungen ständig Knüppel zwischen die Beine geworfen werden. Ich bin mir auch darüber im Klaren, dass viele Berufe unregelmäßige und schlecht planbare Arbeitszeiten mit sich bringen. Ich bin mir darüber im Klaren, dass sich Geschäftsreisen nicht gerade förderlich auf kontinuierliches Training auswirken. Ich bin mir darüber im Klaren, dass der ein oder andere auch heutzutage noch auf dem Lande zu Hause und/oder nicht motorisiert ist. Und dass man ein Kleinkind nicht während des Workouts im Spind der Umkleidekabine verwahren kann ("Problem solved!"). preview
Aber gibt es da draußen tatsächlich so unfassbare viele Menschen, die ein derart fremdbestimmtes und von Selbstaufgabe geprägtes Leben führen, dass sie die genannten drei kleinen Stündchen wirklich niemals aufbringen können? Ich wage zu behaupten, dass in der Realität die wenigsten einen solchen Lebenswandel lange schadlos überstehen würden. Aber vielleicht mangelt es auch nur mir persönlich völlig an Belastbarkeit, während all diese Leute unkaputtbare Übermenschen sind. Außerdem werfen ja so und so meistens diejenigen mit dem Stress-Argument um sich, denen es ganz bestimmt nicht zusteht!
Ich habe es schon von Schülern, Minijobbern und Mitstudenten zu hören bekommen. Zeit und Zeit sind scheinbar nicht dasselbe – aber diese physikalische Größe gehört ja auch noch zu den rätselhaftesten wissenschaftlichen Gebieten. Der ein oder andere sollte vielleicht einmal ernsthaft hinterfragen, ob sein subjektiv empfundener Termindruck auch der Objektivität, dem elenden Spielverderber, standhält. Hierzu: einfach mal einen Tag lang aufschreiben, was man so alles getan hat. "Morgens zur Arbeit gefahren und abends ins Bett gegangen" ist nicht detailiert genug. Es geht um wirklich jede sinnhafte oder auch sinnfreie Handlung und im besonderen Maße um alles, was keinerlei Produktivität dienlich ist. Die ausgedehnte Mahlzeit. Der Umweg zum Bäcker, um bei einer guten Tageszeitung einen guten Pott Kaffee zu schlürfen. Der überflüssige Milch-und-Brot-Einkauf, weil man beim Wocheneinkauf tags zuvor doch den Zettel vergessen hatte. Der Plausch mit der Nachbarin im Treppenflur. Das ungewollte Versacken in Chatrooms, sozialen Netzwerken oder Videoportalen. Das Verfassen von 40 bis 50 SMS mit bedeutungsschweren Inhalten wie "na, gut geschlafen? was machst grad schönes?" (und mit Hinblick auf die Gewohnheiten der Menschen meines Umfeldes sind die 40 bis 50 vielleicht noch zu tief angesetzt).
Versteht mich nicht falsch: Es geht mir nicht darum, zu einer Lossagung von allen Genüssen des Lebens und zur Kappung sämtlicher sozialer Kontakte aufzurufen, um Zeiträume für den Fitnessstudiobesuch freizuschaufeln. Aber die kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Alltag wird in den meisten Fällen die "tote Masse" aufdecken und beweisen, dass man eben doch nicht so permanent unter Strom steht wie man es angenommen hatte. Selbst in längst vergangenen Jahrhunderten, in denen unsere Vorfahren noch ihre Kleidung selber nähen, ihr Getreide selbst anbauen und ihr Vieh selber großziehen und schlachten mussten, als es noch keine Urlaubsregelungen und Arbeitsschutzgesetze gab, hat man Wirtshäuser und kulturelle Veranstaltungen aufgesucht.
Der Mensch sorgt instinktiv für seine Auszeiten; der Rest ist nur noch eine Frage der Einstellung. Wer Sport als zusätzliche Belastung nach Feierabend empfindet, der wird nie um Ausreden verlegen sein. Demjenigen, der erst dann die Muße zum Training erlangt, wenn er mindestens zwei Stunden "abschalten" konnte, dem glaube ich dann auch gern, dass wirklich keine Zeit mehr bleibt. Der Unterschied zwischen all den Karteileichen im Studio und denen, die trotz 40-Stunden-Woche immer am Eisen anzutreffen sind, ist vielleicht einfach der, das Letztere nicht mehr brauchen als den Sport.
Mir ist ein älterer Flex-Artikel im Gedächtnis geblieben, in dem eine Profi-Bodybuilderin (Name ist mir leider nicht mehr präsent) portraitiert wurde. Sie war vollberufstätig und mehrfache Mutter; ihr Training verlegte sie entsprechend auf die frühen Morgenstunden zwischen 3.00 und 4.00Uhr. Für jedes Problem gibt es eine Lösung. Im Falle des Zeitproblems lautet sie fast immer: Selbstorganisation.
