Alle gesellschaftlichen Maßstäbe zu Rate ziehend, muss ich annehmen, in einem bildungsfernen Haushalt aufgewachsen zu sein. Seit ich denken kann, gab es in meinem Elternhaus immer Toilettenlektüre. Geistiger Input auch in Momenten, die eigentlich der geistigen Einkehr dienen: so verrufen auch die Ausstattung des Abortes mit Printmedien sein mag, sie hat mir immerhin dazu verholfen, den wohl einzigen Artikel über Bodybuilding zu lesen, der jemals in dem seriös-renommierten Fachmagazin "Sportbild" erschienen ist. Ich erinnere mich noch genau daran: Eine große Aufnahme der damaligen deutschen Meisterin im Frauen-Bodybuilding, abgelichtet während eines Bühnenauftritts, wurden meine Augen Kraftsport-entjungfert durch eine scheinbar fleischgewordene Statue mit 65er-Armen, wenn nicht noch mehr! Artikelüberschrift: "Ist das noch schön?" und meine spontane Eingebung war: "Ja!" Damals war ich 12. Ich bin nie wieder von meinem ersten Urteil abgerückt.

Es ist dann eine gewisse Zeit der altersgerechten Selbstfindungsphase ins Land gegangen, viel zu voll gestopft mit diversen anderen Interessen, um den Gedanken von damals aus dem Hinterkopf zu befreien. Andernfalls wäre mir vielleicht nicht so lange entgangen, dass Bodybuilding eine Begrifflichkeit darstellt, die noch um einiges breiter ist als der Rücken einer deutschen Meisterin.

Es waren dann auch ganz andere Beweggründe, die mich zu meiner ersten Fitnessstudio-Mitgliedschaft im Alter von 18 Jahren trieben (der nette junge Mann wird diese Zeilen lesen und sich angesprochen fühlen). Ich langweile an dieser Stelle niemanden mit Geschichten der Fehler in der Anfangsphase (ungefähr so originell wie Storys von hässlichen Frisuren während der Pubertät), sondern beschränke mich auf die Erkenntnis, dass ich schnell eine Leidenschaft mit fließendem Übergang in die Besessenheit entwickelte. Gern nenne ich es heute noch "den toten Punkt": da ja nach Hesse allem Neuen ein Zauber innewohnt, geht mit Aufnahme des Trainingsbetriebes beinahe immer eine Anfangseuphorie einher, die aber spätestens mit der ersten Fortschrittsstagnation völlig abflaut.

Wer dann noch weiter beißt, der wird nie wieder aufhören. Genauso, wie man die ganze Nacht wach liegt, wenn man die Müdigkeit nur lange genug ignoriert. Der Sport ist mir in Fleisch und Blut übergangen. Ich habe mich so lange an Entbehrungen gewöhnt, bis sie keine mehr waren.

Und wie war das jetzt mit dem Wettkampf? Der Aufbau einer niedlichen Grundmuskulatur und das Erlangen der spektakulären Fähigkeit, auch ohne die leitende Hand der großen Jungs ein brauchbares Training gestalten zu können, haben jeweils längst nicht ausgereicht. Ich bin doch nur eine von Millionen Frauen, die sich im Studio fit halten! Was hätte ich schon im Olymp dieser Übermenschen verloren? Tatsächlich gab es nicht den Stein, der alles ins Rollen brachte. Nur die sich lautlos anschleichende Erkenntnis, vielleicht nicht die beste Ausgangslage, die beste Genetik, das beste Umfeld zu besitzen (Der Altersdurchschnitt meines Studios liegt geschätzt zwischen 50 und 60. Die Geräte stammen aus der Produktlinie "The Wellness Company"), aber die angesprochene notwendige – und das Wort erscheint mit nicht im Geringsten unangemessen – Liebe zum Sport. Ich hatte nicht das Gefühl, ein Talent zu vergeuden, aber eine Leidensfähigkeit, von der ich wusste, dass sie mich überall hinbringen würde.

