Ok, mit der Stadt an sich bin ich mittlerweile halbwegs im Reinen. Ich habe mein ursprüngliches Gehtempo um mindestens 30% gesteigert, fühle mich genervt durch die Horden alles fotografierender Touristen und beteilige mich schon leidenschaftlich an Manhatten vs. Brooklyn-Diskussionen (wobei es da eigentlich nichts zu diskutieren gibt: Brooklyn ist einfach cooler!). Meine neue sportliche Heimat stellt für mich allerdings weiterhin ein Minenfeld zwischenmenschlicher Etikette dar. Der Schritt vom verkappten Studio-Pumper zum Crossfit-Herdentier ist nicht weniger mühsam als jene Reisen, die die Imigrants vor 200 Jahren auf selbstgeszimmerten Booten auf dem Weg in den New Yorker Hafen zurück legten. Vielleicht komme auch ich eines Tages so wirklich im gelobten Land des "Sports of Fitness" an. Bis dahin bastle ich im Geiste an einer Liste nützlicher Do’s and Don’ts:

Überlebenstipps für den Crossfit Ein- und Umsteiger

Tipp #1: Sei bescheiden und verleugne deine Wurzeln

Auch wenn du schon vor dem Mauerfall Stammkunde im Fitnessstudio gewesen bist: Tu am besten so, als wäre nichts gewesen. Und wenn Lügen keine Option darstellt, weil man es dir doch ansieht, dann rede dich klein. Man kann sich gegenüber einem erfahrenen Crossfitter gar nicht unsympathischer verkaufen als die eigene Vergangenheit an die große Glocke zu hängen.

Ein 45er-Umfang beeindruckt niemanden, wenn du keinen einarmigen Handstand darauf ausführen kannst. Es macht den Aufschlag auf den Boden der Tatsachen nur härter und demütigender und heizt die ohnehin schlechte Stimmung gegenüber den Bodybuildern noch mehr an.

Setze noch mal alles auf Null, mach Kniebeuge mit einem Besenstiel, lass dir zeigen, wie man Liegestütze ausführt. Und sei gewiss: Du wirst dich hinterher nicht fühlen, als hättest du deine Zeit verschwendet.

Was mir hierzu auch noch einfällt: Trete tendenziell pessimistisch an Übungen ran. Die 16 kg-Kettlebell mag sich zu leicht angefühlt haben beim Aufwärmen. Aber frag dich vor dem WOD, ob sie das auch noch nach 12 Minuten tut. Dein Horizont mag bislang nur bis zur 20. Wiederholung gereicht haben (und das auch nur "in der Defi"). Lerne nun, langfristig zu denken.

Tipp #2: Kauf dir ein T-Shirt deiner Box

Alternativ einen Pullover. Du bist jetzt kein einsam kämpfender Wolf mehr, der sich grimmigen Angesichts von allen Mittrainenden seiner Umgebung abschottet. Deinen MP3-Player kannst du auch getrost einem bedürftigen Kind schenken. Deine Box ist dein zweites Zuhause und ihre Member deine Ersatzfamilie. Die musst du im und über dem Herzen tragen.

Mein New York City Crossfit-Abenteuer


Lauf ein bisschen Textilwerbung, schau doch mal adäquat gekleidet in einer anderen Box vorbei (oftmals kannst du hier dann sogar als Gast kostenlos mittrainieren – schließlich sind doch alle Crossfitter dieser Welt miteinander im Drill verbunden). Gönne ihnen die paar Euro Verkaufserlös (denn wer kann schon wissen, ob deine horrenden Mitgliedsbeiträge kostendeckend kalkuliert wurden).

Deine Box (man beachte allein die therminologische Abgrenzung!) ist nicht dieses Studio von damals, für dass du dich zähneknirschend entschieden hast wegen der preiswerten Gute-Neujahrsvorsätze-Sonderaktion oder der praktischen Busanbindung. Die Community gibt dir so viel mehr, und dafür verlangt sie schon ein gewisses Mass an sozialem Engagement. Schreibe einen netten Beitrag auf Yelp.de, trete der Facebook-Gruppe bei und teile dich dort mit, bring doch mal einen Kuchen mit, es gibt auch Paleo-taugliche Rezepte.

