Würde man eine Umfrage unter einer unspezifisch ausgewählten Gruppe von Menschen machen und fragen, wen oder was sie mit dem Begriff "Bodybuilding" assoziieren, Arnold Schwarzenegger wäre sicher eine der am häufigst genannten Antworten. Bis heute, nun 30 Jahre nach seinem letzten Wettkampf, ist Arnold für viele der Inbegriff von Bodybuilding. Doch nicht nur auf sportlicher Ebene, auch als Schauspieler und später als Politiker schaffte es Arnold, Menschen in seinen Bann zu ziehen, sie zu faszinieren und dazu zu bringen, seinem Weg zu folgen. Was ist der Grund für dieses Phänomen? Wie konnte es ein österreichischer Junge schaffen, eine derartige Popularität zu erlangen? Die Antwort ist sein dämonischer Charakter.

Ein dämonischer Charakter, was ist das überhaupt? Beginnen wir mit der Beschreibung eines anderen Charakterzuges, einer Eigenschaft, die man Menschen zuschreiben kann: Charisma.

Der Begriff "Charisma" lässt etymologisch bis in die griechische Mythologie zurückverfolgen. Die Göttin der Anmut und Schönheit trägt hier den Namen Charis. Über das Neue Testament gelangt der Begriff in den allgemeinen Sprachgebrauch, wobei er zunächst im religiösen Umfeld verhaftet ist und anders definiert wird, als heute üblich, nämlich als etwas Gewöhnliches, etwas das jedem von uns inne wohnt. Erst im späten 19. Jahrhundert wandelt sich die Definition des Charismas. Der Jurist Rudolf Sohn beschäftigt sich intensiv mit dem Begriff und wird somit eine der grundlegenden Quellen für das Werk des berühmten Soziologen Max Weber, welcher zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Begriff des Charismas in seinem Hauptwerk "Wirtschaft und Gesellschaft" aufgreift und die Person des "charismatischen Herrschers" erschafft.

Die charismatische Herrschaft steht im Gegensatz zu anderen Herrschaftsformen und zeichnet sich dadurch aus, dass ihre Stabilität, gar ihre ganze Existenz auf dem Charisma des Herrschenden gründet. Doch wie ist so etwas möglich? Zunächst bedarf es einer charismatischen Situation, eine Situation der Ausweglosigkeit, der Perspektivlosigkeit, eine Situation, in der bewährte Lösungsansätze scheitern, in der etablierte Institutionen sich als handlungsunfähig erweisen. In dieser Situation, geprägt von einer Endzeitstimmung, wird der Wunsch nach einer starken Persönlichkeit geboren, nach dem Führer, der uns aus dem Dunkel hin ins Licht bringt.

Dieser Führer ist der Charismatiker, ein Mensch, der schlicht durch sein Auftreten die Menschen in seinen Bann zieht. Seine Macht erhält er einzig und allein dadurch, dass die Masse ihm glaubt, dass er einen Ausweg weiß, dass sie ihn für fähig erachtet, die Ausweglosigkeit zu durchbrechen. Der charismatische Herrscher wird alle Macht an sich reißen, keine Entscheidungsinstanzen neben ihm dulden. Seine Agenda ist unkompliziert, geprägt von der Hoffnung auf Besserung und einer dualistischen Weltanschauung, die keine alternative Lösung zulässt. Das "wie" erscheint hierbei nebensächlich, das "was" ist, was zählt.

Wirft man einen Blick zurück in die Geschichte, fallen einem haufenweise Menschen ein, die man zu dieser Gattung rechnen kann: Caesar, Napoleon, Hitler. Und auch unsere steirische Eiche passt in diese Reihe. Die Frage ist doch: Was macht einen Menschen zu einem Charismatiker? Was ist es, dass andere so fasziniert, dass sie sich ihm unterordnen, seinen Weg annehmen und Jünger werden?

