Oft schaue ich in die Gesichter meiner Bodybuilding-Kameraden und versuche mir vorzustellen, was in ihren Köpfen so abgeht. Man könnte auch Sozialstudie dazu sagen.
Besonders fallen mir immer die Leute auf, deren Training einen fortwährenden Leidensweg darzustellen scheint: schmerzverzerrt und unter größter Anstrengung, mit Gürtel, Handschuhen, Spotter und Gelenkbandagen bewältigen sie ihre 3 Sätze Kniebeuge mit 70 kg. Nichts gegen niedrige Gewichte - jeder fängt klein an, oder benötigt einfach nicht dermaßen riesige Hantellasten, um zu wachsen.
Aber wie kommt es, dass die dünnen Kerlchen sich aufführen, wie die Hardcore-Profis aus den Videos?Zählt ihnen nur der Schein?
Sicherlich möchten sie nach außen wirken, wie jemand, der sich voll reinhängt und daher zum elitären Kreis derer gehört, die der faulen und trägen Gesellschaft ins Gesicht spucken. Aber ich kann mir auch noch einen anderen Hintergrund vorstellen: Es ist wirklich höchst anstrengend für sie!
Ein neuer Typus der Trainierenden
Ich möchte keine Generationen-Diskussion lostreten - doch bin ich der Meinung, dass insbesondere die nachwachsende Schicht unter den zahlreichen wohlhabenden Bildungsbürgern einen neuen Typus Mensch erschaffen hat, der sich gerade eben mit Anfang Zwanzig in die Studios begibt: recht hoher Bildungsgrad, selbstüberzeugt, musste selten echte Widerstände im Leben überwinden, wurde von seinen Eltern gefördert und permanent gelobt, wuchs in einer ruhigen und wohlhabenden Atmosphäre auf und vor allem nutzt er wie selbstverständlich das Internet als Informationsquelle.Im Großen und Ganzen ist dieser Typus stark kopflastig. Wissen zählt ihm am meisten, denn in der Schule, die ihn gerade eben ins Leben entlassen hat (also meist Uni oder duale Ausbildung), hat man für Wissen die besten Zensuren bekommen. Wissen hat ihn zum Erfolg geführt, also geht er davon aus, dass es im außerschulischen Leben auch so weitergeht. Und das geht es auf der Uni oder der Fachhochschule meistens auch.
Interessiert sich der beschriebene Typus dann für Kraftsport, Fitness oder gar Bodybuilding - so wird erstmal eins getan: Gelesen, diskutiert und Fachwissen auswendig gelernt! Der niemals müde und hochanspruchsvolle Kopf kann sich dann einfach nicht damit zufrieden geben, dass es anfangs wirklich nur um Grundübungen, Progression, Technik, gesundes Essen und Regelmäßigkeit geht. Das wäre viel zu einfach - also wird im Zuge der überbordenden Lektüre auch noch gleich sämtliches Randgeschehen um Supplements, detaillierte Trainingspläne, Frequenzen, Spannungszeiten, chemische Vorgänge, minutiöse Anpassungsreaktionen und die Ansichten sämtlicher mehr oder minder bedeutender Sportwissenschaftler (am besten auf Englisch) durchgearbeitet und abgespeichert.
Über dieser ganzen Geistesarbeit vergessen die allermeisten jedoch völlig die Grundregeln. Ihre Ungeduld gegenüber dem progressiven Gewichtstraining verleitet sie immer mehr zum Suchen des heiligen Grals in den Details.Sie sehen die dümmsten Bauern die dicksten Kartoffel-Bizepse kriegen und erklären sich diesen Unterschied zu ihrer eigenen, mangelhaften Entwicklung nicht aus der differierenden Genetik, dem höheren Talent oder der chemischen Hilfe - sondern versuchen die Lücke mit zwar ausgetüftelten, aber in Summe wirkungslosen Kleinstmaßnahmen zu schließen. BCAAs vor dem Training z.B. oder 50 statt 25 Gramm Kohlenhydrate nach dem Workout.
Niedrige Reizschwellen als Wachstums-Hindernis
Zu all dieser Kopflastigkeit kommt dann noch die sehr niedrige Reizschwelle. Ich will sagen, dass bereits kleinste Schmerzchen und Unannehmlichkeiten zum Abbruch des Widerstandstrainings führen. Auf diese Weise ist es unmöglich, überhaupt den Bereich eines Wachstumsreizes für die Muskulatur zu treffen. Subjektiv ist das Gefühl, sich anzustrengen, zwar da, die tatsächliche Erschöpfung aber noch lange nicht erreicht.Hier wird das Prinzip, dass Bodybuilding Progression nicht nur gegen physische, sondern auch gegen psychische Widerstände bedeutet, nicht verstanden, geschweige denn umgesetzt.Der beschriebene Typus Bodybuilder hat es mehr oder weniger nie lernen müssen, was echter Kampf bedeutet. Söhnchen wurde immer gefördert, geliebt, gelobt und verstanden. Und wurde es mal ganz heiß, so gab es ein scharfes Wort, dass Söhnchen die Tränen in die Augen trieb - gefolgt von den Umarmungen und Entschuldigungen des lieben Papas. Und Mutti klebt sowieso total verständnisvoll immer ein Pflaster über die seelischen Wunden.
