Ich muss zugeben, dass ich in keiner Weise ein Experte auf den Gebieten von AFS, FMS oder AT bin und selbst noch täglich dazu lerne. Dieser Artikel fand seinen Ursprung vor einigen Monaten, als mein Freund Ryan Russell, einer unserer Footballcoaches, und ich eine Diskussion darüber führten, wie wir als Trainer uns öfter mit den Sportmedizinern in die Haare kriegen, wenn es um das richtige Training von verletzten Athleten geht. Ich fing an zu überlegen, wie ich einen 'Überbrückt den Abgrund' Dialog zwischen Hardcore Coach, Powerlifter, Bodybuilder, Athlet und Wissenschaftler, Physiotherapeut, Trainer von Athleten und Sportmedizinern starten könnte. preview
Ich sehe viel zu oft, dass Trainer sauer auf die Sportmediziner sind, da diese bei der Rehabilitation und der Erstellung von alternativen Trainingsplänen zu vorsichtig und nicht aggressiv genug rangehen. Als Coaches haben sie eine bestimmte, eigene Sichtweise und bestimmte Übungen, die sie unbedingt ins Training implementieren wollen. Andererseits werden auch die Sportmediziner sauer, da die Trainer die Rehabilitation eines Athleten stören, indem sie diese zu früh zu stark belasten oder die falschen Trainingsparameter wählen. Dieser Konflikt kann vielleicht behoben werden, wenn man einen gemeinsamen Nenner findet und gegenseitigen Respekt entwickelt. Außerdem soll mir das Schreiben dieses Artikels helfen, meine Gedanken zu ordnen, sodass ich die oben genannten Konzepte besser in die Erstellung von Programmen einfließen lassen kann.
Ich denke wir stimmen alle darin überein, dass eine außergewöhnliche Sportlichkeit fundamentale Qualitäten besitzt. Meiner Meinung nach und ohne auf die Reihenfolge Wert zu legen, sind diese Qualitäten: Leistung, Schnelligkeit, Kraft, Agilität, Mobilität, Flexibilität, Koordination, Körperwahrnehmung, sportspezifische Ausdauer, Anpassungsvermögen, Gleichgewicht, Geschick, mentale Stärke und Zielstrebigkeit. Die Wichtigkeit dieser Eigenschaften und welche von ihnen wie wichtig für welche Sportart sind, ist diskutabel. Ich bin allerdings zu dem Schluss gekommen, dass viele dieser Qualitäten nicht voll entwickelt werden können, ohne ein gewisses Maß an Mobilität. Hierbei ist mit Mobilität die Fähigkeit gemeint, sich korrekt bewegen zu können, vor allem im Sport und beim Training, wogegen Flexibilität die Fähigkeit ist, sich zu biegen ohne zu brechen. Eine bessere Definition für Mobilität wäre wohl "Flexibilität in der Bewegung" und ihre Bedeutung wird oft unterbewertet.
Für jene von Euch, die mit AFS, FMS und AT nichts anfangen können: sie umfassen verschiedene Themen aus den Bereichen der Biomechanik, Anatomie und Physiologie, wobei auch noch andere Wissenschaften mit einfließen. Lasst mich mit einer kurzen Vorstellung von jedem Konzept beginnen, damit Ihr besser verstehen könnt, worüber ich hier eigentlich rede. Applied funtional science (AFS) "ist die Annäherung von Physik-, Biologie- und Verhaltenswissenschaften und umfasst Prinzipien, Strategien und Techniken für Funktionstestung, Training und Lernen, Rehabilitation und Prävention. Sie eignet sich für alle Personen, unabhängig von Alter und Fähigkeiten" (8).
Functional movement systems (FMS) ist "ein Rang- und Wertungssystem, das Bewegungsmuster dokumentiert, welche wichtig für eine normale Funktionalität sind. Durch Erfassung dieser Muster, kann das FMS funktionelle Einschränkungen und Asymmetrien identifizieren. Diese können den Effekt von funktionellem Training reduzieren und die Körperwahrnehmung verfälschen" (9).
Faszienzüge (AT) "beschreiben eine 'verbundene Anatomie' – die faszialen und myofaszialen Verbindungen im gesamten Körper. Sie verbinden die einzelnen Muskeln zu funktionellen Einheiten, jede mit eigener Anatomie und eigener Funktion. Dies führt zu neuen, ganzheitlichen Strategien für Gesundheitsexperten, Bewegungslehrer und Athleten zur Verbesserung von komplexen Haltungs- und Bewegungsmustern." (10)
Ich weiß, dass viele Trainer AFS, FMS und AT als eigenartige, lahme Subkultur in der Sportwelt betrachten. Ich sage das, da ich selbst einer von denen war. Ich bin ein recht gebildeter Trainer, reich an theoretischem Wissen und Erfahrung, aber je älter ich werde, desto klarer wird mir, wie wenig ich wirklich weiß. Natürlich bin ich, wie viele in meinem Metier, manchmal recht eingebildet und so musste ich erst mehrere Schläge auf den Hinterkopf erhalten, bevor ich anfing, meine Athleten aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.