Was Charisma genau ist, ist bis heute umstritten. Der Psychologe Richard Wisemann benennt drei Faktoren, die für ihn entscheidend dafür sind, dass ein Mensch als Charismatiker betrachtet wird. Zunächst einmal nennt er eine intensive Emotionalität, weiter die Gabe, diese Emotionalität auch andere spüren zu lassen und letztlich die Resistenz gegenüber anderen Charismatikern. Für Gloria Beck macht das wenig Sinn. Es sei absolut unnötig, selbst zu starken Emotionen fähig zu sein, was zähle sei einzig die Fähigkeit, diese in anderen zu wecken. Gelingt dies, so bringt das ein großes Machtpotential mit sich. Beck selbst definiert Charismatiker als außergewöhnliche Menschen, die fern von normenkonformen Denken handeln und somit andere überraschen und selbst einen Status als Freidenker einnehmen.

Diese Position wird dadurch massiv verstärkt, dass sie von außen unbeeinflusst sind, oder zumindest so erscheinen, was ihnen eine Attitüde von Stärke und Unnahbarkeit verleiht. So kommt sie letztlich zu dem Schluss, dass man solche Menschen charismatisch findet, die so sind, wie man selbst insgeheim gerne wäre. Und genau das macht es Charismatikern so leicht, ihre Umwelt zu manipulieren, Menschen dazu zu bringen, ihnen zu folgen. Der Charismatiker vereint all das, was man selbst gerne wäre, von dem man denkt, dass dies einen selbst stark, unnahbar und mächtig machen würde. So ist es nur folgerichtig, einer solchen Person bedingungslos zu folgen.

Kann man Charisma erlernen? Auch dies ist umstritten. Sicherlich kann man am eigenen Auftreten arbeiten, selbstsicherer werden, aber es gibt einen Teil, einen Charakterzug, der Charismatiker ausmacht, den man nicht erlernen kann: das Dämonische. Das Dämonische teilt sich mit dem Charisma den demagogischen Moment, die Fähigkeit Menschen in einen Bann zu ziehen. Wissenschaftlich betrachtet ist das Dämonische hierbei keineswegs negativ belegt, sondern neutral zu bewerten. Doch was macht den dämonischen Menschen aus?

Karl Jaspers, der sich intensiv mit dem Thema beschäftigte, sieht das Fragmentarische als elementar bei der Definition des dämonischen Menschen an. Solche Menschen sind in aller Regel geprägt von einer unüberwindbaren Rastlosigkeit, unfähig zu ruhen, auch unfähig sich lange einer einzigen Sache zu verschreiben. Ihr Charakter lässt es nicht zu, rein rational zu handeln, ihr Drang nach Produktivität, ihr Drang nach Veränderung ist zu dominant. In Anbetracht ihrer Rastlosigkeit ist nicht verwunderlich, dass dämonische Menschen zumeist kurzfristig gravierende Änderungen hervorbringen, jedoch unfähig sind, langfristig zu planen, da dies ihrer Natur widerspricht. preview

Jaspers beschreibt das mit den Worten: "Die Glut des Lebensprozesses ist bei ihm auf das höchste gesteigert." Der Charismatiker erscheint somit als Getriebener, getrieben vom eigenen Dämon, die ihn nicht rasten lässt, die ihn nicht zur Ruhe kommen lässt. Diese Rastlosigkeit, diese enorme Produktivität, diese vollkommene Hingabe ist es auch, was andere Menschen so fasziniert, was den Dämon in die Rolle des charismatischen Herrschers versetzt. Soeren Kierkegaard hält fest, dass ein primäres Kennzeichen des Dämonischen dessen Unterschwelligkeit ist. "Das Dämonische ist das Verschlossene und das unfreiwillig Offenbare." Das Dämonische steckt verborgen im Charismatiker, doch kann es sich nicht verstecken und dringt immer wieder nach außen, wo es seine machtvolle Wirkung entfaltet.

