Die Evolution ist nicht nett
Unsere Genetik ist ungefähr 30.000 bis 40.000 Jahre alt (Simopoulos 2006, Eaton et al. 1985). Zu dieser Zeit gab es weder Kühlschranke noch Supermärkte. Kühlschränke sind erst etwa seit 1937 in jedem zweiten Haushalt zu finden. Supermärkte gibt es seit etwa 1950/60 in Deutschland. Verarbeitete Produkte, wie sie den Großteil unserer heutigen Nahrung ausmachen, waren unbekannt.
Die Nahrungsaufnahme, -auswahl und -menge wurde bestimmt durch das was verfügbar war. Jahreszeitabhängig. Es wurde bis vor kurzem auch noch frisch eingekauft und die Nahrung selbst zubereitet. Auch Autos waren zu dieser Zeit sehr rar. Der mittelständige Bürger war zu Fuß unterwegs. Die heutige Ernährung ist also nicht viel älter als 50- 60 Jahre. Unsere alte Genetik hinkt der neuen Ernährungs- und Lebensweise etwas hinterher und bestraft den fortschrittlichen Menschen mit einer Reihe von gesundheitlichen Problemen wie Herzkreislaufleiden, Diabetes, Gicht, Allergien, Akne, Bluthochdruck, Schilddrüsenproblemen, Osteoporose und noch einigen mehr (Pedro Carrera -Bastos 2011 et. al., Jönsson T et al. 2010, Lindeberg 2012, Cordain L. et. al. 2002, Jew S, AbuMweis SS, Jones PJ. 2009).
Lindeberg (2012) bestätigt, dass die Wissenschaft sich so langsam einigt, dass die heutigen Erkrankungen zum großen Teil auf unsere Ernährung zurück zu führen sind und, dass Jäger- und Sammler-Völker, die heute noch so leben, sich verhalten und ernähren, wie wir es mit großer Wahrscheinlichkeit über tausende von Jahren getan haben, weitestgehend von diesen Erkrankungen verschont bleiben.
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Ob die artgerechte Ernährung des Menschen existiert, ob es individuelle Unterschiede gibt und ob die Entwicklungsgeschichte und die evolutionsbiologischen Begründungen ausreichen, um die ultimative Ernährungsweise zu definieren, soll diese Artikelreihe beantworten.
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Die Ernährung der Spartaner, Lucy und unseren Verwandten
Um 400 - 800 sprach man von den Milch, Fleisch und Käse essenden Germanen von kräftiger und großer Gestalt, welche gegen 9.00 - 11.00 nach der ersten getanen Arbeit das erste Mal und gegen 17.00 das zweite Mal aßen.Die Grundlagen der Ernährung im römischen Reich dagegen bestanden vorwiegend aus Getreide. Gerste und Weizen. Fleischarm und eher vegetarisch. Die Menschen aus diesen Regionen waren eher kleiner und zierlicher gebaut. Die Gladiatoren, welche sich vegan und vorwiegend von Bohnen und Gerste, ernährten, waren übergewichtig und hatten regelmäßige Verdauungsbeschwerden, Defizite an Zink und Biotin. Das Körperfett sollte vor Verletzungen schützen. Gladiatoren waren zu dieser Zeit also, anders als in modernen Filmen dargestellt, alles andere als muskelbepackte Herzensbrecher.
Etwas weiter zurück in der Geschichte gab es die alten Ägypter. Um 4000 - 2000 vor Christi. Fisch, Getreide und Obst diente den Ägyptern als Hauptnahrungsquellen. Nach den gängigen Empfehlungen der heutigen Ernährungsfachgesellschaften eine sehr gute Ernährung. Ein schwacher Trost, wenn man bedenkt, dass die Lebenserwartung teilweise nur 25 Jahre betrug und Karies und Artherosklerose weit verbreitet war (Randall C Thompson et al. 2013). Und Krieger aus Griechenland und der Türkei sollen in dieser Zeit nur etwa eine große Mahlzeit pro Tag eingenommen haben. Gegen Ende des Tages, nach getaner Arbeit, zusammen mit der Familie. Jeden Tag ein kleines Fest. Ramadan? Intermittent Fasting? Liegt hier der Ursprung?


