Eigentlich nichts Erwähnenswertes und erst recht nichts, worüber es sich lohnen würde, ein paar Zeilen für Andro zu schreiben. Aber als ich bereits weiter klicken wollte, während ich mich parallel mit neuen Funktionen auf Facebook herumärgerte, war da dieses Profilbild: Dieser Blick, diese Fleischansammlungen, die bereit waren, die Sonne zu verdunkeln, diese schummrigen Lichtverhältnisse, die Schlimmeres vermutlich nicht sichtbar machten...
Was meine Aufmerksamkeit einfing, war wie ein Unfall, bei dem man nicht weggucken konnte. Anatomisch betrachtet, hatte der Profilinhaber ohne Frage Muskeln, nur war sein Körper so glatt, dass es mir nicht gelang, zu bestimmen, wo die Deltas aufhörten und der Oberarm begann. Von einer Unterscheidung zwischen Bizeps und Trizeps soll an dieser Stelle gar nicht erst gesprochen werden. - Ein echter Wasserbüffel!
Unter 100 Kilogramm kann man nicht atmen!
"Kann denn Masse Sünde sein?" oder "Lieber breit sterben, als dünn leben!" – Jeder wird die geradezu martialischen Sprüche und Weisheiten kennen, mit denen die eigene Massephase heiliggesprochen wird. Hauptsache das Maßband wird am Oberarm gesprengt und die Waage schlägt regelmäßig ihren eigenen Rekord. Da sind die Worte eines 75-Kiloexperten wie das Wispern des Windes, der seinen Weg zwischen ein paar Lauchhalmen sucht.Wir diskutieren aktuell über Skinny Guys in neon-farbenden Tank Tops und stellen regelmäßig die Frage in den Raum, ob die Jugend von heute die gesunde Selbstreflexion verloren hätte. Manch einer empfindet es vielleicht sogar als Frechheit, dass ein 39er Ärmel sein Revier beschmutzt. Der Silberrücken in einem selbst, der man vermeintlich ist, muss dann häufig seine Alpha-Gene zügeln, um den Lft-Sht-Jungs nicht ungefragt zu zeigen, wo der Frosch die Locken hat.
Die Beschreibung "Aesthetics" ist für selbsternannte wahre Bodybuilder wenig schmeichelhaft, während ganz unbemerkt die einzige Transformation, die vorgenommen wurde, nicht zum Fleischberg, sondern dem Michelin-Männchen erfolgte.Strebt die heutige Generation nach lean gainz und nervt alteingesessene mit Anglizismen und Studien-Cherry-Picking, durchleb(t)en viele Oldschooler eine andere Variante der verschobenen Selbstwahrnehmung.
Will ich ein Raubtier oder ein Wasserbüffel sein?
Wer die Jugend von heute oder seinen Arbeitskollegen, der es wagt keinen Whey-Shake zu trinken, schon für faul und bequem hält, sollte sich zumindest selbst fragen, ob er tatsächlich ein Raubtier ist oder längst zum grasenden Wasserbüffel wurde.Will man der athletische Jäger sein, der jederzeit bereit ist seine Muskelfasern anzuspannen, um maximale Leistungen zu erbringen? Oder ist man längst das dicke Herdentier sein, das den ganzen Tag nur Nahrung in sich hineinschaufelt und im Ernstfall darauf angewiesen ist, dass rechts oder links von ihm jemand noch fetter ist und gefressen wird?Das Problem ist, dass diese Wasserbüffel, die selbst einmal Raubtiere werden wollten, vergessen haben, wie Fleisch schmeckt. Nur weil man aufgrund der eigenen Körperumfänge die Sonne verdunkelt oder an der Wasserstelle die Antilopen verscheuchen kann, ist man längst kein Raubtier.
Genauso wenig wie die Tatsache, dass man sich mit dem Arbeitsgewicht des Trainingsanfängers aufwärmt, bedeutet, dass man stark wäre. Ein schwabbeliger 45er Oberarm bei einem Körperfettanteil jenseits von Gut und Böse ist nicht mit dem Adjektiv "muskulös" treffend zu beschreiben.
Ein Raubtier zu sein, bedeutet, auf die Jagd zu gehen. Seine Muskeln maximal zu belasten und am Ende mit der gejagten Beute belohnt zu werden, die einen für weitere Anstrengungen bereit macht. Ich rede nicht von Papiertigern oder zahnlosen Löwen. Es erfordert jede Einheit aufs Neue sich im Studio auf die maximale Zielerreichung zu konzentrieren. Seine Muskelfasern maximal zu beanspruchen und danach alles zu tun, um für die nächste Jagd bereit zu sein. Doch das bedeutet nicht, den restlichen Tag in der Savanne Nahrung in sich reinzuschaufeln.
Raubtierskills: Was unterscheidet uns von Wasserbüffeln?
Nun mag der ein oder andere sagen, er will kein drahtiger Gepard sein und auch Löwen sehen ihm noch zu hungrig aus. Seine Zielstellung ist vielmehr die eines großes, mächtigen Bärens. Seine bloße Anwesenheit soll curlende Eskimos vom Powerrack verscheuchen.Dieser Anspruch ist berechtigt. Wer seinen Körper aber in den Winterschlaf schießt, braucht sich mittelfristig nicht über gesundheitliche Probleme und Verletzungen jeglicher Art wundern. Ihr habt keine Schilddrüsenprobleme, ihr habt ein Leistungsproblem.
Wer als junger Mann die 5.000 Meter nicht ohne Probleme unter 25 Minuten laufen kann oder einen Bauchumfang von mehr als 85 cm hat, wird über kurz oder lang Probleme bekommen.Egal, welche Sportart man meint auszuführen. Besser wären in den meisten Fällen sogar die ein oder andere Minute bzw. der ein oder andere Zentimeter weniger.
Im Studio dagegen wird man nicht zum Silberrücken, weil man beim Bankdrücken die Hantel nur wenige Zentimeter in der Vertikalen bewegt oder adlige Hofknickse zu Kniebeugen erklärt. Arbeitet an eurer Mobilität, euer Kraft und eurer Disziplin, ohne den Blick fürs große Ganze zu verlieren. Egal ob das Ziel #fckngshrdd lautet oder Muskelaufbau.
Raubtiere sind geschmeidig, sind stark und fokussiert genug, auf Jagd gehen zu können. Setzt euch realistische Ziele und bleibt selbstkritisch. Maßband und ► Weight Lifting Standards helfen bei der Selbstreflexion, wenn das Spiegelbild im Wasser euch wieder zum breitesten Savannen-Bewohner am Fluss macht.

Hinweis: Der Autor dieses Artikels bietet individuelle Trainings- und Ernährungsberatung und -betreuung an. Weiteres erfahrt ihr unter ► become-fit.de oder schaut einfach auf seinem ► Instragram-Account vorbei.