Ich übertreibe natürlich bewusst und gehe davon aus, dass der intelligente Leser (sonst wäre er niemals bis hier gekommen) es einzuordnen weiß, aber wenigstens Parallelen zur realen Welt erkennt. Ich will nur verdeutlichen, dass ein derartig aufwachsender Mensch so gut wie nie harten Konflikten, lebensbedrohlichen Situationen oder Isolation ausgesetzt gewesen ist, bzw. für längere Zeit war. Daraus ergibt sich, dass er keine Konflikthärte und Durchsetzungsvermögen aufbauen konnte. Er wurde immer rausgeholt, begleitet und psychisch betreut. Doch wo geistige Stärke herkommt, soll folgendes Beispiel einer (sinnhaft wiedergegebenen) arabischen Geschichte verdeutlichen:
Der böswillige Mann ist es gewohnt, Schwächere noch schwächer zu machen, um sich selbst zu erhöhen. Also sagt er zu der mickrigen Palme: "Du windschiefer Krüppel, eingehen sollst du!"
Mit diesen Worten legte er einen schweren Stein auf die arme Pflanze und ging seiner Wege.
10 Jahre später betritt er auf der Durchreise wieder die Oase. Er erinnert sich der mickrigen Palme und will nachsehen, ob sie auch gestorben ist.
Doch statt eines toten Stumpfes mit einem schweren Stein darauf, erblickt er eine riesige, majestätische Palme. Er spricht zu ihr: "Wo ist die kleine, windschiefe Palme hin?" Da antwortet die Königs-Palme: "Das bin ich gewesen, böswilliger Mann. Doch dank dir musste ich all meine Anstrengungen gegen den schweren Stein auf mir richten, um nicht zu sterben. Als er nach langem Kampf von meinem Kopf fiel, wuchs ich mit doppelter Freude gen Himmel und überblicke nun alle anderen Palmen, die sich nie bemühen mussten!"
Wer nie Steine in den Weg gelegt bekam und Kraft gegen Hindernisse aufbringen musste, ist massiv in seinen Wachstumsmöglichkeiten beschränkt und verschenkt sehr viel Potenzial!

Die hochfrequente Nutzung des Internets - Fluch und Segen zugleich
Ohne Internet würde wohl niemand meine Artikel lesen. Ohne Internet hätte ich mich mehrere Jahre unangeleitet totgecurlt. Ohne Internet hätte ich niemals die Anzahl an guten Leuten kennengelernt, die ich heute als meine Freunde und Geistesverwandten betrachten darf. Ich sehe das Internet als DIE Chance unserer Zeit für massenhafte Aufklärung, Kommunikation und Verwirklichung.Doch liegen bei allen Chancen des Netzes auch ziemlich viele Hindernisse und Irrwege vor.
Jeder kann im Internet großteils ungefiltert seine Meinung kundtun - und klingt diese halbwegs logisch, werden sich auch immer Befürworter finden. Es entsteht ein undurchdringlicher Dschungel an Meinungen und Scheinlogik, geistigem Durchfall und unbezahlbaren (aber dennoch gratis) Informationen.Jeder Nutzer ist damit völlig sich selbst überlassen und hat fast nur die Möglichkeit, auf seinen eigenen Verstand zurückzugreifen, wenn es um die Filterung der Infos geht. Die Allermeisten glauben ohnehin nur das, was sie eh schon vermeinen, zu wissen. Und in der allgemeinen Datenflut verfestigen sich diese Ansichten bis zur Unmöglichkeit der Korrektur - man hat ja genug Mitstreiter.
Aus diesem "medialen Rückenwind" plus dem immerwährenden Lob und Verständnis der Eltern aus Kinderzeiten erwächst übertriebenes Selbstvertrauen bzw. sogar Selbstüberzeugung. Alle sind für mich. Wer kann schon gegen mich sein? Alles, was ich tue, ist richtig!
So ein Typ kommt dann neu ins Gym. Und das Folgende habe ich schon sehr oft erlebt: Student A, dessen Sirupfäden lässig aus dem Tanktop baumeln, in der einen Hand das iPhone mit evidenz-basierter Fitness-App, in der anderen das Funktions-Handtuch, belehrt den jahrelang erfolgreich Trainierenden B über seine Fehler bei der Handhaltung beim Bankdrücken.
Es ist für mich nach wie vor unfassbar, wie man als Träger der roten Bizeps-Laterne die Anmaßung besitzen kann, einem offensichtlich doppelt so viel wiegenden Typen die neuesten Studien aus der Flex zu erklären!Aber das klappt im Internet ja auch immer: Scheinlogik plus Halbwahrheiten, gemischt mit Überheblichkeit und einigermaßen intelligentem Schreibstil - fertig ist der Ego-Smoothie, den alle anderen Dumpfbacken gierig schlürfen müssen, um aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit herauszufinden.
Ich habe nicht viel Zeit im Leben übrig, aber dennoch hat sie ausgereicht, um sich mal einige "Fitness-Youtuber" anzuschauen und ganz genau das bestätigt zu sehen! Es ist für mich unbegreiflich, wie sich ein halbgewalkter Sixpack-Träger vor eine Kamera stellen und "epische" Tipps zum Thema Muskelaufbau geben kann - während er selbst höchstens ein winziges Jahr am Eisen sein kann!
Dies allein ist schon schlimm genug - aber es existiert eine weitere Folge dieses Verhaltens: Wer glaubt, anderen einen erzählen zu können, weil er angeblich die Wahrheit kennt, der ist nicht offen für Kritik an sich selbst.
Wer nicht für Kritik an sich selbst offen ist, kann keine Fehler sehen, dementsprechend keine Fehler bekämpfen - sich dementsprechend auch nicht weiterentwickeln.
Er macht Halt an einer viel zu frühen Grenze. Und wenn er an dieser Grenze feststeckt und von anderen überholt wird, schlägt die bisherige Überheblichkeit in Neid, Missgunst und destruktives Verhalten um.