Leider ist das nur die halbe Wahrheit. Unterhält man sich mit Insidern, so hört man immer wieder das Klagen über den fehlenden Nachwuchs. Diese Sorge wird gerne einmal vergessen, in Angesicht solcher Ausnahmetalente wie Tim Budesheim oder Kevin La Grutta, in der Breite sieht es aber leider sehr dünn aus. Noch gravierender als bei den Männern, ist es bei den Frauen. Nachwuchs für die Bodybuildingklassen der Frauen zu finden, ist in ungefähr so einfach, wie in Frankreich ein anständiges Bier zu bekommen.
Wie passt das nun zusammen? Ich denke, dass das viel mit veränderten Vorbildern zu tun hat.
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Für die meisten jungen Menschen ist eben der Körper einer Iris Kyle oder eines Kai Greene nicht erstrebenswert. Man wünscht sich einen "gut trainierten Body", also sichtbare Muskeln, eine gute Definition, aber keine Auswüchse, die ein normales gesellschaftliches Leben beinahe unmöglich machen.
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Während andere Klassen einige Jahre brauchten, bis sie auf einem wirklich hohen Niveau waren (Classic Boddybuilding, Bikini), war die Men's Physique schon in der ersten Saison eine sehr leistungsdichte Klasse, was sich in Frühjahrssaision 2014 fortsetze. Mehr noch: Schaut man sich die Athleten an, so sind das keineswegs irgendwelche Diskopumper, die keine Beine haben und da oben den Affen machen. Auch wenn bei einigen die Beinentwicklung dem Oberkörper hinterher hängt, so sind dies alles sehr gute Athleten, die zum Teil auch durchaus in den Männerklassen stehen könnten, aber darauf schlicht keine Lust haben.
Sie haben keine Lust auf Posingslip, Kür etc., sie wollen einfach ihren Body präsentieren und fertig. Das sollte man berücksichtigen, wenn man den weiteren Umgang mit dieser Klasse bespricht:
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Die Men's Physique ist keine Einstiegsklasse.
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Ungewöhnlich früh hat man diese Entwicklung in der IFBB erkannt. Die neu eingeführten Klassen Bikini und Men's Physique sind hier ein klares Indiz. Und eben genau diese Klassen sorgen häufig für Unstimmigkeiten. Für die einen hat das nichts mit Bodybuilding zu tun, wird abwertend und spöttisch betrachtet, für die anderen ist das die Zukunft des Sports. Das große Problem: Beide haben irgendwo Recht und für eine goldene Zukunft unseres Sports muss man beide Parteien an einen Tisch bringen und ihre Argumente anhören. Dies soll in diesem Artikel geschehen, wobei ich, nach dem Benennen der Argumente beider Seiten, deutlich meine eigene Position vertreten werde.
Anmerkung: Wer keine Lust auf diese Debatte hat, den bitte ich beim zweiten Teil wieder einzusteigen, denn dieses Anliegen kann und muss man, auch bei abweichender Meinung zu den "neuen" Klassen, diskutieren.Streitpunkt #1: Die Tradition
Für viele Gegner der neu eingeführten Klassen, widersprechen diese dem ursprünglichen Sinn von Bodybuilding. Diese Aussage führt uns aber zu einem viel tiefgreifenderen Problem: Was ist denn der ursprüngliche Sinn von Bodybuilding?Gehen wir vom Wortsinn aus, geht es im Bodybuilding darum, den eigenen Körper aufzubauen und eine Form zu geben. Die ersten Bodybuilder der Neuzeit, zeitlich anzusiedeln um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert, rund um Eugen Sandow, verschrieben sich zumeist dem griechischen Ideal. Antike Athleten wie Milon von Kroton vereinten Athletik, Kraft und Muskulösität auf eine Weise, die man nachzuahmen versuchte.
Nehmen wir diese Körper als Ausgangspunkt, dann ist jede Kritik an der neu eingeführten Men's Physique unangebracht, zumal auch spätere Athleten, wie Frank Zane, Bob Paris und viele andere die Ästhetik als höchstes Gut ihres persönlichen Verständnisses von Bodybuilding betrachteten. Sicherlich lässt sich über die Länge der Hosen und die Art der Präsentation lange streiten, doch ist das eine Debatte auf einer anderen Ebene, dazu später mehr.
Erinnert sich noch jemand an Rachel McLish? Rachel wurde 1980 die erste Ms. Olympia, mit einem Körper, der sich nicht großartig von dem einer heutigen Bikini-Athletin unterscheidet.
