Eine Kurzgeschichte,
zur Verfügung gestellt von Strandkoerper.de

Der kleine Raum direkt über unserem Sportstudio war dreckig und das wenige Licht, welches sich durch die verkrusteten Fenster drängte, ließ die Staubpartikel in der Luft aufleuchten wie Millionen kleiner Sterne. Die Tapete war gelb von kaltem Nikotin und der Teppich klebte beim Laufen unter den Füßen. An diesem Ort fanden unsere geheimen Treffen statt, von denen nur Eingeweihte wussten und über die sich in unserem Studio die Gerüchte rankten.

Als ich mit unserem Neuzugang den Ort unser geheimen Zusammenkünfte betrat, verstummten die Anwesenden abrupt und eine lederne Stille trat an die Stelle der zuvor geführten Gespräche. In der Mitte des Raumes saß ein Dutzend Männer in einem Stuhlkreis und sie starrten uns an.
"Mein Name ist Thomas.", brach der Neue das quälende Schweigen und fuhr fort: "Ich trainiere seit zwei Jahren, doch meine Muskeln wollen nicht wachsen." Seine Stimme stockte und all die ungeweinten Tränen der Verzweiflung schossen unaufhaltsam in seine Augen. Ich legte meinen Arm um Thomas und führte ihn zu einem der beiden freien Stühle im Kreis. "Willkommen im Club der anonymen Hardgainer." murmelte die Gruppe im Chor.

Ich sah Thomas an und dachte an den Mann, der zuvor auf diesem Stuhl gesessen hatte. Sein Name hatte sich wie ein Krebsgeschwür in unseren Gehirnwindungen eingenistet: Michael. Er war ein sehr angesehenes Mitglied unseres Clubs gewesen, hatte unsere Zusammenkünfte organisiert, sich um die Neurekrutierungen gekümmert und stets für frisches Mineralwasser bei unseren Treffen gesorgt. Wie sich herausstellen sollte, war Michael eine bösartige Wucherung, denn er fing ohne ersichtlichen Grund zu wachsen an und musste schließlich entfernt werden. Als wir ihn aus dem Club schmissen, hatte er sich bereits stattliche 39er Arme antrainiert.

Die Realität packte mich am Kragen und riss mich aus meinen Gedanken zurück in unseren schäbigen Clubraum. Mein Blick wanderte über die Gesichter der anderen Clubmitglieder, die mich fragend ansahen. "Ob dein T-Shirt neu ist.", wiederholte einer von ihnen und deutete mit seinem knöchrigen Zeigefinger auf meine Brust. Ich sah an mir herunter und betrachtete das rosafarbende Shirt mit dem Aufdruck Queen of Callanetics, das lässig über meine fliederfarbende Leggins fiel. Meine Augen füllten sich mit Tränen, als mich die Erinnerung an eine längst vergangene Zeit einholte...

Nachdem Michael gegangen worden war, überkam uns eine endlose Wut und wir beschlossen, unsere Krankheit zu besiegen: Wir wollten keine Hardgainer mehr sein. In der Abgeschiedenheit unserer Selbsthilfegruppe schmiedeten wir viermal die Woche an einem Masseplan, der die Welt des Bodybuilding revolutionieren sollte. Natürlich waren wir an diesen Tagen immer viel zu aufgewühlt, um ans Training zu denken und so beschränkten sich unsere kurzen Workouts an den zwei bis drei gruppenfreien Tagen auf schwere Grundübungen. In diesen Trainingseinheiten entlud sich jedes Mal der Frust über unsere scheinbar aussichtslosen Situation und wir trainierten härter als jemals zuvor.

Warum hatten unsere Eltern uns nur diesen genetischen Ballast hinterlassen?

Nach sechsmonatiger Entwicklungszeit war es dann endlich soweit: Unser bahnbrechendes Trainingssystem, ein hochintensives 7er-Split-Programm mit dem Namen HIT2ed, war fertiggestellt und auf rund 1500 DIN A4 Seiten in einer Kurzanleitung zusammengefasst. Stolz saßen wir um unser Buch herum und tranken eiskaltes Mineralwasser, welches uns Michael freundlicherweise trotz seines Rauswurfs weiterhin stellte, als plötzlich die Tür aufsprang und Dieter hereinstürzte: "Schaut her!" schrie er wie von Sinnen und riss sich das T-Shirt von seinem über und über mit Muskeln besetzten Oberkörper. "Und ihr sehr genauso aus!" keuchte er und machte eine Most Muscular Pose. Da fiel der dunkle Schleier der Verdrängens von unseren Augen und wir sahen es auch: Unsere Kleidung war bis zum Zerreißen über unsere Körper gespannt. Endlich wuchsen unsere Muskeln und alle unsere Träume würden wahr werden. Noch am gleichen Tag begannen wir mit dem Training, denn wir wollten keine Zeit mehr vergeuden. Unser neues HIT2ed-System sollte des Schmiedes Hammer sein, der nunmehr täglich unseren Körper formen würde. Doch obwohl wir härter und häufiger trainierten als je ein Mensch zuvor, fraß uns unsere Krankheit in den folgenden Wochen wieder sämtliche Substanz von den Knochen und wir waren das, was wir schon immer waren: eine genetische Müllkippe – Hardgainer eben.

Club der Hardgainer


Aber was hatte zuvor das Museklwachstum ausgelöst?

Waren es die seltenen aber hochintensiven Trainingseinheiten mit Grundübungen? Nein, das war ja lächerlich! So einfach konnte die Antwort nicht sein. Es musste eine andere Erklärung für dieses Phänomen geben. Wir grübelten noch Wochen über diese Frage nach, dann fiel es uns wie Schuppen aus den Haaren: Es war Michael, der uns über sein Mineralwasser heimlich Anabolika verabreicht hat. Dieser Blödmann! Dachte er allen Ernstes, dass wir nicht dahinter kommen würden? Wir waren zwar Hardgainer, aber deshalb nicht blöd.

Das würden wir ihm heimzahlen.

Bei dem Gedanken an Michael's Strafe musste ich lachen und die Erinnerung zerplatzte wie eine Seifenblase. Ich befand mich wieder im "Hier und Jetzt" bei meinen Freunden in der Selbsthilfegruppe. "Wisst ihr noch, was wir mit Michael gemacht haben?" fragte ich in die Runde.

In unserem Studio, direkt unter dem Clubraum, hielten die Pumper einen Moment lang inne, denn aus dem kleinen Raum, um den sich so viele Gerüchte rankten, war lautes Gelächter zu hören.

Nachwort:
Michael musste aufgrund eines "Zwischenfalls", den er seelisch und körperlich nie wirklich verkraftet hatte, das Sportstudio verlassen. Eine Gruppe maskierter Männer hatte ihn nackt an eine Multipresse gefesselt und ihm einen Einlauf mit Weighgainer verpasst.