Während ich diese Zeilen tippe, befinde ich mich wieder in einem Land mit unbegrenzter Geschwindigkeit auf den Autobahnen, kostenloser akademischer Ausbildung für jedermann und dem vielleicht besten Sozialversicherungssystem der Welt. In einem Land, in dem sonntags alles geschlossen hat, man nicht über Gehälter sprechen darf und der Kellner vor der Übergabe der Rechnung fragt: "Geht das alles zusammen?" Ja, der Heimkommen-Blues hat mich mit voller Wucht erwischt, jeder, der selber Auslandserfahrungen gesammelt hat, wird dieses Gefühl der völligen Leere kennen. Wie ein Phantomschmerz oder das Rauschen der Ohren nach einer langen Disco-Nacht.
Meine 6 Monate in New York City sind jetzt also vorbei. Obwohl ich ein halbes Jahr lang geglaubt hatte, der Tag würde niemals kommen. Kennst du den REM-Song "Leaving New York never easy"? Das ist bittere Wahrheit! Du kannst New York verlassen, aber New York lässt dich nicht los. Erst recht nicht, wenn du hier ein Leben hattest. Ich hatte eines, es war voller Crossfit, und es war grandios! Vielen Dank, dass ihr mich dabei, meine langatmigen Ergüsse geduldig lesend, geleitet habt.
Zeit für ein kleines Fazit.
USA – One Nation under God
Das sind sie wirklich, scheinbar von oberer Instanz zu der Nation auserkoren, auf die alle Welt ein wachsames, mahnendes und bewunderndes Auge hat. Für mich auf jeden Fall war Amerika immer gleichgesetzt mit so etwas wie Disney World, traumhaft und unerreichbar. 6 Monate nach dem Leben davor kann ich mich revidieren: Es ist sogar noch viel viel besser!
Bekannt ist ein Sinnspruch, nach dem die USA so wenig Kultur haben, dass es schon wieder eine Kultur an sich ist. Man kann dies auch bedenkenlos einem Amerikaner ins Gesicht sagen, sie lachen dann mit dir, und sie sind durchaus selbst reflektierend. Nur einmal erlebte ich eine etwas kritischere, ja beinah philosophische Reaktion, als jemand konterte: "Wir haben eine Kultur. Sie nennt sich Anpassung." Vielleicht ist das die beste Kultur von allen.
Die USA sind das Land der Einwanderer, und das spiegelt sich nicht nur in ihrer schikanierenden Visa-Politik wider, sondern auch in ihrer Art, miteinander umzugehen. Egal mit wem du es zu tun hast, die Wahrscheinlichkeit, dass seine Eltern keine Amerikaner sind, ist hoch, und wenn nicht die, dann spätestens deren Eltern. Und daher lernen sie von Kindesbeinen an, dass jeder ein Fremder sein kann, fast überall auf der Welt, und dass wir uns das Leben alle leichter machen, wenn wir einfach aufeinander zugehen und es miteinander versuchen.
Wer sich darauf einlässt, der hat, unabhängig von Herkunft oder Sprachbarrieren, schnell einen bemerkenswerten Bekanntenkreis aufgebaut. Wie lange kann man in einem deutschen Unternehmen den Schreibtisch teilen, bevor es auch nur zu einem Feierabendbierchen kommt? Wir brauchen da noch unternehmensgesteuerte Impulse, Teambuilding-Maßnahmen wie man das nennt, Kanufahren und Kletterpark mit den Kollegen.
Grade das Arbeitsleben ist hier auch viel zu schnell, da wäre Fremdeln ja Verschwendung von Zeit, die man vielleicht gar nicht haben wird. In meinem halben Jahr in dem kleinen Office in Manhattan habe ich 6 Angestellte gehen oder gegangen worden sehen. Bei einer Gesamtbelegschaft von 20 Mitarbeitern eine erstaunliche Fluktuationsquote. Die Hire und Fire-Kultur ist also kein Mythos.
Kurz gesagt: Ich habe mich dort drüben mit jedem Schritt wohlgefühlt. Ja, es ist viel Gespiele dabei. Die Verkäuferin will bestimmt nicht wirklich wissen "how I am" und es denkt bestimmt auch nicht jeder "how nice it is to meet me", man muss natürlich selektieren und seine Menschenkenntnisse walten lassen, wenn man auf der Suche nach wirklichen Freunden ist. Ansonsten aber ist die Leichtfüßigkeit im alltäglichen Miteinander einfach sehr wohltuend.
