"Der höchste Genuss besteht in der Zufriedenheit mit sich selbst."

(Jean-Jacques Rousseau)


Selbstbewusstsein…Fragt man Menschen nach Eigenschaften, die sie an anderen schätzen, wird man sehr häufig hören, dass die Person selbstbewusst sein soll. Ein niedriger Grad an Selbstbewusstsein wird gemeinhin als Mangel aufgefasst, also negativ assoziiert. Doch was ist Selbstbewusstsein überhaupt? Kant beantwortet diese Frage in den Vorlesungen über Metaphysik wie folgt:

"Ich bin mir selbst ein Gegenstand der Anschauung und des Denkens’ ist ein synthetischer Satz a priori und der Grundsatz der Transzendentalphilosophie."


Und weiter in der Kritik der reinen Vernunft:

"Der synthetische Satz: dass alles verschiedene empirisches Bewusstsein in einem Selbstbewusstsein verbunden sein müsse, ist der schlechthin erste und synthetische Grundsatz unseres Denkens überhaupt."


Selbstbewusstsein ist entsprechend der Kant'schen Definition das Ergebnis der Beobachtung und Reflexion des eigenen Ichs.

Einen weiteren wesentlichen Gedanken steuert Hegel bei, indem er in der Phänomenologie des Geistes darauf hinweist, dass Selbstbewusstsein nur in der Gegenwart anderer entstehen kann, er formuliert entsprechend einen dialektischen Begriff des Selbstbewusstseins.

Allgemein lässt sich festhalten, dass gemeinhin der Begriff Selbstbewusstsein häufig mit dem Begriff Selbstvertrauen/Selbstwert gleichgesetzt wird und entgegen seiner eigentlichen Definition fast ausschließlich positiv konnotiert wird. An dieser Stelle ist wichtig festzuhalten, dass die beiden Begriffe, wenn auch häufig synonym verwendet, nicht das Gleiche meinen. Das Selbstbewusstsein ist letztlich die Definition der eigenen Persönlichkeit durch Eigenstudium und Fremdzuschreibung. Selbstvertrauen hingegen beschreibt nur ein Verhältnis. Das Verhältnis von den Anforderungen, die die Gesellschaft und auch wir selbst an uns stellen zu dem, was wir glauben realisieren können. preview

Schön und gut, aber was zur Hölle hat das alles mit Bodybuilding zu tun?

Eine ganze Menge. Beginnen wir mit der Frage, warum eine Person überhaupt anfängt zu trainieren. Sicher, einige mögen gesundheitliche Aspekte anführen, den Spaß an der Bewegung, oder – mein Favorit – den Wunsch nach allgemeiner Fitness. Folgt man dem Eisbergmodell nach Ruch und Zimbardo, welches sehr stark an die Theorie des Bewusstseins von Sigmund Freud angelehnt ist, so sind wir uns nur über 20% unserer Handlungsmotive bewusst (die Spitze des Eisberges, die aus dem Wasser ragt), der Rest verbleibt versteckt unter der Wasseroberfläche, zunächst die vorbewussten Motive wie Ängste, verdrängte Konflikte und Persönlichkeitsmerkmale, noch tiefer die unbewussten wie Lustbefriedigung, Instinkte, traumatische Erlebnisse. Ohne eine tiefergehende Analyse sind diese Motive nicht herauszufinden. Die oben genannten Gründe sind zumeist Ergebnis einer teils bewusst, teils unbewussten Unsicherheit über die eigenen Motive, kombiniert mit der Scheu einer fremden Person persönliche Handlungsmotive zu nennen, welche zumeist wesentlicher Bestandteil des Selbstbewusstseins sind. Ein Punkt, den wohl die wenigsten nennen, der aber bei fast jedem eine Rolle spielen dürfte, ist der Wunsch nach Anerkennung. Dieser ist eine sehr starke psychomotorische Kraft. Der Mensch will anderen gefallen, er bezieht – wie beschrieben - einen bedeutenden Teil seines Selbstbewusstseins aus dem Feedback der anderen. Der französische Philosoph Blaise Pascal schrieb hierzu:

"Das ganze Glück der Menschen besteht darin, bei anderen Achtung zu genießen."


