Zur traditionellen Ausbildung eines Schauspielers gehören seit langem schon anspruchsvolle Bewegungstechniken wie Fechten oder Tanzen. Und obwohl jedem Laien bewusst ist, dass Schauspielerei und physische Präsenz ebenso nah verwandt sind wie physische Präsenz und Bodybuilding, gehört letzteres bislang nicht zur gewöhnlichen Ausbildung eines Schauspielers. Ungewöhnlich ist es trotzdem längst nicht mehr, dass Schauspieler Bodybuilding betreiben, um sich auf eine Rolle vorzubereiten. Physical trainers sind an den Vorbereitungen nicht eben weniger Blockbuster der letzten zehn Jahre beteiligt gewesen, darunter quasi aller US-Superheldenfilme und -sequels von X-Men und Spider Man über die Batman- und Blade-Reihe bis zu Iron Man, The Punisher und Thor. Während es bis in die 1970er Jahre hinein überwiegend B-Movies waren, in denen Bodybuilder auftreten durften – allen voran Steeve Reeves in den italienischen Sandalenfilmen der 60er –, scheint der muskulöse Körper mit der Ära des modernen Blockbuster-Kinos zu neuen ästhetischen Ehren gekommen zu sein. Muskelmasse ist schon seit Jahrzehnten keine Kirmesattraktion mehr, sondern ein fast obligatorisches Attribut von Filmprotagonisten, ein Erfolgsfaktor zumindest in gewissen Genres und eine Art Schauwertbonus, ähnlich wie Spezialeffekte oder leicht bekleidete Blondinen.

Doch diese Tendenz ist nicht so neu wie man vermuten mag. Schon in der Stummfilmzeit gab es den muscle hero Bartolomeo Pagano (1878-1947), einen genuesischen Hafenarbeiter, der in den weltweit erfolgreichen Maciste -Filmen der 1910er und 20er Jahre für das Gute und nicht zuletzt, während des Ersten Weltkriegs, fürs italienische Vaterland kämpfte. Wie später John Rambo im kalten Krieg die Russen, besiegte sechs Jahrzehnte vorher schon Maciste als erster Nationalheld in der Geschichte des Oberkörperfilms die Österreicher quasi im Alleingang. Zur selben Zeit übernahm der amerikanische Ex-Polizist Elmo Lincoln (1889-1952), der als Komparse entdeckt wurde, weil ihm bei einer Kampfszene das Hemd gerissen und sein beeindruckender Torso zum Vorschein gekommen war, die Hauptrolle im allerersten Tarzanfilm Tarzan of the Apes (1918), der mehr als eine Million Dollar einspielte und damit einer der erfolgreichsten Stummfilme überhaupt wurde.

Anfang der 1930er Jahre betrat dann mit Johnny Weissmuller der erste Schauspiel-Sportler, der über seinen Ruhm als Schwimmer zur Rolle des Urwaldmenschen gekommen war, das Set in Hollywood und wurde sogar noch erfolgreicher als Lincoln, obwohl sein Tarzan praktisch überhaupt nicht sprach. Weissmuller war erklärtermaßen die sportliche Inspiration für Steve Reeves (1926-2000), den Herkules der 60er und wohl noch immer einer der meistabgebildeten Bodybuildingkörper aus der Pionierphase dieses Sports, der seinerseits das sportliche Vorbild eines der meistabgebildeten Film- und Muskelhelden bis heute wurde, von dem noch gleich die Rede sein wird, nämlich des jungen Sylvester Stallone. Die Ahnenreihe der populärsten Filmkörper geht also in direkter Linie auf Weissmuller zurück (und belegt zugleich eine Entwicklung, die auch abseits des Films im Bodybuilding leicht erkennbar ist: mit jeder Generation werden die Körper massiger, der Muskelanteil schwerer). Sowohl Weissmuller, der für sein mangelndes Talent bekannt war, als auch seine frühen Vorläufer Lincoln und Pagano verdankten ihre Engagements als Hauptdarsteller keineswegs ihrem schauspielerischen Können, sondern allein ihren Körpern – ein Phänomen des Filmgeschäfts, das also weder neu noch veraltet ist. preview

