CrossFit – viele Stärken, aber NICHT vollkommen und die Probleme der Fitnessszene

Wer bis hier her alles gelesen hat, der könnte nun der Meinung sein, dass ich ein absoluter Verfechter von CrossFit bin. Ich kann mir sogar vorstellen, dass auch einige "Hardliner" der CrossFit-Bewegung sich über diese Artikelreihe freuen und besonders die Stärken heraus nehmen, um aufzuzeigen, dass CrossFit "vollkommen" ist…

Sorry, spätestens jetzt nehme ich euch den Wind aus den Segeln. So wie ich für mich erkannt habe, dass das Isolationstraining einige "Schwächen" in seinem Trainingsansatz mit sich bringt, so tut dies auch CrossFit. Es beginnt damit, dass fitnessorientierte Sportler in der Box tot gemacht werden, weil der Trainer das Prinzip des Skalings nicht verstanden hat.
    Dass der Trainer das Prinzip der Trainingsmethode oder Philosophie nicht verstanden hat, ist im Übrigen kein Problem, welches nur CrossFit betrifft. Dies ist ein generelles Problem der deutschen Fitnessszene. Viele Trainer interessieren sich nicht für den Beruf und ihre Klienten bzw. Athleten. Aufgrund eigener Unwissenheit werden beispielsweise Übungsausführungen oder Wissensgrundlagen falsch vermittelt. Das fängt bei theoretischen Grundlagen an und hört bei der Praxis auf.

    Ein kurzer Exkurs: Ich habe letzten Sommer eine Trainingseinheit in einem Gym absolviert. In meinem Workout kamen Kniebeugen und Bankdrücken im Wechsel dran. Ein in dem Gym angestellter Trainer (oder Azubi) hat sich dann als Spotter angeboten. Ich habe zu ihm gesagt, dass ich keine erzwungenen Wiederholungen trainiere und die erste Reaktion war ein Unverständnis voller Blick nach dem Motto "Wie kann man ohne erzwungene Wiederholungen Muskulatur aufbauen?".
Wer eine solche Trainingsmethode praktiziert, vor allem als Trainer, sollte sich immer wieder vor Augen führen, dass er auch die Verantwortung hat den Klienten, den Sportler nur so weit zu fordern, wie es die individuelle Leistungsfähigkeit hergibt.

Zwar muss auch das Risiko eingegangen werden, auf Kosten der Technik eine Übung oder ein Workout zu absolvieren, denn es ist klar: Trainiere ich immer nur unter Sicherheit, so werde ich niemals wissen, ob nicht auch mehr drin ist. Dazu gehört aber auch, Schwächen zu akzeptieren, und den Schritt zurück zu machen, wenn ich feststelle, dass ich eine saubere Ausführung nicht mehr gewährleisten kann.

Der Trainer hat die Pflicht dem Sportler diese Grenzen aufzuzeigen. Würde jeder Trainer der Sport und Fitnessszene mit dieser Verantwortung durch die Welt laufen (und entsprechendes Wissen verinnerlichen), so würde es nicht zu den verrufenen Szenen auf Youtube kommen, denn das meiste, was dort zu dem schlechten Ruf dieser Trainingsmethode geführt hat, beruht auf unwissenden oder unverantwortlichen Trainern bzw. Athleten.

CrossFit trifft Wettkampfbodybuilding (V)

Weiterführend kritisch zu betrachten ist, dass beispielsweise keine Rotationsübungen abgebildet werden. Auf viel mehr möchte ich an dieser Stelle aber gar nicht eingehen. Fakt jedoch ist: Auch CrossFit ist nicht vollkommen und wer das nicht so sieht, der hat etwas einfach nicht verstanden.

Dabei hilft es nicht als "Hardliner" irgendwelches Internetgehate an den Tag zu legen. Kritik anbringen kann derjenige, der sich auch mit dem anderen Prinzip auseinander gesetzt oder sogar praktiziert hat. Bis dahin sollte klar sein: Wir sind alles Sportler und Athleten und jede Trainingsmethode hat irgendwo eine Daseinsberechtigung: Nämlich dann, wenn der Sportler oder Athlet selbst Erfolge damit erzielt! Punkt.

Nicht nur eine untypische Trainingsmethode wurde umgesetzt

Gerade im Bodybuilding darf man nicht nur die praktizierte Trainingsmethode betrachten, wenn man verstehen will, warum ein Athlet Erfolg hatte oder nicht. Ich denke darüber sind wir uns alle einig: Ohne Ernährung läuft dieser Sport nicht! Und auch dort habe ich einen ganz anderen Ansatz verfolgt: Intermittent Fasting.

Kurz zusammengefasst: Intermittent Fasting ist eine Methode, in welcher der Körper immer wiederkehrenden Fastenphasen ausgesetzt wird. In meinem Fall habe ich jeden Tag 16 Stunden gefastet und 8 Stunden gegessen. Die Grundidee: Die sich ständig wiederholenden Fastenphasen wirken sich positiv auf die Aktivierung des Fettstoffwechsels und den Hormonhaushalt aus.

Von mittags 12:00 Uhr bis abends 20:00 Uhr hatte ich Zeit zu essen

Mein Essensfenster begann für gewöhnlich um 12:00 Uhr. Allerdings war ich in der Hinsicht flexibel und habe es an meinen Tagesablauf angepasst. Wenn die Vorlesung eben um 11:30 begonnen hatte, dann habe ich bereits um 11:00 Uhr oder erst um 13:30 Uhr angefangen zu essen. Ebenso habe ich auch meine Trainingszeiten an den Tagesablauf angepasst, was sich nicht sonderlich auf mein Essverhalten ausgewirkte.

