Das Leben eines Sportlers bedeutet für die wenigstens von uns Ruhm und Ehre, sondern oftmals eher Entbehrung und Ausschluss. Die Tatsache, dass nicht jeder dort draußen einmal Bühnenbodybuilder wird (oder auch gar nicht werden möchte) und dass vermutlich die große Öffentlichkeit niemals von unserem asketischen Lebensstil, den Opfern, die wir im Alltag erbringen, und den Gewissenskonflikten, die wir bei Tiefkühlpizzen bekommen, erfahren wird, hindert viele dennoch nicht daran, diese trotzdem im Kauf zu nehmen. preview

Sportsüchtig sein, das heißt nicht auf Teufel komm raus seine Magermasse oder seinen Bizepsumfang zu steigern. Es bedeutet auch nicht sich in die Erfolgslisten diverser internationaler Wettbewerbe einzutragen. Nein, es sind die kleinen Entbehrungen des Alltags, die uns immer wieder vor Augen führen, wo unsere Prioritäten sind. So erinnere ich mich immer wieder an ein beispielhaftes Erlebnis.

Ich war auf die Einweihungsfeier einer Kommilitonen eingeladen und war auch artig hingegangen. Als ich zwei Stunden vor Mitternacht auftauchte, floss der Alkohol bereits in rauen Mengen und die Tatsache, dass ich außer der Gastgeberin niemanden kannte, schien an diesem Ort an diesem Abend Normalität zu sein.

Selbstverständlich war der Abend schnell mit Smalltalkthemen über "Was machst du?", "Woher kennst du eine der drei Gastgeberinnen?" mit dazu gehörigem Interessengeheuchel geschwängert. Das Ganze wäre sicherlich ganz ertragbar gewesen, wenn mein Alkoholpegel annähernd dem meiner Gegenüber entsprochen hätte. Aber genau da lag das Problem: Ich trinke seit einiger Zeit praktisch nichts Alkoholisches. Aber wäre das nicht bereits genug gewesen, so dauerte es nicht lange, bis ich mit meinem ständigen Wasser nachgießen auffiel, bzw. beim sich ständig wiederholenden Anstoßen (die meisten konnten sich nicht wirklich erinnern, ob man sich schon gesehen hatte oder nicht) gefragt wurde, was sich ich denn eigentlich da Klares trinken würde.

Ich hätte lügen können. Niemand hätte es mitbekommen, wenn ich Wodka statt Wasser gesagt hätte. Ich bin zwar nicht mehr in dem Alter, in dem man mit dem Trinken von purem Wodka noch jemanden beeindrucken könnte, aber so wären mir die sich ständig wiederholenden, nun folgenden fünf Minuten erspart geblieben. Ich war gefangen in einem Fehler der Matrix:
    Gast: "Wieso trinkst du nichts?"
    Ich: "Wegen Sport!"
    Gast einen Blick auf meine Arme werfend: "Ah ja, das sieht man, verstehe."

    Ich muss an dieser Stelle sagen, dass ich zu der Zeit meine Gewichtsklasse gehalten hatte und somit das, was man als Idealgewicht bezeichnet, so gut wie möglich verteilt habe. Dennoch betreibe ich kein Bodybuilding, weshalb diese Situation wieder einmal bestätigte, dass der Einäugige unter den Blinden König ist - oder der Kraftdreikämpfer aus dem Mittelgewicht unter dem Volk der Magersüchtigen und Knabenchorsängern. Ich sagte also, dass ich nicht Bodybuilding oder etwas in der Form trainieren würde und versuchte die Einschätzung meines Gegenübers durch einen Witz zu relativieren, in dem ich sagte, dass die Arme wohl eher vom morgendlichen Toilettenritual als vom Training gekommen wären.

    Gast: "Ach so, Kraftdreikampf, verstehe!"
Das war’s. Chance vertan. Wir waren vollkommen in der Phase des Interesseheuchelns eingetaucht, denn kein einziger konnte auf die Frage, ob er überhaupt wüsste, was KDK denn wäre, mit "Ja" zu antworten. – Also legte ich unzählige Male den Abend eine Platte auf und erklärte das Ganze. – Dabei kam es dann in den seltensten Fällen zu interessanten Gesprächen. Man mag uns Sportverrückten vorhalten, wir hätten oftmals nicht mehr zu erzählen als von unserem Sport, aber jeder, der schon einmal versucht hat sich mit Personen mit einem gewissen Alkoholpegel zu unterhalten, wird mitbekommen haben, dass Sport für andere durch Auto, Job oder Carmen Elektras Hintern ersetzt wird.

Doch mein Highlight des Abends war letztendlich "Mattes" mit dem ich mich über 20 Minuten über Sport (er war Marathonläufer) unterhalten hatte. Nach einer Weile bemerkte ich, dass er sich auf einmal immer wieder wiederholte und ständig von den gleichen Sachen erzählte oder dasselbe fragte.

Mattes und der Alkohol hatten erfolgreich sein Kurzzeitgedächtnis auf Urlaub geschickt. Offenbar war er auch gefangen in der Matrix. Allerdings ganz auf seine eigene Weise..