Noch etwas früher in der Geschichte des Menschen gab es den Australopithecus ("Lucy") und den Kenyantropus ("Flachgesicht aus Kenia"). Etwa vor 3,2 Millionen Jahren. Beide gelten derzeit als die ersten Vertreter unserer direkten Vorfahren und ernährten sich vorwiegend von Aas, Insekten, Kleintieren, Beeren, Wurzeln, Eiern und Nüssen. Ähnlich wie alle Tiere wurde das gegessen, was verfügbar war und gefunden wurde. Der Großteil des Tages bestand aus der Nahrungssuche. Es ist eben ein, nein, DAS Grundbedürfnis überhaupt. Mal wurde nichts gefunden und dann wurde nüchtern weiter gesucht. Gejagt wurde noch nicht.
Durch viel Omega 3 haltiges Aas (Gehirn aus Schädelknochen und Knochenmark), Jod und Tyrosin aus Insekten, relativ nährstoffreiche und energiereiche Nahrung, entwickelte sich das Gehirn in dem gleichen Maße wie sich der Darm strukturell änderte. Nach der expensive Tissue Hypothesis (Leslie C. Aiello, Peter Wheeler 1995), auch wenn es wie bei allem Gegenpublikationen gibt, teilen sich die Organe ihre Energieressourcen, und wenn das eine Organ mehr Energie verbraucht, geht das nur, wenn das andere weniger benötigt. Es kann nicht unendlich viel Energie produziert werden. Ein Organ kann sich nur dann strukturell und funktionell ändern, wenn es genügend Energie bekommt. Es ist daher auch schwieriger Muskulatur aufzubauen während einem Kaloriendefizit.
Im Laufe der Evolution hat der Mensch seine Muskulatur und sein Darmvolumen reduziert und somit hat er mehr Energie "übrig" gehabt, um das teure Gehirn zu nähren.
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Beispielsweise kostet das Gehirn (1,5kg) in Ruhe 257 Kalorien pro 24 Stunden und die Muskulatur in Ruhe nur etwa 10 Kalorien pro Kilogramm. Also verbrauchen 10 Kilogramm Muskeln in Ruhe nur etwa 100 Kalorien in 24 Stunden.
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Nicht der direkte Nachfahre, aber ein Checkpoint in der Entwicklung zu dem heutigen Menschen, stellt der Homo Errectus dar. Der erste tatsächlich aufrecht gehende Homini, der sich bipedal fortbewegt, eine starke sprungfederartige Achillessehne zeigt, das Feuer beherrscht, Waffen benutzt und jagt.
Die Zähne des Homo Errectus sind deutlich schärfer als die seiner Vorfahren, der Zahnschmelz weicher, was auf weichere Nahrung hindeuten kann. Die Augen sind vorn, wie bei den meisten jagenden und fleischfressenden Tieren. Pflanzenfressende Tiere haben die Augen meist seitlich angelegt, um Feinde zu erkennen, während sie grasen und den Kopf gen Boden richten. Von der Zeitrechnung her befinden wir uns grade vor etwa 1,8 Millionen Jahren und kommen langsam wieder zurück in die Zukunft.
Feuer hatte der Homo Errectus nicht von Anfang an, denn dieses gibt es erst seit 400.000 Jahren. Die Funde sind hier aber inkonsistent, was bedeutet, dass wir das Feuer eventuell doch schon länger beherrschen. Wenn der erste tatsächlich aufrechtgehende Homo Hunger verspürte, dann nur, wenn er länger nichts gegessen hatte. Er war also nüchtern. Dann fing er an zu bewegen, er suchte Nahrung und ging jagen. Eventuell könnte es sein, dass der Mensch an starke körperliche Aktivität in nüchternem Zustand, dann wenn er Hunger hat, angepasst ist. Dazu kommen wir aber noch.
Aus dem Homo Errectus, wir überspringen ein paar Arten, sind vor allem der Chromagnonmensch vor etwa 200.000 Jahren in Afrika und der Neandertaler vor 140.000 Jahren in Europa entstanden. Neuerdings gibt es noch zwei Weitere in der Reihe. Den sogenannten Denisova Menschen aus dem asiatischen Raum und den Homo Floresiensis aus Indonesien..