- Schlag #1 (2004): Loren Seagrave, der Gründer von Velocity Sports Performance, erklärt mir persönlich Gray Cooks funktionellen Bewegungstest. Ich lehne es als Schrott ab, da ich selbst nicht sehr gut abschneide, wenn der Test bei mir durchgeführt wird.
- Schlag #2 (2005-2009): Ich führe mit einem meiner Mentoren, Mike Curtis (Coach für Männerbasketball in Virginia), einige Diskussionen über Funktionstests, Mobilität, Hornhaut-Verteilung auf den Füßen etc. Ich binde einiges davon in meine Programme ein, lasse jedoch das meiste fallen, da ich mich um meine traditionellen Leistungsparameter sorge.
- Schlag #3 (2009): Ich besuche einen meiner Kollegen, Matt Herring (Coach für Basketball in Florida) und er erzählt mir vom Physiotherapeuten Gary Gray und dass einer seiner Mentoren, Todd Wright (Coach für Basketball in Texas), AFS zu einer wichtigen Komponente in seinem Programm gemacht hat. Wir sprechen über Mobilität und schwere Einschränkungen in der Beweglichkeit der Brustwirbelsäule, welche er in den meisten seiner Athleten beobachten kann. Ich fange an zu denken, dass ich vielleicht etwas wichtiges außer Acht lasse.
- Schlag #4 / Erleuchtung (2010): Ich hielt letzten Herbst einen Vortrag an der Universität von Delaware und unter den restlichen Präsentatoren war Kate Decker, welche mit den Philadelphia Eagles und der Temple Universität arbeitet. Sie referierte über Faszien, menschliche Leistungsfähigkeit und die Arbeiten von Dr. Jean-Claude Guimberteau und Thomas Myers. Ich hörte gebannt zu und erinnerte mich an einen Artikel auf T-Nation namens "The Fascia and Muscle Link" [Die Faszien- und Muskelverbindung] (7), von Chad Waterbury. Nun kam mir die Einsicht, dass da wohl doch etwas dahinter steckte. Mir war noch nicht genau klar was und wie ich es in meine Programme integrieren konnte, aber meine Augen waren endlich geöffnet.
Faszien
Ich begann mir einige Fragen zu stellen, die Ihr Euch vielleicht selbst schon mal gestellt habt. Warum haben manche Athleten eine bessere Mobilität als andere? Wie kommt es, dass einige meiner Athleten immer wieder die gleichen Verletzungen haben? Was kann ich als Coach, außer der Auswahl alternativer Übungen, noch tun, um einen Trainingseffekt zu erhalten, ohne ihre Verletzungen zu verschärfen? Je mehr ich darüber las, desto sicherer war ich, dass die Faszien die fehlende Variable in meiner Rechnung darstellten.Faszien sind "eine Schicht fibrösen Gewebes, welches den menschlichen Körper durchzieht. Eine Faszie ist ein Bindegewebe, welches einzelne Muskeln, Muskelgruppen, Blutgefäße und Nerven umhüllt und diese Strukturen in ähnlicher Art verbindet wie eine Plastikfolie, die um ein Sandwich gewickelt wird, um es zusammen zu halten. Sie bestehen aus mehreren Schichten: eine oberflächliche Faszie, eine tiefe Faszie und eine viszerale Faszie. Die Faszien erstrecken sich, ohne Unterbrechung, vom Kopf bis zu den Zehenspitzen." (1, 3, 4, 6)
Eine Vergrößerung des myofaszialen Gewebes: einzelne Muskelfasern inmitten der wattigen Seide des Endomysiums(4).

