Diesen Artikel eröffne ich mit einem so naheliegenden und daher besonders kritikwürdigem WWW-Kavaliersdelikt: Ich mache mir die räumliche Weite des Internets zu Nutze und gebrauche diese als Beichtstuhl. Denn was ich in der realen Welt getan habe, drückt doch zu arg auf meine Seele, übersteigt zu sehr mein eigenes Urteilsvermögen, als dass ich es weiterhin in meine schlaflosen Nächte mitnehmen möchte.

Bringen wir es hinter uns: Ich habe meine Box gewechselt! Habe sie ausgetauscht wie schmutzige Unterwäsche oder Liebhaber. Nachdem ich in vorherigen Texten so gebetsmühlenartig die Bedeutung der Gemeinschaft im Crossfit betont habe, habe ich meiner eigenen Wahlfamilie einfach so den Rücken zugekehrt, als wäre da nie was gewesen.

Meine Fragestellung lautet nun: Darf man das?

Wie es zu dieser Situation überhaupt kam, das ist eine lange (Leidens-)Geschichte so voller United States of America! Abenteuer ohne Cowboys und Indianer, dafür mit spontanen Mietkündigungen, gekappten Zugänge zu Strom und fließend Wasser und äußerst langfingrigen Mitbewohnern. Am Ende führte mich der steinige Weg von Brooklyn nach Astoria, dem als "New Yorker Hollywood" bekannten Film- und Künstlerviertel im Stadtteil Queens. Hier lässt es sich wahrlich leben! Allein die anderthalb stündige Subway-Distanz zwischen Crossfit Columbiastreet und meiner neuen Bleibe erwies sich als nicht alltagstauglich.

Ja, scheiden tut weh! Auch nach kurzen, dafür aber intensiven Beziehungen. Doch dieses abgefahrene Paralleluniversum New York dreht sich gnadenlos weiter, da muss man einfach immer schnell handeln. Ich bemühte mich also um möglichst nahtlosen Übergang zur nächsten Schmiede meiner angestrebten "Elite Fitness" - ein Entscheidungsprozess, der in seiner Tragweite und emotionalen Intensität den Gesetzesverhandlungen um Tempolimits auf deutschen Autobahnen in nichts nachsteht! Dem geschätzten Leser, der sich vielleicht auch eines Tages mit der gleichen Situation konfrontiert sieht, möchte ich daher nun einen kleinen Leitfaden an die Hand geben, der die erste Annäherung an das unbekannte Wesen Crossfit-Box erleichtern sollte.

4 Punkte, die Du bei der Auswahl Deiner Box beachten solltest

...und eines vorweg: Duschen sind kein Auswahlkriterium! Von dieser Wunschvorstellung kannst Du Dich gleich verabschieden. Es heißt nicht umsonst "Box"!

#1 Check die Trainer!

Auch im Crossfit gilt: Zertifikat schützt vor Torheit nicht! Und nicht überall wo Level-1 draufsteht, steckt auch Level-1-Knowhow drin. In einem Zeitalter, in dem sogar sich sogar das Abitur quasi in der Cornflakes-Packung finden lässt, stellen selbst die hübscheste Urkunden kein Qualitätssiegel mehr da. Aber das kennt man ja schon aus dem traditionellen Fitnessbereich.

Betrachte den Trainerstab lieber in seiner Gesamtheit. Und behalte dabei vor allem Deine eigene Zielstellung im Hinterkopf. Hast Du wirkliche Ambitionen, ein wahrer Vollblut-Crossfiter zu werden? Dann sollte das zumindest einer der Coaches auch sein. Erwarte nicht, dass alle Angestellten der Box bis in die High-Level-Skills austrainiert sind. Aber irgendjemand, der nicht nur aus der Theorie weiß, wie ein L-Seat funktioniert, sollte schon mal auf der Fläche erscheinen.

Siehst Du Crossfit eher als Ergänzung zu Deinem normalen Gym-Training oder als Cardio-Alternative? Dann könnte Dich ein eher breitgefächertes Portfolio ansprechen. Rettungsschwimmer, Lauftechnik-Instructor, Yoga-Lehrer, Selbstverteidigungskünstler, what ever (meinem Geschmack entspricht das übrigens weniger, hat für mich so einen Anstrich von: "Ich will was mit Sport machen und hey!, Crossfit ist doch grade so sexy!"). Einzig ein guter Olympic Lifting-Spezialist sollte wirklich verpflichtend zum Standard-Repertoire des Humankapitals zählen.
    ____________________________________________________________________
    Neben Werdegang und Expertise zählt aber vor allem eins: wahre Begeisterung und Motivation! Denk dran, Du bist ein ausgesprochen gut zahlender Kunde, also kannst Du erwarten, dass man sich wirklich um Dich bemüht.
    ____________________________________________________________________
Der Webauftritt jeder Box gönnt ihren Trainern feurige Sätze à la: "Er/Sie liebt es, Menschen beim Erreichen ihrer individuellen Fitness-Ziele mit Rat und Tat zur Seite zu stehen!", und ähnliches. In der Realität ist dann das Smartphone, so mitten in der Class, häufig doch interessanter als die Mutti, die sich grade beim Power Clean die Bandscheibe zerkracht. Du hast Besseres verdient!

