Seit meinem letzten Training waren inzwischen zwei Tage vergangen. Ich wusste, dass ich mich erst wieder dem Eisen stellen konnte, wenn ich das Geheimnis um die Bauchtaschen gelöst hätte, um meinem Ziel, neben Ronnie auf der Bühne stehen zu können, endlich näher zu kommen. preview
Es dauert ein bisschen und kostete mich ein wenig Zeit, doch ein Blick auf die Top 5 des Mr Olympia 2006 offenbarte mir das Geheimnis, welches den Muskelberg aus dem Studio noch von mir trennte: die Haare!
Alle aktuellen guten Bodybuilder haben keine Haare auf dem Kopf! Victor Martinez, Dexter Jackson, Melvin Anthony und natürlich King Coleman: Sie alle frönen der nackten Kopfhaut und lediglich der Möchtegern-Mr. O Jay "the Cheater" Cutler hat eine Frisur, die an einen der Weider-Brüder erinnert. Kein Wunder, dass er es irgendwie schaffte Ronnie von seinem ihm zustehenden Platz zu verdrängen.
Mir wurde klar: "Nur Hautständer und Jay Cutler tragen Bombenlegerfrisuren!" und mein Entschluss stand fest: ICH BRAUCHTE EINE NASSRASUR!
Die Nassrasur
Nachdem ich mir also das selbe Mittag wie schon die letzten zwei Tage gemacht hatte, denn Bodybuilder essen jeden Tag immer dasselbe, ging ich in den Supermarkt, um mir einen Nassrasierer zu kaufen. Beim Gang durch die Straßen und im Geschäft achtete ich darauf meine Arme möglichst vom Körper abstehen zu lassen und meine Schultern beim Gehen einzeln nach vorne zu schwingen. Im Laden kam mir eine alte Frau entgegen, doch sie wollte nicht Platz machen und prallte an meinem Ellenbogen ab.. - Gut, ich holte ein wenig Schwung, aber Ronnie würde sich auch nicht von einem "Else Kling"-Verschnitt rumschupsen lassen. – Sie machte ein halbe Drehung um die eigene Achse, um sich am Gemüse-Stand festzuhalten – "Typisches Zeug für Hardgainer und alte Leute!" dachte ich mir. Meine Vitamine krieg ich auch in Tablettenform. - "Das Leben ist zu kurz, um schmal zu sein!" rief ich noch ohne ihr weiter Beachtung zu schenken und schritt weiter Richtung Rasierer.Zu Hause angekommen, begann ich mir den Kopf zu rasieren. Erst grob mit der Haarmaschine, bevor es mit der Nassrasur zum letzten Schliff kommen sollte. Ich hatte mir extra einen speziellen "Hautirritation vermeidendem" Rasierschaum geleistet, denn was für David Beckham gut ist, sollte für mich nur gut genug sein - auch wenn der Beckham wohl auch zu oft ins Gemüseglas schaut. Doch kaum war das erste Problem gelöst, sollte sich auch schon das nächste mir in den Weg stellen. Die Situation begann sich zu einer haarigen Sache zu entwickeln, denn wie selbstverständlich war nirgendwo eine brauchbare Gebrauchsanweisung zu finden. Notorische Trockenrasierer wie ich wurden vor ein großes Problem gestellt: Wie genau ist der Rasierer zu nutzen? Ohne abzusetzen, mehrfach während der Nutzung abzuspülen? Sonstige Dinge zu beachten? Hatte Jay persönlich die Gebrauchsanweisungen entfernen lassen, um sich zwischen mich und Ronnie zu stellen? – Ich besann mich und wurde ruhiger, denn was unzählige Homo Sapiens mit dem Intellekt eines Einzellers tagtäglich bewältigen, sollte für den kommenden Stern am Bodybuilding Himmel doch auch erreichbar sein. – Ich überlegte "Was würde Ronnie in diesem Augenblick tun?" und begann instinktiv meinen Kopf mit Rasierschaum einzudecken. Nach wenigen Augenblicken war es geschafft. "LIGHT WEIGHT BABY!" brüllte ich mir im Spiegel entgegen.
