Unser Land ist im Aufwind, nicht nur wirtschaftlich. So ist nun auch in den Köpfen der Menschen die eigene Fitness in den Vordergrund getreten. Auf Radwegen sind an einem sonnigen Samstagnachmittag ganze Schwärme von Joggern oder Jüngern der neuen Trendsportart Nordic Walking anzutreffen. Und spätestens seit dem Muskelprotz Arnold Schwarzenegger als Mister Olympia, was soviel wie der weltbeste Bodybuilder bedeutet, über die Bildschirme flimmerte, laufen auch die Fitnessstudios über vor lauter Trainingswilligen.—preview --

Viele jagen den Körpern hinterher, die sie im Fernsehen, auf Plakaten oder in der Werbung sehen. Männer streben schmale Hüften und breite Schultern mit dem so genannten "Stiernacken" an. Arme und Beine müssen stark und muskulös aussehen und natürlich muss das unnötige Bauchfett auch dem steinharten Sixpack weichen. Frauen kritisieren an sich immer wieder den Bauch oder die Beine. Zellulite mit Dehnungsstreifen wurde zum schlimmsten Feind gemacht, Schlankheit als oberster Maßstab für Attraktivität und Schönheit deklariert. Fragt man junge Frauen, was sie an ihrem Köper zu verändern wünschen, nennen 95 Prozent aller Befragten, ihr Gewicht.

Angeheizt wird diese Meinung noch durch die fast tägliche Konfrontation mit superdünnen 1,80m großen 40kg schweren weiblichen Mannequins, die uns auf vielen Werbeplakaten entgegenlächeln und die Laufstege der heutigen Zeit unsicher machen. Dieses Schönheitsideal bringt große Risiken mit, wie psychische Erkrankungen und Essstörungen. Denn um dieses Ziel zu erreichen, beginnt man(n) oder Frau mit Diäten, Schlankheitskuren oder Heilfasten. Am Anfang purzeln die Pfunde, die Figur bessert sich und auch die Anerkennung bei den Mitmenschen gibt den Betroffenen einen Motivationsschub, die Diät fortzusetzen. Oftmals werden diese Pläne verworfen, da nicht die nötige Disziplin aufgebracht wird. Dennoch geraten manche dieser Gewichtsreduktionen aus den Fugen und die Anorexia nervosa, im Volksmund auch Magersucht, bricht aus. Statistiken belegen, dass diese Störung hauptsächlich Frauen betrifft, da nur einer aus zwölf Magersüchtigen männlich ist.

Willkürlich wird fast komplett auf die Aufnahme von Nahrung verzichtet, um noch dünner zu werden. Gleichzeitig entgleist auch die eigene Wahrnehmung. In den Augen der Betroffenen erscheint der Körper fülliger als er eigentlich ist. Dies kann, wenn die Krankheit nicht durch Mitmenschen erkannt und die Psychose behoben wird, das gesamte Organsystem ausmergeln und zerstören.

Wie eine Kerze das Wachs zehrt der Körper die letzten Reserven auf, bis schließlich in 10 Prozent aller Fälle, das Lebenslicht erlischt und die Anorexia nervosa ein neues Todesopfer gefordert hat. Doch nicht nur zur Magersucht ist die Diät die Einstiegsdroge, sondern auch zur Bulimie. Im täglichen Kalorienzählen und Hungern für den flachen Bauch ist es möglich, die Kontrolle über Appetit und Hungergefühl zu verlieren, was exzessive Heißhungerattacken zur Folge hat. Alles, was der Kühlschrank oder die Speisekammer hergibt, wird maßlos in sich hineingestopft. Danach nehmen Gefühle der Scham und das schlechte Gewissen gegenüber dem angestrebten Idealkörper überhand und das Festmahl wird wieder herausgewürgt. Folglich verfällt man geradezu in einen Zyklus, der aus Essen und Erbrechen besteht, der jeden Tag aufs Neue durchlaufen wird.

