Das Spielzeug das Menschenbild von Kindern beeinflusst, ist vielen Lesern sicherlich noch im Zusammenhang mit kritischen Diskussionen zu den Proportionen von Barbiepuppen im Gedächtnis, die Ende der 90er Jahre dazu führten, dass die Hersteller am Erscheinungsbild der Puppe nachbesserten. Doch während Barbie durch die Auseinandersetzung im öffentlichen Fokus inzwischen ein Stück menschlicher wurde, erlangte die Entwicklung der Spielzeugfiguren für Jungs ganz andere Dimensionen.
Actionfiguren haben heutzutage nicht selten Ausmaße, die jeden Profibodybuilder wie einen Fitnessanhänger aussehen lassen und wirken sich so ohne Frage prägend auf heranwachsende Jungen aus. Nur Ken schaffte es sich dieser mainstreamartigen Entwicklung die letzten Jahrzehnte zu entziehen und blieb das Men's Health Model, das von Batman und Co gehörig ausgelacht wird.
Batman legte seit 1978 deutlich an Magermasse zu.
Und wen wundert es da noch, dass die Cover diverser Männermagazine (nein, nicht DIE Männermagazine, an die Du jetzt zuerst gedacht hast, weil Du sie Dir immer wegen den guten Artikeln holst) inzwischen dieselben fragwürdigen Entwicklungen genommen haben, wie in den 70er Jahren Frauenmagazine: 20kg Muskelmasse in nur 4 Wochen aufbauen, während man gleichzeitig 5kg Fett abnimmt, den Weltfrieden herstellt und Carmen Electra einen Braten in die Röhre schiebt - wie ich es in einem früheren Artikel ausgedrückt habe. Und auf der gegenüberliegenden Seite natürlich gleich das nötige Produkt in einer bunten Werbeanzeige, mit dem all dies möglich ist. Sogar in nur 3 Wochen!
Seit 1938 haben sich einige Dinge getan, was die Covergestaltungbetrifft
Der Adonis-Komplex
Die Muskeldysmorphie, den Lesern vermutlich besser bekannt als Adonis-Komplex, hat uns fest im Griff, wie Harrison Pope in den 90er Jahren analysierte. Möglichst wenig Fett, bei wachsender Muskelmasse, um den eigenen Vorbildern ähnlicher zu werden. Oder zumindest dem Typen, der die bunte Dose mit Perlweißlächeln uns entgegenstreckt, während die schwedischen Unterwäschemodels sich um seine definierten Arme schlängeln.Dabei zeichnen sich männliche Betroffene nicht nur durch den Drang nach mehr Muskelmasse aus, sondern legen in der Konsequenz im Vergleich zu Unbetroffenen auch ein deutlich anderes Ess- und Sozialverhalten an den Tag, was bis hin zum Steroide-Missbrauch führen kann.
Dumm nur, dass Ken all die Jahre das zarte Mens Health Model blieb und Untersuchungen belegen, dass ein muskulöser Körper, wie Batman ihn erfolgreich in den letzten Jahren aufbauen konnte, zwar als erstrebenswertes Vorbild vieler Männer gilt (wobei Bodybuilding betreibende Sportler Studien zufolge sogar eine noch muskulösere Idealvorstellung haben, als Nicht-Bodybuilder), die meisten Frauen jedoch lieber mit zarteren Robin nach Hause gehen würden. - Blöde Sache.
Dabei ist das Streben nach mehr Muskelmasse keinesfalls ein Phänomen, das erst Dank Batman und Co immer mehr Anhänger fand, so dass schließlich auch die Wissenschaft in den 90ern darauf aufmerksam wurde. Bereits zum Ende des 19. Jahrhunderts sorgte Eugen Sandow als The Great Show für Aufmerksamkeit unter der normalen Bevölkerung indem er in Aufführungen Kraftleistungen vollführte und seinen Körper posierte.