# 2: "Ich habe nicht genug Geld, um mich ordentlich zu ernähren."
Hier kann ich als Studentin und Lebenskünstlerin mal aus den Vollen meines Erfahrungsschatzes schöpfen! Zugegeben: Kraftsport und Bodybuilding sind nicht gerade die billigsten Hobbys. Ein guter Freund von mir besitzt einen Hamster. Das Tier ist in der Zoohandlung für ein paar Euros zu haben, die Packung Trockenfutter für 2 Euro wird es angesichts seines überschaubaren Appetits und einer gleichzeitigen Lebenserwartung von ein bis zwei Jahren wohl vor seinem Ableben nicht mehr bewältigen. Aber ansonsten: eine aktive und gesunde Lebensweise ist nichts Elitäres!In Zeiten von Fitness- und Lebensmitteldiscountern schon mal gar nicht. Mal ehrlich, es ist doch nichts so günstig wie sportgerechte Lebensmittel: das halbe Kilo Magerquark für 60ct, die Packung Haferflocken für 35ct, die Dose Thunfisch mit 30g feinstem Eiweiß für 70ct. Nicht zu vergessen die Obst- und Gemüserationen, die man beim saisonorientierten (und gleichzeitig umweltschonenden) Einkauf hinterher geschmissen bekommt. Wenn es denn nicht immer das Filetstück des japanischen Wagyu-Rindes sein muss oder eine Supplement-Vollausstattung, dann zieht das Kostenargument überhaupt nicht.
Wem die absoluten Zahlen nicht reichen, der sollte sich einmal die Preisrelationen vor Augen halten: Da ist für das 5er-Pack Schokoriegel beinahe die gleiche Summe zu entrichten wie für ein halbes Kilo Pute. Sollte ein Haufen Fett und Zucker tatsächlich den gleichen Wert besitzen wie ein Stück Fleisch, für das ein Tier aufgezogen, geschlachtet und ausgenommen werden musste? Manchem Kommilitonen mag das Steak für 1,75 Euro in der Mensa zu teuer erscheinen, aber ist es das auch im Vergleich zum Coffee to Go oder zu der Tafel Rittersport, die sich als Nachtisch aus dem Automaten gezogen wurde? Und wird nicht ein bisschen finanzielle Kapazität für Essen frei, in das sich doch der ein oder andere Nährstoff verirrt hat, wenn der tägliche Flüssigkeitsbedarf nicht mit Softdrinks gedeckt wird? Die Raucher, Partysüchtigen und McDonalds-Großkunden klammer ich an dieser Stelle schon der Einfachheit halber aus! Ich will auch niemandem zu einer völligen Abkehr vom Genussmenschentum bewegen und bin selber kein Freund von unnötiger essensbezogener Selbstkastrierung, die in den meisten Fällen so und so nur zu Frustration und vorprogrammierter Aufgabe führt. Aber wer das eine will muss das andere mögen. Wie immer im Leben geht es eben darum, Prioritäten zu setzen.
# 3: "Ich will ja so und so keine Muskelberge aufbauen."
Besonders bei den weiblichen Anwärtern auf das Sportler-Dasein beliebte Ausrede. Jede(r), wirklich jede(r) scheint die bessere Veranlagung zu haben als ich (und mir wurde schon mehrfach von kompetenter Seite bescheinigt, dass ich über gute Veranlagung verfüge)! Das genetische Potenzial, das in diesem Land schlummert, scheint gigantisch zu sein. Wäre da nur nicht diese Angst vor der Muskelmasse, die ja bekanntlich bei entsprechender Begabung über Nacht geschwulstartig aus allen Körperteilen sprießt. Und natürlich verstehe ich diese Menschen auch ein bisschen: eine so plötzliche, unkontrollierbare Mutation der eigenen Optik hat ja auch was Unheimliches. Da habe ich es doch einfacher, denn bei mir schleicht sich jedes Wachstum so dermaßen langsam an, dass ich bislang noch immer rechtzeitig hätte dagegen steuern können (allerdings habe ich von dieser Option noch nie Gebrauch gemacht und den Fortschritt stets willkommen geheißen). Vielleicht geht das dem ein oder anderen Leser genauso? Was sind wir doch für Glückskinder, dass wir so gefahrlos vor uns hin trainieren können!Die oben stehenden Zeilen mögen überspitzt klingen, aber sie spiegeln tatsächlich das Gedankengut einer breiten Masse der Bevölkerung wieder. Ich schiebe guten Gewissens eine Teilschuld daran den Medien in die Schuhe. Die setzen dem Konsumenten der Quote zuliebe ja so und so nur die Extreme der Extremen vor. Und dann entbehrt die gesamte Berichterstattung auch noch jeglicher Neutralität! Anstatt Bodybuilding als den ästhetischen, gesundheitsfördernden Sport darzustellen, der es ja eigentlich ist, wird das Ganze lieber auf perverse Freakshow getrimmt. Anstatt die ansehnlichen Mädels aus der Figur-Fitness-Klasse zu zeigen, wird lieber eine Jana Linke Sippl vorgeführt, wie man es früher mit entstellten Menschen im Wanderzirkus tat.
