Bodybuilding: Die zweite Seite des Lebens neben dem Training selbst
Mental, aber auch die Mahlzeiten sind vorgekocht und die Trainingstasche samt PWO und Equipment ist startklar und "morgen" müsste theoretisch reibungslos ablaufen. Müsste und sollte...
Der Morgen beginnt ganz easy: 6:00 das Müsli aus Haferflocken Eiklar und Proteinpulver ist schnell gegessen und ich kriege wirklich das Gefühl, dass heute ein guter Tag wird und ich eventuell ein weiteres Kreuz im Kalender mit gutem Gewissen machen kann...
8:00 bei der Arbeit angekommen, sehe ich zum Teil die Arbeit vom Vortag, die der Kollege nicht fertig gebracht hat oder mir zur Überraschung hinterlassen hat... Tief eingeatmet, nehme ich den Tag und die Arbeit mit Gelassenheit, denn ich habe Hoffnung den Tag erfolgreich abzuschließen und daraus schöpfe ich schließlich meinen Ehrgeiz.
Es ist schon viertel vor 9 und gleich steht meine nächste Mahlzeit an: Reis mit Pute und etwas Gemüse zum Geschmack.
Als ob es nicht genug wäre in der Offseason als Hardgainer viele kcal essen zu müssen ist es jedes Mal ein Glücksspiel dem Chef zu verklickern, dass ich nach einer Stunde Arbeiten eine Mahlzeit brauche, die das ganze Kollegium zusammen nicht beim Mittagstisch verputzen könnte.
Sollte Kundschaft rufen, sieht es schlecht für mich aus und ich kann die anabole Mahlzeit knicken und muss sie - je nach Anforderung und Pingeligkeit des Kunden- auf halb 10 evtl. 10 verschieben...Der erste Hass kommt in mir hoch als die Uhr 9 schlägt und ich merke, dass der Kunde, den ich betreue, ausgerechnet heute seinen Tag voller Extrawünsche und extravaganten Ausgefallenheiten hat.
Mein gefälschtes Lächeln aufgesetzt versuche ich den Kunden schnell wie möglich zufrieden zu stellen und wickele ihn ordnungsgemäß ab und freue mich um 10:20 meine verspätete Mahlzeit zu mir nehmen zu dürfen.
Als der Chef mir seinen Todesblick zuwirft als er mich mit meiner Tupperdose im Sozialraum verschwinden sieht (der Sozialraum ist nur eine Art Besenkammer zum Abstellen und verstauen der Klamotten und Dienstkleidung), merke ich förmlich wie mein Stresslevel leicht ansteigt, weil ich mich beobachtet fühle. Ich fühle mich beobachtet und irgendwie schäme ich mich dafür anders zu sein als der Rest. Ich schäme mich für einen Moment in einer Besenkammer meinen Reis mit Pute zu essen. Warum bin ich nicht wie sie?!
Um 9:35 verlasse ich die Besenkammer und trinke meine 2 Liter Flasche halb leer, weil ich den trockenen Reis eilig runtergewürgt habe, um nicht zulange wegzubleiben und zu viel Aufmerksamkeit zu erregen.
Jetzt habe ich mindestens 2,5 Stunden "Ruhe" denke ich mir. Mit vollem Magen quäle ich mich durch bis zur Mittagspause. 12:00 schlägt die Uhr, wenn ich mich zur
Mittagspause aussteche.
Die Mahlzeit um 12:00 die jetzt auf 12:30 verschoben wurde, nehme ich problemlos zu mir, da ich mir diese zeitlich so ausgerechnet hatte. (ich müsste nicht um 6 aufstehen, da meine Arbeitsstelle nur 20 Minuten zu Fuß und maximal 7 Minuten mit Bus und oder Bahn entfernt ist- jedoch geht die Rechnung gut auf um 6, 9, 12 und um 15 zu Mittag zu essen).
Ich esse aber nicht in der Kantine. dort würden die Leute vom Gestank meines Broccoli vielleicht zu Boden gehen.... Ich meide größtenteils die viele Fragen und versuche ihnen aus dem Weg zu gehen und so "normal" wie möglich zu wirken... Um 13 Uhr beginne ich meine Arbeit wieder und habe eigentlich nur noch im Kopf, dass heute Abend Training ist.
Um 15:30 das gleiche Spiel wie Morgens um neune... ich schaffe es aber diesmal, mich an die Zeitvorgabe zu halten und spiele meinen Chef einen Streich:
Ich trinke einen hochwertigen Eiweißshake, der rein von den Makronährstoffen weitaus höher ist, als die Mahlzeit um neune. Mein Chef bekommt von dieser Kraftmahlzeit kaum etwas mit, da er denkt , ich "trinke" nur was... zu einem geeignet Augenblick kippe ich mir das kleine 15g Glas mit Olivenöl rein und die letzte Mahlzeit vor Betriebsschluss habe ich geklärt...So ein Trottel... Einer müsste ihm erklären, dass dieser Shake viel heftiger war als die Mahlzeit um 9 wo er mich mit seinem bloßen Blick fast tötete.... Ich ignoriere diesen Umstand, denn ich habe jetzt alles erledigt, um den Tag perfekt zu Ende zu bringen.