Eugen Sandow
Und während Magazine heutzutage auf Werbeversprechen angewiesen sind, in denen mindestens einer der Phrasen 10kg mehr Muskelmasse oder 5kg weniger Körperfettanteil im Zusammenhang mit garantiert und in nur wenigen Wochen versprochen werden, gelang Angelo Siciliano, besser bekannt als Charles Atlas, in den 20ern der wohl bis heute größte Werbeclou der Bodybuildinggeschichte mit folgendem Comic.

Größer, besser, stärker! - Die männliche Muskelsucht nur auf die Actionfigurentwicklung fest zu machen, wäre somit wohl deutlich zu einfach.
Standardisierung der Untersuchungen: BDS
Aber machen uns Muskeln nun zu anderen oder gar besseren Menschen? Joe wurde auf jeden Fall zum wirklichen He-Man, nachdem er dank Atlas unglaubliche Muskelberge aufbaute. Und der Typ aus der bunten Werbeanzeige des Magazins der eigenen Wahl, der gar nicht genug Arme haben könnte, um all die willigen Unterwäschemodels zu bedienen, hat scheinbar auch alles richtig gemacht. - Doch wie schaut es für die restlichen Menschheit außerhalb bunter Werbeanzeigen aus?Lange Zeit beschäftigten sich Forscher zwar mit der Muskeldysmorphie an sich und untersuchten die verschiedenen Ausprägungen genau, gingen jedoch weniger auf mögliche Folgen vor allem speziell bei Bodybuildern selbst ein. Denn ein zwanghaftes Verlangen nach einem adonisartigen Körper bedeutet nicht zwangsläufig den Weg ins Bodybuilding im heutigen Verständnis.
Erst Smith und Kollegen standardisierten die Untersuchung der Trainingssucht speziell für das Bodybuilding mit der Bodybuilding Dependence Scale (BDS), die eine 9-items beinhaltende Likert-Skala darstellt. Diese wiederum ließ sich in 3 Subskalen unterteilen:
- Soziale-Abhängigkeit: Das Bedürfnis, Teil der Bodybuildingwelt zu sein
- Trainingsabhängigkeit: Das Bedürfnis zu trainieren
- Beherrschungsbedürfnis: Das Bedürfnis, die Kontrolle über die Trainingsgestaltung zu haben
Bodybuilding: Die Trainingsfalle?
Ok, das war hart zu verdauen, also knabbern wir kurz etwas am Brokkoli und atmen einmal tief durch, bevor es weiter geht. Wir wissen also soweit, dass nicht nur Actionfiguren immer größere Muskeln die letzten Jahre bekamen, sondern auch die Männerwelt immer mehr dazu neigt, nach der Maximierung fettfreier Muskelmasse zu streben. Weiterhin konnten wir bereits feststellen, dass diese Entwicklung offensichtlich in der Wissenschaft nicht unbeobachtet blieb und sowohl bei weiblichen und männlichen Bodybuildern (nicht allgemein Sportlern!) die gleichen Ausprägungen der Trainingssucht nachweisbar sind. previewDoch warum geraten wir in diese Trainingsfalle? Joe wollte die heiße Brünette erobern, doch was motiviert den Trainierenden im Studio dazu, auf vieles in seinem Leben zu verzichten, um den maximalen Erfolg aus Training und Erholung zu erzielen? Nun, wir alle mögen am Anfang ein wenig wie Joe gewesen sein, doch während er mit der Dame seiner Wahl nun lange Spaziergänge am Strand macht, sind wir immer noch am trainieren.
