"Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie."
(Johannes Evangelium)


Wirft man einen Blick auf die aktuelle mediale Hetzkampagne gegen den ehemaligen Radstar Lance Armstrong, so scheint es, als wäre die Welt voller Heiliger bevölkert. Keine Zeitung, kein Blog, kein TV-Bericht, der ein gutes Haar an der einstigen Legende lässt. Kein Wort mehr über seine außerordentliche sportliche Leistung, denn diese, so ist sich der geneigte Laie sicher, war eh nur Resultat des Missbrauchs von Arzneimitteln.

Und ja: er hat Schuld auf sich geladen. Er hat sich illegaler Mittel bedient um seine Leistung zu verbessern. Er hat gelogen, wenn er auf dieses Thema angesprochen wurde und er hat alles getan um sein Lügenkonstrukt zu verschleiern. Vor diesem Hintergrund ist er schuldig, da besteht keinerlei Zweifel. Doch sollte man die Gesamtsituation betrachten, bevor man ein Urteil fällt.

Doping entspricht der Natur des Menschen. Der Mensch strebt nach Höherem, nach immer besseren Leistungen. "Höher, schneller, weiter", dieses Motto ist tief in uns verwurzelt und hat erst dafür gesorgt, dass der Mensch zu der dominierenden Spezies dieser Erde aufsteigen konnte, die es heute ist. Wenn man dafür "nachhelfen" muss, wird das getan. Erste primitive Formen des Dopings gab es bereits in der Antike und auch fern des Sports waren helle Geister oft gerade deswegen so leuchtend, weil sie "nachhalfen". Werfen wir einen Blick auf die heutige Gesellschaft: Manager koksen und trinken um mit dem Druck besser klar zu kommen, Schüler und Studenten schlucken Ritalin um besser lernen zu können, Amateursportler aller Klassen unterdrücken Schmerzen mit NSAR. Doping ist allgegenwärtig. Einerseits weil es funktioniert, zumindest für den Moment, weiterhin, weil es dem Menschen das gibt, was er sehen will: Sensationen, Rekorde, unglaubliche Leistungen. Sport ist heute weit mehr als körperliche Ertüchtigung, in vielen Bereichen ist es Entertainment und vor allem ein milliardenschweres Business. Fans geben Unsummen aus und erwarten immer grandiosere Leistungen. Diesen Ansprüchen müssen die Sportler gerecht werden, da liegt es nahe zu verbotenen Substanzen zu greifen.

Dem menschlichen Körper sind nun einmal anatomische und physiologische Grenzen auferlegt. Wir können noch so ausgefeilte Trainingsmethoden verwenden, wir können noch so sehr unsere Ernährung und Regeneration optimieren, irgendwo ist das Potential auf diesem Level endlich. Will man Doping ernsthaft bekämpfen, muss man den Menschen klarmachen, dass sie sich auf keine neuen Rekorde mehr freuen dürfen. Sicher, hier und da wird mal ein Ausnahmetalent erscheinen, das im Genetiklotto einen Sechser mit Superzahl gezogen hat, aber das war es. Keine neuen Fabelzeiten in der Leichtathletik, keine neuen Rekorde im Gewichtheben, keine Beschleunigung des gesamten Spiels, wie wir es im Fußball beobachten können (Wer an dieser Stelle Einspruch erheben will, sollte sich einmal Fußballspiele der vergangenen Dekaden anschauen und wird feststellen, dass das Spiel heute um ein Vielfaches schneller, dynamischer und körperbetonter ist…ob das nur an der taktischen und technischen Optimierung des Spielsystems liegt darf zumindest arg bezweifelt werden). Doch will das Publikum das? Sind Leistungssportler nicht einfach nur die modernen Gladiatoren, die der Unterhaltung des Pöbels dienen?

Sicher, jetzt werden alle schreien, dass sie lieber einen sauberen Sport wollen, auch wenn die Leistungen dann zurückgehen. Das ist schnell gesagt, doch ist es wirklich so? Wollen wir wieder Autos wie sie in den 50er Jahren waren, wollen wir schwarz-weiß Fernseher? Wollen wir - einige Retrofans mal außen vor - nicht!

