Wie die meisten anderen Prohormon-Studien, so ist auch die Arbeit von Broeder et al.10 im Jahr 2000 erschienen.
Es wird hier wie in der zuletzt beschriebenen Studie die Wirkung von Androstendiol mit der von Androstendion verglichen. Doch ist dies wieder eine Studie, in der ein ziemlich großer Aufwand betrieben worden ist.

Das Design kann wie folgt beschrieben werden:
  1. Es nahmen insgesamt 50 Männer im Alter von 35 bis 65 Jahren an der Studie teil.
    Diese wurden in drei Gruppen aufgeteilt:
    • 200 mg Androstendion/Tag (15 Männer)
    • 200 mg Androstendiol/Tag (17 Männer)
    • Placebo (18 Männer)
  2. Androstendion, Androstendiol und Placebo wurden insgesamt 12 Wochen lang verabreicht. Die Einnahme erfolgte in zwei Dosen zu je 100 mg morgens nach dem Aufstehen und vor dem Schlafengehen.
  3. Alle Probanden nahmen an einem standardisierten 12-wöchigen Krafttrainingsprogramm teil.
  4. Vor Beginn und zum Ende der Studie wurden bei allen Teilnehmern Blutproben entnommen. Zusätzlich wurde bei einem Teil der Probanden auch nach einem und nach zwei Monaten Blut abgenommen. Die Blutproben wurden u.a. auf verschiedene Hormone und Blutfettwerte untersucht.
  5. Zu Beginn und am Ende der Studie wurde die Körperzusammensetzung (also Körperfett & Co.) bestimmt.
Betrachten wir nun zuerst die Hormone. Während in der zuletzt beschriebenen Studie die Wirkung einer Einmaldosis untersucht wurde, wird hier nun die Langzeitwirkung analysiert. Dementsprechend fanden die Blutuntersuchungen auch nicht kurz nach der Einnahme von Androstendion, Androstendiol oder Placebo statt, sondern wenigstens 12 Stunden später.

Die folgende Tabelle gibt einen Überblick darüber, wie die Werte verschiedener Hormone vor und nach den 12 Wochen in den drei Gruppen ausgesehen haben.



In der Androstendion- und der Androstendiolgruppe stiegen die Werte aller Hormone signifikant an, außer denen für Gesamttestosteron und freies Testosteron.

So steigt Östradiol in der Androstendiongruppe um 92,1 % von 34,11 auf 65,51 pg/ml. Wenn man die obere Grenze des physiologischen Bereiches mit 60 pg/ml annimmt, so ist der Wert demnach etwas zu hoch.

Interessant, dass Östradiol auch in der Androstendiolgruppe signifikant steigt, um 57,4 % von 38,71 auf 60,91 pg/ml.
Das ist deshalb erstaunlich, weil von Androstendiol sonst behauptet wird, dass es nicht zu Östradiol aromatisieren kann. Das soll deshalb der Fall sein, weil das Aromatase-Enzym eine Ketogruppe an Position 3 haben möchte, und Androstendiol dort aber eine Hydroxygruppe besitzt. Eine Umwandlung von Androstendiol zu Östradiol soll daher nur über Testosteron möglich sein.
Die Ergebnisse hier widersprechen dem, da Östradiol deutlich erhöht ist, Gesamttestosteron und freies Testosteron jedoch nicht. Es scheint daher doch noch einen anderen Weg von Androstendiol zu Östradiol zu geben, als den über Testosteron.

Auch Östron steigt signifikant – in der Androstendiongruppe um 46,8 % und in der Abdrostendiolgruppe um 55,4 %.

Wie erwartet, ist der deutlichste Anstieg von Androstendion in der Androstendiongruppe zu finden. Gegenüber dem Ausgangswert sind es 182,5 %. Doch auch in der Androstendiolgruppe erhöht sich der Wert um 63 %. Damit bestätigt sich ein Ergebnis der letzten Studie (Earnest et al.), denn auch dort wurde Androstendiol eher zu Androstendion umgewandelt, als zu Testosteron.

Interessant ist auch, was sich bei DHEA(-Sulfat) tut. Anstieg um 63 % durch Androstendion und um 216,7 % durch Androstendiol.
Demnach scheint es einen Weg von Androstendion zurück zu DHEA zu geben und einen noch breiteren Weg, der von Androstendiol zu DHEA führt. preview

Während bei allen Probanden vor Beginn und am Ende der Studie je eine Blutprobe abgenommen wurde, erfolgte dies bei insgesamt zwölf Telnehmern auch nach dem ersten und dem zweiten Monat. Und es ist recht interessant zu sehen, wie sich die Hormone zwischen Anfang und Ende der Studie entwickelt haben.