Nun gehört es zur Natur des Menschen, immer nach mehr zu streben. Das ist grundsätzlich gut, nur so konnte der Mensch sich derart entwickeln, wie er es getan hat. Dieses Streben machte natürlich auch vor unserem Sport nicht halt. Vergleicht man Larry Scott mit Ronnie Coleman und Rachel McLish mit Iris Kyle, weiß man, wovon ich rede. Doch ist das eine Besonderheit des Bodybuildings? Und muss nicht vielleicht manchmal auch eingegriffen werden, um zu extreme Auswüchse zu unterbinden? In anderen Sportarten finden wir so etwas durchaus: Im Schwimmen wurden erst kürzlich die Ganzkörperanzüge verboten, in der Formel 1 werden beinahe jährlich neue Einschränkungen eingeführt.
Es geht mir nicht darum, unserem Sport Fußfesseln anzulegen. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass die Ablehnung neuer Klassen mit dem Verweis auf die Tradition an dieser Stelle einfach unpassend ist.
Streitpunkt #2: Die Präsentation, bzw. die Frage "Ist das überhaupt Sport?"
"Nuttig", "billig", "pornös", das sind in etwa die Beschreibungen, mit denen Kritiker gerne die Bikiniklasse betiteln. Kritisiert werden Präsentation und der "Zwang" zu schönheitschirurgischen Eingriffen. Hat das überhaupt noch etwas mit Sport zu tun?Hier sind wir wieder in einem Bereich, der viel davon abhängt, wie man bestimmte Präsentationsformen individuell bewertet. Fangen wir vielleicht mit der letztgenannten Frage an: Hat das noch etwas mit Sport zu tun? Das kann man noch weiter zuspitzen: Ist Bodybuilding überhaupt Sport? Was ist Sport denn überhaupt? Einer der renommiertesten Forscher auf dem Gebiet der Sportwissenschaft, Prof. Dr. Claus Tiedemann, definiert Sport wie folgt:
"Sport" ist ein kulturelles Tätigkeitsfeld, in dem Menschen sich freiwillig in eine Beziehung zu anderen Menschen begeben mit der bewussten Absicht, ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten insbesondere im Gebiet der Bewegungskunst zu entwickeln und sich mit diesen anderen Menschen auf Grundlage der gesellschaftlich akzeptierten ethischen Werte nach selbstgesetzten oder übernommenen Regeln zu vergleichen.Leider ist in der Praxis oft der Trend zu erkennen, sich wirklich "nuttig" zu präsentieren, wobei ich mir nicht sicher bin, ob das den Athletinnen wirklich so bewusst ist. Berüchtigt ist in der Bikiniklasse ja die "Darmspiegelungs-Pose", bei der bei einigen Athletinnen einem nur ein Fitzelchen Stoff den direkten Durchblick bis wahlweise Dünndarm oder Gebärmutter verhindert. Das sieht weder ästhetisch aus, noch präsentiert es den eigenen Körper optimal. Hier sind die Coaches und auch die Judges gefragt, solche Auswüchse zu unterbinden.
Wie sieht es nun mit dem Vorwurf aus, dass man ohne schönheitschirurgische Maßnahmen in dem Sport keine Chance hat. Das ist nicht von der Hand zu weisen. Wir reden von einer Präsentationssportart, die eben auch, bzw. vor allem davon lebt, sich selbst möglichst ansprechend zu verkaufen. Dazu gehört für die meisten Menschen bei einer Frau eben auch Oberweite, was dummerweise in fast allen Fällen mit der gewünschten Form, also dem angestrebtem Körperfettanteil kollidiert. Entsprechend wird nachgeholfen.
Ich möchte das nicht pauschal verurteilen, zumal ich anmerken muss, dass ich persönlich hier in der Regel keine optische Beeinträchtigung erkennen kann. Man darf das aber durchaus kritisch betrachten. Ich denke, man sollte das sogar tun.
Wenn auf internationalen Amateurwettkämpfen schon fast alle Juniorinnen mit "Tuning" glänzen wollen, geht das in eine bedrohliche Richtung, die aber nicht nur auf unseren Sport beschränkt, sondern vielmehr ein gesamtgesellschaftliches Phänomen ist. In zu extremen Fällen sollte man hier jedoch seitens der Judges ein klares Statement setzen: In erster Linie sollte es um einen sportlich-trainierten Körper gehen, um eine attraktive Gesamtausstrahlung und nicht um die Frage, ob die Hupen E oder EE haben.
