
Wann und wo
Jedes Wochenende, überall auf der Welt, von Los Angeles bis Hong Kong. Die Hauptseite crossfit.com gibt darüber Aufschluss, eine rechtzeitige Planung ist notwendig, da grade in den USA und Europa das Mehr der angebotenen Seminare früh ausgebucht ist. Ich habe Glück gehabt und konnte meinem spontanen Impuls wenige Tage vor Kursbeginn noch nachgehen. Die Betreuung durch die Zentrale war schnell und freundlich.Boxen müssen hohe Anforderungen erfüllen, um Level-1-Seminare zu hosten, u. a. 460 m² Trainingsfläche, 30 Parkplätze, 4 Bäder und 65 Medizinbälle zur Verfügung stellen. In Deutschland erfüllen diese Voraussetzungen nur die Affiliates in Frankfurt und Nürnberg, wohin es auch mich verschlagen hatte. Für alle Nicht-Süddeutschen bedeutet das also lange Anfahrten und zusätzliche Übernachtungskosten.
Die Kosten
Das Level-1-Seminar kostet jederorts und jederzeit 1.000 $. Je nach Wechselkurs schwankt der Preis also aus Europäer-Sicht um 100 - 200€, falls dies Entscheidungen der Zögerer beeinflussen sollte. Zu meiner Zeit habe ich ca. 750 € gezahlt, na ja, für eine Trainer-Lizenz nichts auffallend Unverschämtes. Für eine Nachprüfung im Falle des Nichtbestehend werden weitere 150 $ fällig. Spezialkurse, von denen es mittlerweile zahlreiche gibt, z.B. Olympic Weightlifting, Kettlebell, CrossFit Kids bis hin zu Ausdauer- und Mobilitytraining, dürfen mit bestandenem Level-1 absolviert werden und bewegen sich preislich zwischen 300 und 1.000 $.Die Trainerzertifizierung verliert nach 5 Jahren ihre Gültigkeit und muss dann zur Hälfte des Ursprungspreises aufgefrischt werden. So kommt (Glass)man zu Geld!
Der Umfang
Es handelt sich beim Level-1-Kurs um ein Wochenendseminar. Samstag geht's um 9.00 Uhr los, die Lehrveranstaltung endet um ca. 17.00 Uhr. Es folgt ein "Socialising" mit den Kursleitern und –teilnehmern – im Wesentlichen kollektives Trinken, Bier wird gestellt. Der Sonntag umfasst weitere 8 Stunden incl. 60-minütiger Abschlussklausur.Die Teilnehmer
Ohne gezählt zu haben, schätze ich unsere Gruppenstärke auf 30, das ist Mittelmaß. Bis zu 80 Personen in einem Kurs sind möglich. Unter uns interessierte CrossFitter, bereits aktive Coaches (was im Prinzip nur halblegal ist), Kampfsportler, Eishockeyprofis und diverse, die einfach neugierig waren. Auf die Frage, wer tatsächlich noch nie selbst CrossFit trainiert hatte, erhoben sich durchaus Hände.Auch die Herkunft variierte und unter den natürlich mehrheitlich Deutschen fanden sich z.B. Österreicher, Niederländer und ein paar Jungs aus Zypern. Der Kurs wird, so viel vorweg, ohnehin immer in Englisch gehalten. Wer also hier im Grundstoff der Schulzeit stecken geblieben ist, wird sich zwei Tage lang eher unbehaglich fühlen.
Die Dozenten
Seminare werden von sog. Level-4-Coaches abgehalten – so zu sagen die höchstmögliche Sprosse auf der CrossFit-Karriereleiter. Die Jungs und Mädels haben garantiert den besten Job der überhaupt vorstellbar ist, reisen Woche für Woche um den Globus, unterrichten Ihresgleichen und bekommen immer den neusten Reebok-Stoff for free.Wer Glück hat, kommt im Seminar eines Starathleten unter. Ist bei mir nicht eingetreten, zufrieden bin ich dennoch auf ganzer Linie. Mein Level-1 wurde von einem 5-köpfigen Team gehalten: Ein Coach, der direkt bei der gastgebenden Box Reebok CrossFit Nürnberg arbeitete, eigentlich ein in Deutschland stationierter Soldat der US-Army, augenscheinlich einstelliger BMI, tätowiert bis über beide Ohren, staubtrockener Humor. Zwei eher besonnene Box-Owner aus Groß Britannien und ein semantisch überragender Amerikaner, früherer Feuerwehrmann und heute Owner einer Box in der Nähe von Amsterdam. Einzig deutschsprachiges Crewmitglied war der Inhaber der bereits genannten Frankfurter Einrichtung, der btw auch den wenigen weiblichen Teilnehmern einen optischen Mehrwert bot.
Die Inhalte
Das Wochenende besteht zu etwa 70 % aus Theorie- und 30 % Praxisunterricht. Erstgenanntes ist, wie man es vom CrossFit kennt, sehr stark, unendlich stark von Spirituellem geprägt. Die ersten ein bis zwei Stunden versuchen sich an einer Definition der Sportart (ich nenne sie jetzt einfach mal so), und da diese schwerlich möglich ist, erinnert das Ganze eher an eine Werbeveranstaltung als an wirklichen Unterricht. Immerhin ist diese aber charmant überbracht.Interessant sind die theoretischen Erläuterungen zu den Grundübungen inklusive Livevorführung durch die Lehrkräfte. Klar ist das alles nichts Nochniedagewesenes, aber auslernen tut man ja nie.
