Zieht man, um dies beispielhaft zu erläutern, zwei Bodybuilder heran, zwischen denen kaum ein Vierteljahrhundert liegt, so wird bereits ohne große Umschweife deutlich, was gemeint ist.
Während Frank Zane in den 70er Jahren noch drei Mal den Mr. Olympia Titel gewinnen konnte, schaffte ein Markus Rühl gut ein Vierteljahrhundert später trotz eines immensen Zugewinns an Muskelmasse dieses Kunststück nicht annähernd. Insider mögen nun über Sponsoren-Geschacher philosophieren und damit wohl nicht gänzlich falsch liegen. Was aber zugegeben werden muss, ist der Punkt, dass Frank Zane für den Normalsterblichen noch als muskulös-ästhetisch verstanden werden kann, während der Bodybuilding-Fan mit leuchtenden Augen von einem Markus Rühl in Bestform schwärmen würde, der Herrn Zane physisch in den Schatten stellt. Viel mehr noch hätte Frank Zane heutzutage Probleme, den Erwartungen des anspruchsvollen Subkultur-Mitgliedes überhaupt auf regionaler Ebene gerecht zu werden. - Keine Entwicklung der Neuzeit. preview
Von Eugen Sandow zum Anti-Men's Health Model
Bereits zum Ende des 19. Jahrhunderts sorgte Eugen Sandow als The Great Show für Aufmerksamkeit unter der normalen Bevölkerung, indem er in Aufführungen unglaubliche Kraftleistungen vollführte und seinen Körper posierte. - Eine Zeit, in der Bodybuilding und Kraftleistungen noch ineinander verschlungen waren und auch bei ihrer Vorführung Hand in Hand gingen. Der Körper sollte nicht nur durch seine Physik Beachtung finden, sondern ebenso durch die vorgeführte Leistung für Begeisterung sorgen.Mit Bernarr Macfadden trat die nächste Person auf die Bühne der Bodybuildinggeschichte. Er rückte die physische Entwicklung nicht nur immer mehr in den Fokus, sondern brachte mit dem Phycical Culture das erste Bodybuilding-Magazin heraus. Und während Magazine heutzutage auf Werbeversprechen angewiesen sind, in denen mindestens einer der Phrasen 10kg mehr Muskelmasse oder 5kg weniger Körperfettanteil im Zusammenhang mit Textbausteinen wie garantiert und in nur wenigen Wochen angewiesen sind, gelang dem von Macfadden geförderten Angelo Siciliano, besser bekannt als Charles Atlas, in den 20ern der wohl bis heute größte Werbeclou der Bodybuildinggeschichte mit folgendem Comic.
Wen wundert es da noch, dass die Cover diverser Männermagazine (nein, nicht DIE Männermagazine, an die man zuerst denkt, weil man sie sich wegen den guten Artikel holt) inzwischen dieselben fragwürdigen Entwicklungen genommen haben, wie in den 70er Jahren Frauenmagazine: 20kg Muskelmasse in nur 4 Wochen aufbauen, während man gleichzeitig 5kg Fett abnimmt, den Weltfrieden herstellt und Carmen Electra einen Braten in die Röhre schiebt. Und auf der gegenüberliegenden Seite natürlich gleich das nötige Produkt in einer bunten Werbeanzeige, mit dem all dies möglich ist - in nur 3 Wochen!
Eine Welt der Superlative, fern von Men's Health Models, der verfettenden Masse und.. der Realität. - Dass dabei athletische Leistungen verkümmern und Übungen kastriert werden, ist nur einer von vielen Nebeneffekten, über die Außenstehende vermutlich nur verwundert den Kopf schütteln.
Ein Bundeswehroffizier der Kampfschwimmer kritisierte auf dem organisationseigenen Internetauftritt, dass viele junge Menschen nicht einmal die Anforderungen des Deutschen Sportabzeichens schaffen würden, einige Polizeien der Länder setzen ihre Anforderungen für Sporteinstellungstests herab und wer kritisch in den eigenen Bekanntenkreis schaut, kann sich eine individuelle Meinung um die allgemeine Leistungsfähigkeit bilden. Da scheint es fast schon symptomatisch, dass die Anforderungen für Sprung- und Sprint-Leistungen beim DSA bereits 2006 nach unten korrigiert wurden.