Kurzum: Wir trainieren um anderen zu gefallen! Und indem wir das tun, erhoffen wir uns positive Resonanz auf unser Handeln, oder zumindest einmal überhaupt Resonanz, Aufmerksamkeit, notfalls auch negativer Natur. Denn diese Reaktion kann man sich ja wieder schöndeuten, im Sinne davon, dass man so viel erreicht hat, dass es den anderen schon zu viel ist. Viel schlimmer wäre eine Nichtbeachtung des eigenen Handelns. In manchen Fällen wird das fast schon ins Krankhafte übersteigert, so dass die betreffenden Personen am Ende wirklich in jeder ablehnenden Geste, in jedem abfälligen Kommentar eine Bestätigung ihrer Leistung sehen. Denn Zuspruch erhält man ja, wenn auch nur von einem kleinen Kreis Gleichgesinnter.

Ist es nicht absurd? Da beginnt man das Training insgeheim mit dem Wunsch nach positiver Anerkennung und kommt an den Punkt, an dem man sich negative Anerkennung positiv auslegt…

Doch betrifft diese Problematik bei weitem nicht alle Trainierenden. Viele werden zwar angeben, dass dies auch bei ihnen so sei, aber das entspringt in vielen Fällen wohl mehr einem Wunschdenken, da die bereits angedeutete Nichtbeachtung kaschiert werden soll. Sie zuzugeben, würde einem Eingeständnis gleichkommen, dass die eigenen Trainingserfolge mau sind. Etwas, was viele Trainierende, insbesondere junge Männer, nicht mit ihrem Ego vereinbaren können.

Dabei entspringt dieses Gefühl zu wenig geleistet, bzw. zu wenig erreicht zu haben nicht selten völlig verdrehten Ansichten darüber, was ein genetisch normal veranlagter Mensch erreichen kann. Ein geschätzter Moderator dieses Forums schrieb einmal: "Die meisten Leute überschätzen völlig, was man in einem Jahr erreichen kann. Allerdings unterschätzen sie in gleichem Maße, was in 10 Jahren möglich ist." Und damit hat er verdammt recht. Dies erfordert Beständigkeit, Disziplin und Hingabe. Doch wird es auch ein enormer Schub für das Selbstbewusstsein sein, wenn man denn nach vielen Jahren der Aufopferung sein Ziel erreicht. Ich weiß, das entspricht nicht dem Zeitgeist, der alles hier und jetzt haben will, sofort und möglichst ohne großen Aufwand. Und die Medien suggerieren den Menschen auch noch, dass diese Ziele problemlos zu erreichen sind. "8kg pure Muskelmasse und dabei noch den Körperfettanteil von 15 auf 8% reduziert in nur 10 Wochen – das schafft nur das neue Wunderprodukt xy!!!" Das und der Vergleich mit anderen, über deren Umstände man gar nichts weiß, führen zu einem inadäquaten Selbstvertrauen: man überschätzt sich, oder, wie es bei vielen Anfängern, die vor Trainingsbeginn nicht unbedingt zu den Menschen gehörten, die für ihren Körper viel Lob erfahren haben, man unterschätzt sich, setzt sich zu niedrige Ziele.

Doch woher weiß ich, was ich erreichen kann? Ganz einfach: Du wirst es sehen, wenn es soweit ist. Blöde Antwort, ich weiß, aber die einzige, die wirklich ehrlich ist. Niemand kann Dir sagen, was Du erreichen kannst, Du allein kannst es herausfinden. Damit Du aber nicht völlig planlos bleibst, setze Dir Etappenziele, so dass Du in kleinen Schritten voranschreitest. Erreiche das Dir maximal mögliche, mehr kannst Du nicht tun.

"Achtung verdient, wer erfüllt, was er vermag."