Jedoch ist auch dieses Krankheitsbild in keinster Weise harmlos und kann wiederum das Leben kosten. Beide oben beschriebenen Essstörungen sind nicht körperlich, sondern psychisch bedingt. Die Beispiele dürften deutlich zeigen, dass die heutigen Ansichten zum Thema Schönheit und Attraktivität durchaus ihren Teil zum Ansteigen dieser Krankheiten beitragen. Oftmals gehen diese Psychosen Hand in Hand mit Depressionen, da trotz immer stärkerem Fasten, in den Augen der Hungernden ihr gewünschtes Körperbild nicht erreicht wird.

Allerdings ist eine Gegenbewegung zur Magersucht auf dem Vormarsch. Jung und alt schwitzt in Krafträumen und bewegt dabei täglich mehrere Tonnen Eisen. Vielen geht es um eine schnelle Verwandlung in einen Schwarzenegger. Es wird mit höchster Motivation trainiert und erste kleine Erfolge treten ein. Lässt man das Bodybuilding den Alltag zu stark bestimmen, damit schnell ein Idealkörper erreicht wird, tritt der Adoniskomplex ein.

Dies betrifft vor allem Männer, wohingegen Frauen häufig an Essstörungen leiden. Wahrnehmung und Gefühl für Leib und Seele verändern sich, sodass sich in schlimmen Fällen äußerst muskelbepackte Bodybuilder für Hänflinge halten. Zum Ausgleich dieses "Defizits" wird, getreu dem Motto "Wer schön sein will, muss leiden", das Training intensiviert, um neue Muskelfasern zu rekrutieren. Doch oftmals haben Fitnesssportler gerade am Anfang keinen blassen Schimmer, wie mit dem Muskelaufbau begonnen werden sollte. So fehlt wichtiges Hintergrundwissen und die so genannten "Discopumper" trainieren nur Bauch, Brust und Bizeps, um den gestählten Fotomodels in Zeitschriften möglichst ähnlich zu werden. Disbalancen sind hier die Folge und zunächst fällt es auch nicht sonderlich auf, doch mit der Zeit entstehen Haltungsschäden.

Bleibt dann doch das größte Männlichkeitssymbol der Neuzeit, der Sixpack, trotz hartem Training unter einer Fettschicht versteckt, wird oft die Motivation verloren und nach einem schnelleren Weg zum Traumkörper gesucht. Und wie schon in der Bibel niedergeschrieben, heißt es auch hier: Wer suchet, der findet.

Im Internet können günstig Anabolika wie beispielsweise das sehr beliebte Dianabol oder das Männlichkeitshormon Testosteron erworben werden. Diese werden in zum Teil bis zu 12 Wochen Kuren injiziert mit fatalen Nebenwirkungen. Den gedopten Sportlern gehen die Haare aus, der Blutdruck schnellt in die Höhe und die Emotionen brechen ins Uferlose.

Doch ist dies vorerst in den Augen der Anabolikakonsumenten nur ein kleiner Preis, denn das Fett schwindet, die Bauchmuskeln wachsen und der Trainingseifer explodiert. Studien belegen, dass eine Kur mit Testosteron Enanthat Kraftsteigerungen von bis zu 40 Prozent der 1 RM, was das maximal in einer Übung zu bewältigende Gewicht definiert, bescheren. Hierdurch wird ein Ungleichgewicht in den Körper gebracht. Die Muskeln sind in der Lage, die stärkere Belastung zu ertragen, die Sehnen und Knochen nicht. Resultate sind Ermüdungsbrüche, das heißt, dass Knochen auf Grund ungewohnt hoher Trainingsgewichten bersten. Sehnen reagieren wie alte, vom Salzwasser zerfressene Taue, geben nach und der Muskel reißt ab. Solche Verletzungen auszukurieren dauert länger, als sich einen Idealkörper auf natürlicher Basis anzutrainieren.