Der heutige Mensch, den es seit etwa 40.000 Jahren in dieser Form gibt, den Homo Sapiens, stellt eine Mischform der oben genannten Homos dar. Rotes Haar und Sommersprossen zeigen in der DNA z.B. Spuren des Neandertalers.
Der größte Unterschied von uns Menschen und den mit uns nah verwandten Menschenaffen, auch wenn die "Expensive Tissue Hypothesis" nur ein nettes Erklärungsmodell sein sollte, findet sich im anatomischen und nicht wegzudiskutierenden Aufbau unseres Gehirns und des Verdauungstraktes. Unser Dünn- und Dickdarm unterscheidet sich deutlich.
Während die Menschenaffen, welche vorwiegend Pflanzen fressen, einen langen Dickdarm- und einen kurzen Dünndarm zeigen, besitzen Menschen einen kurzen Dickdarm und einen langen Dünndarm (Milton 1987, 2003). Der Mensch ist somit an eine Ernährung mit höherer Energiedichte angepasst. Auch werden Lebensmittel tierischer Herkunft, welche in der Regel hochkalorischer sind, von Jäger und Sammlervölker, welche heute noch genauso leben wie wir vor einigen Tausend Jahren, auch wenn diese in ihrer ökologischen Nische vorwiegend Pflanzen konsumieren, bevorzugt und genießen eine sehr hohe Wertschätzung (O’dea 1991, Cordain et al 2000, Milton K 2000).
Es geht wohl nicht ausschließlich darum vorwiegend tierische Produkte zu verzehren, auch wenn unsere Verdauungsanatomie daran am besten angepasst zu sein scheint und Kinder von streng vegan ernährten Personen einige Defizite mitbringen können, sondern um das Vermeiden von der Gesundheit unzuträglichen Lebensmitteln und Antinutrienten, oder zumindest deren Reduktion.
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Die Mahlzeitenfrequenz, die Fütterung unserer Tiere und die Trennung von Aktivität und Kalorienaufnahme spielen bei der Leistungssteigerung, der Reduktion von Körperfett und der Gesundheit eine nicht wegzudenkende Rolle.
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Wird beispielsweise das Immunsystem durch die Nahrung durchgehend gereizt, fehlt nicht nur Energie für die anderen Systeme in unserem Körper (Gehirn, Muskulatur, adäquate Wundheilung...), sondern es entsteht auch die adaptive Insulin- und Leptinresistenz. Wie das funktioniert? Das erkläre ich in nachfolgenden Artikeln.

Quellen
- A paleolithic diet is more satiating per calorie than a mediterranean-like diet in individuals with ischemic heart disease.
- A Palaeolithic diet improves glucose tolerance more than a Mediterranean-like diet in individuals with ischaemic heart disease.
- Metabolic and physiologic improvements from consuming a paleolithic, hunter-gatherer type diet.
- Beneficial effects of a Paleolithic diet on cardiovascular risk factors in type 2 diabetes: a randomized cross-over pilot study.
- Paleolithic nutrition. A consideration of its nature and current implications.
- Evolutionary Aspects of Diet: The Omega-6/Omega-3 Ratio and the Brain
- Dietary shifts and human health: cancer and cardiovascular disease in a sustainable world.
- Acne vulgaris: a disease of Western civilization.
- Origins and evolution of the Western diet: health implications for the 21st century.
- The western diet and lifestyle and diseases of civilization
- A paleolithic diet is more satiating per calorie than a mediterranean- like diet in individuals with ischemic heart disease.
- Living and dying for sex. A theory of aging based on the modulation of cell cycle signaling by reproductive hormones.
- Atherosclerosis across 4000 years of human history: the Horus study of four ancient populations.
- The Expensive-Tissue Hypothesis: The Brain and the Digestive System in Human and Primate Evolution.
- Primate diets and gut morphology: Implications for human evolution
- The critical role played by animal source foods in human (Homo) evolution.
- Traditional diet and food preferences of Australian aboriginal hunter-gatherers.
- Plant-animal subsistence ratios and macronutrient energy estimations in worldwide hunter-gatherer diets.
- Macronutrient estimations in hunter-gatherer diets.
- Hunter-gatherer diets-a different perspective.
Bilder: Anand Balasubramaniam | Nick Leonard | OliBac | Nadja Robot