Aber Moment, wer sagt denn, dass dem so ist? Sind es nicht nur ein paar schwarze Schafe, die den Sport besudeln? Wer das wirklich glaubt, dem ist nicht zu helfen. Man sollte sich an der Stelle einmal mit Sportmedizinern über die geforderten Leistungen im Spitzensport unterhalten und wie diese mit der Leistungsfähigkeit des menschlichen Körpers zu vereinen sind. Wenn schon im Schach positive Dopingproben auftreten, spricht das Bände. Und ja, manche Sportarten sind hier prädestinierter als andere. Sobald sich ein Sport primär auf die Athletik konzentriert, wird das Potential der Leistungssteigerung durch Doping natürlich erhöht. Aber um beim Fußballer zu bleiben: mehr Ausdauer, erhöhte Schnell-, Sprung- und Schusskraft, verbesserte Regeneration (sowohl im normalen Tagesgeschäft, als speziell auch im Anschluss an Verletzungen)…all das soll nichts bringen? Und schaut man sich - wie eingangs aufgefordert - mal Spiele aus den 50er, 60er oder 70er Jahren an und dann ein Spiel der heutigen Zeit, fällt einem da nichts auf?

Darüber hinaus muss man sich mal die Situation von Leistungssportlern vor Auge führen: Seit frühester Kindheit wurde da nur auf ein Ziel hingearbeitet, dem großen sportlichen Triumph, der Anerkennung, aber auch finanzielle Sicherheit mit sich bringt. Diesem Ziel wird alles untergeordnet, irgendwann erkennt man aber, dass die erforderlichen Leistungen dem normalen Menschen schlicht nicht möglich sind. Was tut man dann? Einsehen, dass Jahre des Trainings, des Verzichts letztlich erfolglos waren? Oder sich den Gegebenheiten fügen, das Spiel mitspielen, das alle spielen?

Um auf Lance zurückzukommen: Er hat es in seiner Beichte unterlassen wirklich Licht ins Dunkle zu bringen. So muss man sich schon sehr wundern, wie es sein kann, dass dieser Mann erst so viel später entlarvt wurde. Unterhält man sich einmal mit Athleten des Olympia-Kaders, so zeigt sich, dass regelmäßige Kontrollen - zumindest in Deutschland - die Regel sind. Wer trotz dieser Maßnahmen langfristig unentdeckt bleibt, ist entweder wirklich sauber oder er wird entsprechend geschützt. Was wahrscheinlicher ist, darf jeder selbst entscheiden. Wenn man aber sieht, dass sich die Skandale im Profisport bis hin in die sportwissenschaftlichen Fakultäten der Universitäten erstrecken, erscheint erstere Variante doch naiv.

Und auch in unserem schönen Sport ist dieses Thema allgegenwärtig. Mit Ausnahme des Radsports gibt es wohl keine Sportart, die im Zusammenhang mit Doping häufiger erwähnt wird, als Bodybuilding. Das Problem des Dopings ist aber kein sportartenspezifisches, sondern ein gesellschaftliches. Im Bereich des Bodybuildings ist es offensichtlicher, da eine größere Vergleichbarkeit gegeben ist. Der Durchschnittsbürger hat keine Vorstellung davon, wie schnell ein Usain Bolt die 100m läuft, denn er hat keinen Vergleich zu seiner eigenen Leistungsfähigkeit. Sicher, es ist extrem schnell, aber wirklich vergleichen kann man es nicht. Sieht man einen 120kg schweren Bodybuilder, der kein erkennbares Körperfett mehr besitzt, ist der Vergleich leicht: man muss nur in den Spiegel schauen. ..

Was leider in dieser ganzen Diskussion sehr oft vergessen wird: Doping allein macht keine Champions, auch wenn das in der Öffentlichkeit gerne so dargestellt wird. Spitzenleistungen entstehen vor allem durch jahrelanges hartes Training und Lebensumstände, die komplett dem Sport untergeordnet sind. Nun fühlen sich Menschen, die selbst zu faul sind aus dem Auto zu steigen um sich ihre tägliche Junk Food-Ration zu holen, betrogen. Betrogen von Athleten, die Leistungen vollbringen - ob nun unter dem Einfluss von illegalen Dopingpräparaten oder nicht - die fern jeglicher Vorstellungskraft dieser Menschen liegen. Doch es sind dieselben Menschen, die sofort einen schlauen Spruch und Häme parat haben, wenn ein Athlet einmal keine Fabelleistung bringt.

Ich will hier nichts schönreden: Doping ist ein Problem. Die langfristigen gesundheitlichen Folgen sind - wenn auch größtenteils unerforscht - vermutlich fatal. Nur ist es zu einfach mit dem Finger auf die bösen Sportler zu zeigen, die erwischt wurden. Wir reden hier nicht von einzelnen unfairen Athleten, die sich so einen Vorteil verschaffen wollen, wir reden von einem System, das auf dem Gebrauch illegaler Substanzen aufbaut. Doping durchzieht den kompletten Leistungssport, es gibt keine Sportart, die davon frei ist, auch wenn dies oft nicht gerne gehört wird. Will man Doping ernsthaft bekämpfen, müsste man an diesen Strukturen rütteln, gegen eine Lobby ankämpfen, die Milliarden an Umsätzen durch den Sport generiert. Interessanterweise geschieht dies in kleineren Sportarten oft deutlich intensiver als in solchen Sportarten, die das größte mediale Interesse hervorrufen. Ein Schelm…

