Bodybuilding ist ein Sport der Extreme. Das zeigt sich im Essen, das zeigt sich im Training und es zeigt sich im Umgang mit der Frage nach einem persönlichen Coach. Die einen verteufeln alle Gurus, die eh nur hinter dem Geld der Athleten her sind, die anderen schalten, sobald sie einen Coach gefunden haben, komplett ihr Gehirn aus und folgen ihm wie ein Schaf der Herde. Entsprechend kontrovers wird dieses Thema diskutiert. Verzichtet ein Athlet auf einen Wettkampfbetreuer und nimmt seine Vorbereitung in eigene Hand, ist er entweder der Held, der es alleine geschafft hat, oder der Trottel, der auf professionelle Hilfe verzichtet hat und dafür die Quittung bekommt. Doch wozu überhaupt einen Coach engagieren? Als Anfänger wächst man angeblich doch eh von selbst und mit ausreichend Erfahrung sollte man seinen Körper gut genug kennen, damit man niemanden mehr braucht, der einem sagt, was man tun soll… Oder etwa nicht?

Nun, ganz so einfach ist das nicht. Ich kenne beide Seiten, betreue selbst Sportler und lasse mich von einem Coach betreuen. Ich bin also Lehrer und Lehrling in einem. Warum denke ich also, sollten sich Anfänger und mäßig Fortgeschrittene professionelle Hilfe suchen? Weil die meisten sich im Dschungel der Informationen verirren, die Freunde, Geräteeinweiser (den Begriff Trainer verwende ich hier einmal bewusst nicht), Zeitschriften und das Internet bereithalten. Tausend Wege, jeder erzählt etwas anderes, jeder weiß es besser. Für einen Anfänger ist es schlicht nicht überschaubar, was nun Sinn macht und was nicht. Ein guter Coach kann ihm helfen, Licht ins Dickicht zu bringen. Er kann ihm – und das ist wohl die wichtigste Aufgabe – die Basics erläutern: die korrekte Ausführung bestimmter Übungen, Grundlagen der Trainingsplanung, das 1x1 der bedarfsgerechten Ernährung usw. Er sollte ihn aber auch dazu animieren, sich selbst mit der Materie zu beschäftigen, Wissen anzuhäufen, vor allem aber Erfahrung. In dem Sinne sollte er nicht als Guru auftreten, der nur seinen Weg kennt, sondern dem Athleten dabei helfen, seinen eigenen Weg zu finden. Der jüdische Philosoph Martin Buber schrieb hierzu sehr passend:

"Ich habe keine Lehre. Ich zeige nur etwas. Ich zeige Wirklichkeit, ich zeige etwas an der Wirklichkeit, was nicht oder zu wenig gesehen worden ist. Ich nehme ihn, der mir zuhört, an der Hand und führe ihn zum Fenster. Ich stoße das Fenster auf und zeige hinaus. Ich habe keine Lehre, aber ich führe ein Gespräch." preview

