Hat die innere Einstellung Einfluss auf die eigene Entwicklung – selbst wenn man nichts dafür tut?

Dieser Frage ging der 117kg schwere Phil Libin (CEO von Evernote.com) nach. Dafür wog er sich jeden morgen nackt vor dem Frühstück und notierte das Ergebnis in einem Diagramm. Darüber hinaus ernährte er sich weiterhin grauenhaft (aus Sicht eines Athleten) und betrieb genauso viel Sport wie es für einen Held der binären Welt üblich ist – nämlich gar keinen.

Auf diese Weise verlor er innerhalb von sechs Monaten 12,7 kg! Entgegen früherer Diätversuche – bei denen er verschiedene Ernährungs- und Trainingsprogramme probierte – konnte er das Gewicht danach auch halten. Doch wie ließ sich diese scheinbar irrationale Entwicklung erklären?

Keine Veränderungen im Lebensstil und dennoch das Ziel erreicht? Im Gegenzug mehrere missglückte Versuche mit den gängigen Vorgehensweisen, die langfristig nicht fruchteten? Was geht da vor sich?

Es ist die Bedeutung der mentalen Komponente!

Die innere Einstellung entscheidet, wie wir uns entwickeln. Dabei sind es nicht nur die bewussten Entscheidungen die wir treffen, sondern auch die unbewussten. Minimale Verhaltensänderungen, die sich vollkommen unbemerkt und sogar ungewollt auf den Gang unseres Werdens auswirken. Scheinbar sind sie weit mächtiger als viele denken. Phil dazu: preview

"Ich bemühte mich bewusst, während des Experiments nicht von meinen Ernährungs- oder Trainingsgewohnheiten abzuweichen. Das heißt, ich aß weiter alles, was ich wollte, und mied Sport ganz bewusst. Ich wollte sehen, ob allein das Bewusstsein darüber, wie viel ich jeden Tag wog, mein Gewicht beeinflussen würde. Ich nehme an, dass es Tausende winzige Entscheidungen beeinflusste, die ich in der Zeit traf, obwohl ich nicht sagen kann, welche das waren."

Es ist simpel: Die meisten unserer Entscheidungen sind unbewusst motiviert – insbesondere jene, die wir kaum bemerken und rein intuitiv treffen. Bewusste Planungen bilden nur die Spitze des Eisberges. Training und Ernährung sind wichtig... aber wie wichtig sind sie wirklich? Ok... sie sind sehr wichtig und das Gros der Andro-Leser nimmt sie auch entsprechend ernst. Aber wie steht es mit dem Rest des Eisberges? Werden auch die unbewussten Entscheidungen im Sinne des eigenen Strebens beeinflusst – soweit dies möglich ist?

Bei vielen hapert es genau hier. Sie wollen zu viel auf einmal und belasten ihr Unbewusstes unnötig mit Nichtigem: Abendlicher Stumpfsinn in der Glotze, hippe Klamotten, ein aufgemotztes Auto und am Wochenende richtig Spaß haben. Dann die ganzen Probleme und Schwächen: Stress in der Beziehung, Lustlosigkeit in der Ausbildung, Prüfungsängste, Kontaktschwierigkeiten, eine Direktleitung zu youporn, Eltern, die einen nicht verstehen, Süßigkeiten, Fast Food, Rauchen usw.

Das Unbewusste gleicht hier einem trüben Tümpel mit allerlei Zuläufen. Der Antrieb zu einem starken, muskulösen und gesunden Körper ist da nur einer von vielen Einflüssen. Er wird nicht viel bewegen. Zu beherrschend sind die Wogen von Konsumrausch, Gruppenzwang und Geltungsdrang. Was sich da an der Oberfläche tut – z.B. ein intelligent geplantes Krafttraining und der rituelle Whey-Shake danach – dringt nicht tief genug. Zumindest wenn man sich entschlossen hat, die eigene Entwicklung ernst zu nehmen.