Auch nicht unwichtig: die personelle Quantität. Ein ambitionierter Stundenplan mit WODs von morgens bis Mitternacht, in Kombination mit einer geizig dünnen Personaldecke kann nur zu Demotivation und den oben genannten Unsitten führen. Achte auf Angemessenheit.

#2 Die Ausstattung

Sieh genauer hin! Halbherzig und unvollständig zusammengewürfeltes Equipment ist ein böses Zeichen. Ruft in mir jedenfalls schnell den Verdacht hervor, da wäre jemand nur mal fix dem Ruf der Zeit gefolgt und hätte seine "Affiliate" ins Leben gerufen, um ein paar potenzielle Karteileichen mit dem rote Dreieck anzulocken. Crossfit ist vielfältig, und das sollte auch das Rüstzeug Deiner Box widerspiegeln.

Gibt es auch Schlitten, Sandsäcke, Traktorreifen, Hämmer, ein von der Decke hängendes Seil für Rope Climbs? Ist alles ordentlich sortiert und beschriftet, kannst Du die Langhantelstangen auf einen Blick auseinanderhalten, oder gleicht die Speed Rope-Sammlung diesen "Welcher der Fäden A, B oder C führt die Maus zur Mausefalle?"-Rätseln aus Kinderzeitschriften? Gibt es guten Mobility-Stoff (auch wenn Du bislang glaubtest, diesen nicht zu brauchen – im Crossfit gehört er einfach dazu)?
    ____________________________________________________________________
    "Es kommt nicht auf die Größe an." Im Zusammenhang mit Boxen gilt diese Regel nur bedingt.
    ____________________________________________________________________
Kleine Boxen werden schnell nervig. Gewichthebern, die tendenziell nach vorne oder hinten abwerfen könnten, und Springseilen, die bei Hautkontakt nicht angenehmer sind als Siebenschwänzige Katzen, sollte man aus dem Weg gehen können. Und dabei vielleicht sogar noch die Chance haben auf ein Lauf-ABC oder Kurzsprints, ohne dass er Spaß nach fünf Schritten vorbei ist.

#3 Der Schedule

Im Regelfall werden einige Classes am Vormittag und weitere am späten Nachmittag und Abend angeboten. Schau einfach, wie die Zeitplanung der Box sich in Deinen Alltag fügt. In meiner alten Box beispielsweise kollidierten meine Büro- und die Trainingszeiten derart ungünstig, dass am Ende noch genau eine Veranstaltung für mich in Frage kam – und diese auch nur unter Inkaufnahme einer 30-Minütigen-Wartezeit (der übrigens zu Großteilen diese brillante Artikelserie zu verdanken ist).

Bedenke: Du musst Dich von dem wohl größten Vorteil des Gymtrainings, der terminlichen Unabhängigkeit, trennen. Halte den Abschiedsschmerz so gering wie möglich. Zum Beispiel, indem Du nach Open Floors Ausschau hältst. Je mehr desto besser, denn hier kannst Du nicht nur an Deinen Schwächen arbeiten, sondern auch nachholen, was Du wegen Omas Geburtstag versäumt hast. Das gibt Dir Deine alten Freiheiten, zumindest ein Stück weit, wieder zurück.

#4 Was gibt es da noch so?

Ob ein bequem zu handhabendes, idealerweise per App abgewickeltes Buchungssystem, Workshops und sonstige Spezialevents, Wasser umsonst oder auch einfach ein gutes Soundsystem: Schau, was man Dir sonst noch bietet!

Und zu guter Letzt: Wie wohl fühlst Du dich? Eine Box voller Weltklasse-Competitor mag für den einen genau das Richtige sein und dem anderen die Luft zum Atmen abschnüren. Rieche mal an der Atmosphäre. Vertraue Deiner Intuition, Du lässt Dich auf eine lange Partnerschaft ein!

Bei mir wurde es dann am Ende übrigens Crossfit Queens. Und alles bleibt besser!

New York City Crossfit Blog


Apropos New York …

Es ist wieder Fashion Week! Als wäre die Stadt nicht ohnehin schon allzu voll mit dieser Art von Menschen, die einem die eigene Bedeutungslosigkeit zu schmerzlich vor Augen führen, säumen jetzt auch noch Armeen von Supermodellen meine täglichen Gänge. Diese schier endlos langen Rehbeinchen und die immer leicht kränklich wirkenden, aber so vollkommenden Babyfaces können einem schon die Zornesröte ins Gesicht treiben vor lauter Neid.

Aber grade habe ich dieses Promotion-Video der konkurrierenden Crossfit-Box hier in Astoria entdeckt, ein Clip von und für Frauen, die sich dem Sports of Fitness verschrieben haben. Und da blieb ein Satz so ganz besonders hängen bei mir und steht nun parat, wann immer ich mal wieder meiner Neigung zum unkritischen Heroisieren anderer Mädchen zum Opfer falle: "One time you look at other girls and think: 'She is so pretty! I hate her!' An now it’s like: 'This bitch is got nothing about my Overhead Squat!'"

Recht hat die Gute!