So rückt das Ideal kurz vor dem Erreichen wieder in weite Ferne und hinterlässt einen geschundenen und geschädigten Köper. Die obigen Ausführungen zeigen deutlich die Gefährlichkeit des Wahnes auf, in den ideale Menschen treiben können.

Jedoch führt zum Schönheitsideal nicht nur der steinige Weg durch das Fitnessstudio, sondern auch die nicht ganz billigen Schönheitsoperationen. Auch dieses Styling durch Lifting und Skalpell birgt wiederum Risiken. Wer über das nötige Kleingeld verfügt, kann sich durch Botox lästige Falten wegspritzen lassen. Es können bei der Injektion Nerven und Muskeln getroffen werden, was oft eine Gesichtshälfte zur verzerrten Fratze zur Folge hat und das tagelang. Andere Verschönerungen können nur mit dem Messer durchgeführt werden.

Hier ein Schnitt, da eine Naht und die Probleme lösen sich scheinbar in Wohlgefallen auf. Aber wie schon die Philosophen sagten, ändern sich die Zeiten und wir uns mit ihr. Auf einmal erscheint das, was früher einmal schön war, unpassend. Auch hier bietet die Chirurgie eine Lösung und schon gefällt man sich bis zur nächsten Sinnesänderung wieder.

Denkt man an den früher farbigen Popsänger Michael Jackson, so sieht man, was ständige Operationen und Liftings anrichten können. Dunkle Haut wird hell, ein Gesicht zur Maske, eine Nase zur Karikatur. Aus einem Star und einer Musikikone wurde ein menschliches Wrack, das durch den Wirbel unserer heutigen Schönheitsvorstellungen in das Riff des Wahns getrieben wurde, an dem Gesicht und Charakter zerschellte.

Eine andere beliebte Methode schnell den schlanken Traumkörper zu erreichen, ist das Fettabsaugen. Für ein paar läppische Tausender korrigieren die Schönheitschirurgen innerhalb einer Operation alle Problemzonen und aus dick wird dünn. Allerdings verhält sich die Haut nicht wie ein Gummiband, sondern hängt in unansehnlichen Hautlappen herunter. Um diesem Nebeneffekt Herr zu werden, entfernt man die überschüssigen Partien und nur eine Narbe erinnert noch an den ehemals hervorstehenden Bauch.

Findet man Körperpartien zu klein, so kann man diese ganz einfach aufspritzen mit Hilfe synthetischer Öle, wie beispielsweise Synthol. Doch können diese Mittel nicht wieder abgebaut werden, sondern verteilen sich im ganzen Köper. Ein bekannter Fall ist Greg Valentino, der sich die Arme mit damit aufpumpte. Eine Zeit lang spürte er nichts, doch dann begann die Substanz sich auszubreiten und Valentino zu zerstören. Ihm hat sein Eifer nach einem besseren Aussehen Herzprobleme eingebracht und seine Gesundheit zu Grunde gerichtet.

Der Fall Greg Valentino beschreibt nur zu gut, welche Spätfolgen durch unsere Vorstellung vom Idealkörper ausgelöst werden können. Essstörungen tragen durch damit einhergehende Mangelernährung zu Hemmung der Körperentwicklung bei genauso wie frühes Krafttraining. Dadurch stagniert Längenwachstum und Organe reifen nicht vollständig aus. Auch bei Erwachsenen hinterlässt übertriebenes Bodybuilding seine Spuren. Das drastischste Beispiel hierzu ist der Profi Andreas Münzer, der sich durch ein ausgereiftes Dopingsystem über Jahre selbst vergiftete. Er ließ sein Leben wenige Tage nach einem Wettkampf im März 1996. Die Ausmaße ergaben sich bei der Obduktion. In der Leber fand man Tumore, die Nieren hatten versagt und durch eine Überdosis an Aufputschmittel quittierte Münzers Herz endgültig den Dienst. Damit ist er das bekannteste Opfer des Adoniskomplexes in Europa.