Doch damit war ich noch nicht am Ende. Jeder der sich schon einmal die wirklichen Monster im Studio angesehen hat, weiß, dass keiner auch nur ein Haar an Armen oder Beinen hätte. Am schwierigsten war es allerdings die Haare am Rücken zu entfernen. Da ich mit dem Rasierer nicht an alle Stellen kam, nahm ich eine Sprühdose Deo und funktionierte diese mit Hilfe eines Feuerzeuges zur Enthaarungsmaschine um. Mein Rücken schmerzte furchtbar und das gesamte Bad roch verkohlt, allerdings war ich mir bewusst, dass dies wieder nur ein kleiner Preis wäre, den ich für mein großes Ziel zu zahlen hätte.
Frisch enthaart, sammelte ich die auf dem Boden liegenden und im Waschbecken zerstreuten Haarreste auf, um diese in meine extra gekaufte Gürteltasche zu packen. Zwar war mein Körper nun so glatt wie seit seiner Geburt nicht mehr, aber wie jeder bereits seit Samson weiß, liegt in den Haaren die Kraft des Mannes verborgen. Das war das Geheimnis der Gürteltaschen.
Wie bei einem Voodoo-Zauber werden die Haare gesammelt, damit die Kraft und Energie einem nicht mehr genommen werden kann. Selbst Jay Cutler muss so eine Gürteltasche haben, das war mir klar. – Anders wäre seine hässliche Perücke, die der Möchtegern-Mr. O jedes Mal bei seinen öffentlichen Auftritten auf dem Kopf trägt, nicht zu erklären. Mir war also nicht nur die Revanche im studiointernen Bankdrückwettkampf sicher, nein, auch mein Ziel, mit Ronnie an meiner Seite dem dritten Weiderbruder Jay die Medaille für den zweiten Platz zu überreichen, schien mir in greifbarer Nähe.
Der Trainingsplan
Nachdem ich alle Haare eingesammelt hatte und mir die Gürteltasche sofort umschnallte (jeder Bodybuilder trägt seine Gürtel Tasche bei Tag und Nacht), machte ich mir erst einmal einen Shake. - Der Mixer, den ich mir extra im Großhandel bestellt hatte, konnte 10 Liter fassen und zerkleinerte praktisch alles, was man in ihn hinein warf. Neben drei Vitamintabletten und einer Magnesiumtablette, die allesamt zu feinem Pulver unter dem schrillen Geräusch des Mixers zerhäckselt wurden, gab ich drei Packungen Magerquark, eine Packung Eiklar aus dem Tetrapack und 200 ml Leinsamenöl hinein. Jeder weiß, dass Vitamine Fettsäuren benötigen, um vom Körper genutzt zu werden. Deshalb hatte ich mir bereits die letzten Tage angewöhnt jeden morgen zwei Vitaminkomplextabletten mit einem Glas Öl zu trinken. – Mein Körper brauchte kostbare Nährstoffe, um für die kommenden Aufgaben gewappnet zu sein.Zusammen mit dem Shake in der Hand setzte ich mich auf die Couch und machte das, was alle Bodybuilder machen, wenn sie einen selbst-gemixten Shake nebenbei trinken: Ich blätterte in einer Bodybuildingzeitschrift herum, um mich mental auf mein nächstes Training vorzubereiten.
Ich wusste, dass ich mir nicht noch einmal so eine Blöße geben durfte im Studio. Was würde Ronnie sonst von mir denken?! – Also entschloss ich mich auf Nummer sicher zu gehen und suchte mir einen Trainingsplan vom King selbst aus einer der Zeitschriften heraus. Sorgfältig studierte ich den gesamten Artikel und notierte mir die Übungen mit entsprechenden Satzzahlen. Leider waren keine Gewichtsangaben zu den jeweiligen Übungen zu finden, aber wenn ich wie Ronnie wachsen wollte, müsste ich auch ganz und gar so trainieren wie er. - Das bedeutet auch seine Trainingsgewicht bewegen.
Ich schaute mir die Bilder an und zählte mir an Hand der Gewichtsscheiben, die zu sehen waren, sein Trainingsgewicht zusammen. Jetzt konnte nichts mehr schief gehen. Zusammen mit der Gürteltasche und Ronnies Trainingsplan konnte mein Training nur zu einem Erfolg werden. – Ich packte mein XXXL Shirt und meine enge Leggins in die Trainingstasche, übte noch kurz ein paar Posen vor dem Spiegel und ein schmerz-verzehrtes Gesicht beim "Eeeaaasyyyy!"-Schrei und trank einen Pre-Work-Out-Shake aus drei verschiedenen Pump-Supps bevor ich mich auf den Weg zum Training machte..
Wie es weiter geht.. - ASM-Teil 3