Wurde diese Entscheidung getroffen, so muss das Unbewusste entgiftet und zu einem starken zielgerichteten Strom konzentriert werden. All die Aspekte im Leben, die diesen Fluss voran bringen und seinem Ziel entsprechen, gilt es zu forcieren. Alle anderen, die den Fluss bremsen, verwässern oder ablenken, sollten hinterfragt und minimiert werden. Ein zielgerichtetes und selbstbestimmtes Leben wird man dafür ernten: der einzige Weg zum verdienten Erfolg.

Wie das geht?

Hier öffnen sich die Pforten zur Welt des mentalen Trainings – dem Versuch, das Unbewusste auf Wachstum und Leistungssteigerung zu programmieren. Ohne in allerlei Gedankenspielereien abzuschweifen, soll für den Anfang eine simple, effektive Übung empfohlen werden. Nennen wir sie das "2x5 Minuten-Mentaltraining".

Durchführung: Denke die ersten und letzten 5 Minuten Deines Tages an Dein Ziel!

Male es Dir in allen nur erdenklichen Farben aus. Stell Dir so detailliert wie möglich vor, wie sich das Maßband um Deinen gewaltigen Bizeps schließt und die erträumten 46 cm anzeigt, wie die Querstreifen Deinen vastus lateralis durchziehen oder wie Du gerade 260 kg auf der Heberbühne zur Strecke bringst. Schmecke den salzigen Schweiß auf Deinen Lippen. Spüre, wie der Zielmuskel kontrahiert. Höre das Klappern der Scheiben oder fühle, wie die Finger Deines Traummädchens an Deinem Waschbrettbauch entlanggleiten.

Das liest sich leichter als es ist. Ein paar Gedankenfetzen lassen sich schnell zusammenfriemeln. Aber eine wirklich realistische Vision zu erschaffen... dafür benötigt man eine geschulte Phantasie. Je mehr man es schafft, alle Sinne miteinzubeziehen, desto eindringlicher wird die Vorstellung, desto stärker ist ihr prägender Einfluss auf das Unbewusste und desto höher ist die Chance, diese Vision auch zu verwirklichen.

Einzig unsere Zweifel, mangelnde Konzentration und eine zu starke Fixierung der Realität können uns einen Strich durch die Rechnung machen. Je mehr der Alltag von uns Besitz ergreift, desto weniger Möglichkeit haben wir, unsere Vision auszubauen. Das Bewusstsein ist an der Macht, denn es gilt viele Probleme zu lösen – möglichst akkurat und zwar jetzt. Erst wenn wir im Bett liegen und abschalten, kommt es zur Ruhe. Es schwindet dahin und das Unbewusste geleitet uns in das Reich der Träume. Bei diesem Übergang müssen wir unser gedankliches Bild klar sehen und stark festhalten, um möglichst viel davon ins Unbewusste zu übernehmen.

Strebe danach, mit Deiner Vision im Geiste einzuschlafen und sie sofort wiederzubeleben, sobald Du aufwachst. Du hast morgens anderes im Kopf als das, was Dir wichtig ist? Na dann läuft da irgendwas verkehrt oder? Dann ist es doch kein Wunder, wenn Deine Entwicklung eher schleppend verläuft. Die letzten und ersten Gedanken des Tages zeigen uns, womit sich das Unbewusste intensiv beschäftigt. Meist sind es Nichtigkeiten. Es wird Zeit bewusst Einfluss zu nehmen und dem Unbewussten einen Stoß in die richtige Richtung zu geben: 2-mal täglich 5 Minuten können eine Menge bewegen. Probiere es aus, besinn Dich auf das Wesentliche, setze Prioritäten!


PS.: Es soll nicht der Eindruck erweckt werden, dass dicke Arme und übermenschliche Stärke das Erstrebenswerteste überhaupt sind... Jeder muss selbst entscheiden, welchen Berg er erklimmen will, um das Niveau der Ebene und vielleicht sogar sich selbst zu überwinden. Er sollte es dann aber auch tun! Denn nichts ist unproduktiver, als ein Ziel zu verfolgen, dem man weder abends noch morgens fünf ruhige Minuten zu widmen vermag.

Zum Autor:

Christian Zippel ist Personal Trainer in München und betreibt die Website www.derwillezurkraft.de.