Jetzt habe ich alles richtig getan, zumindest für die Sicherstellung des Lebensunterhalts bzw. den Nachschub des Reis und Hähnchens, damit er mich jeden Tag aufs Neue nerven kann.
Egal, ich muss "nur noch bis Feierabend" arbeiten...
Im Laufe der folgenden Minuten wird mir folgendes klar:
Ich habe mich nicht den Versuchungen hingegeben die auf mich lauerten um meinen perfekten Tag zu vermasseln. Ich habe die Chance genutzt den Tag optimal für den Moment
auf einer potentiellen WK-Bühne zu nutzen. Verdammt! Ich kann stolz auf mich sein... aber eigentlich steht die eigentliche Schlacht noch bevor, oder?
18:00 Feierabend. - 18.30 Uhr pre workout meal zuhause, Trainingstasche checken... 19:00 kurz Videos von zhasni und co angucken 19:30 und schließlich bin ich um 20:15 passend zur Showtime im Training. Das Training läuft rund und ich bin richtig stolz, den Tag so optimal genutzt zu haben. 22:00 ich hoffe meine Frau hat alles zubereitet und ich komme zuhause an, als hätte ich einen Kampf zwischen Leben und Tod hinter mir.
Nachdem ich den Stress etwas verarbeitet habe und der Abend leicht abgeklungen ist (~ 23:30) sehe ich die Schokolade, die mir letzte Woche mein Arbeitskollege zum Geburtstag geschenkt hatte.
Ich schaue das Stück "schwarze Gold" an und denke mir, dass ein Stück nach seinem harten Tag nie schaden kann und schließlich habe ich ja auch ein hartes Leben, oder?!
Hart erarbeitet schmeckt sie bestimmt doppelt gut! Gut, aber was ist mit all den eingehaltenen strikten Uhrzeiten heute bei der Arbeit? Was ist mit Morgen?
Ich esse ein Stück und ich merke wie ich grundlos lache, als ob man mir eine Überdosis an lustig machenden Drogen eingeflößt hätte.
Schnell verschwindet die Packung, und ich bin in einem Rausch... ich habe einen Dämonen rausgelassen, der jetzt so schnell nicht mehr loslassen würde... bis ich ihm gebe was er will. Ich erleichtere den Süßwarenschrank um seine größten Schätze und fahre sogar zur Tankstelle, um mir ein Glas Nuss Nougat Creme zu kaufen, die ich zur Hälfte noch weghaue...
Am nächsten Morgen merke ich erst, welchen Schaden ich angerichtet hatte. mal abgesehen davon, dass ich vergessen hatte mir die Zähne zu putzen und mein Mund förmlich vor aufkommenden Kariespartikeln schreit, merke ich, dass ich absolut NICHTS für den heutigen Tag vorbereitet hatte.
Der Tag begann wie immer um 6 und ich war nicht so sehr hungrig, wie sonst, weil ich quasi im Schlaf noch am essen war...
Ich komme mit Ach und Krach durch den Tag indem ich mir vom Supermarkt nebenan 2, 3 Dosen Thunfisch kaufe und sie aufreiße. Ein Duft macht sich im Büro breit, die Kundschaft, sogar der Chef in seinem eigenen Büro horcht auf und merkt, dass dieser üble Gestank nur von mir kommen kann...
Ich bekomme eine Standpauke. "Sind Sie von einem anderen Stern? So was können Sie nicht machen, nicht hier und nicht jetzt. Es interessiert niemanden, wie gern Sie Fisch essen oder Reis mit Hähnchen. Sie sind schon des Öfteren aufgefallen…"
Ich komme nach Hause... der Rest des Tages ist an mir vorbeigerauscht wie im nu... Zuhause angekommen realisiere ich, dass mein Mehr an Ehrgeiz mich schließlich die
Ausübung meiner Profession, meiner Passion und mein Streben nach Perfektion zunichte gemacht hat. Ich habe meinen Job verloren, den ich seit circa 3 Jahren über Wasser gehalten habe...
Lange Zeit nach diesem Vorfall beginnt ein weiterer Morgen um 6 Uhr. Um 8:00 mache ich mich- Shake mit Eiklar Haferflocken und Proteinpulver intus - zur neuen Arbeitsstelle. Mit der Hoffnung, dass mein diesmal mein Chef etwas verständnisvoller mit mir umgeht.
Wie bindet ihr euren Tag in die Arbeit ein?!
Diskutiert hier im entsprechenden Thread dazu!