Werfen wir nun einen Blick auf die Biographie Arnolds. Geboren am 30. Juli 1947 als zweiter Sohn einer Gendarmes und einer Hausfrau im kleinen Dorf Thal in der Nähe der österreichischen Stadt Graz war Arnolds Jugend geprägt durch ein strenges Elternhaus und vor allem sportliche Betätigungen wie Fußball, Schwimmen und Boxen. Mit 15 betrat er zum ersten Mal ein Fitnessstudio und war sogleich fasziniert, insbesondere von den Bildern von Reg Park, welche er in Magazinen fand. Gerade 18 wurde er von Albert Busek entdeckt, welcher ihn nach München holte und damit den eigentlichen Startschuss zu der steilen Karriere des noch unbeholfen wirkenden Jungen legte. Glaubt man Zeitzeugen, war schon damals Arnolds unglaublicher Ehrgeiz vorhanden.

Rastlos versuchte er seinen Körper zu verbessern, mehr zu leisten als die anderen, sich abzusetzen. Der Dämon zeigte sich zum ersten Mal. Nach seinem zweiten Titel als Mr. Universum 1968 wurde er von Joe Weider in die USA geholt. Wie zuvor schon Busek erkannte Weider das Potential des jungen Schwarzeneggers, nicht nur auf physischer Ebene, sondern auch sein Potential als Menschenfänger. Weider, der sich damals im Konkurrenzkampf mit Bob Hoffman befand und gerade dabei war, die IFBB als den bedeutendsten Bodybuildingverband zu etablieren, brauchte eine Gallionsfigur, Arnold war sie.

Doch wäre es falsch zu sagen, dass Arnold instrumentalisiert wurde, denn schon dem jungen Arnold war sehr bewusst, dass er es weit bringen kann, dafür aber die richtigen Kontakte braucht. Mit der Zeit verstärkte sich die Gestalt des Dämons, Arnold wurde Publikumsmagnet, aber auch ein Wettkämpfer, der mit allen Mitteln gewaschen war, berühmt für seine psychologische Kriegsführung auf wie hinter der Bühne. In seinem Fall war es nicht das Rätselhafte, es war die Rastlosigkeit, der unglaubliche Eifer, mit dem er seine Ziele verfolgte. Man mag ihm Egozentrik vorwerfen, selbstsüchtiges Verhalten und auch Rücksichtslosigkeit, all das ändert nichts an der Faszination, die von Arnold ausgeht.

Passend zur Rastlosigkeit des Dämons reichte es Arnold nicht, einfach nur der beste Bodybuilder der Welt zu werden. Immer neue Ziele, immer neue Bereiche, die zu erobern waren. Anfangs noch belächelt, wurde Arnold zu einem der angesehensten Schauspieler Hollywoods und wieder war er es, der die Massen bewegte, der Millionen Menschen in die Kinos zog. Als wäre das nicht genug, heiratete er in einen der bedeutendsten Familien der Vereinigten Staaten ein, den Kennedys und auch dies veränderte ihn nicht, zumindest nicht grundlegend. Seine innere Unruhe blieb, sein Drang immer nach Neuem, nach Höherem zu streben, er blieb. So wurde er – entgegen aller Unkenrufe – 2003 Gouverneur von Kalifornien. Wie schon zuvor im Bodybuilding und in seiner Filmkarriere war es sein Charme, der ihm Erfolg brachte. Ganz im Sinne des charismatischen Herrschers würdigte man sein rastloses Streben nach Erfolg, verstand ihn als Inkarnation des amerikanischen Traumes, einem Traum, den nur verwirklichen kann, wer bereit ist, alles auf eine Karte zu setzen, der ungeachtet der Meinungen anderer seinen Weg geht und sich nicht von diesem abbringen lässt, auch wenn nicht sicher ist, wohin dieser Weg führt.

