Für viele erscheint die Vorstellung himmlisch: Trainieren in den eigenen vier Wänden; ungebunden und unabhängig von Öffnungszeiten und ohne lange Anfahrt, frei vom Warten auf ein freies Gerät in Stoßzeiten und unbehelligt von den üblichen Gestalten, die man in kommerziellen Studios oft antrifft und auf deren Anwesenheit man gerne verzichten würde, uneingeschränkt bei der Wahl der Trainingskleidung, der passenden Musik zum Workout und der Nutzung von Hilfsmitteln wie Kreide und all das ohne monatlich Geld an das ansässige Gym zu bezahlen. Klingt traumhaft oder?

Doch wie immer im Leben, ist da, wo Licht ist, auch Schatten. Gerade die Tatsache, dass man in den eigenen vier Wänden trainiert, kann eine Reihe von Problemen hervorrufen. Zunächst einmal sei hier die menschliche Faulheit genannt. Wenn ich ins Studio fahre, dann trainiere ich auch. Zu Hause neigen viele Menschen gerne dazu, das Training auf "nach dem Mittagsschläfchen", "nach dem Abwasch", "nach nur noch einem Ründchen Battlefield" zu verschieben und bevor man sich versieht, ist der Tag rum und die Einheit ausgefallen. Weiterhin sind die möglichen Quellen für Ablenkung in weit geringerer Zahl vorhanden: im Studio habe ich kein Handy dabei, außer wenn ich vielleicht mal angesprochen werde, habe ich keinerlei Ablenkung. Zu Hause klingelt der Postbote, die Nachbarin, die netten Damen und Herren, die mir den "Wachturm" in die Hand drücken und mit mir über Gott reden möchten. Und den Liebsten beibringen, dass man für die nächsten 60 Minuten absolut nicht zu Verfügung steht: zumeist ein Unterfangen, welches kaum Aussicht auf Erfolg verspricht; "Ich weiß, Du bist am Trainieren, aber kannst Du trotzdem mal grad ganz kurz...".

Zu Hause ein ordentliches Training durchzuziehen, das erfordert aus meiner Sicht weit mehr Disziplin, als das in einem Gym zu tun. Wer das Telefon auch mal klingeln lassen kann, der wird hier vielleicht glücklich, wer schon so nervös alle 10 Minuten aufs Handy schaut um ja keinen Anruf zu verpassen, der sollte sich diesen Schritt gut überlegen.

Gut überlegt sein will vor allem aber auch die Planung des eigenen Gyms. Eines vorweg: Ihr werdet im Vergleich zu kommerziellen Gyms Abstriche in Sachen Trainingsvariabilität machen müssen, es sei denn Ihr plant Euer Homegym im Nebengebäude Eures 700m² Anwesens in St Tropez. Die Puristen werden hier natürlich einwenden, dass niemand mehr braucht, als eine Langhantel und ein Rack. Das mag sicherlich zutreffend sein, genauso zutreffend wie die Feststellung, dass man seinen Briefverkehr auch mit Tauben statt mit E-Mails abwickeln kann. Ob das dann so zielführend ist, das ist eine andere Frage... preview

Bevor Ihr also nun völlig überstürzt nicht unerhebliche Geldsummen in den Wind schießt, atmet tief durch und überlegt Euch gut, ob Ihr wirklich für ein Training zu Hause gemacht seid. Zumal man auch den sozialen Faktor nicht vergessen darf: Manch einer geht einfach auch gerne ins Gym, weil er da Gleichgesinnte trifft, die einen motivieren und vorantreiben. Sicherlich sind die Grenzen zwischen einem Plus an Motivation durch die Anwesenheit anderer engagierter Trainierender und einer Ablenkung und dadurch einem Verlust von Trainingsintensität fließend, so dass man sich auch im Gym mit ähnlichen Problemen konfrontiert sieht, wie zu Hause.