Untersuchungen wiesen nach, dass Bodybuilder nicht nur aufgrund einer hohen Unzufriedenheit mit ihrem eigenen Körper den Weg zum Training fanden, sondern sich auch im Vergleich zu anderen Sportlern deutlich stärker über ihren Körper positiv definierten - vor allem nach dem Training. Darüber hinaus neigen Bodybuilding betreibende Sportler nicht nur dazu, sich selbst über ihren Körper zu definieren, sondern haben auch das Gefühl von ihrem Umfeld über diesen bewertet zu werden. - Interessanterweise sehen sich Bodybuilder in der Regel dabei nachweislich als weniger massig an, als sie durch ihr Umfeld allgemein wahrgenommen werden, wobei in den 70er Jahren bereits nachgewiesen wurde, dass diese falsche Selbstwahrnehmung bei Männern durchaus üblich ist (und auch in aktuelleren Studien nicht nur bei Bodybuildern festgestellt werden konnte).
Hinzu kommt, dass bei längeren Studiomitgliedschaften ein Gruppenzugehörigkeitsgefühl aufkommt, dass mit somit auch Bestätigung und soziale Akzeptanz aufgrund des Trainings vermittelt.
Während dies an und für sich keineswegs verkehrt klingt, und man nun argumentieren könnte, dass nicht umsonst oft genug Fettleibigkeit in unserer heutigen Gesellschaft kritisiert wird, lassen andere Untersuchungen die Vermutung zu, dass erfahrene Trainierende Gefahr laufen, das Training zum Selbstzweck werden zu lassen, und eine Abhängigkeit vom Training an sich entsteht, unabhängig von den möglichen sozialen Kontakten im Studio. Die Autoren gehen sogar so weit, dass Bodybuilder dauerhaft Gefahr laufen könnten, der Sucht so sehr zu erliegen, dass Familie oder Arbeit nur noch zur Nebensache werden. - Der Leser erkennt hier sicherlich wieder die drei Subskalen der BDS.
Wie sehr einzelne Merkmale dabei aufeinander Einfluss haben können, fasste Petersen in folgender Grafik zusammen:
Quelle: Petersen 2005: 110
Potenzierung des Adonis-Komplexes: AAS-Missbrauch
Mit der zunehmenden Sucht nach Muskeln tritt zudem ein neues Problem die letzten Jahre vermehrt ins Scheinwerferlicht. Während 1990 Bugs Bunny, Alf, die Schlümpfe, die Chipmunks, Slimer und weitere Comicfiguren die Kindheit noch vor dem Missbrauch von Drogen zu warnen versuchten, ist es vielleicht nur noch eine Frage der Zeit bis McDonalds Batman, He-Man, Superman und Kollegen losschickt, um die pubertierende Jugend von heute vor dem Missbrauch von Anabolen Steroiden abzuhalten.
In einer Studienauswertung zum Thema Doping unter Freizeitbodybuildern kam der Autor der Dr. Andro-Reihe Anfang 2009 zu dem Fazit, dass zwischen einem Medikamentemissbrauch und Bodybuilding ein unverkennbarer Zusammenhang besteht und viele Trainierende im Hobbybereich vermutlich sogar nur aufgrund der Furcht vor Nebenwirkungen von diesem abgehalten werden. Doch was ist mit denen, die dennoch im Freizeitbodybuilding "dopen"?
Vermutlich käme niemand auf die Idee sich EPO zu verabreichen, nur weil er sonntags mit der Familie Radtouren veranstaltet. Aber jeder mit nur ein paar Jahren Trainingserfahrung wird sicherlich im unmittelbaren Trainingsumfeld Personen benennen können, die zu AAS griffen, ohne jemals auch nur annähernd die Ambition gehabt zu haben, auf einer Wettkampfbühne zu stehen. Warum?
Studien konnten einen deutlichen Zusammenhang zwischen dem eigenen Selbstwertgefühl und der Oberkörperkraft, bzw. der Ausprägung von Muskulatur, die für diese sinnbildlich steht (dicke Arme, breite Schultern, großer Brustkorb), bei männlichen Bodybuildern feststellen. Interessant ist dabei, dass Steroid-Nutzern nachgewiesen werden konnte, dass der Missbrauch von AAS dieses Selbstwertgefühl, sowie ein allgemein positives Gefühl und Erscheinungsbild bezüglich Gesundheit, Stärke und sexueller Anziehungskraft sogar deutlich verstärkte – ein Effekt, den andere Drogen wie Marihuana oder Kokain keinesfalls aufweisen.