Weiterhin: Dieses Land steckt voller Kommerz, Verschwendungssucht und Naivität, polarisiert und ist in sich wenig konsistent. Dafür liebe zumindest ich es! So wie man eben diese spleenigen Künstlertypen doch irgendwie zu schätzen weiß, für ihre Vielfalt. Oder besser gesagt die Symbolisierung dieser.
New York City – the Capital of the World
Die Königin mit Schrammen im Gesicht ist ein Ort der Superlative. Man fühlt sich eigentlich immer, als würde man durch ein Filmset spazieren, weil man alles schon irgendwie aus dem Kino oder aus Serien kennt. Wenn man zwischen den Hochhäusern im Financial District steht oder beinah epileptische Anfälle erleidet unter den Leuchtreklamen am Time Square, dann kann man sich fast gar nicht vorstellen, dass Menschen hier auch einfach so leben und einen Alltag haben, Wäsche waschen und Milch kaufen müssen.Sechs Monate, vier Umzüge und drei Stadtteile später kann ich sagen: Natürlich tun sie das, aber zumindest mich hat das Surreale an dieser Metropole bis zum Schluss nicht losgelassen. Jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit, wenn die Subway über die Brücke von Brooklyn nach Manhattan fuhr, und ich die Freiheitsstatur sehen konnte, war das ein Gefühl von: "Das kann doch jetzt nicht die Realität sein?" Jeden Morgen.

New York hat gewiss Schattenseite wie jeder Ort auf dieser Welt. Man sagt, man kann nirgendwo sonst unter so vielen Menschen so einsam sein. Das gilt nicht nur für die laut Schätzungen ca. 70.000 Obdachlosen, die diesen Rekordwinter 2013 / 2014 in den warmen U-Bahn-Schächten verbracht haben. 130 $ die Monatskarte, ein Zehntel der Mietpreise eines vorzeigbaren Zimmers in Manhattan. Die Stadt, die niemals schläft, nimmt keine Rücksicht auf dich. Daher auch all die verlorenen Seelen, die mit großen Hoffnungen in ein angebliches Schlaraffenland kamen. Meine Probleme waren noch niedlich, nur ein Zimmer ohne Fenster und Heizung, ein recht spontaner Rausschmiss und, ihr erinnert euch, meine Bedbugs.
Ich würde es dennoch immer wieder machen aus verschiedenen Gründen. Seit ich in New York gelebt habe, ist mir die hierzulande gegenwärtige Angst vor der "Überfremdung" noch rätselhafter geworden. Ich habe diese ethnische Heterogenität immer als Bereicherung empfunden. Manchmal hatte man ein Abziehbild der gesamten Weltbevölkerung in einem Subway-Wagon – tröstend auch irgendwie, wenn man selber so weit weg von Zuhause ist.
Ganz generell folgt diese Stadt einem einzigartigen Rhythmus. Wirklich unbegrenzte Möglichkeiten. Man wünschte, an einem Tag wäre so viel mehr dran als nur diese 24 Stunden. Hier gibt es keine Ausreden, irgendeinen Traum nicht zu verwirklichen. Bestes Beispiel: Mehr als doppelt so viele Crossfit Boxen in einer einzigen Stadt, als in meinem Heimatland, für 80 Millionen Menschen. Apropos Träume: Kommen wir endlich zum Crossfit.
The Sport of Fitness – mich hat’s erwischt
Solltest du in die Fremde ziehen und Probleme damit haben, Anschluss zu finden, rate ich dir eins: Versuch es mal mit Crossfit, da bist du schneller mittendrin statt nur dabei im sozialen Miteinander, als du "Community" sagen kannst.Lass es aber lieber bleiben, wenn es sich um einen temporären Aufenthalt handelt. Nur ein gut gemeinter Präventionsvorschlag gegen übermächtigen Abschiedsschmerz. Ich zumindest habe kürzlich einen neuen Tränen-PR aufgestellt.