Ihr seid nach redlicher Überlegung zu dem Schluss gekommen, dass Ihr perfekt geeignet für ein Homegym seid? Sehr schön! Ist es die künftige Trainingslocation auch? 2m² Grundfläche mögen genug Platz für ein Rack und eine Hantelbank bieten, dennoch sollte man sich fragen, ob die freie Fläche zwischen Bett und PC-Tisch der perfekte Ort für ein Metallungetüm ist und ob man sonderlich scharf darauf ist, dass die ganze Bude nach dem Training nach einer leckeren Mischung aus Schweiß, Kreide und Staub stinkt. Und auch wenn Ihr noch so viele Bodenplatten auslegt: schweres Kreuzheben im dritten Stock eines Altbaus wird auf Dauer nicht für ein besseres Nachbarschaftsverhältnis sorgen, vor allem nicht, wenn die dumpfen Schläge der Hantel von kreischenden Bässen von Disturbed oder Rammstein musikalisch untermalt werden. Für ein anständiges Homegym braucht Ihr erst einmal ausreichend Platz an einem Ort, an dem Ihr möglichst niemanden stört (Keller, Garage). Habt Ihr den perfekten Platz gefunden, solltet Ihr die Infrastruktur überprüfen: Es mag für einige hardcore sein, aber ich wäre nicht sonderlich scharf darauf bei -20 Grad in einer unbeheizten Garage schwere Kniebeugen zu machen. Dann sollte der Boden über ausreichend Tragkraft verfügen: Mal ungeachtet des tropischen Klimas unter dem Dach im Hochsommer, werden die meisten Dachböden kaum dafür ausgelegt sein, dass man mehrere Hundert Kilo an Eisen darauf deponiert und bestenfalls auch noch mit ordentlich Schwung auf den Boden krachen lässt. Ach ja: Auch im Sinne der Langlebigkeit Eurer Trainingsutensilien wäre ein trockener Ort durchaus von Vorteil...

Ihr seht: So einfach, wie es im ersten Moment scheint, ist die Einrichtung eines Homegyms nicht. Und wir haben ja noch nicht einmal mit den Gerätschaften begonnen. An diesem Punkt wird es dann wirklich interessant: Selbst die größten Sparfüchse werden keine anständige Basisausstattung (Rack, Bank, Langhantel, Gewichte) für einen Betrag im unteren dreistelligen Bereich finden, es sei denn, sie kaufen den billigsten Mist, den sie irgendwo im Web finden und wundern sich dann, warum Ihre 25€-Langhantel aus geprüftem deutschen VA-Stahl auf einmal aussieht wie eine Chiquita, wenn man mal mehr als 50kg auflegt. Qualität kostet und wer bei seinen Trainingsgeräten an Qualität spart, zahlt das im Laufe der Zeit eh wieder drauf, inkl. horrender "Zinsen". Hier kann ich nur einen Tipp geben: ALLE, ich meine wirklich ALLE Geräte/Hanteln/Griffe etc. für den Heimgebrauch waren Schrott! Aus meiner Sicht gibt es hier nur zwei Optionen: entweder tiefer in die Tasche greifen und Geräte kaufen, die auch im professionellen Einsatz standhalten würden - das wird dann halt richtig teuer -, oder nach älteren, generalüberholten Geräten für den professionellen Einsatz Ausschau halten, die man oft im Rahmen von Studioauflösungen findet. Ich habe es an anderer Stelle schon einmal ausführlicher erläutert, daher hier nur nochmal ein Zitat, das meinen Standpunkt in dieser Frage deutlich machen soll:

"Es gibt kaum etwas auf dieser Welt, das nicht irgendjemand ein wenig schlechter machen und etwas billiger verkaufen könnte, und die Menschen, die sich nur am Preis orientieren, werden die gerechte Beute solcher Machenschaften. Es ist unklug, zu viel zu bezahlen, aber es ist noch schlechter, zu wenig zu bezahlen. Wenn Sie zu viel bezahlen, verlieren Sie etwas Geld, das ist alles. Wenn Sie dagegen zu wenig bezahlen, verlieren Sie manchmal alles, da der gekaufte Gegenstand die ihm zugedachte Aufgabe nicht erfüllen kann. Das Gesetz der Wirtschaft verbietet es, für wenig Geld viel Wert zu erhalten. Nehmen Sie das niedrigste Angebot an, müssen Sie für das Risiko, das Sie eingehen, etwas hinzurechnen. Und wenn Sie das tun, dann haben Sie auch genug Geld, um für etwas Besseres zu bezahlen."