In den folgenden Grafiken aus der Originalstudie ist die Entwicklung von Gesamttestosteron, freiem Testosteron und Östradiol über die drei Monate (für die 12-köpfige Gruppe) dargestellt. Man lasse sich dabei nicht durch die Einheiten (nmol/l und pmol/l statt ng/ml und pg/ml) irritieren. Interessanter ist hier der Verlauf der Kurven.

Zunächst die Grafik, in der der Verlauf des Gesamttestosterons für die drei Gruppen dargestellt ist.



Betrachtet man die Kurve der Androstendiongruppe (Dione), so fällt auf, dass Gesamttestosteron nach einem Monat um 16 % gegenüber dem Ausgangswert erhöht ist. Nach 2 Monaten sind dies noch 8 % und noch einen Monat später ist der Wert wieder auf das ursprüngliche Niveau gefallen und Androstendion, Androstendiol und Placebo liegen in etwa gleichauf.
Gleichzeitig wurde (in der Androstendiongruppe) ein Rückgang des LH-Wertes beobachtet. Gegenüber dem Ausgangswert um 33 % nach einem Monat, um 28 % nach zwei Monaten und um 18 % nach drei Monaten.
Dieser Rückgang von LH soll nach Meinung der Autoren die Verminderung von Gesamttestosteron nach dem 1. Monat erklären. Der LH-Rückgang selbst wird auf den inhibierenden Einfluss zurückgeführt, der durch den erhöhten Östradiolspiegel entsteht.

Die nächste Grafik zeigt den Verlauf des freien Testosterons.



In der Androstendiongruppe steigt das freie Testosteron zunächst leicht um 4,2 %, kehrt dann etwa auf den Ausgangswert zurück und liegt nach drei Monaten 15,4 % niedriger, als der Ausgangswert.
Anders die Kurve in der Androstendiolgruppe. Hier bleibt das freie Testosteron zunächst 2 Monate lang auf gleichem Niveau, um dann auf einen Wert zu steigen, der ca. 13 % über dem ursprünglichen Niveau liegt.

Schließlich noch die Grafik für den Verlauf von Östradiol.



Beim Östradiol fällt der schnelle und deutliche Anstieg in der Androstendiongruppe auf. Nach einem Monat hat sich der Wert um ca. 94 % erhöht und hält sich danach auf diesem Niveau.
Interessant ist hier die Entwicklung des Östradiols bei Gabe von Androstendiol. Nach einem Monat hat sich das Östradiol um ca. 27 % erhöht, sinkt dann etwas, so dass es nach 2 Monaten noch ca. 17 % über dem Ausgangswert liegt und steigt danach deutlich an - um ca. 45 % gegenüber dem ursprünglichen Niveau.

Vergleicht man für die Androstendiolgruppe den Verlauf des freien Testosterons und den des Östradiols, so stellt sich die Frage, ob die Östradiolerhöhung nicht doch mit dem Anstieg des freien Testosterons zu tun hat. Das meinen zumindest die Autoren der Studie.

Schaut man sich dann aber die Zahlen in der letzten Tabelle an, in der die Hormonwerte vor und nach den zwölf Wochen dargestellt sind, so stellt man fest, dass in der Androstendiolgruppe der Wert für freies Testosteron gerade mal von 17,77 auf 18,32 pg/ml anwächst – das ist eine Steigerung von 3 %, die jedoch mit einer Erhöhung des Östradiols von 57,4 % einhergeht.

Interessant ist auch der Vergleich mit der Wirkung von Testosteron-Enantat auf den Östradiolspiegel.
Ein Blick auf die Grafiken oben zeigt, dass nach dreimonatiger Einnahme von Androstendiol bei einem Wert für freies Testosteron von ca. 64 pmol/l ein Östradiolwert von ca. 240 pmol/l erreicht wird.
In einer der vielen "Pille-für-den-Mann"-Studien werden 200 mg Testosteron-Enantat pro Woche injiziert. Der Wert für freies Testosteron liegt nach 16 Wochen so ca. zwischen 110 und 120 pmol/l, während sich der Östradiolwert gleichzeitig zwischen 170 und 190 pmol/ befindet.
Nach Injektion von Testosteron-Enantat führt (im Vergleich zu Androstendiol) ein deutlich höherer Wert für freies Testosteron also zu einem deutlich niedrigeren Wert für Östradiol.
Die Erklärung des Östradiolanstieges über den Anstieg des freien Testosterons in der Androstendiolgruppe erscheint mir daher recht unwahrscheinlich.

