Spät abends mit 14, als ich mit Älteren unterwegs war. Nach Hause. Von der Disko. Eigentlich brauch' ich nicht weiter zu erzählen, die Medien spielen diese Leier in Drei-Monats-Intervallen – immer und immer wieder. Ihr kennt sie, die Geschichten. Eine davon war meine. Zu betrunken, zu schnell. Und schon ist es passiert. Seitdem muss ich Herr über meinen Körper werden, mehr Herr als meine Schulkameraden.
Es ist schön diese Geschichte zu erzählen, um vielleicht ein wenig Leid und Freud miteinander zu vermischen und zu teilen. Ich hoffe, sie gefällt Euch. Also hört genau zu.
Meine Klassenspezies waren noch nie gut auf mich zu sprechen, aber nach dem Unfall sind die Stimmen zumindest ein wenig verstummt. Ich war nicht wirklich der Beliebteste, aber ich war auch nicht derjenige, der sich zunehmend mehr und mehr von den anderen abschottete, deshalb auch der Gaudi mit der Disko und dem leidigen Unfall danach. Naja.
Ich musste zum Glück nicht umziehen, um in eine invalidengerechtere Schule verfrachtet zu werden. Mein Leben ist jetzt schon nicht die Kirsche auf der Schwarzwälder-Kirschtorte. Eher so das glibbrige Etwas in der Mitte, welches gerade frisch aus der Tiefkühltruhe für alle anderen noch etwas härter wirkt, als es tatsächlich ist.
Ich habe mir ein kleines Homegym zu Hause zusammengesammelt. Mal da von Freunden 'was gesponsort bekommen, mal hier etwas von den Ellis. So fand sich dann über die Jahre ein kleines Arsenal zusammen. In der Mitte meines Trainingsraumes das Powerrack. Eigentlich gebrauche ich es nicht wirklich wie jeder Normaltrainierende. Dieses mit Klimmzugstange. Ein paar Kurzhantelsätze mit Gewinde zum selber zusammenschrauben. 'Nen paar Scheiben, bis 20 kg rauf. Mehr kann ich nicht anheben, macht sich etwas schlecht so im Sitzen. Ja und ein paar Reha-Bänder, die mir meine Physio empfohlen hatte.
Jups.

Do you even Lift?
Es ist schon echt witzig, wenn ich manchen so erzähle, wie ich trainiere. Eigentlich müsste dann sofort der Spruch mit den Diskopumpern kommen. Unlustigerweise verklemmen sich die meisten, die etwas länger trainieren, diesen dann.Ich roll' in das Zimmer, welches bei uns im Erdgeschoss liegt. Also das Trainingszimmer. Treppe runter, in den Keller, wäre 'ne Zumutung, aber nichts Neues für mich. Manchmal nehm' ich's sportlich und schleiche, besser gesagt, "fließe" runter – so tituliert's mein Vater - mach ein paar laute Geräusche und hole kleinere Sachen hoch, die gerade gebraucht werden. Mein Trainingszimmer ist etwas größer gehalten, da ich sonst schwer um die abgelegten Scheiben 'rumkomme. Ich versuche schon ein wenig Ordnung zu halten, aber ihr kennt das, gerade ein wichtiger Dropsatz, da schmeißt man gerne um sich. Wenn's denn geht.
Meistens, was heißt meistens? Klar ich hab einen Trainingsplan! Hab ja nicht gestern erst angefangen. Also nochmal:
- ____________________________________________________________________
Meistens fange ich mit Kniebeugen an. Ja ich weiß, der war jetzt mies. Bankdrücken. Ich hiefe mich irgendwie auf die Bank, was einige, denen ich das schon erzählt habe, für eine extra Trainingseinheit erst einmal üben müssten, um koordinativ auf der Höhe zu sein. Dann ruckel ich mich zurecht und führe Bankdrücken aus, wie jeder andere auch. Für Wettkämpfer gibt’s dann noch 'ne schöne, extra breit designte Bank, worauf die Beine abgelegt werden können. Das Ganze mit Umschnaller und schon ist die Sache im Kasten.
