Der sogenannte Adonis-Komplex wird auch bei Ernährungswissenschaftlern und vor allem Beratertätigkeiten im Sport immer öfter angesprochen. Warum ist das so und was verbirgt sich hinter dem Ausdruck "Adonis-Komplex" (auch Muskeldysmorphie oder Bigorexie)?

… widmen wir uns den Sportlern, welche kontinuierlich ihrer Tätigkeit nachgehen! Wir konzentrieren uns dabei auf alle Sportarten, die Muskelaufbau als leistungslimitierend umfassen. In diesen Bereich fallen zum Beispiel Bodybuilding, Strongman und Gewichtheben – zusammenfassend Kraftsport. Aber nicht nur Kraftsportler messen sich oft an Muskelmasse und Kraftbereitschaft, sondern ebenso Sprinter, Ruderer, Hammerwerfer, Boxer und viele mehr.

Doch ist der Muskel schon lange nicht nur ein Symbol für Stärke und Erscheinungsbild im Leistungssport – auch der Freizeitsportler tut dieses schon sehr lange. Wo ist der Unterschied zu früher und warum wird gleich von einem Komplex gesprochen?!

Was ist der Adonis Komplex?

Viele Menschen haben Störungen in der Wahrnehmung ihres Körpers, denn je nach physischen Problemen, steht neben dem Betroffenen ein mehr oder weniger stark ausgeprägtes Idealbild des eigenen Körpers, welches oft nicht realistisch ist. Idealbilder können jedoch auch eine sportliche Vorbildfunktion beinhalten und somit die Grundlage zur möglichen Motivation darstellen. Diese Art der Motivation ist oft eine große Hilfe für den Sportler seine gesteckten Ziele zu erreichen. Jedoch kann ein Idealbild auch zu einer gestörten Wahrnehmung des eigenen Körpers führen.

Essstörungen wie Bulimie oder Anorexie sind größtenteils Krankheiten, die einen hohen weiblichen Anteil besitzen. Bei dem Adonis Komplex handelt es sich um eine sogenannte Muskelsucht, bei welcher es sich um eine Störung des Selbstbildes handelt. Das Idealbild steht dabei im Vordergrund, wird aber oft mit Zunahme der Muskelmasse immer extremer. Jetzt könnte man meinen, dass jeder 2te Kraftsportler unter diesem Komplex leidet - dies ist natürlich nicht so, obwohl der Komplex immer öfter diagnostiziert wird. Die Verzerrung des Selbstbildes ist meist bei Männern anzutreffen. Der Betroffene empfindet seinen Körper als zu schlank - Harrison Pope machte den Begriff "Adonis-Komplex" bekannt. Nach Pope kann die entstandene "Muskelsucht" so stark ausgeprägt sein, dass sich sogar Profi-Bodybuilder als wesentlich zu dünn empfinden. Das Selbstbild ist so stark gestört, dass sich dieser sogar als unterdurchschnittlich dünn empfindet, selbst neben wesentlich dünneren Personen kommen sie sich oft sehr schmal vor.

Woher kommen diese verzerrten Selbstbilder?

Diese Frage ist nicht sehr einfach zu beantworten. Die Wissenschaft sucht noch nach Antworten für diese Fragestellung. Schauen wir auf den Verlauf der Dinge zurück und beschäftigen uns mit dem Körperkult und Idealbildern, kann man zusammenfassen, dass der sportliche smarte Typ gerade sehr im Trend liegt. Auch bei den Frauen hat sich das Idealbild verändert. Wenn es vor ein paar Jahren noch im Trend lag sehr dünn zu sein, wird jetzt oft der sportliche Typ Frau bevorzugt. Ich spreche hier natürlich von unserer westlichen und europäischen Welt, denn in vielen Kulturen ist Dicksein ein Privileg von Macht und Wohlstand.

Doch wie kommt ein solcher Wandel zustande?

Durch die heutigen Medien und vor allem Film und Fernsehen, aber auch durch Zeitschriften und die Modeindustrie und ihre Models, werden der Körperkult und seine Idealvorstellung schnell in verschiedene Richtungen gelenkt. Schauen wir uns die Filmdarsteller und Kinofilme in der heutigen Zeit an, dann sehen wir schnell den Unterschied. Früher konnten sich Männer oft mit den Schauspielern in Filmen physisch identifizieren. Heutzutage müsste "Mann" ein Hochleistungssportler oder Bodybuilder sein, um mithalten zu können.

Was könnte in unserer Zeit noch zu einem verzerrten Selbstbild führen?

Oft suchen sich Freizeitsportler Vorbilder aus dem Profisport, welchen nachgeeifert wird. Auch diese Vorbilder haben sich körperlich verändert, denn die Trainingsmethoden und Möglichkeiten der Profis wurden, ebenso wie ärztliche und ernährungstechnische Betreuung, verbessert. Neue Rekorde werden aufgestellt und der Freizeitsportler sieht ein immer größeres Loch zwischen sich und seinem Vorbild klaffen.

Was also tun?