Und je mehr ich die Augen offen hielt und dem Wettkampfsport seine Abstraktion nehmen konnte, desto mehr konkretisierte sich eine Idee, die erst zum Traum und schließlich zum Ziel wurde. Mit Einführung der Bikiniklasse öffnete sich auch von Verbandsseite die entscheidende Tür. Auf der Fibo 2010 wurde mir von Nathalie Falk eine Teilnahme an der erstmalig ausgetragenen Deutschen Bikini-Meisterschaft nahegelegt (Wie schade, dass Mecklenburger so wenig spontan sind!). Es dauerte dann doch noch etwas mehr als ein Jahr, bis ich den Mut fasste und im nächstgelegenen IFBB-Studio um Asyl bat; der Studioinhaber fällte nach erster Inspektion ein sehr gnädiges Urteil über meinen sportlichen Status Quo, und schon konnte es los gehen.

Ich verrate hier mal ein lange gehütetes Geheimnis: Hätte man mir den Diätplan vorgelegt, bevor das alles angefangen hatte, ich wäre ohne zu zögern wieder abgesprungen. Noch heute sehe ich mich mit herunter gefallener Kinnlade vor der geöffneten Email sitzen. Ein paar Gedanken, die mir durch den Kopf schossen: eintönig, unpraktikabel, unbezahlbar, überdimensioniert, durchgeknallt, sadistisch … preview

Da waren zum einen die Supplemente, sieben an der Zahl, sechs mehr, als ich gewöhnlich verwende. Ich erinnere mich an die Aussage der Apothekerin (nachdem ich bei meinem Stamm-Supplement-Händler schon abgeblitzt war): "Das kenn ich nicht … Moment, ich frag mal meine Kollegin, die ist Doktorandin der Molekularbiologie … ne, tut mir leid, die hat davon auch noch nie gehört." Einmal ist mir mein Post-Workout-Shaker in der Sporttasche ausgelaufen. Beinahe hatte ich Tränen in den Augen; mir war sicher ein Verlust von 2 bis 3 Euro entstanden.

Darüber hinaus erschreckte mich die Quantität der Mahlzeiten. Generell bin ich der gutbürgerliche Frühstück-Mittag-Abendbrot-Typ. Durch das neue Regelwerk sah ich mich in die Lebensweise eines Weidetieres gepresst: Beinahe durchgängige Nahrungsaufnahme auch zu den unmöglichsten Tageszeiten. Ein Plan, der seinen ersten Shake auf 7.00 Uhr morgens ansetzt, ist nicht studentengeeignet. Beinahe waren die Zeitfenster zu schmal, um irgendwo das Trainingspensum unterzubringen.

Aber wenn sich eine Floskel bewahrheitet hat, dann die: Man gewöhnt sich an alles! Ich habe gelernt, dass Tupperschüsseln mehr Funktionen bereithalten, als gelangweilten Hausfrauen Hauspartys mit Sektempfang zu verschaffen. Ich habe gelernt, dass man als Pizzafahrerin nicht nur den provokant-guten Geruch von Junkfood neidfrei ertragen, sondern auch wunderbar seine Pute löffeln kann, wann immer die Ampel auf Rot springt. Ich habe gelernt, dass Mitmenschen nicht nur verständnisvoller sind als gedacht, sondern dass man, von Männlein und Weiblein gleichermaßen, so viel Bewunderung erntet, dass es schon beinahe unangenehm sein kann. Hätte ich für jedes Mal, wenn der Satz "Ich könnte das ja nie und nimmer" fiel, einen Euro bekommen, ich hätte die Kosten der Vorbereitung und des Wettkampftages schon raus (obwohl, wenn ich so drüber nachdenke … nein, nicht annähernd! Aber der Satz fiel trotzdem oft).

Es ist tatsächlich so: Das Echo war durchweg positiv. Die Fähigkeit, für seine Visionen zu kämpfen, scheint im sozialen Verbund noch immer hoch im Kurs zu stehen. Besonders freut mich das Interesse an diesem doch als so negativ verschrieenem Hobby. Ich hatte, ohne jemals jemandem meine Meinung aufzwängen zu wollen, sehr viele Gelegenheiten, ein wenig Aufklärungsarbeit betreiben zu können. Ich fasse zusammen: Man hat mich angenehm überrascht. Viele viele Male.

Während ich dies hier niederschreibe, bekomme ich den Pro-Tan-Geruch, der mich seit den ersten Anstrichen von vor 24 Stunden begleitet, nicht aus der Nase. Als wäre er da, um mich daran zu erinnern: Du hast es tatsächlich getan! Unwirkliche Dinge brauchen Beweisstücke.