____________________________________________________________________
Achso, und natürlich kann ich auch mal jemanden ran bitten, falls gar nichts mehr geht, oder ich gleich liegen bleiben möchte, um nicht schon wieder fünf Minuten Pause zwischen den Sätzen einzulegen. Ich versuche aber dennoch alles allein zu schaffen, es klappt schließlich auch so – nur halb so schnell.
Wie mein Trainingsplan aussieht? Ich habe durch meinen damaligen Fehler die ultimative Möglichkeit den Oberkörper öfter zu trainieren als die Beine. Ich verfahre üblicherweise so, dass ich einen Tag Brust, einen Tag Rücken trainiere, einen Tag Pause einlege und dann die Schultern und Arme nachziehen, um letztendlich wieder einen Tag Pause einzulegen. Wenn ich Lust habe, versuche ich noch irgendwo den Bauch unterzubringen, meistens dann am Ende der Trainingssession, aber auch nur für ein paar Sätze.
Das Bauchtraining gestaltet sich eigentlich relativ einfach. Die Langhantel ist bei mir so hoch gestellt, dass ich mich ganz leicht im breiten Griff dranhängen kann, wenn die Bank weggeschoben wurde. Dann muss man nur noch die Beine heben. Das geht bei mir jedenfalls noch. Mit ein wenig Geschick, können auf den Schenkeln noch ein paar leichtere Scheiben abgelegt werden, das Ganze gleicht dann aber einer Minimalbewegung, aus der alles raus geholt werden muss. Oder aber ich schiebe eine seitliche Sicherheitsstange des Powerracks etwas höher und kann mich ein wenig mehr hängen lassen. Ansonsten Sit-Ups, so blöd wie es auch klingt. Dabei roll ich den Oberkörper mehr ein, und versuche irgendwo auf dem Boden meine Beine zu befestigen, 'ne Scheibe auf die Füße gelegt, oder Ähnliches.
Durch das ständige Gebrauchen meines Oberkörpers, ja gerade meiner Arme und Unterarme, schätze ich, dass ich mir einen gewissen Vorteil erarbeitet habe. So, wie der Maurer jeden Tag seine Unterarme trainiert, so trainiere ich sie durch das abermalige Auf- und Absetzen, durch das Hin- und Herhangeln und Drehen und Wenden. Meine Beine sind wie Gummi, ich muss sie jedes Mal, tagtäglich, jede Stunde (außer wenn ich schlafe, aber eigentlich selbst dann...) ausbalancieren und irgendwie hin und her manövrieren. Ja, vermutlich habe ich dadurch eine ordentliche Grundkraft aufbauen können.
Alles hat einen Anfang
Der Anfang war schlimm, fatal, grausam... Es gibt eigentlich keine Beschreibung dafür. Dadurch, dass ich nur von der Lendenwirbelsäule ab gelähmt bin, kann ich mich noch richtig glücklich schätzen. Aber keiner möchte die Erfahrungen der ersten Wochen und Monate durch machen. Normal leben? Nein. Mal mit Freunden weggehen und einfach nur chillen? Nein. Überhaupt einen halbwegs normalen Alltag haben? Nein. Ich habe geheult, ich war am Boden, ich war fertig.Wie gesagt, ich hatte vorher schon etwas für meinen Körper getan, zwar hatte ich nie richtig Beugen können, und weiß jetzt auch nur vom Hören-Sagen, wie sich das anfühlen soll: so richtig beugen zu können, aber es tut der Sache keinen Abbruch. Es hat, glaub' ich, ein Jahr oder sogar anderthalb Jahre gedauert, bis ich einigermaßen mit meinem Oberkörper umgehen konnte. Meine Physios, waren da sehr hilfreich, ist ja auch ihr Job irgendwo. Wir hatten zuerst versucht, meinen Unterkörper zu aktivieren, die Nerven irgendwie zu reizen. Das geschah dann mit einigen Apparaturen und beispielsweise einem Laufband – extra-slow für Einsteiger. Wiedereinsteiger in der Sportart Gehen. Es hat leider nicht so funktioniert, wie die Ärzte hofften. Aber sie sagten von Beginn an, dass vermutlich nicht viel gehen wird. Tja.