Er selbst sagte dazu in einem Interview mit der Zeitschrift Der Spiegel aus dem Jahre 2007, "Ich bin in die Vereinigten Staaten gekommen, weil das ein Land ohne Sicherheitsnetz ist. Aus demselben Grund habe ich mich für Filme entschieden und nicht für TV-Serien. Ich will nicht immer im Vorhinein wissen, was der nächste Schritt bringt."

Er selbst steht offen dazu, dass er glaubt, Menschen bedürfen einer starken Führung, einem charismatischen Herrscher. So sagt er in einem Interview aus dem Jahre 1990 mit der US-Website about.com: "My relationship to power and authority is that I'm all for it. People need somebody to watch over them. Ninety-five percent of the people in the world need to be told what to do and how to behave." Diese Aussage ist deutlich und zeigt, dass es für ihn keine relevante Alternative zur hierarchischen Ordnung des Machtgefüges gibt.

Ehrgeizige Bodybuilder gab es viele, fleißige Arbeiter, welche eisern an der Perfektion ihres Körpers arbeiteten. Und auch wenn manche von ihnen durchaus erfolgreich waren, man denke an Dorian Yates oder Rich Gaspari, die Bedeutung eines Arnold Schwarzeneggers blieb ihnen verwehrt. Auch wenn Lee Haney und Ronnie Coleman Arnolds Erfolge noch übertrafen, die Bedeutung eines Arnis zu erreichen, war ihnen verwehrt. Nicht weil sie die schlechteren Athleten waren, nicht weil sie weniger hart arbeiteten, sondern schlicht, weil ihnen der Dämon fehlte. Der Dämon, der in jedem schelmischen Lachen Arnolds aufblitzt, der Menschen einfängt und nicht mehr loslässt. Dieser Dämon sitzt in Arnold, zu einem gewissen Teil macht er Arnold so zum Dämon, denn dieser hat früh gemerkt, dass er auf andere Menschen wirkt, dass er die Fähigkeit hat, andere zu begeistern, sie mitzureißen und somit auch seinem Willen zu folgen. Gekonnt wie kaum ein Zweiter kokettiert er mit seiner Rolle als Charismatiker.

Menschen wie Arnold sind selten, Charismatiker findet man nicht an jeder Ecke. In Arnolds Fall war es die glückliche Verbindung des dämonischen Charakters mit der Bekanntschaft mit Menschen, die diesen und dessen Potential erkannten und für sich und somit auch für ihn selbst verfügbar machten. Arnold lernte so früh, an sich und seinen Erfolg zu glauben. Wie bei seinem Charakter zu erwarten, erreichte er seine Ziele, immer wieder aufs Neue. Dabei schaffte er es, nahezu jeden für sich einzunehmen.

In diesem Jahr endet die zweite und somit gesetzlich vorgeschrieben letzte Amtszeit als Gouverneur. Andere würden nun darüber nachdenken, welche Golfplätze sie noch bespielen, welche Blumen sie noch pflanzen und in welchem Schaukelstuhl sie noch ein Nickerchen halten möchten. Nicht so Arnold. Schon machen sich Gerüchte breit, er strebe eine Fortführung seiner Filmkarriere an. Doch wäre das genug für einen Charakter wie ihn? Eine weitere Spekulation, welche immer wieder durch Internetforen kursiert, erscheint da besser ins Schema passend:

Er soll die Führung der IFBB übernehmen. Auch wenn dies nie durch ihn bestätigt würde, es wäre nur folgerichtig, die Kette würde sich schließen, dem Sport, den Arnold für all seinen Erfolg im Leben verantwortlich macht, etwas zurückzugeben, ihn aus dem gesellschaftlichen Aus zu führen. Wenn nicht Arnold, wenn nicht der Dämon des Bodybuildings, wer dann wäre dazu in der Lage? Ich denke im Interesse eines jeden, der diesen Sport genauso liebt, wie ich es tue, wäre es die bestmögliche Beschäftigung für den Rentner Schwarzenegger.