Trotz all dem Gesagtem: Jegliche Vorabverurteilung von Athleten und Verbänden ist unzulässig. Man kann davon ausgehen, dass ein Athlet illegal nachhilft, man kann sich seine Gedanken machen, aber bis ihm nichts anderes nachgewiesen wurde, ist der Athlet so zu behandeln, als wäre er unschuldig. Genauso kann man vermuten, dass manch Verband Doping zumindest stillschweigend hinnimmt, solange das aber nicht bewiesen ist, sollte man sich mit Anschuldigungen zurückhalten. Dem ist leider nicht so, genauer gesagt findet eine äußerst selektive Wahrnehmung statt. Schwimmt eine junge Chinesin zu Fabelweltrekorden, dann "weiß" jedermann sofort, dass hier Doping im Spiel war. Dass gerade in jüngster Zeit aber die Auszeiten nach Verletzungen rapide abgenommen haben, das wundert niemanden. Selbst bei Aussagen wie "Er wurde wieder fit gespritzt." fällt niemandem die Zweideutigkeit auf. Warum? Weil sie nicht auffallen soll! Der Mensch lebt gut in seiner Selbstgefälligkeit. Wenn man selbst schon keine nennenswerten Leistungen vollbringt, dann tut es doch gut mit dem Finger auf andere zu zeigen und deren Leistungen als nichtig zu bewerten, weil ja angeblich eh alles nur durch die Medikamente kommt. Nur von seinem liebsten Schatz, der Sportart, von der man selbst Fan ist, da frönt man den drei Affen…

Darf man also auf Lance Armstrong schimpfen? Sicher, denn er hat Fehler begangen, er hat gelogen, getäuscht und die Regeln missachtet, so wie all die enttarnten Dopingsünder vor ihm. Je erfolgreicher der Athlet, desto höher die Fallhöhe und umso höher die Fallhöhe, desto größer ist das Interesse des Publikums, das wusste schon Aristoteles, als er seine Dramentheorie entwickelte. Muss man also Mitleid mit ihm und den anderen haben, denen das gleiche Schicksal ereilte? Sicher nicht. Sie wussten, was sie taten, sie nahmen das Risiko in Kauf und müssen auch mit den Konsequenzen leben, wenn der Schwindel aufgedeckt wird. Doch wäre Mäßigung angebracht.

Bleibt die Frage, wie es in Zukunft weitergehen soll? Welche Optionen gibt es? Die Freigabe von Doping? Wäre sicherlich eine Option, die dieser Farce, die aktuell gespielt wird, ein Ende bereiten würde. Der Wunsch nach Chancengleichheit im Wettkampf wäre somit nicht mehr an den Zwang gegen die Regeln zu verstoßen gekoppelt. Und doch muss man sich fragen, ob man damit nicht endgültig die Büchse der Pandora öffnet. Bessere und zuverlässigere Tests? Sicherlich wünschenswert, nur zeigt die Geschichte, dass es trotz aller Vorkehrungen immer wieder neue Mittel und Wege gibt, Regeln zu umgehen, Tests zu manipulieren. Zumal die Frage erlaubt sein muss, ob dies überhaupt im Interesse der Funktionäre liegt. Betrachtet man das Budget der Anti-Doping Agenturen und vergleicht sie mit den Gewinnen, die durch den Spitzensport erzielt werden, so darf das zumindest in Frage gestellt werden. Aus meiner Sicht zwingend notwendig ist eine umfassende und weitreichende Aufklärung. Tabuisierung hilft niemandem, im Gegenteil. Sportlern muss vor Augen geführt werden, was für Risiken sie eingehen. Das wird nicht jeden abhalten (siehe das Goldman-Dilemma), aber es wird einige zum Nachdenken anregen, vor allem diejenigen, die keine Perspektive haben ganz nach oben zu kommen. Hier muss zumindest die Saat eines Gedankens gesät werden, eines Gedankens, der einen hinterfragen lässt, ob die möglichen gesundheitlichen Risiken, das Eingehen juristisch relevanter Tatbestände, die öffentliche Schmach, sollte es herauskommen, ob all das es wert ist. Aufklärung ist aber nicht nur unter den Sportlern nötig, sondern vor allem auch in der Öffentlichkeit. Die Menschen sollen das Potential, aber auch die Grenzen von Doping einschätzen können, so dass sie sich eine fundierte Meinung bilden können und dann vielleicht doch einmal darüber nachdenken, ob sie ihr Handeln ändern wollen. Denn letztlich liegt viel in den Händen der Fans, der Menschen, die aus Sport ein Milliardenbusiness gemacht haben.