Der heilige Gral
Wenn die Formel der Zellatmung, C6H12O6 + O2=ATP + CO2, der heilige Gral der Biologie ist, schlage ich vor, dass die perfekte Formel für menschliche Leistungsfähigkeit folgende sein soll:Nerv6Muskel12Epithel6 + Faszie2 = Leistung(Kraft x Strecke/Zeit) + Kraft (Masse x Beschleunigung)
Natürlich habe ich mir einige Freiheiten genommen, aber ich habe diese Formel von der Embryologie abgeleitet, wo sich die Eizelle in Stammzellen teilt. Diese wandern ins Ektoderm, welches sich zu Nervengewebe differenziert, ins Mesoderm, aus welchem die Muskeln und Faszien entstehen und das Entoderm, woraus das Epithelgewebe entsteht. "Der menschliche Körper entstammt einer einzigen, befruchteten Eizelle, die sich wild vermehrt. Die Tochterzellen wiederum spezialisieren sich und jede Gewebszelle übersteigert eine Funktion der Eizelle und Zellen im Allgemeinen (ein Muskel spezialisiert sich zum Beispiel auf Kontraktion, ein Neuron auf Leitung, Epithelien auf Sekretion usw.), während andere Funktionen geringer werden. Eine Nervenzelle kann außerordentlich gut Reize weiterleiten, sich allerdings, auf Grund der Spezialisierung, nicht gut vermehren. Epithelien können sehr gut Enzyme synthetisieren, sich aber kaum kontrahieren. Trotzdem ist jede Zelle ein Teil des individuellen Ganzen, indem sie andauernd mit anderen Zellen kommuniziert, sowie in der Gemeinsamkeit der chemischen Struktur von Glucose, vom universellen Treibstoff bis zum Aufbau der DNA-Helix." (2)

Ich behaupte, dass man durch die Kombination von Nerv, Muskel, Epithel und Faszie durch entsprechendes Training, die, meiner Meinung nach, zwei wichtigsten Elemente zum Erfolg in Leistung und Kraft erhält. Hierbei ist Leistung definiert als die Fähigkeit, ein maximales Maß an Kraft über eine bestimmte Strecke in möglichst kurzer Zeit zu entwickeln. Kraft wiederum ist definiert als die Fähigkeit, ein schweres Gewicht schnell bewegen zu können. Lasst mich nun das 'richtige Training' erläutern, welches ich weiter oben angesprochen habe. Es gibt viele verschiedene Wege um zu erreichen, dass ein Athlet stärker wird und mehr Leistung erbringen kann. Ich möchte nun nahe legen, dass wir alle die gleichen vier Grundbausteine trainieren sollten (Nerv, Muskel, Epithel, Faszie) und zwar sowohl einzeln als auch gemeinsam, da sie tatsächlich synergistisch arbeiten.
Single muscle theory vs. anatomy trains
Traditionell lernen wir, dass wir aus ungefähr 206 Knochen, 640 Skelettmuskeln, 60.000 Meilen an Blutgefäßen, 50 Meilen Nerven und einer unmessbaren Menge Bindegewebe bestehen. Unser mikroskopisches Selbstbild sollte etwas makroskopischer, oder, besser gesagt, umfassender sein. "Der biceps brachii" kann nur durch den Eingriff mit einem Skalpell als separate Struktur existieren, ein Skalpell, mit dem der Muskel von seinem Ursprung und Ansatz, seiner Verbindung mit den umgebenden myofaszialen Einheiten (wie dem Brachialis), sowie von seinen Nerven und Blutgefäßen getrennt wird. Als solches könnte der Bizeps allerdings schlicht und einfach nicht funktionieren. Die Idee, dass wir aus mehreren, getrennten Teilen bestehen – Leber, Gehirn, Bizeps – mag unsere eigene Denkweise sein. Dies spiegelt allerdings nicht die "Denkweise" unseres Körpers wieder. (2)Myers nennt dies die "single muscle theory" und in dieser Theorie ist der Bizeps definiert als Supinator des Unterarms, Ellenbogenbeuger und als schwacher Beuger in der Schulter. Aus der Sicht von AT, wird seine Funktion noch weiter angereichert: "Der biceps brachii ist ein Element einer fortlaufenden, faszialen Fläche, beziehungsweise eines myofaszialen Meridians, welcher von der Außenseite des Daumens zur vierten Rippe und noch weiter läuft." Diese Feststellung negiert die erste nicht, erstellt aber einen Kontext zum Verständnis von der Rolle des Biceps als Stabilisator des Daumen (nach unten auf der myofaszialen Leitung) und als Hilfe, die Brust offen und den Atem tief zu halten (nach oben auf der myofaszialen Leitung). (2)

Single muscle theory Sichtweise (4)

Anatomy trains Sichtweise (4)
Tensegrity