Neuigkeiten taten sich insbesondere in der sich anschließenden Sonntagseinheit zum Thema Programming auf. Der Ernährungspart wurde nur kurz angeschnitten und thematisierte vor allem die – nur Gott weiß warum – im CrossFit so gehypte Zone Diet. Insgesamt wurde hier aber wohltuend sparsam propagiert – für jemanden wie mich, dessen Hals bei übertriebenem Schwarz-Weiß-Denken in Essensfragen auf die dreifache Größe anschwillt, also sehr angenehm.

Im Praxisunterricht wurden wieder die Hauptbewegungen in Gruppenübungen bis auf die Mandeln auseinandergenommen. Die meiste Energie steckte die Gruppenleitung hierbei in den Airsquat, eine Übung, wie man sie doch vermeintlich täglich nach dem Toilettengang instinktiv ausführt. Denkste! Man kann sich hier bis zur Unendlichkeit ins Detail verlieren, so dass schnell eine Stunde verstrichen ist.
Den ja so viel komplexeren Lifts wurde im Vergleich für meinen Geschmack zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Immerhin wurden auch Grundlagen der Korrektur gängiger Fehler und der Pädagogik vermittelt. Und auch die Muscle Up-Progression aus der Sonntagseinheit war ein nettes Mitbringsel vom Level-1-Wochenende. Dem einen oder anderen Teilnehmer gelang gar in den beeindruckenden RCFN-Hallen sein erster.
Ein kurzes WOD wurde an beiden Tagen ebenfalls eingefordert, ich erinnere mich an Thruster, Burpees, Sit ups und Medball Cleans.
Die Prüfung
Entgegen dessen, was man vermuten möchte, ist der Abschlusstest gar nicht geschenkt! Das war zumindest mir schon zuvor bewusst, nachdem studierte Menschen meines Umfeldes im Erstversuch gescheitert waren. Die Prüfung ist Multiple Choice – kommt ja auch aus Amerika.55 Fragen, von denen 5 unbekannte nur zur Probe aufgenommen sind und nicht in die Bewertung einfließen. Sprache ist wiederum Englisch, auf vorherige Bestellung kann auch eine deutschsprachige Version ausgeteilt werde. Hierbei handelt es sich jedoch um eine holprige Google Translator-Übersetzung, ich würde davon also eher abraten. Der Kulanz unserer Crew ist zu verdanken, dass wir jeweils beide Sprachen erhalten durften.
Abgefragt wurde Wissen aus den Themenblöcken allgemeine Definitionen, bzw. das Wesen des CrossFit-Trainings, Bewegungsstandards und Ernährung. Fairerweise hatten die Dozenten am Samstag darauf verwiesen, auch die in der Veranstaltung nicht behandelte Theorie zur Rhabdomyolysis noch einmal in Augenschein zu nehmen. Tatsächlich ist die Angst vor der Selbstvergiftung durch hochintensives Muskeltraining außerhalb des CrossFit-Paralleluniversums weitgehen unpräsent.
Viele Fragen haben mich persönlich doch sehr irritiert, insbesondere die Körperzeichnungen, auf denen Ausführungsfehler zu identifizieren waren, erschienen mir doppeldeutig. Besonders unangenehm war, dass für die am Ende doch zahlreichen Korrekturen jeweils ein Radiergummi von der Prüfungsaussicht erbeten werden musste. Warum dieser nicht jedem Teilnehmer ausgehändigt wurde, bleibt ungewiss.
So war ich dann – auch, weil ich leider nicht zu der wie in jeder schulischen Veranstaltung existenten Strebergruppe, die das 115 Seiten starke Begleitheft am Vorabend auswendig gelernt hatten, gehörte – nach Abgabe meiner Unterlagen nur mäßig optimistisch. Das positive Testergebnis, dass etwa anderthalb Wochen später per Email eintraf, erleichterte mich wirklich. Das Originalzertifikat trudelte zwei Monate später mit einem Brief aus Kalifornien bei mir zu Hause ein.
Das Gesamturteil
Ich war ohne irgendwelche Erwartungen angereist außer der, ein unvergessliches Wochenende zu verbringen und coole Leute kennenzulernen. Diese wurde mehr als erfüllt! An die zwei Tage in Nürnberg werde ich immer in voller Freude zurück denken. Ich hatte im Nachgang wieder diverse Facebook-Freunde mehr in meinem Account, und selbst mit einigen Dozenten stehe ich bis heute im Email-Kontakt – trotz der Massen an Jünger, die sie jobbedingt vermutlich einsammeln, antworten sie immer schnell und freundlich.Ja, niemand geht als fertiger Coach aus einem zweitägigen Kurs; Und schon gar nicht als solcher, der "Lifes improven" kann, wie es der Feuerwehrmann so bedeutsam formulierte. Das kann nur mit der Zeit kommen und mit der Praxis. Und dennoch befähigt dieses Zertifikat dazu, offiziell. Und das nur aus folgendem Grund: CrossFit braucht Massen, keine Eliten, die den Namen weitertragen und das System vergrößern. Nur so fließt am Ende Geld, also das, worum es geht, wie immer und überall im Leben.
Für das Level-1-Seminar gebe ich also allen sportlich Interessierten und Begeisterten eine uneingeschränkte Weiterempfehlung ab. Seid offen, genießt die Stunden, saugt auf, und ihr werdet eine tolle Zeit haben! Genau wie ich.

Bilder: AngryJulieMonday | Crossfit Fever Games | Amy Selleck