Die Situation war ungewöhnlich: Auf der einen Seite ist das Internet voll mit jungen Männern, die sonst etwas dafür tun würden, um mehr Muskeln aufzubauen. Einige besondere Exemplare spritzen sich sogar alle mögliche Substanzen, die in Badewannen diverser U-Labs zusammen gerührt wurden, ohne wirklich zu wissen, was eigentlich in ihren Ampullen ist. Aber kein Mensch kam bisher auf die Idee, Poliquins wahnsinnige Fischöl-Empfehlung auszuprobieren? Der Mann ist wirklich kein Unbekannter und viele seiner Texte sind inzwischen auch in Deutsch verfügbar und wer auch nur halbwegs was mit dem Namen Poliquin anfangen kann, wird gar nicht darum herum kommen, seine Sichtweise zu Fischöl kennen zu lernen. - Wieso hatte es also noch niemand probiert?

Genau diese Frage stellte ich mir schon lange, erst recht nachdem ich trotz intensiver Suche im Internet keinen einzigen Erfahrungsbericht in englischer oder deutscher Sprache finden konnte. Ich rede nicht von kurzen Einträgen, die ohne Vorher-Nachher-Vergleich waren oder von Jungs, die kaum ihr 1,5faches Körpergewicht beugen konnten. Solche anekdotenhaften Postings waren auf einigen amerikanischen Seiten zu finden. Aber kein richtiger Bericht. Niemand auf einem ansprechenden Niveau sportlicher Leistung, der den Schritt gewagt hätte und darüber vernünftig und nachvollziehbar berichtete. – Also entschloss ich mich selbst zum Poliquin-Experiment, um zumindest eigene Erfahrungen zu sammeln.

Ich bestellte einen Liter flüssiges Fischöl und entschloss mich zu einer Dosis von gut 40ml pro Tag, was im Rahmen von Poliquins Empfehlungen lag. Der Zeitpunkt zum unglaublichen Hulk zu mutieren war zudem perfekt, da zehn Tag nach Beginn des Experiments mein erster Strongman-Wettkampf in der -90kg Klasse anstand und noch einmal zwei Wochen später ein zweiter Strongman-Wettkampf auf dem Plan war, auf dem ich Erfahrungen aus dem ersten Wettkampf umsetzen und mich somit verbessern wollte. Ein nahezu perfektes Timing also, um die versprochenen Erfolge zu haben und unglaubliche Kräfte in mir zu wecken. preview

Nach einer Woche..

..tat sich soweit nicht viel. Besser gesagt, tat sich eigentlich gar nichts: keine 50er Oberarme, keine grüne Pigmentierung, aber auch kein Durchfall wie einige vielleicht befürchtet hätten.

Das Problem eines flüssigen Stuhlgangs erlangt die meisten Fischöl-Nutzer wohl in erster Linie aufgrund einer Vitamin-E-Überdosierung, die jemanden bei einem erhöhten Konsum von Fischölkapseln schneller ereilen kann, als einem lieb ist. Merke also: Willst Du Stuhlgang ohne Sorgen, musst Du Dir Fischöl ohne Vitamin-E-Zusatz besorgen.

Jedoch, wie beschrieben, blieben auch jegliche gewünschten Erfolge aus. Das Gewicht blieb auf einem gleich bleibendem Niveau und auch die Umfänge von Oberarm, Unterarm, Brust, Bauch und Beinen änderten sich nicht wirklich. Von ausbleibenden herkulesähnlichen Kraftanstiegen muss ich glaube ich nicht ausführlicher berichten.

Dennoch hatte ich zumindest an Erkenntnis gewonnen. Nein, nicht die Klarheit, dass auch ein Herr Poliquin unseriöse Übertreibungen in seinen Artikeln nutzt. Vielmehr gewann ich das Wissen, dass ein Schnapsglas voll Fischöl am Tag leichter herunterzubekommen ist, als ich es erwarte hätte. Nach einigen Erfahrungen, die im Internet zu lesen waren, hätte man meinen können, einen Aschenbecher auszulecken wäre angenehmer.

Es mag an der Tatsache liegen, dass ich zum Einen aus dem Norden stamme – also ein Fischkopp bin, wie man so weit nördlich sagt – und zum Anderen mir nicht viel aus Zigaretten mache – geschweige denn aus kalten Aschenbechern - was auch immer es war: Fischöl pur zu trinken mag vieles sein, aber wer sein Arginin pur herunter bekommt, sollte keinerlei Probleme mit Fischöl haben.