Und die Missstände werden durch gezieltes Hypertrophie-Training oftmals nicht ausgemerzt. Das etwas Gerätetraining zwar mögliche Rückenschmerzen behandeln kann, aber Curls und Co nichts an einer grundlegenden athletischen Konstitution ändern, steht dabei genauso außer Frage, wie der Punkt, dass eine Übungskastration ebenso wenig förderlich wirkt.
Kniebeugen, die beim Scheiben rauf packen mehr Bewegung erfordern, als die Tiefe beim eigentlichen Beugen; Curls, die zu Ganzkörperübungen mutieren; unzählige Crunch-Varianten, die so nützlich sind wie Eisbär-Köder am Südpol – die Liste könnte beliebig fortgeführt werden. Während so möglicherweise die Maximalkraft noch in Grenzen gefördert wird, verkümmern nicht nur die restlichen Komponenten der Kraft, sondern auch Ausdauer, Koordination, Reaktionsfähigkeiten und – wenn man, wie die meisten, den Wettkampf meidet – emotionale Stabilität in Belastungssituationen.
Barbell Complexes, Zirkeltrainings, Ketten, Bänder, Planks, Pistols.. - exotische Fremdwörter im Bodybuilding-Jargon.
Das reine Bodybuilding, wie es von immer mehr Trainierenden missverstanden wird, hat heutzutage längst einige Gedanken aus vergangenen Zeiten verloren.
Bodybuilding – Quo vadis?
Während der Laie in Profi-Bodybuildern nur Steroidemonster mit Muskeln aus Luft sieht, sind die eingangs angesprochenen gestiegenen Ansammlungen körpereigenem Eiweiß bei gleichzeitig gestiegenen Anforderungen an die Trockenheit des Athleten auf der Bühne nicht nur unabstreitbar, sondern sogar gewünscht.Die einstige Ästhetik des Golden Ages ist inzwischen soweit in den Hintergrund gerutscht, dass Posing-Küren, gut 100 Jahre nachdem Bernarr Macfadden den Grundstein dafür legte, im Profi-Bereich nicht einmal mehr in die Wertung gehen.
Bodybuilder sind wie Actionfiguren: Betrachtet man die letzten Jahrzehnte, so werden sie immer muskulöser, treiben den Superlativ in bisher nicht geahnte Dimensionen und gehen damit einen Weg, den andere längst verlassen haben.
Betrachtet man das vermeintlich weibliche Äquivalent, so wurde an Barbie bereits in den 90er Jahren nachgebessert, so dass ihre Proportionen natürlich wurden. Magermodels sind in den kritischen Fokus der Öffentlichkeit geraten und mit Kampagnen wie No ANOREXIA mit dem inzwischen verstorbenen Model Isabelle Caro gibt es zumindest erste Versuche hausgemachten Superlativen entgegen zu wirken, anstatt diese weiter zu fördern.
Bodybuilding dagegen tut sich immer noch schwer mit solchen Entwicklungen und beschreitet einen zwiespältigen Weg. Während man auf der einen Seite die olympische Anerkennung anstrebt, werden andererseits Vereinigungen, die sich dem naturalen Bodybuilding verschrieben haben, innerhalb der Subkultur oftmals mit Hohn und Spott bestraft.
Man könnte diesen Schritt fast schon als back to the roots bezeichnen und entsprechend normaler ist das Ergebnis auf der Bühne in solchen Verbänden – soweit innerhalb einer Subkultur von so etwas wie Normalität gesprochen werden kann, denn genau diese wird schließlich zu vermeiden versucht.
Auf Profi-Ebene stellt sich dagegen im größten Bodybuilding-Verband ein Bild dar, dass ohne Frage einen großen Leistungswillen erfordert, aber auch Grenzen überschreitet, die nicht nur den olympischen Gedanken widerstreben, sondern im Frauenbodybuilding teilweise die Grenzen einer Freakshow längst überschritten haben. Einer Rachel McLish würde es heutzutage ergehen, wie ihrem eingangs beschriebenen Pendant.
Bodybuilding durchbricht seit Jahren Grenzen, die zuvor noch unmöglich erschienen, ohne dabei ein wirkliches Ziel vor Augen zu haben. Und so opfert die Subkultur durch eine zunehmende innere Zersplitterung nicht nur ihre Identität, sondern verliert auch immer mehr den Schulterschluss zu einer umfassenden körperlichen Leistungsfähigkeit.
Bodybuilding - quo vadis?