Forscher vermuten in diesen positiven Nebenfolgen auf das eigene Erscheinungsbild den Grund für die zunehmende Etablierung des Medikamentemissbrauchs zum Muskelaufbau. Wie bereits eingangs bemerkt, haben Bodybuilder eine muskulösere Idealvorstellung als Nicht-Bodybuilder. Gleichzeitig waren die Probanden um so unzufriedener, je weiter sie von ihrem Idealbild nach der eigenen Wahrnehmung entfernt waren. Ein vermeintlich deutlicher Türöffner für AAS.
Dennoch muss an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, wie auch in der Literatur richtig erwähnt wird, dass Forschungen bezüglich dem AAS-Missbrauch im Hobbybodybuilding bisher immer noch in einem frühen Stadium sind und keineswegs abschließende Gedanken an dieser Stelle geäußert werden können.
Schluss
Bevor der Leser nun jedoch eilig seine Kündigung für sein Fitnessstudio aufsetzt, um nicht gleich morgen von seiner Freundin verlassen zu werden, sei er beruhigt. Zum einen sind die dargestellten Fakten lediglich Ergebnisse einzelner Untersuchungen mit zum Teil geringer Teilnehmerzahlen, die zudem aufgrund des Studiendesign untereinander nur schwer, wenn überhaupt vergleichbar sind, wie die Autoren zum Teil selbst einräumen. Zum anderen mag Bodybuilding die Gefahr einer gewissen Trainingssucht beinhalten, ist jedoch wie auch jeder andere intensiv betriebene Sport nicht der automatische Weg in die soziale Isolation.Bodybuilding – eine ernstzunehmende Sucht? Vielleicht! Jedoch liegt es in der Selbstverantwortung eines jeden die gesunde Waagschale zu halten.
Literatur:
- Dr. Andro (2009): Doping unter Freizeitbodybuildern. Team-Andro.com
- Emery, Mike (2003): Men's Bodybuilding: A Short History.
- Hurst,Richard / Hale, Bruce / Smith, Davide / Collins, David (2000): Exercise dependence, social physique anxiety, and social support in experienced and inexperienced bodybuilders and weightlifters. In: Br J Sports M; Vol 34, S. 431–435.
- Mangwetha / Pope / Kemmlera / Ebenbichlerb / Hausmanna / De Cola / Kreutnerc / Kinzla / Biebla (2001): Body Image and Psychopathology in Male Bodybuilders. In: Psychother Psychosom;70, S. 38–43.
- Morgan, John F. (2000): From Charles Atlas to Adonis complex - fat is more than a feminist issue. In: The lancet, Vol 356, S. 1372-1373.
- Petersen, Inga (2005): Bodydysmorphic disordner and bodybuilding: influence on a workout on body image perception and -satisfaction. INAUGURAL-DISSERTATION. Westfälischen Wilhelms-Universität zu Münster (Westf.)
- Robson, David (2005): A History Lesson In Bodybuilding. Bodybuilding.com
- Smith / Hale (2004): Validity and factor structure of the bodybuilding dependence scale. In: Br J Sports Med 38, S. 177-181.
- Smith / Hale (2005): Exercise-dependence in bodybuilders: antecedents and reliability of measurement. In: Journal of Sports Medicine and Physical Fitness; Sep 2005; 45, 3; S. 401-408.
- Schwerin , Michael J. / Corcoran, Kevin J. / Fisher, Leslee / Patterson, David / Askew, Waide / Olrich, Tracy / Shanks, Scott (1996): Social physique anxiety, upper body esteem, and social anxiety in bodybuilders and self-reported anabolic steroid users. In: Addictive Behaviors. Vol. 21. No. 1, S. 1-8.