Richtig!... Sie arbeiten an ihrem Traum. Das Aussehen steht im Vordergrund und das tägliche Training wird zur Sucht. Aber ist es wirklich das Training was süchtig macht? In manchen Fällen ja, denn Sportsucht ist ebenso eine bekannte "Krankheit", jedoch nach körperlicher Aktivität und nicht nach Muskelwachstum. Eine Mischform von Sportsucht und dem Adonis-Komplex ist vorstellbar. Männer mit Adonis-Komplex sehen das Training oft nicht mehr als Spaß, um ihrem Körper etwas Gutes zu tun, sie benötigen das Gefühl etwas für ihren Körper getan zu haben, um ein weit entferntes Ziel zu erreichen, welches sie zu 99% nicht erreichen werden. Sie sehen nicht mehr den Sport an sich, sondern nur noch den Drang nach mehr Muskelmasse. Es dreht sich alles um das Muskelwachstum und das komplette Leben wird nach dieser Sucht ausgerichtet. Dabei sind Rückschläge jeglicher Form fatal, denn sobald die Muskelmasse schwindet, kann der Betroffene in starke Depressionen verfallen. Das Muskelwachstum steht im Vordergrund und wird mit der meisten Energie angestrebt, weit dahinter ist das soziale Umfeld und der Job angesiedelt. Es gibt dabei verschiedene Theorien, wodurch der Betroffene das Gefühl bekommt, dass er seinen Körper weiter verändern muss. Im Freizeitsport steht oft Anerkennung an der ersten Stelle. Es wird versucht sich durch einen muskulösen Körper Respekt zu verschaffen, um bei dem Umfeld gut anzukommen. Diese Art des Adonis-Komplexes ist oft mit einer Karriere oder einem Ersatz für die Anerkennung beendet. Schlimmer ist es, wenn der Betroffene keinen sozialen Bezug hat, sondern nur seine Vorbilder und sich. Hierbei ist der alleinige Ausweg oft sehr schwierig und stellt den Betroffenen vor ein schwer lösbares Problem. Einzelne Studien bzw. Versuche haben ergeben, dass Betroffene oft nicht genau wissen, warum sie ihr System genau einhalten. Der Wunsch nach mehr Muskelmasse und mehr "Anerkennung" ist oft so groß, dass Selbstbild und Umfeld zum eigenen Feind werden.

Bin ich betroffen?

Die erste Frage, die sich wohl viele Leser stellen werden, ist, ob sie nicht selbst betroffen sind oder den ganzen Trubel um das Thema für schwachsinnig halten. Auch wenn sie darüber nachdenken, werden sie es sofort abstreiten und eine solche Störung als Blödsinn abstempeln. Ich bin selbst mit einer gewissen Voreingenommenheit in einen Vortrag eines Kongresses gegangen, welcher sich mit diesem Thema beschäftigt hat. Jedoch kam ich schnell ins Grübeln...

Man sollte nicht vergessen, dass das Thema allgemein wieder "NEU" diskutiert wird. Den Begriff gibt es zwar schon seit Jahren, jedoch war das Thema nie aktueller als heute. Ich habe den psychologischen Aspekt sehr interessant gefunden und bin gespannt, was weitere Untersuchungen in diesem Bereich ergeben werden.

Persönlich vertrete ich die Meinung, dass man sich nicht zur Lebensaufgabe machen sollte, was nicht in das eigene Leben passt. Denn ohne Voraussetzungen und den Willen zum Ziel, erreicht man dieses auch nicht - Ziele sollten realistisch bleiben!

Um den Adonis-Komplex zu vermeiden, solltest du deinen Körper steuern und ihm sagen können in welche Richtung es geht, dabei solltest du nie die Kontrolle verlieren und dir realistische Ziele setzen. Behalte die wesentlichen Dinge im Auge, denn nicht jeder ist dazu ausgewählt ein Profisportler zu werden. Solange du und dein Körper im Einklang sind und deine Psyche nicht von deinem Training negativ beeinflusst wird, sollte man sich keine Gedanken um das Thema machen. Vor allem im Bodybuilding finden viele ihre Leidenschaft und können so Disziplin, Körpergefühl und geistige Stärke ausbauen und etwas Gutes für sich tun. Ich denke, dass Diagnosen, vor allem bei Bodybuildern, in diesem Gebiet sicher oft zu schnell fallen, weil Beratungsstellen und Institutionen keine Erfahrung im jeweiligen Sportbereich haben oder ein Berater sich selber mit einem durchorganisierten Sportlerleben nicht identifizieren kann. Trotzdem sollte man darauf achten psychische Aspekte nicht zu unterschätzen und für sich selbst wissen, inwiefern Muskelmasse eine Rolle im eigenen Leben spielt.

Wir sollten gespannt sein, wie das Thema in Deutschland weiterhin behandelt wird und ob es vielleicht bald typische Eigenschaften und Merkmale für diese "Krankheit" gibt, welche fundierten Hintergrund besitzen. Ein erster Ansatz von Medizinern der Mount Sinai School of Medicine in New York zeigt, dass eventuell der Botenstoff Serotonin bei der Muskelsucht schuld sein könnte, da viele Betroffene einen Mangel im Gehirn aufweisen.

Viel Erfolg beim Erreichen deiner Ziele!

Quellen:

  1. Harrison G. Pope, Katharine A. Phillips und Roberto Olivardia: Der Adonis-Komplex. Schönheitswahn und Körperkult bei Männern. dtv 2001, ISBN 3-423-24249-3
  2. Diplomarbeit von Psychologin Susanne Andersen g.W.
  3. Roberto Olivardia, Harrison G. Pope, u. a.: Muscle Dysmorphia in Male Weightlifters: A Case-Control Study. American Journal of Psychiatry (August 2000), S. 1291