Kein Wunder, dass vor allem Frauen in diesem Zusammenhang besonders sensibilisiert sind. Schon mit dem Betreten des Studios wachsen ja die ersten Barthaare. Nach zwei Sätzen Bankdrücken sinkt die Körbchengröße ins Bodenlose. Und auch immer mehr Männer sind von der Panik vor einem "Zuviel" ergriffen. Dass ein Phil Heath nicht durch Buttermilch und besonders viele Fleißbienchen im Bauch-Beine-Po-Kurs zu seiner Optik gekommen ist, mag uns völlig logisch erscheinen, aber der unaufgeklärte Bürger weiß eben nicht, wie hartnäckig sich jeder Körper im realen Leben gegen den Muskelaufbau wehrt. Und wenn all diejenigen ihre Scheu überwinden und das Experiment am eigenen Organismus einfach mal starten würden, dann würden sie sehr schnell die Erkenntnis erlangen, dass auch im Körper eines Men’s Health-Covermodels unendlich viel Arbeit steckt. Dass Erfolg eben nie versehentlich passiert.
# 4: „Ich hab halt nicht den Willen, die Sache durchzuziehen.“
Ganz bestimmt noch die sympathischste da ehrlichste Ausrede. Wenn #1, #2 und #3 ihre Überzeugungskraft verloren haben, folgt schließlich die Schuldsuche an der eigenen Person. #4 ist übrigens eng verwandt mit #5:"Ich ernähr' mich doch nicht wie ein Kaninchen!"Ich behaupte: dieser Sport birgt wie kaum ein anderer gewaltiges Suchtpotenzial! Zu viele Menschen entdecken es aber leider niemals. Wenn man sich mal in seinem Bekanntenkreis umhört, wird man feststellen, dass nahezu jeder schon mal in irgendeiner Form Kontakt mit Fitness, Kraftsport oder Bodybuilding gehabt hat. Warum die wenigstens dem Virus so unrettbar verfallen wie wir, ist stets auf die gleichen Gründe zurückzuführen. Es handelt sich um einen wenig resistenten Erreger, der nur auf ganz speziellem Nährboden gedeiht.
Jeder Mensch ist mit einer mehr oder weniger stark ausgeprägten Ungeduld gestraft, und wenn Anstrengungen nicht belohnt werden, dann wird ihre Sinnhaftigkeit logischerweise immer hinterfragt. Das Codewort zum Durchhaltevermögen lautet: Resultate. Und genau diese können sich eben angesichts vieler Trainingspläne, mit denen man die Anfänger von Reha-Gerät zu Reha-Gerät durchs Studio schlendern sieht, nicht einstellen. Und auch dann nicht, wenn niemand ihnen sagt, dass Sit-ups nicht das Bauchfett schmelzen lassen. Dass die während des Trainings geleerte Flasche Apfelschorle schon mehr Kalorien beinhaltet, als unterm Strich überhaupt verbrannt wurden. Wenn zusammengefasst gesagt einfach kein gescheiter Einstieg ermöglicht wurde.
Und dann gibt es ja auch noch die, die irgendwas in den falschen Hals gekriegt haben und ihren Werdegang sofort mit völliger Überfrachtung starten. Die, die nach zwei Wochen über mehr theoretisches Wissen verfügen als manch ein Trainer, der seit Jahrzehnten im Geschäft ist. Die, die sich täglich mit mehrstündigen Einheiten quälen, gespickt mit allen Intensitätstechniken, die jemals erfunden wurden, und gleichzeitig Ernährungsgewohnheiten an den Tag legen, neben denen sich ein Athlet auf Wettkampf-Diät wie ein verfressenes Schwein vorkommen muss. Sie haben eines mit den eingangs beschriebenen Anfängern gemein: nach wenigen Monaten gehören sie zu jenen beliebten Studio-Kunden, die noch pflichtbewusst ihre Beiträge entrichten, aber nicht mehr unnötig die Geräte besetzen.
Natürlich wird es immer Menschen geben, die über mehr Selbstdisziplin und Härte verfügen als andere. Ganz bestimmt ist der eine innere Schweinehund ein bissiger Pit Bull, der andere ein sanftes Schoßhündchen. Aber ich glaube, dass der Mensch wachsen will und Freude am Erfolg hat, gerade dann, wenn der Weg zu ihm steinig gewesen ist. Manch einer muss vielleicht nur wieder daran erinnert werden. Hier ist eben die richtige Herangehensweise entscheidend, eine Mischung aus der notwendigen Anstrengungsbereitschaft und einer gewissen Lockerheit. Bis man den Willen als Stützrad der Motivation irgendwann abmontieren kann. Bis man mit Rückenwind ins Studio getrieben wird durch Faktoren, die da lauten: Spaß, Leidenschaft und Selbstverwirklichung.