Ich bin im Laufe meines Studiums umfassend im Bereich Brand-Marketing ausgebildet worden. Ich bin durchaus in der Lage, Verkaufsmaschen zu erkennen. Dass vieles über Crossfit in diese Schublade fällt, ist mir präsent. Es ist so ein bisschen wie mit dieser Diskussion zwischen Apple-Liebhabern und Apple-Gegnern, und manchmal befürchte ich beinahe, dass in all diesen Diskussionen auch immer ein Hauch Neid auf der Kontra-Seite mitschwingt.
Am Ende ist es immer ein "Survival oft the Fittest", nicht nur bei den Crossfit Games, sondern auch in ökonomischer Hinsicht. Was immer es ist, mich hat es mit simplem Glück erfüllt, und wer dabei verdient, und wer auf der Strecke bleibt im kapitalistischen Background, das liegt ja doch nicht in meinen Händen. Ich bin ohne jede Erwartungshaltung in den Sport gestolpert, aber jetzt kann ich sagen:
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Wenn Crossfit ein Mann wäre, ich würde ihn sofort heiraten.
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Eventuell bin ich überempfänglich für zwischenmenschliche Kleinigkeiten. Am Anfang der Trainingseinheit gab es bei uns immer ein besonderes Willkommen für neue Mitglieder. In For Time-WOD's war es untersagt, schon mit dem Aufräumen des Equipments zu beginnen, bevor nicht auch der Langsamste gefinished hatte. Zweimal in der Woche schickte der Headcoach eine Motivationsemail herum, einmal die Woche gab es eine Rundmail mit Ankündigungen, Fotos, Interviews mit Mitgliedern und der Verkündigung neuer persönlicher Bestleistungen. Es war diese Liebe zum organisatorischen Detail, die mich so gerührt hat.
Was nicht vergessen werden darf: Es ist ja auch in sportlicher Hinsicht zielführend. Ich habe im vergangenen halben Jahr das einzigartige New Yorker Essen sinnvoll einzusetzen gewusst, 7 Kilo mehr sind mein Souvenir. Das entspricht mehr als 10% meines absoluten Körpergewichts. Schon klar, 7 kg reine Muskelmasse in 6 Monaten sind nicht realistisch, aber was soll’s, ich habe immer noch 6 sichtbare Bauchmuskeln, bei gutem Licht auch schon mal 8.

Seit die warme Jahreszeit auf der Nordhalbkugel Einzug gehalten hat und ich mich entsprechend leichter bekleide, ist praktisch kein Tag vergangen, an dem ich nicht auf meine sportliche Aktivität angesprochen wurde. Eine für mich neue Situation. So viel zur Optik.
Zusätzlich habe ich meine bisherigen Bestleistungen in allen Power Lifting-Disziplinen mehr als geknackt, neue Gymnastik-Skills erlernt und habe jetzt eine wenigstens ungefähre Ahnung davon, wie Olympisches Gewichtheben funktioniert. Vor allem aber bin ich mental gestärkt aus dem Training hervorgegangen. Sieben physische Ausflüge pro Woche in den roten Bereich packen auch deine psychische Fitness am Schopfe. Ich habe noch nicht die Hälfte des Weges zurückgelegt dorthin, wo ich bezüglich meiner Leistungsfähigkeit eines Tages gerne wäre. Aber ich habe den Glauben daran im Gepäck, das ist, was zählt.
Es bringt mir persönlich überhaupt nichts, dies hier zu schreiben. Ich habe keinerlei wirtschaftliche Verbindungen zur Crossfit, Inc. oder zu irgendeiner Affiliate, keine zu Reebok, ich werde von niemandem gesponsert, Crossfit hat auch in meine Tasche ein vierstelliges Loch gerissen. Und ich gehe auch nicht so weit, zu behaupten, Crossfit sei der einzige wahre Sport für alles und jeden.
Aber diese Artikelserie muss ja nun einen Abschluss finden, in den ich mein ehrlichstes persönliches Stimmungsbild lege. Und ich wünschte, ich könnte mit dieser Klarheit über meinen berufliche Werdegang oder meine Familienplanung sprechen. Zum Thema Crossfit fällt mir auf jeden Fall ein: Ich habe es gefunden, und ich will nichts anderes mehr machen.
Es ist eben manchmal so einfach! Entscheidungen trifft man am besten ohne Scale-Option.
Bilder: Harley Pebley | Darren Johnson | Jenni C