Ein Gespräch führen, der Dialog, das sollte das Ziel einer jeden Trainer-Athleten-Beziehung sein. Anfangs wird das sicherlich mehr die Form eines Monologs, eines Vortrags haben, doch mit der Zeit sollte der Athlet durchaus wachsen, wachsen in dem Sinne, dass er befähigt wird, mit seinem Trainer in einen Dialog über das weitere Vorgehen zu treten, eigene Erfahrungen einzubringen und aus dem Pool dessen, was an Informationen vorliegt, die bestmögliche weitere Planung zu gestalten. Dabei wird der Coach jedoch keinesfalls überflüssig, wie George Orwell ("Der ist der beste Lehrer, der sich nach und nach überflüssig macht.") einst behauptete. Er bleibt der Lenker, er hat das letzte Wort. Und das ist wichtig. So schön es auch ist, sich mit seinem Coach über die weiteren Schritte auf Augenhöhe unterhalten zu können, einer muss in letzter Instanz die Entscheidungen treffen und das sollte der sein, der mehr Erfahrung und vor allem mehr (theoretisches, vor allem aber praktisches) Wissen hat. Hier muss der Athlet seinem Trainer vertrauen. Ist dieses Vertrauen nicht gegeben, oder wird es massiv gestört, dann muss dringend über die Sinnhaftigkeit einer weiteren Zusammenarbeit nachgedacht werden, denn dann macht das alles nur noch wenig Sinn. Der Athlet muss davon überzeugt sein, dass der Coach weiß was er tut und dass er nur im Interesse des Athleten handelt. Und der Coach muss davon überzeugt sein, dass der Athlet seinen Anweisungen folgt. Nichts ist unsinniger als sich überall Informationen einzuholen, von dem einen das, von dem nächsten dies zu übernehmen, ohne es dem eigenen Coach zu sagen. Der Coach muss stets über die aktuelle Lage informiert sein, in vollem Umfang. Ist dies nicht der Fall, kann man die ganze Sache sofort vergessen. Vergessen kann man die Sache auch dann, wenn es am Vertrauen fehlt. Man muss seinem Coach vollständig und umfassend vertrauen. Wer ständig am gemeinsam ausgearbeiteten Konzept zweifelt, nur weil irgendjemand meint sich einmischen zu müssen, der sollte dringend darüber nachdenken, ob das Vertrauensverhältnis zu dem eigenen Coach noch stimmt.

Es gibt aber noch einen weiteren Grund, warum es durchaus sinnvoll ist, sich Hilfe von außen zu holen: die Schwierigkeit sich selbst korrekt einzuschätzen. Selbst sehr erfahrenen Athleten fällt es oft schwer die eigene Entwicklung korrekt einzuschätzen. Das Selbstbild entspricht eben nicht immer dem realen Bild. Ein Außenstehender hat es deutlich leichter die Entwicklung objektiv zu bewerten und daraus Schlüsse für das weitere Vorgehen abzuleiten. Das ist auch der Grund, warum selbst Spitzenathleten die Dienste von Trainern in Anspruch nehmen.

Wirklich produktiv wird all das aber nur, wenn der Coach auch weiß, wovon er redet und vor allem dann, wenn er nicht stur versucht ein Konzept durchzuziehen. Es hat seinen Grund, warum ein guter Athlet noch lange kein guter Coach ist. Das, was für einen selbst oder auch für andere Athleten perfekt war, muss für den nächsten noch lange nicht passen. Um dies herauszufinden, muss man reden, sich austauschen, Schlüsse ziehen, sprich einen Dialog führen. Es gibt eine östliche Weisheit:

"Der Lehrer und der Lernende erschaffen gemeinsam die Lehre."

Genau das sollte das Ziel einer gemeinsamen Arbeit sein. Dafür muss der Coach ein ernsthaftes Interesse an dem Athleten haben, er muss ihn genau kennenlernen, immer wieder nachfragen und die Entwicklung exakt dokumentieren. Jeder Coach hat seine Grundüberzeugungen und im Rahmen derer muss er den für den Athleten bestmöglichen Weg finden. Stellt sich heraus, dass die fundamentalen Überzeugungen des Coaches sich nicht mit der Realität des Athleten vereinbaren lassen, macht eine Zusammenarbeit keinen Sinn, denn ein Coach kann nur das gut lehren, was er selbst kennt, wovon er überzeugt ist. Wenn dies bei einem Athleten wirklich nicht funktioniert, muss man die Reißleine ziehen.

Aber auch der Athlet hat Pflichten. Er muss seinen Körper exakt beobachten und diese Beobachtungen an seinen Coach weitergeben. Er muss ihm vertrauen und das gemeinsam erstellte Konzept durchziehen, auch wenn andere meinen, es besser zu wissen (und das wird immer der Fall sein). Dabei sollte er sich aber auch stets fragen, ob ihn der eingeschlagene Weg weiterbringt.