5. November 2011. Das war also mein erster Wettkampf? Wenn ich am Montag im Pullover (der Sommer ist ja nun vorbei) im Hörsaal sitze, dann werde ich wieder so unscheinbar sein, mit 56kg auf 1,69m, dass ich das Wort Bodybuilding nicht mehr in den Mund werde nehmen können. Dass ich die Frage "Was machst du heute noch?" wieder mit einem verhaltenem "Ich geh noch zum Sport" beantworten werde. Eine wie alle. Aber ich habe drei Jahre gearbeitet und zehn Wochen gelitten, um für die fünf Minuten auf der Bühne mehr sein zu dürfen.

Vielleicht weiß ich erst seit heute, neun Jahre, nachdem ich die Sportbild gelesen habe, was Bodybuilding wirklich ist: in die Rolle des Schöpfers zu schlüpfen. Einfach einmal das zu sein, was man sein will. Der Wettkampfzirkus ist das schmückende Beiwerk. Diese absolut hässliche, stinkende Bräune, Schuhe, die, wären sie nur wenige Millimeter höher, den Mittelfuß komplett brechen würden, Bikinis, die so teuer sind, dass ich unendlich viele Pizzen dafür werde ausfahren müssen, Make-up, mit dem mich meine Mutti früher nie aus dem Haus gelassen hätte … aber es ist ja so eine eigentümliche, kleine, faszinierende Welt! Es hat sich schon alles gelohnt, weil ich Teil des Ganzen sein durfte. Weil das Gefühl der Randgruppenzugehörigkeit eine Atmosphäre des Zusammenhaltes herauf beschwört, die ich niemals werde vergessen können.

Wenn ich die Chance hatte, eine Eintrittskarte in dieses Paralleluniversum zu lösen, dann hat sie jedes Mädchen. Und wenn sie jedes Mädchen hat, dann sollte sie auch jedes Mädchen ergreifen. Ich hab es nie bereut. Noch als ich kürzlich mit den anderen im Blockhaus saß und nichts essen durfte, hätte ich nicht gedacht dass der Preis, der gezahlt werden muss, angemessen ist!

Lange habe ich überlegt, ob ich hier in die Diskussion, um die Bikiniklasse einsteigen soll, oder ob das Eis, auf das ich mich begebe, zu dünn ist oder zu ausgelutscht oder beides … ein paar Worte in eigener Sache möchte ich dennoch abschließend verlieren.

Wie viel Sex braucht der Bodybuildingsport? Ginge es nach mir, bräuchte er keinen, denn ich bin daran gescheitert. Meine Platzierung ist wesentlich schlechter ausgefallen, als ich es mir erhofft hatte, und ich weiß, dass es wohl hauptsächlich auf meine Performance zurückzuführen ist. Und dennoch bin ich großer Freund des Weges, der mit Einführung der Bikiniklasse betreten wurde. Es geht mir nicht nur um den Marketingaspekt oder darum, dass die Teilnehmerzahlen der Veranstaltungen aufgestockt werden. Ich denke, Selbstdarstellung ist eine Kunstform, die es ebenso zu würdigen gilt wie 160kg auf der Bank. Und wenn ein Mädchen vor mir platziert wird, die in ihrer sportlichen Entwicklung nicht auf meinem Stand ist, dann hinterfrage ich nicht die Sinnhaftigkeit der Wertungskriterien sondern empfinde tiefe Bewunderung dafür, dass sie eben besser konnte, worauf es ankommt.

Niemand von uns ist auf dem Weg zum Brötchenkaufen spontan auf die Bühne gerannt, um sein Fleisch zur Beschauung zu stellen – diese weitverbreiteten Bedenken kann ich zerstreuen. Wir haben alle trainiert, und wir haben alle vieles aufgegeben, was über den finanziellen Aspekt hinausgeht. Ich habe von Diäten über neun Monate (!) gehört, aus denen eine Gewichtsreduktion von 25 kg (!!) resultierte. Und Bodybuilding ist genau das: die Machtergreifung über den eigenen Körper. Welchen Geschmack es, abgesehen vom eigenen, am Ende trifft oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Der größte Sieg ist der über sich selbst. Der wird von keinem Kampfgericht entschieden.