Mit dem US-Fitnessboom der 70er und, in Europa, der 80er Jahre wandelte sich das Bild des massiven, durchtrainierten Körpers von der Ausnahmeerscheinung im Profisport, etwa im Boxring, zum geradezu alltäglichen Phänomen. Zeitgleich veränderten sich auch die Filmrollen für Bodybuilder und bodybuildingbereite Schauspieler vom Ausnahme- zum Alltagscharakter; trotz der Superhero-Welle seit den 2000er Jahren sind es schon lange nicht mehr ausschließlich Helden und Halbgötter wie Herkules oder Batman, legendenhafte Figuren in Fantasy- und Historien-Filmen, die ihre Abenteuer dank Muskelhypertrophie bestehen, sondern auch gewöhnliche Sterbliche, die dem Zuschauer, der selbst vorm Kinobesuch noch trainiert haben mag, lebensweltlich sehr viel näher sind.

Ein musterhaftes Beispiel und längst ein Olympier der Populärkultur nicht weniger als Batman ist die von Sylvester Stallone (*1946) erfundene und verkörperte Figur strong>Rocky Balboa. Der italo-amerikanische Boxer aus Philadelphia, der im Zentrum der sechs Rocky-Filme steht, ist der typische last minute hero: er braucht 89 Minuten, um vom Boden aufzustehen und triumphiert in der 90. Minute wider alle Wahrscheinlichkeit – wenn nicht als Sieger im Ring, dann doch im Kampf um die Sympathie des Publikums.

Natürlich straucheln und stolpern auch andere Helden. Auch Herkules muss von übermächtigen Gegnern einiges einstecken, bevor er zu seiner wahren Größe findet. Jeder Held erlebt im Film eine Reihe von (scheinbaren) Niederlagen und tödlichen Bedrohungen, um dem Zuschauer Spannung zu bieten, die gerade in der Ungewissheit besteht, ob er es am Ende schaffen wird oder vielleicht doch nicht. Rocky Balboa aber ist, wie faktisch alle Figuren Stallones, so sehr ein leidender und strauchelnder Held, dass man das Heldenhafte an ihm kaum noch erkennen kann. Er ist schon beinahe ein Anti-Held, ein stammelnder Underdog, der man lieber nicht sein möchte, und Stallones von Geburt an teilweise gelähmtes Gesicht, blutverschmiert im Boxring oder auch schlammverschmiert in der Wildnis der Rambo-Filme, ist eine Popcorn-Ikone des Schmerzes und der Überwindung, in der sich gerade diejenigen wiedererkannten, die sich nicht für die Herren der Welt hielten. Im Amerika der Post-Vietnam-Ära – und im Rest der Welt sowieso – waren das nicht wenige.

Rocky Balboa und John Rambo bündelten die erlittenen und die eingebildeten Niederlagen der Zuschauer, die sich mit ihnen identifizierten, zu einem in jedem Sequel kaum variierten Gleichnis, das all denen, die bis zum Ende durchhielten, den Sieg verhieß. Halb Actionfigur, halb Heiligenbild werden beide Figuren von Szene zu Szene verspottet, verprügelt, verfolgt und gefoltert, sie häufen Schmerz und Demütigung in biblischem Ausmaß auf ihre Schultern, um im Finale trotz alldem zu einem Gegenschlag auszuholen, einen erlösenden Treffer zu landen und das Ich-versus-Welt-Konto endlich wieder auszugleichen. There aint nothin‘ over till it’s over, dieses geflügelte Wort aus der Feder des Drehbuchautors Stallone macht selbst jenen Hoffnung, die zur Hoffnung nicht den geringsten Grund haben: nur für Tote gilt es nicht mehr.

Das ist natürlich alles andere als neu. Wieder einmal haben wir es mit dem ‚amerikanischen Traum‘ zu tun, dem Opium der hart arbeitenden und stets von Verarmung bedrohten US-Bevölkerung, einem Märchen zum Trost der Trostlosen. Und Stallone, der als 24jähriger Studienabbrecher einen Softcore-Film drehte, um nicht mehr an einer Bushaltestelle übernachten zu müssen, ist nicht der Letzte, der mit einem Remake dieses Märchens reich geworden ist.

Auch er hat es also geschafft – wie Rocky. Rocky und Stallone, sie scheinen einander in ihrer Authentizität zu bestätigen und viel mehr gemeinsam zu haben als Ivan Drago und Dolph Lundgren oder der Terminator und Schwarzenegger. Nicht zufällig trägt Balboa den Beinamen 'The Italian Stallion', 'der italienische Hengst', eine Anspielung auf 'Slys' italienischen Nachnamen, der in der Muttersprache seines Vaters 'Hengst' bedeutet. Stallone = stallion, diese Gleichung stimmt nicht nur auf der sprachlichen Ebene.