Die Suche nach einem guten Coach ist leider nicht leicht. Viele Scharlatane versuchen in diesem Bereich den Menschen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Eine Garantie gibt es nicht, aber wenn Ihr einen Coach sucht, achtet auf folgende Punkte:
  1. Kann der Coach eigene praktische Erfahrung vorweisen?
  2. Hat der Coach einen ausreichenden theoretischen Background?
  3. Interessiert sich der Coach für Eure Vorgeschichte?
  4. Bezieht der Coach diese Vorgeschichte in seine Planung mit ein?
  5. Ist der Coach für Euch da, wenn es Fragen oder Unklarheiten gibt?
Lizenzen sind bunt bedruckte Papierblätter und sagen leider nur wenig aus. Deutlich wichtiger ist, dass der Coach nachweislich weiß wovon er redet und nicht Wasser predigt und Wein trinkt. Der Punkt, an dem man meist sehr gut erkennt, ob der Coach ein ernsthaftes Interesse an Euch hat, ist die Art, wie er sein Coaching angeht. Je mehr er von Euch wissen will, je detaillierter er nachfragt, desto besser. Fließt dieses hieraus gewonnene Wissen dann auch noch in die Planung mit ein, dann habt Ihr mit großer Wahrscheinlichkeit einen guten Coach erwischt. Wichtig ist aber auch, dass der Coach Euch nicht nach dem Mund redet. Ein guter Trainer hat seinen Standpunkt und sollte den auch verteidigen. Hier sind wir wieder bei dem angesprochenen geführten Dialog: Ein guter Trainer nimmt Eure Wünsche und Erfahrungen ernst und berücksichtigt sie, er geht aber nicht beliebig vor, sondern verfolgt im Grunde ein klares Konzept.

"Aber brauche ich das überhaupt? Immerhin ist so ein Coaching auch kostspielig." Ich vermute mal, das werden sich nun viele fragen. Die Antwort ist klar: Nein, notwendig ist das sicher nicht. Wer alleine gute Erfolge erzielt, der kann sein Geld sparen. Wirklich sinnvoll ist ein Coaching aus meiner Sicht für folgende Gruppen:
  • Anfänger
  • Leute, die sich alleine nur schwer motivieren können
  • Athleten, die nach einiger Zeit auf ein unüberwindbares Plateau stoßen
  • Wettkampfathleten
Der Rest kann sicherlich auch von einem Coaching profitieren, aber nicht in dem Sinne, wie die genannten Gruppen. Aber eben auch nur dann, wenn man einen guten Coach findet, einen der ein Feuer in sich trägt, der seine Motivation aus den Erfolgen seiner Klienten zieht. Wobei man sich natürlich schon fragen kann, wie es sein kann, dass gerade im Bodybuilding, einem Sport, der so individuelle Anforderungen an die Athleten stellt, wie kaum eine andere Sportart, die Idee einen Trainer zu engagieren vielen so abwegig erscheint. Wer heute anfängt Tennis zu spielen, Ski zu fahren oder zu rudern, wird dies kaum in Eigenregie tun und autodidaktisch vorgehen. Im Bodybuilding hingegen ist die Einstellung weit verbreitet, dass man sich das auch einfach selbst beibringen kann. Ich denke vielen Sportlern wären erfolglose und frustrierende Jahre erspart geblieben, hätten sie sich zu Zeiten – zumindest temporär – einen anständigen Trainer gesucht.

Einer der besten Coaches aller Zeiten, die Footballtrainerlegende Vince Lombardi sagte einst:

"If you aren't fired with enthusiasm, you will be fired with enthusiasm."

Für einen guten Trainer ist seine Arbeit mehr als nur ein Job, mehr als finanzielle Notwendigkeit. Es ist eine Herzensangelegenheit, es ist eine Passion, denn Euer Erfolg ist letztlich auch sein Erfolg. Wer einen solchen Coach findet, sollte ihn wertschätzen und an dem andauernden Dialog mit ihm wachsen und wachsen…