Schauen wir nun, wie sich die Körperzusammensetzung unter dem Einfluss von Training oder Training plus Androstendion / Androstendiol verändert hat:



Die Veränderungen lassen den Einfluss des Trainings erkennen:
  • In der Placebogruppe hat die fettfrei Masse um 0,7 kg zugenommen und das Körperfett um 0,4 kg abgenommen.
  • Bei den Androstendion-Probanden steigerte sich die fettfreie Masse um 1,8 kg, jedoch nahm hier auch das Körperfett um 1,7 kg zu.
  • In der Androstendiolgruppe schließlich stieg die fettfreie Masse um 0,9 kg, während das Körperfett um 0,1 kg zunahm.
Damit unterschieden sich weder Androstendion noch Androstendiol signifikant von Placebo.

Alle Teilnehmer trainierten an drei Tagen pro Woche. Ein Training dauerte ca. 75 min und es waren fast alle gängigen Übungen für alle Muskelgruppen dabei. Das Training wurde überwacht von Personal Trainern und jeder Teilnehmer erhielt einen Trainingsplan, in dem genau beschrieben war, welche Übungen mit wie vielen Sätzen und wie viel Gewicht durchzuführen waren. Die Ergebnisse wurden detailliert aufgezeichnet.

Die folgende Tabelle zeigt beispielhaft für zwei Übungen den Fortschritt:



Signifikante Unterschiede zwischen Placebo, Androstendion und Androstendiol gab es nicht.

Schauen wir nun noch, was sich bei den Blutfettwerten getan hat. In der nächsten Tabelle werden die Änderungen bei HDL-C gezeigt, dem guten Cholesterin:



Es ist erkennbar, dass HDL-C sowohl bei Androstendion, als auch bei Androstendiol gefallen ist, während bei Placebo ein Anstieg zu verzeichnen war.
So dramatisch will mir dies nun allerdings nicht scheinen, denn im Referenzbereich liegt jeder Wert, der > 35 mg/dl ist.

Es gibt da eine Formel, mit der man das Lipid-Risikoprofil berechnen kann, diese lautet: (LDL-C/HDL-C) / (apo A/apo B)
Das tun die Forscher dann hier noch und kommen darauf, dass sich dieses Risiko bei Placebo um 12,3 % vermindert hat, während es bei Androstendion um 10,5 % und bei Androstendiol um 5,2 % gestiegen ist.
Ich würde dies jetzt allerdings nicht überbewerten – würde man die gleichen Werte nach einer Winstrol-Kur in das Computerprogramm der Forscher eingeben, so käme wahrscheinlich ein Wert heraus, der gegen Unendlich geht, oder das Programm würde sich gleich mit einer "Divison by Zero" verabschieden.

Fazit aus dieser Studie:

In einer Dosierung von 200 mg/Tag scheinen Androstendion und Androstendiol keinen Einfluss auf die Körperzusammensetzung oder die Entwicklung der Muskelkraft zu haben.

Bei den Hormonen sieht es noch ungünstiger aus:
  • Androstendion erhöht Testosteron etwas, jedoch nur zeitweise, Östradiol dagegen steigt über den gesamten Zeitraum erheblich deutlicher.
  • Und bei Androstendiol ist es kaum besser. Gesamttestosteron scheint völlig unberührt, freies Testosteron geht evtl. etwas nach oben, aber Östradiol erhöht sich viel deutlicher.
Wenn ich hier einen Erklärungsversuch machen soll, so würde ich sagen, dass die enzymatischen Vorgänge in den peripheren Geweben eher darauf ausgelegt zu sein scheinen, Östradiol (oder andere Östrogene) zu produzieren, als Testosteron.
Das sollte aber eigentlich auch nicht erstaunen – bei Männern wird Testosteron zu 95 % in den Hoden gebildet, Östradiol dagegen entsteht zu 80 % durch Aromatisierung in den peripheren Geweben.

Sind also Androstendion und Androstendiol allenfalls dazu geeignet, die Werte diverser Östrogene zu erhöhen? Was die oralen Varianten angeht, so muss die Antwort wohl leider "ja" heißen. Das letzte Wort dazu ist allerdings noch nicht gesprochen – man warte mal die nächste Studie ab.