Der ehemalige Mister Olympia Arnold Schwarzenegger verfügte zu seiner Zeit nicht über einen so ausgetüftelten Steroidcocktail, zumal es damals kaum Anabolika gab. Jedoch zeigen mehrere Herzoperationen und ein künstliches Hüftgelenk auf, dass der Gouverneur von Kalifornien für seine Muskelsucht nun im Alter von nur 60 Jahren den Preis bezahlt. Hierbei ist unbedingt zu bedenken, dass bei diesen Sportlern Ärzte diese Mischungen zusammenstellen. Bei einem unerfahrenen Kraftsportler, der über Kurlänge, Aufladephase und Absetzten keine Ahnung hat, kann der Schuss ganz leicht nach hinten losgehen. Orale Hilfsmittel wirken sich so stark toxisch aus, sodass bei manchen Dopingsündern Blut- und Leberwerte gemessen werden, die denen eines Langzeitalkoholikers entsprechen.

Die Injektion hingegen ist auch nicht zu unterschätzen. Unsachgemäße Handhabung von Spritzen und Nadeln können eitrige Abszesse verursachen oder im schlimmsten Fall den Anwender töten. Beide Arten der Leistungssteigerung bewirken eine jahrelang anhaltende Akne und beschleunigen den Haarausfall um zum Teil 10 Jahre.

Bei fast jeder Schönheitsoperation ist eine Narkose von Nöten, die ebenso eine immense Belastung für den Organismus bedeutet. Die beschriebenen Vorfälle zeigen auf, dass jeder Eingriff in das Gleichgewicht des Körpers auf lange Zeit hin, seine Spuren nach sich zieht.

Da die Genetik hierbei den limitierenden Faktor darstellt, ist es nahezu unmöglich Figuren von Mannequins ohne den chemischen oder medizinischen Helfer zu erreichen. Die haarsträubenden Folgen holen den Betroffenen meistens erst nach Jahren ein und lassen ihn für den Rest seines Lebens seinen Wahn büßen.

Daher ist in meinen Augen der Aspekt der Spätfolgen am höchsten anzusiedeln. Muskeln verschwinden, Aussehen verblasst, Ansichten vergehen. Der Mensch ist einmalig und jede Operation und jedes Medikament zeigt andere Wirkungen. Folglich ist das Spektrum der Nebenwirkungen und Spätschäden breit gefächert. Am Ende stehen dann die Personen, die durch Depressionen, beispielsweise durch Figurprobleme bedingt, oder wegen verfrühtem Verschleiß von Gelenken und Knochen ihren Tätigkeiten nicht mehr nachkommen können. Berufsunfähige müssen auch ernährt werden, daher muss wieder Vater Staat herhalten. Dieser bittet die Steuerzahler erneut zur Kasse, um die steigenden Sozialausgaben decken zu können. Schließlich wirft eine Serie von geschundenen Sportlern ein schlechtes Licht auf die gesamte Sparte. Sprüche wie „Sport ist Mord“ sind da keine Seltenheit und es entsteht ein verpönter Stereotyp mehr in unserer Gesellschaft. Die Behandlungskosten der Geschädigten belasten Krankenkassen und vermindern die Lebensqualität des Betroffenen teilweise drastisch.

Daher sollte man, egal ob Walker, Jogger oder Fitnessstudiobesucher, die Gesundheit über alles stellen und nicht für einen kurzzeitigen Erfolg den Rest seines Lebens opfern. Ideale sind wie Sterne, man kann sich an ihnen orientieren, doch sie können niemals erreicht werden.

Anstatt zu hungern sollte unter der Anleitung von Fachpersonal mit der Körperverfeinerung begonnen werden und nicht auf eigene Faust mit der Holzhammermethode, die mehr zertrümmert als heilt. Ein guter Ansatz hier sind die Sportvereine oder Volkshochschulen, die jedem, der an Bewegung interessiert ist, diese ermöglichen. Von Aerobic bis Zehnkampf ist hier für jeden etwas dabei für eine gute Abwechslung im Alltag und mehr Vitalität im Alter.