Ab der 15. Woche der Vorbereitung habe ich folgendes Essverhalten an den Tag gelegt: Die erste Mahlzeit um 12:00 Uhr setzte sich aus 125 g Lachs, 2 - 3 Esslöffel Öl (ca. 20 g), Gemüse, 1 Ei und 200 g Tilapia sowie 10 g Mandeln zusammen.

Die zweite Mahlzeit um ca. 15:00 Uhr setzte sich aus 170 g Pute, 1 Ei, 200 g Tomate und 2 - 3 Esslöffel Öl sowie 15 g Mandeln zusammen.

Als Pre- und Postworkout gab es 30g Wheyisolat und 1 Banane.

Als Abendessen gegen 20:00 Uhr gab es 170 g Pute, 125 g Reis, 50 g Maiswaffeln, 40 g Marmelade und 100 g Apfelmus.

In der Summe führte das an On-Days zu round about 2700 kcal, 90 g Fett. 220 g Carb und 220 g Eiweiß. An Off-Days habe ich den Plan ein wenig angepasst und bin in der Summe auf ca. 2500 kcal mit 150 g Fett, 60 g Carbs und 220 g Protein gekommen.

Die ersten Wochen (ca. 3 Wochen ab dem 16.06. – zuvor habe ich einen anderen Ansatz ausprobiert) der Vorbereitung habe ich mich überwiegend mit ca. 3000 kcal (unabhängig ob On oder Off) ernährt welche sich aus 120 g Fett, 220 g Carbs und 240 g Eiweiß zusammen gesetzt haben.

Welche Vorteile habe ich für mich festhalten können?

  • Die Reduzierung der Mahlzeiten auf drei wesentliche pro Tag hat mir sehr viel Vorbereitungszeit und Stress abgenommen.
  • Ich habe je Tag mehr Zeit für Arbeit und andere Dinge zur Verfügung gehabt, anstatt daran denken zu müssen, alle drei Stunden etwas zu essen.
  • Der Einfluss auf die Entwicklung der körperlichen Zusammensetzung war mehr als positiv. Zwar ist das Gewicht in den ersten Wochen annähernd konstant gewesen, doch hat sich die Form stets positiv entwickelt – Bodyrecomposition?!
  • Trotz nüchternem Training und Gewichtsreduzierung hat sich die körperliche Leistungsfähigkeit nicht nur nicht verschlechtern sondern im Gegenteil: Sie ist stets besser geworden. Sowohl was die Kraftleistung als auch die Kraftausdauerleistung und Bissfähigkeit betrafen.
  • Neben weniger und großen Mahlzeiten, was insgesamt zu weniger Stress geführt hatte, habe ich insgesamt auch mehr essen können, was zu einem längeren Sättigungsgefühl führte.

Das Projekt war auf ganzer Linie ein voller Erfolg

Über den Verlauf meiner Wettkampfsaison kann man sicherlich streiten. Ohne Zweifel war das Ergebnis auch nicht fertig. Rückblickend lässt sich fast immer etwas feststellen, was man hätte verändern können. Man mag mir vorwerfen können, dass ich aus Sicht des Sportes zu undiszipliniert gewesen bin. Aufgrund meiner Entwicklung konnte ich mir wiederum "erlauben" den einen oder anderen Cheatday mehr einzulegen.

Gemessen an den Herausforderungen, meinem Urlaub und der Zeit in Kanada und anderen Faktoren bin ich mit der Saison jedoch zufrieden und trotz all der möglichen Kritik halte ich eine für mich unbestreitbar Tatsache fest: In der letzten Wettkampfsaison 2013 konnte ich meine beste Form aller Zeit präsentieren und das war in der ganzen Vorbereitung das einzige wesentliche Ziel.

Die Erfahrungen dieses Projektes haben mir aufgezeigt, dass es sich lohnt, Anderes, Neues und Ungewöhnliches auszuprobieren. "Wer aufhört besser zu werden, hat aufgehört gut zu sein" ist eine unbestreitbare Tatsache, die für jeden Bereich des Lebens gilt und ganz besonders für den Sport. Jedoch bedeutet für mich, besser zu werden, nicht mehr nur noch, in jedem Training das Beste zu geben, sondern auch über den Tellerrand hinaus zu schauen.

Erst wer sich mit Neuem auseinandersetzt und es ausprobiert, wird die Stärken und Schwächen kennen lernen und erst dann kann sich derjenige ein wirklich konstruktives Urteil über die ganze Sache erlauben und viel mehr noch: Er ist in der Lage die Stärken zu adaptieren, um das eigene Konzept zu verbessern.
    ____________________________________________________________________
    CrossFit hat sich für mich zwar bewährt, doch unabhängig all des Positiven, Negativen und was ich sonst so von mir gegeben habe, gilt für nach wie vor: Jeder Trainingsansatz hat so lange seine Daseinsberechtigung, wie es die individuellen Ziele des Athleten oder Sportlers vorantreibt.
    ____________________________________________________________________
Jeder Kritiker sollte das akzeptieren und tolerieren und ebenso sollte jeder Athlet und Sportler akzeptieren und tolerieren, dass es möglicherweise auch 'überlegenere' Ansätze oder Systeme gibt. Das lässt sich jedoch erst dann herausfinden, wenn man den Schritt aus seiner Komfortzone wagt und es ausprobiert!

In diesem Sinne,
Eat clean, get lean, be strong!

Mehr vom Autor findet ihr auf seiner Homepage: www.thomsan-nutrition.de
CrossFit trifft Wettkampfbodybuilding (V)

_____________________________________________________

Bilder: Crossfitfever | Matthias Busse