Wie auch immer mein Resümee am Ende der vier Wochen sein würde, bereits nach sieben Tagen war mir klar, dass ich in Zukunft nur noch auf Fischöl aus der Flasche zurückgreifen würde.

Die zweite Woche..

..verlief ähnlich unspektakulär wie auch bereits die Erste. Ich war nach wie vor nicht grün geworden und auch Marmeladengläser ließen sich inzwischen nicht einfacher öffnen.

Das Gewicht bewegte sich immer noch in einem normalen Rahmen und so trat ich nicht mal zehn Tage nach Start des Poliquin-Experiments mit knapp 80kg als leichtester Teilnehmer bei meinem ersten Strongman-Wettkampf an. Und auch, wenn ich in der Disziplin Autokreuzheben sieben zum Teil deutlich schwerere Kontrahenten hinter mir lassen konnte, muss ich doch sagen, dass irgendwelche nennenswerten Kraftentwicklungen für mich soweit nicht spürbar waren.

Hätte ich zudem optische Veränderungen bestimmen müssen, so würde ich eher von einer Formverschlechterung ausgehen, wobei diese nicht auf das Fischöl zurückzuführen wäre, sondern eher darauf, dass ich aufgrund des Trainingspensums im zweistelligen Einheitenbereich pro Woche meine Carbs hoch hielt und ganz einfach schnell Wasser ziehe. So ist das halt, man kann eben nicht gleichzeitig scheiße-geil aussehen und sportliche Höchstleistungen bringen – wobei mir noch nicht mal eines von beidem so recht gelingen mag.

Blieb mir also weiterhin die Hoffnung in die kommenden zwei Wochen.

Ungeplante Regenerationsmöglichkeiten..

Kurz nach dem Ende der dritten Woche war eigentlich ein zweitägiger Strongman-Wettkampf geplant gewesen, den ich aufgrund einer "Blöd-Aktion" absagen musste. Ihr kennt solche Aktionen: Man weiß, dass man es eigentlich besser lassen sollte und macht es dennoch.. ..und dann geht es auch noch schief. Jedenfalls hatte ich mir so den Nacken ungewollt lädiert, so dass ich nicht 100% fit war und auch mental damit nicht voll bei der Sache. Das Ende der Geschichte waren ein paar ungeplant eingelegte trainingsfreie Tage, was eine ziemlich Qual ist, wenn man tägliches Training gewöhnt ist.

Nichtsdestotrotz hatte dies wohl den Vorteil, dass am Ende niemand das Argument vorschieben könnte, dass ich in einer Overreaching-Phase wäre und mein Körper damit gar keine Möglichkeit gehabt hätte an Gewicht oder Leistung zuzulegen. Das tat er nämlich erneut nicht. Das Gewicht stieg zwar ein wenig im Vergleich zu den zwei Vorwochen an, doch dies war wohl eher einer erhöhten Kohlenhydratzufuhr zu verdanken, als dem Fischöl. Entsprechend gab es dazu auch keine Formverbesserung und auch sonstige erhoffte Vorteile blieben wie auch bisher aus und ich konnte nur noch die letzten sieben Tage meines 4-wöchigen Experiments abwarten.

Abschlussresumee nach 4 Wochen

Ich hatte nicht viel erwartet, von daher konnte ich nicht enttäuscht werden. Allerdings wurde die Aussage "Anyone who wants to put on muscle and lose fat should be on 30-45 grams of fish oil per day." von Charles Poliquin in keiner Weise bestätigt.

Die Umfänge blieben allesamt im Rahmen von möglichen Messfehlern. Am Bein und Bauch nahm ich etwas zu, was jedoch beides nicht weiter schlimm war: Zum Einen, weil ich seit Jahren bereits auf Jeans der Firma GASP schwöre, und zum Anderen, weil ich mit meiner Freundin einen Deal laufen hab, dass einer von uns beiden in der Beziehung dick werden darf, während der andere heiß und schlank bleiben muss. Was soll ich sagen? First come, first serve!

An den Unterarmen dagegen nahm ich sogar ein wenig ab, diese Veränderung führe ich jedoch weniger darauf zurück, dass ich es am Abend vor der ersten Messung mit der schwedischen Penispumpe übertrieben hatte, sondern es wird vermutlich einfach nur ein Mix aus kleineren Messfehlern und simpler Tagesform gewesen sein.

Ich trinke ab heute dann wieder deutlich kleinere Portionen Fischöl. Prost!