Aprospos T-Shirt: Trainingsbekleidung ist ansonsten durch Reebok zu beziehen und muss ein rotes Dreieck aufzeigen. Das ist hip. Under Armour ist auch noch ok.

Tipp #3: Versau dir nicht den Tag

... guck dir nicht das WOD an, dass dich am Abend erwartet, wahrend du im Büro sitzt. Dein Box-Owner hat es morgens auf der Homepage hochgeladen, aber ich würde mich lieber überraschen lassen. Man könnte sich andernfalls unnötig sorgen. Durch muss man da so oder so.

Tipp 4#: Zieh blank!

Zumindest wenn du es dir halbwegs erlauben kannst. In diesem Punkt sind die Crossfitter den Bodybuildern nahestehend.

Als Sprössling einer Familie lauter sentimentaler Ostalgiker bin ich mit der FKK-Kultur bestens vertraut, habe sie allerdings bislang eher als Relikt längst vergangener Regime angesehen. Das sie ausgerechnet noch mal im hyperneuzeitlichen Crossfit reanimiert werden würde, hätte ich nicht erwartet. Natürlich fällt das T-Shirt im Laufe jedes WODs allein deswegen, weil "man ja so schwitzt und der Stoff bei den schnellen Bewegungen im Weg ist". Vielleicht will auch der ein oder andere zeigen, was er hat. Ist nur so ein Verdacht meinerseits. Also, mich, bzw. Frau, stört es ja auch nicht.

Übrigens: Behaarung ist teilweise gestattet. Bearmode ja, wenn der Körper unter dem Pelz auch bärig ist. An die weiblichen Crossfit-Einsteiger: Bitte keine Socken unter Knielänge mehr tragen!

Tipp #5: Lass dein Gewissen zu Hause

Übertraining ist nur eine Illusion, das Burnout des Kraftsportlers sozusagen: Ein medienkreierter Hype, der einzig erfunden wurde, um Müssiggang zu rechtfertigen und ein paar Dosen Glutamin zu verkaufen. Vergiss alles, was du bislang darüber gelesen hast. Auch deine Kenntnisse um Regeneration, Muskelwachstum in der Ruhephase usw. Wir sind ja nicht hier, um zu pausieren.

Heute Ringdips, morgen Benchpress, übermorgen Handstand, gestern Squads, vorgestern Deadlifts. Wem fällt was auf? Deine Schultern und Beine packen das schon irgendwie! Wer rested der rosted. Schau dir doch die Teilnehmer der Crossfit Games an. Sehen die so aus, als wäre da vor lauter Erschöpfung nichts gewachsen?

Verletzungsangst ist auch das letzte, was du in diesem Sport gebrauchen hast. Sei noch mal der kleine, auf Bäume kletternde Junge von damals. Weh tut sich nur, wer technisch nicht ausgereift ist. Da kann doch Crossfit an sich gar nichts dafür!

Spaß beiseite …

Man muss auch nicht immer alles zu ernst nehmen! Die wenigstens Crossfitter, auch die wirklich leistungsstarken nicht, legen tatsächlich diesen viel gescholtenen Fanatismus an den Tag. Und das Training ist auch nicht das, was man von den Youtube-Commercials kennt.

In den Boxen trainieren Menschen jeden Alters, Gesundheitszustand und Fitnesslevels. Auch solche, die nur zweimal in der Woche einen Ausgleich zum Schreibtischjob suchen oder von ihrem Arzt aufgrund orthopädischer Probleme zum Crossfit geschickt wurden (zumindest die amerikanischen Mediziner tun dies tatsächlich!). Da wird schon ausreichend skaliert.
Und spätestens seit einer Projekt-X-ähnlichen All inclusive-Weihnachtsfeier in einer Thaibar weiß ich: Nicht jeder Crossfitter unterwirft sich zwingend dem Paleo-Diktat. Hey, es ist ein Hobby! Genieße es, sei aufgeschlossen und nimm dir, was du gebrauchen kannst. Du wirst es nicht bereuen.