Gleichzeitig musste auch der Rumpf gekräftigt werden. Wenn von einem Tag zum anderen absolut nichts mehr mit Fortbewegung ist, verkümmert der Körper. Um dem entgegenzuwirken, wurde neben dem Unterkörpertraining (mit Elektroden und maschinell mit einer Art Bewegungshilfe, die an den Gelenken angebracht wurde) auch der Oberkörper durchjocht. Dabei waren die Kräftigungsübungen an Seilen, Bändern und Hanteln noch das geringste Übel – neben dem ganz großen.
Ja und so steigerte ich mich in das Training hinein. Wenn es mir und meinem Körper schon gut tat, warum sollte ich das dann auch nicht weiter betreiben?
Ich hatte dann nach und nach einfache Liegestütze, also die Frauenvariante mit den Knien auf den Boden, später dann komplexere Sachen mit in meinen Plan genommen. Was heißt Plan? Anfangs habe ich, wenn ich mal dran gedacht habe, trainiert – später dann, mit dem Mehr und Mehr an Equipment, dann auch täglich.
Unter Leuten
Ich war auch mal kurz in einem größeren Fitness-Discounter unterwegs. Hatte mich für ein Probetraining angemeldet, und wurde gleich von mehreren Leuten schief angeguckt. Der Vorteil ist aber ganz klar die Geräumigkeit. Man kann überall hinfahren und es gibt auch diese netten Leute, die einem immer und immer wieder ihre Behilflichkeit anbieten. Nun gut, das erste Mal als ich wirklich in einem externen Studio trainiert habe, habe ich diese auch noch gebraucht. Aber so mit den paar Trainingsjahren, die ich nun angesammelt habe, weiß man sich zu helfen.Bankdrücken ist kein Problem mehr, vor allem ist es viel viel leichter mit dem Rolli von der Seite anzufahren – nicht so wie bei mir zu Hause, wo ich mich erstmal notgedrungen in das Powerrack hiefen muss. Die Sicherheitsstangen sind eben im Weg und sind auch gut da drin im Weg zu sein. Für mich ist es dann doch etwas schwerer, mal die Langhantel von der Brust zu bekommen, wenn der Muskel versagt. Soll ja normale Leute geben, die auch 180 kg ohne viel Tamtam abrollen.
Ja. Nochmal zurück zum Discounter. Er ist immer noch besser aufgestellt - trotz der komischen Blicke, die vermutlich auch in jedem anderen und noch so teuren Studio anfallen, als ein kleineres "Wellness-Studio", welches ich versucht habe zu besuchen. Ich kam nicht mal in den Trainingsbereich, weil eine Treppe dorthin führte. Ich liebe es.
- ____________________________________________________________________
Meine Erwartungen an die Gesellschaft haben sich schon ein wenig nach unten korrigiert.
____________________________________________________________________
Warum eigentlich?
Tja, wie geschrieben, es hatte irgendwo seinen Anfang, so wie es wohl bei jedem von uns nicht anders war. Zwar wollte ich damals vor meinem 14. Lebensjahr auch irgendwie mal breit werden, aber so richtig breit, so wie die ganz Großen, dann erst später (was dann wiederum die Mädels abschreckend gefunden hätten, obwohl ich es eigentlich für die Mädels gemacht hätte).Dies wandelte sich aber mit dem Unfall, über die Reha hinweg entwickelte ich eine Art Körperverständnis. Das Verständnis dafür, dass Bewegungen nicht nur Bewegungen sind, sondern auch etwas bezwecken, dem Körper dabei helfen, klar zu kommen, sich zu entwickeln und vielleicht auch einen geistigen Rückschluss daraus zu ziehen. Die Bewegung hält uns am Leben, und seit dem Unfall weiß ich erst so richtig, was das bedeutet.
Meine Motivation ist ganz klar noch masseorientiert, und vielleicht so viel Symmetrie mir und meinem Körper zu erlauben, wie es noch möglich ist. Vielleicht gibt es noch irgendwann einen Tag, an dem ich auf die Wettkampfbühne rolle. Einige Beispiele, wie Nick Scott, gibt es. Es gibt auch andere, die "nur" ein Bein amputiert bekommen haben und trotz dessen auch in anderen Sportarten Glanzleistungen voll bringen.
Ich will nicht der Beste werden, nein, das kann ich nicht. Ich will aber mein Bestes geben, um am Ende zu sagen, dass ich alles versucht habe.