Hat man dann gleiche Chancen? Nein, natürlich nicht! Um es hart auszudrücken: Wer selbst mit 2kg Schminke noch eine Hackfresse hat, sorry, aber der wird in dem Sport nichts erreichen. Das mag dann für Einzelne traurig sein, aber so ist es eben. Wenn ich nur 1,60 cm groß bin, wird es eben mit der Karriere als Basketballer oder Volleyballer nix werden, so ist das nun einmal.
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Die Bikiniklasse ist mehr als eine Schönheitskonkurrenz. Die Pflichtposen zielen durchaus darauf ab, den Judges zu ermöglichen, die muskuläre Entwicklung bestimmter Bereiche und die allgemeine Konditionierung zu bewerten. Damit ist aus meiner Sicht das entscheidende Kriterium für einen Präsentationssport erfüllt.
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In der Theorie gibt es klare Vorgaben für die Posen und deren Bewertung, nur sind diese den wenigsten Zuschauern bekannt, sodass hier eine mangelnde Transparenz herrscht. Anzumerken ist aber auch, dass man teilweise den Eindruck gewinnt, dass viele Judges mit der Wertung der neuen Klasse noch ihre Probleme haben, was menschlich ist, aber in absehbarer Zeit abgestellt werden sollte.
Streitpunkt #3: Die Bewertung
Dieser Punkt ergibt sich zumeist aus den beiden erstgenannten. Wo Bewertungsrichtlinien unklar sind und oftmals der Eindruck entsteht, dass man sich an Trends orientiere, nicht an klaren und für alle transparenten Regeln, ist der Boden für Unstimmigkeiten und Unzufriedenheit gesät. Es wäre wünschenswert, dass die Bewertungskriterien viel prominenter benannt würden, sodass sie jedem Zuschauer gegenwärtig sind.Anzumerken ist jedoch, dass dieser Streitpunkt keineswegs nur in den beiden besagten Klassen beheimatet ist. Man denke nur an die Debatten über den aktuellen Zweikampf um den Bodybuildingthron zwischen Kai Greene und Phil Heath. Eine Präsentationssportart hängt eben vom Juryurteil ab und das ist, egal, was irgendjemand vorgibt zu sein, nie objektiv.
Streitpunkt #4: Das Verdrängen etablierter Klassen, bzw. die Inflation der Klassen allgemein
Die Arnold Classic 2014 fand dieses Jahr ohne eine Entscheidung im Frauenbodybuilding statt, dafür aber mit einer Entscheidung in der 212 und es ist anzunehmen, dass wir in absehbarer Zeit auch Entscheidungen in der Women's Physique und der Men's Physique sehen werden.Die neu etablierten Klassen scheinen zumeist zulasten des Frauenbodybuildings zu gehen. Gerade auf professioneller Ebene findet man kaum noch Shows für die FBBs, wohingegen die Zahl der Bikini- und Men's Physique-Shows jährlich steigt.
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Die neu eingeführten Klassen nun aber verantwortlich für das Aussterben des Frauenbodybuildings zu machen, zeugt nur von der Verwechslung von Grund und Korrelat ("cum hoc ergo propter hoc").
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Spätestens seit der letzten O sollte aber auch dem letzten Traditionalisten klar geworden sein, dass ein Präsentationssport nicht nur von der Präsentation auf der Bühne am Tag X, sondern auch der Präsentation allgemein, das ganze Jahr über, lebt.
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Der Prototyp einer neuen Generation von Athleten, die genau das begriffen haben und für sich nutzen ist sicherlich Dana Linn Bailey. Wie keine Zweite erzeugt sie einen riesen Hype um sich, macht sich zum Zugpferd einer ganzen Klasse und krönt sich zur Königin einer Klasse, noch bevor diese zum ersten Mal offiziell gekürt wurde.
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Im Hinblick auf eine weitere Öffnung des Sports sind Top-Athletinnen, die auf ihren Websites mit erotischem Wrestling und anderen Spezialitäten werben, sicherlich nicht sehr hilfreich. Und ohne nun jede FBB in diese Ecke rücken zu wollen, so ist die Häufung doch auffällig.
Ungeachtet dessen ist natürlich eine Inflation der Klassen festzustellen und das ist alles, nur nicht unproblematisch. Das Ergebnis sind nämlich aufgeblähte Riesenveranstaltungen von mehr als zwölf Stunden, die kein normaler Zuschauer erträgt. Will man die Zukunft des Sports sicherstellen, muss man sich Gedanken machen, wie man diesem Problem begegnet, vor allem dann, wenn man es durch die neuen Klassen schafft, den aktuellen Fitnessboom dafür zu gebrauchen, die Starterzahlen zu erhöhen.
Bild: Matthias Busse | Matthias Busse | Matthias Busse