"Wenn wir von der Idee weg kommen können, dass Knochen wie Tragbalken sind und Muskeln die Kabel, welche die Tragbalken bewegen, kommen wir zu einer Art von Strukturen, die 'Tensegrity' genannt werden (der Zusammenhalt [integrity] liegt hierbei in einer Balance der Spannung [tension]). Erfunden von Kenneth Snelson und weiter entwickelt von Buckminster Fuller, entspricht die Tensegrity Geometrie eher unserem Körper und der Art, wie wir ihn wahrnehmen, als das alte 'Kran' Modell. Im Tanz aus Stabilität und Mobilität, den ein bewegender, menschlicher Körper vollführt, sind Knochen und Knorpel wie Strebebalken, welche der Kompression widerstehen und nach außen gegen das myofasziale Netz drücken. Im Gegenzug dazu liegt ständig Spannung auf diesem Netz, welches druck nach innen ausübt. Beide Elemente werden für eine Stabilität benötigt und beide ermöglichen eine praktische Mobilität." (2)Wenn man Tensegrity Strukturen belastet, tendieren sie dazu, diese Belastung zu verteilen, anstatt sie auf einen Punkt zu konzentrieren. Der Körper tut dasselbe, mit dem Resultat, dass lokale Verletzungen sich zu globalen Überlastungsmustern ausbreiten können. (4)
Die Faszienzüge
Das Konzept ist recht einfach: wenn man dem Verlauf des faszialen Gewebes folgt, kann man erkennen, wie Muskeln der Länge nach verbunden sind. Tut man das, so ergeben sich um die 12 große myofasziale Meridiane, welche in der menschlichen Haltung und Bewegung oft verwendet werden. Diese formen klare Linien, oder Pfade, welche den Körper durchkreuzen. Die ersten drei Linien werden 'Hauptlinien' genannt und laufen mehr oder weniger direkt den Körper hoch und runter in vier Hauptrichtungen – vorne, hinten, links und rechts. (2)- Oberflächliche Frontallinie
- Oberflächliche Rückenlinie
- Laterallinien (auf beiden Seiten)
- Spirallinie
- Armlinien
- Funktionelle Linien (zwei Stück – vorne und hinten)
- Tiefe Frontallinie (4)
Wo Ihr das nun alles wisst, ist es wichtig zu erfahren, wie man es praktisch anwenden kann. Momentan bin ich selbst in diesem Prozess der Nachforschung und Entwicklung und kann nur Folgendes sagen. Foam Rolling/selbst durchgeführte Bindegewebsmassage, Dehnen und Training in mehreren Ebenen (frontal/sagittal/transversal), sowie ausreichende Flüssigkeitszufuhr sind die Basis, auf die ich meine Programme aufbaue. Dieser Artikel hatte drei hauptsächliche Anliegen. Das erste war, für alle Trainierenden, Coaches, Trainer und Sportmediziner, einen gemeinsamen Ausgangspunkt zu finden. Das zweite war, mich durch diesen ganzen Stoff durchzuarbeiten und mir selbst ein besseres Bild davon zu machen, wie ich die beschriebenen Informationen in das Training meiner Athleten einfließen lassen kann. Das dritte war, die mysteriösen Faszien etwas näher zu beleuchten, von denen viele Leute kaum etwas gehört haben, die aber allgegenwärtig und nicht zu ignorieren sind. Ich hoffe, diesen drei Vorsätzen zu Genüge gefolgt zu sein und damit eine Diskussion gestartet zu haben, wie man mit dem menschlichen Körper und seiner Leistungsfähigkeit umgehen sollte, damit alle Parteien ein Stückchen vom Kuchen bekommen. Ich hoffe, in Zukunft einige praktische Beispiele geben zu können, wie ich den beschriebenen Stoff bei meinen Athleten anwende. Bis dahin möchte ich auf jene verweisen, die ich in diesem Artikel zitiert habe. Ich will Euch dazu ermuntern, selbstständig mehr über diese Themen zu lernen, da ich fest daran glaube, dass es Euch und alle mit denen Ihr arbeitet, gesünder und stärker machen wird.
Referenzen
- Chew, Ming (2009) The Permanent Pain Cure. New York: McGraw-Hill.
- Jarmey Chris, Myers Thomas (2006) The Concise Book of the Moving Body. North Atlantic Books, pgs 166–84.
- Marieb Elaine Nicpon, Hoehn Katja (2007) Human anatomy & physiology. Pearson Education, pgs 133.
- Myers Thomas (2009) Anatomy Trains : Myofacial Meridians for Manual and Movement Therapists. Churchill Livingstone Elsevier.
- Przytula Joe "The Hips: The Monster Beneath the Bed.".
- Self Myofascial Release
- Waterbury Chad. "The Fascia and Muscle Link." At: http://www.t-nation.com/free_online_article/sports_body_training_performance/the_fascia_and_muscle_link
- Applied Functional Science. At: http://www.grayinstitute.com
- Functional Movement Systems. At: http://www.functionalmovement.com
- Anatomy Trains. At: http://www.anatomytrains.com