John Ruskin (engl. Sozialreformer 1819-1900)


Folgt Ihr diesem Leitsatz, dann reden wir hier von einer Grundinvestition von locker 500€, eventuell anfallende Renovierungs- oder Sanierungskosten noch nicht inbegriffen. Und das ist wirklich Purismus pur. Für ein anständig ausgestattetes Homegym (ohne großen Firlefanz, einfach nur ein paar Basics wie verschiedene Lang- und Kurzhantelstangen mit ausreichend Gewichten, einen Dipsbarren, eine Klimmzugstange, eventuell noch ein Kabelturm) ist man fix einen vierstelligen Betrag los, für ein Homegym, in dem ich mich wirklich zu Hause fühlen würde, muss man sicherlich einen Betrag von 5000€ aufwärts veranschlagen (und da sind wir noch weit von Dimensionen wie dem Homegym von Ronnie Coleman entfernt). Ein Haufen Geld, zumal dazu noch Energie- und Heizkosten kommen und man selbst für Wartung und Pflege des Gyms verantwortlich ist.

Das soll jetzt nicht so klingen, als wollte ich Euch ausreden Euch ein Homegym einzurichten. Die Freiheit zu trainieren wann man will, wie man will und was man will, das ist sicherlich ein extrem schlagkräftiges Argument und für all diejenigen, die wirklich langfristig am Ball bleiben und sich ihr Gym nach und nach aufbauen, lohnt sich das Ganze sogar auch finanziell. Aber in der Praxis enden die meisten Geräte aus Homegyms nach einiger Zeit als überqualifizierte und vor allem überteuerte Wäscheständer. Und das muss nicht sein, das hat kein Gerät dieser Welt verdient…

Eine weitere Idee, die viele im Kopf haben, ist das Einrichten eines kleinen Garagengyms mit ein paar Freunden. An sich eine tolle Idee, da man so vor allem die Kosten für jeden Einzelnen minimieren und dennoch im größeren Stile einkaufen kann, als alleine. Das Problem ist hier aber, dass die Erfahrung zeigt, dass auf Dauer nicht alle mit dem gleichen Enthusiasmus bei der Sache bleiben. Schnell ist man der einzige, der übrig geblieben ist und Streitereien über die Kosten gefährden die Freundschaft. Wer also so etwas plant, der sollte sich im Vorfeld genau überlegen, wie man langfristig agieren will. Eine Vereinsgründung mit entsprechendem Vertragswerk zwischen allen Beteiligten mag manch einem übertrieben erscheinen, kann langfristig aber viel Ärger vermeiden.

Letztlich ist die Frage, ob ein Homegym das Richtige für einen ist, in den allermeisten Fällen eine Entscheidung, die typabhängig ist. So praktisch es in manchen Fällen sein mag, mir würde die soziale Komponente fehlen (ich habe aber auch das Glück in einem anständigen Gym mit ernsthaft trainierenden Menschen zu trainieren). Zudem schätze ich die Abwechslung, die ich im Gym habe. Für eine solche Abwechslung müsste ich mehrere Tausend Euro in ein Homegym stecken, wäre selbst für Wartung, Reinigung etc. verantwortlich… Nicht meine Welt. Bin aber auch ein Mensch, der Ferienwohnungen und Campingplätzen nichts abgewinnen kann und sich im Urlaub im Hotel von vorne bis hinten bedienen lässt.

Wie gesagt: Ich will niemandem sein Homegym ausreden. Nur überlegt es Euch gut und geht nicht zu blauäugig an die Sache heran.

Hinweis des Autors: Gerne bieten wir auch eine individuell auf euch zugeschnittene Betreuung an. Alle Informationen hierzu findet ihr unter www.ironhealth.de! Ihr habt Fragen? Dann kontaktiert uns doch einfach unter info@ironhealth.de!