Der berühmteste Hobby-Bodybuilder der Welt, der einmal Schriftsteller hatte werden wollen und zu allen Rocky- und Rambo-Filmen das Drehbuch selbst verfasst hat, hat sich seine größten Rollen selbst auf den Leib schreiben können. Im Unterschied zu (fast) allen anderen Muskelmännern des Hollywoodkinos war Stallone nie nur ein Zirkuslöwe, dem die Crew auftragen konnte, wann er seinen eingeölten Oberkörper in die Linse halten oder einen seiner siebzehn Sätze sprechen sollte. Als Autor und oft auch Regisseur seiner eigenen Filme mit sich selbst in der Hauptrolle verkörpert (im wörtlichsten Sinne) Stallone einen Helden, der widrigen Umständen zum Trotz ebenfalls zum Regisseur seines eigenen Lebens wird.

Obwohl das insgesamt doch eine optimistische Botschaft sein soll, ist der american dream mit Rocky (und anderen Filmen der New-Hollywod-Ära) doch schon kurz vor dem Aufwachen, ein Stück düsterer und realistischer geworden. Das Leben als Amerikaner, ja als Bewohner der westlichen Welt überhaupt scheint seit Rocky trostloser und schmerzhafter als noch zu Zeiten von James Stewart und John Wayne. Stallone spielt keinen guten alten 'Haudegen' mehr. Er spielt immer auf neue den leidenden Helden, dessen Leistung gerade auch das Leiden selbst ist – nicht mehr seine Vermeidung. Stallones Helden sind stets auch Opfer, aber sie bleiben es eben nicht, und von dieser Verwandlung erzählen seine Filme. Rocky Balboa ist ebenso wie John Rambo eine Art Messias der Konkurrenzgesellschaft, dem es gelingt, noch die demütigendste Niederlage in einen Triumph umzuwandeln allein durch den Glauben an sich selbst. Und ohne ihre Niederlagen, gibt uns Stallone zu verstehen, wären diese Figuren niemals Helden geworden: 'no pain, no gain' – diesen Slogan der Aerobic-Queen Jane Fonda, mittlerweile so etwas wie Vers eins im Glaubensbekenntnis des Bodybuildings, zitiert Stallone selbst gern, und zwar nicht nur auf den Sport bezogen, sondern auf das Leben selbst, als philosophischen Gemeinplatz.

Stallones leidendes Gesicht, die ausgedehnten Trainingssequenzen, in denen Rocky seine selbstzerstörerischen Rosskuren absolviert und an Folter grenzende Übungen ausführt, die oft kolportierten Verletzungen Stallones bei Dreharbeiten und nicht zuletzt seine grotesken Diäten, für die er fast ebenso bekannt ist wie sein ewig rohe Eier schlürfendes Alter Ego Balboa – all das steht für die masochistische Seite des Bodybuildings, für den Willen zum Schmerz, der für diesen Sport so bedeutsam ist. Es ist eben nicht (mehr) leicht, ein Sieger zu sein, genau genommen ist es das genaue Gegenteil von 'leicht' – der Sieger wiegt mindestens hundert Kilo und hat einen Körperfettanteil von drei Prozent. Und wer aussehen will wie ein Übermensch muss leiden wie ein Tier.

Siegen kann nur wer zur physischen Qual bereit ist oder, sportwissenschaftlich ausgedrückt, wer systematisch seine Muskelfasern zerstört, damit sie sich verstärkt regenerieren. Es ist das Grundprinzip des Bodybuildings, das Stallone in seinen Rocky-Filmen aufgreift und zum Gleichnis ausweitet: Erfolg im Leben funktioniert analog zur erfolgreichen Muskelhypertrophie, biologische Vorgänge scheinen auf die gesellschaftliche Ebene übertragbar. (Genau dieser Trugschluss macht auch Stallones Drehbücher so eindimensional und unglaubwürdig.) Der Boxer Balboa kann durchaus als Schutzheiliger des Hantelsports durchgehen: kein anderer Sport und kein anderer Filmheld illustrieren so deutlich das kapitalistische Dogma, nach der die Selbstzerstörung der Selbstverklärung vorausgeht.

