Ist Bodybuilding ästhetisch? Darüber kann man sicher streiten. Die Mehrheit der Menschen wird 120kg schwere Muskelberge kaum als ästhetisch betiteln und selbst in der Szene hört man immer öfter Stimmen, die den sogenannten "Massewahn" in Frage stellen. Doch ich will an dieser Stelle diese Debatte nicht aufgreifen, mir geht es um etwas anderes: den Bedeutungsverlust der Küren in unserem Sport.

Die Kür, das war einmal der Höhepunkt einer Bodybuildingveranstaltung. Aufgrund meines Alters war es mir leider nie vergönnt, einen Lee Labrada live posen zu sehen, aber alleine die Videos erzeugen eine Gänsehaut. Was gibt es schöneres, als eine gut choreographierte und dargebotene Kür? Vollkommene Ästhetik, perfekt definierte Körper, muskelbepackt, welche sich harmonisch zur Musik bewegen... Man muss nicht schwul sein, um dabei ins Schwärmen zu geraten, ein Faible für unseren Sport reicht da bereits aus. Oder man denke an einen Kevin Levrone und seine perfekte Körperbeherrschung, welche seinen galaktischen Körper noch mehr betonte.

Heutzutage hat die Kür bei den Profis keinen Einfluss mehr auf die Wertung, was leider häufig auch zu sehen ist. Hip Hop oder Metal rein, ein paar Pressposen hier, ein paar Pressposen da. Fließende Übergänge? Harmonische Bewegungen im Takt der Musik? Fehlanzeige! Wenige Ausnahmen zeigen meist eher exotische Darbietungen, was sicherlich mal etwas anderes ist, aber die Ideenlosigkeit (oder eher Lustlosigkeit?) der andere kaum verschleiern kann.

Ich kann die Jungs ja auch durchaus verstehen. Eine wirklich ansprechende Kür einzuüben, erfordert eine Menge an Zeit und Aufwand. Wozu, wenn sie letztlich für die Wertung keinerlei Bedeutung hat, bzw. haben sollte?

Einerseits, weil der Sport und damit letztlich auch die Athleten von ihren Fans leben. Vergleiche und Einzelwertungen sind toll, aber was gibt es schöneres, als eine perfekt dargebotene Kür des persönlichen Favoriten anschauen zu dürfen? Und dann darf man nicht vergessen, dass jeder Eindruck zählt. Das war eines der ersten Dinge, die mir bezüglich der Bühnenpräsenz eingetrichtert wurde: "Alles, was Du da oben treibst, wirkt sich irgendwie auf Deine Wertung aus!" Auch wenn die Küren offiziell nicht mehr einfließen, sie hinterlassen bei der Jury einen Eindruck, der vielleicht am Ende den entscheidenden Unterschied macht. preview

Leider setzt sich der Trend, die Küren zu vernachlässigen, auch mehr und mehr in den Amateurbereich durch. Selbst wenn hier die Küren noch in die Wertung einfließen, oft hat man als Zuschauer wirklich den Eindruck, der Athlet hätte sich eben hinter der Bühne überlegt, was er da draußen nun treibt. Und auch bei der Auswahl der Musik muss man sich manchmal doch wundern. Rammstein passt ja schön zu einer Kür voller Power und Pressposen eines Athleten der Männer V, aber in der Classic Bodybuilding finde ich das eher unpassend, einmal im Bezug auf die Klasse, aber vor allem auf die Körper: Das wirkt einfach nicht!

Ich verstehe das nicht. Ich kann mich erinnern, wie Flo (Florian Zankl), der mit mir meine Kür entworfen und mir beim Einstudieren derselben geholfen hat, mir sagte, dass die Kür der Part sei, den man richtig genießen kann. Die Schinderei ist erledigt, die Vergleiche überstanden, jetzt ist es an der Zeit die eigene Kür, an der man lange und intensiv gearbeitet hat, zu zeigen. Und ich kann ihm aus heutiger Sicht nur Recht geben. Die Kür ist bei Weitem nicht so anstrengend, wie die Vergleiche, insbesondere wenn man das Glück hat, hintereinander in mehrere gerufen zu werden. Die Kür macht einfach nur Spaß! Und das sagt ein vollkommener Bewegungslegastheniker, der absolut null Taktgefühl besitzt.

Nicht zuletzt denke ich, dass die Küren der Part einer Bodybuildingveranstaltung sind, die auch Laien und Außenstehenden den größten Spaß machen. Aus der Sicht eines Menschen, der sich sonst nicht für Bodybuilding interessiert und vielleicht nur vor Ort ist, um einen Verwandten oder Bekannten zu unterstützen, passiert hier einfach weit mehr, gibt es mehr Action, mehr Bewegung, als bei den Vergleichen und Einzelbewertungen.

Auch wenn ich realistisch genug bin, zu wissen, dass es kaum etwas ändern wird, so schreibe ich diesen Text doch in der Hoffnung, dass vielleicht der ein oder andere Athlet die Kür mit anderen Augen sieht und wer weiß, vielleicht bringt das ja auch irgendwann die Küren zurück auf die Wertungsbögen der Pro-Contests. Man darf ja noch Träume haben...