(Sophokles)


Auf Deinem Weg solltest Du aber immer darauf achten, dass Du die Bodenhaftung behältst. Eine Erfahrung, die ich leider zu oft machen musste, ist, dass insbesondere diejenigen, denen bisher positive Anerkennung für ihren Körper verwehrt blieb, sehr oft zu einem nach außen übersteigerten Selbstwertgefühl tendieren, wohl um die Komplexe der Vergangenheit vergessen zu machen. Eine andere Gruppe scheint ganz offensichtlich Mängel in anderen Lebensbereichen durch ihren Körper kompensieren zu wollen. Es ist eben die ewige Suche nach Anerkennung, die uns treibt, doch kann man sich selbst nur bedingt belügen. Andere, andere kann man recht leicht davon überzeugen, was für ein selbstbewusster Hengst man ist, doch das eigene Ich, die Quelle des Selbstbewusstseins, sie lässt sich nur schwer belügen.

"Wenn wir uns selbst anklagen, fühlen wir, dass kein anderer das Recht hat, uns anzuklagen. Die Beichte, nicht der Priester, gibt uns Absolution."

(Oscar Wilde)


Es ist völlig legitim stolz auf den eigenen Erfolg zu sein. Doch sagte der amerikanische Baptistenpastor Billy Graham nicht zu Unrecht:

"Das gefährlichste aller Rauschgifte ist der Erfolg."


Wichtig ist, den Erfolg bewusst wahrzunehmen, ihn zu genießen, aber sich nicht von ihm verleiten zu lassen, die eigenen Schwächen in andere Bereichen zu kaschieren, sondern diese mit dem gleichen Elan, dem gleichen Ehrgeiz anzugehen, wie man es bei dem Aufbau seines Körpers getan hat. Wahrhaft ganzheitlich erfolgreiche Sportler erkennt man daran, dass sie es geschafft haben, den sportlichen Erfolg in andere Bereiche zu übertragen. Wer das schafft, der wird wahrhaft sein Selbstbewusstsein stärken.

Aber noch auf andere Weise kann der Sport unser Selbstbewusstsein beeinflussen, nämlich in der Form, dass er unsere Selbstwahrnehmung schult. Sportler nehmen ihren Körper in der Regel bewusster wahr. Auch hier sollte man auf ein gesundes Augenmaß achten um nicht zum Hypochonder zu mutieren. Wer dieser Gefahr nicht verfällt, wird durch das Training am Leistungs- und Belastungslimit sehr viel über sich selbst erfahren, denn in Extremsituationen tritt unser wahres Ich in Erscheinung. Hier erkennen wir, ob wir so taff sind, wie wir es anderen und vielleicht auch uns selbst vorgemacht haben. Hier wird unser Selbstvertrauen auf eine harte Probe gestellt. Egal wie es ausgeht, wir sind in jedem Fall um eine Erkenntnis reicher, eine Erkenntnis, die uns wieder als ein Puzzlestück unseres Selbstbewusstseins dienen sollte.

"Ein Akt der Selbstreflexion, der "ein Leben ändert", ist eine Bewegung der Emanzipation."

(Jürgen Habermas)


So kann uns der Sport, unser Sport Bodybuilding dem näher bringen, was wir wirklich sind, wenn wir bereit sind uns zu öffnen, bewusst zu reflektieren, unsere Schwächen zu erkennen und an ihnen zu arbeiten und stolz auf unsere Stärken und unser Erreichtes zu sein, ohne dabei die nötige Bodenhaftung zu verlieren. So schrieb schon Hermann Hesse in Narziß und Goldmund:

"Wach nenne ich den, der mit dem Verstand und Bewusstsein sich selbst, seine innersten unvernünftigen Kräfte, Triebe und Schwächen kennt und mit ihnen zu rechnen weiß."


In diesem Sinne könnt Ihr Bodybuilding als nicht unwesentlichen Schritt auf dem Weg zur Selbsterkenntnis verstehen. Alles was Ihr tut, beeinflusst und formt Euer Selbstbewusstsein, lasst Bodybuilding ein positiver Einflussfaktor sein.

Hinweis des Autors: Gerne bieten wir auch eine individuell auf euch zugeschnittene Betreuung an. Alle Informationen hierzu findet ihr unter www.ironhealth.de! Ihr habt Fragen? Dann kontaktiert uns doch einfach unter info@ironhealth.de!