Dass man im Gym nicht nur für den physischen Erfolg, sondern auch für den Lebenserfolg trainieren könne, dass Fitness und Glück sich also zueinander verhielten wie Schweiß und Preis oder Arbeit und Lohn, das ist eine sehr amerikanische Ansicht, auf die man sich vielleicht nicht verlassen sollte. In Rockys Welt funktioniert das. Jede Trainingsszene, jedes Gewicht, das er unter den staunenden Blicken seiner Supporter mit verzerrter Miene bewältigt, ist als Vorzeichen seines künftigen Sieges zu lesen. Gewichte und Schmerzen, kurz das Pumpen macht ihn zum Sieger. Und warum sollte das Unsinn sein?

Hat das Pumpen nicht auch Sylvester Stallone zum Sieger gemacht – und einige andere, von denen später hier die Rede sein soll? Die Gerechtigkeit des amerikanischen Traums – dass jeder endlich bekommt, was ihm seiner Meinung nach zusteht, was eine ungerechte Gesellschaft ihm aber bislang verweigert – wird in Stallones Filmen nicht auf politischem Weg erreicht, nicht durch Intelligenz (Balboa ist in Rocky II zu dämlich, um Werbesprüche aufzusagen) und nicht durch Kreativität, sondern einzig und allein – durch Muskeln.

Stallones Filme folgen alle einer einzigen Idee: Kann ein Mann mit diesem Körper unterliegen? Nein. Er wird nicht unterliegen, weil er gerade mit diesem Körper mehr aushalten kann als seine Gegner. Dass man mit dieser Idee im Hinterkopf das Skript für einen Boxerfilm schreiben musste, liegt auf der Hand. Das Drehbuch ist bei Stallone eine logische Folge seines Oberarmumfangs (45 cm). But it ain't about how hard ya hit. It's about how hard you can get it and keep moving forward. How much you can take and keep moving forward. That's how winning is done!

So fasst Stallone im wohl letzten Sequel Rocky Balboa (2006) noch einmal seine Boxerphilosophie zusammen. The iron chin ist das Geheimnis von Rockys Erfolg und Doktor Slys Rezept für ein Gewinnerleben. Einfach also und für jedermann erhältlich. Auf die Schnauze zu bekommen wird zum Kriterium der Auserwähltheit aufgewertet, als ob es nicht viel Zuviele gäbe, die das leider sehr gut können (müssen). Und auch im Ring hat einer, der nur nicht k.o. geht, längst noch nicht gewonnen; mindestens ein guter Treffer, Geschwindigkeit, Kraft und Talent sind schon noch nötig, und außerhalb des Rings erst recht.

Nichtsdestotrotz bleiben dem heute Über-30jährigen manche Szenen aus Rocky-Filmen so lieb und vertraut wie (ein wenig peinliche) alte Fotos. Man betrachtet sie immer wieder mit wohligem Gruseln. Eine Szene aus der Trainingssequenz von Rocky Balboa hat gute Chancen auf einen ähnlichen Status unter den Freunden der Schwerathletik. In der Vorbereitung auf seinen Kampf gegen einen schnelleren Gegner setzt Rockys Trainer auf horse power, und so sieht man denn den alternden Ex-Weltmeister in einem Lifting Club bei Klimmzügen, Bankdrücken, Kniebeugen. Stallones zerknautschtes Gesicht unter den circa 220 kg Eisen, die er langsam, über mehrere Schnitte hinweg aus der Hocke hochdrückt – parallel montiert mit einer Szene, in der er rohe Eier trinkt – bringt auf den Punkt, dass dieser Sport, wenn er einen auch nicht zum Lebenserfolg, sondern eher zum Orthopäden führen wird, dem westlichen Menschen eine der letzten Gelegenheiten bietet, in einem Universum der Bequemlichkeit seine ganze physische und mentale Kraft in einem einzigen Moment zu bündeln – und die Euphorie zu erfahren, wenn man diese selbstgesetzte und einsame Prüfung besteht.

Das ist nicht viel, und es ist vielleicht auch nicht wichtig. Doch in einer Welt, die Rockys Hinterhöfen ziemlich ähnlich sieht, ohne dass sie das Siegen so leicht werden ließe, gehören Euphorie und Kraft zum Besten, was zu haben ist.