Eines vorweg: Dieser Text dient der neutralen Information; er ist nicht als "Gebrauchsanleitung" für vorsätzlichen Steroidabusus zu verstehen. Nichtsdestotrotz sind insbesondere solche Athleten, die mit dem Gedanken spielen, erstmalig Steroide zu verwenden (egal, ob demnächst bzw. zeitnah oder irgendwann), gut beraten, ihn aufmerksam zu lesen.

Unter welchen Voraussetzungen ist eine Steroidkur sinnvoll?

Ob die Verabreichung von verschreibungspflichtigen Medikamenten an gesunde Sportler ohne medizinische Indikation überhaupt "sinnvoll" sein kann, darüber kann man sich zanken. Gewiss ist aber, dass eine Steroidkur bei Nichterfüllung (!) der folgenden Voraussetzungen NICHT sinnvoll ist:
  1. Man sollte (mindestens) dreimal 7 Jahre alt sein.
  2. Man sollte ein Körpergewicht erreicht haben, das (in kg) mehr als die Körpergröße in cm minus 100 beträgt (im Falle eines 1,80 m großen Athleten also mehr als 80 kg) – und zwar bei einem Körperfettanteil von höchstens 15 Prozent.
  3. Man sollte bereits ein paar Trainingsjahre "auf dem Buckel" haben. (Achtung: 18 Monate McFit-Mitgliedschaft, von denen man 6 Monate trainiert und 12 Monate lang Knoten in seine Arschhaare geknüpft hat, zählen nicht als "ein paar Trainingsjahre".)

Lebensalter und Steroide

Ein optimales Alter für Steroidgebrauch gibt es nicht. Steroide sind IMMER ein gesundheitliches Risiko; allerdings verändert sich das Risiko im Laufe der Jahre. Für Athleten jenseits der 35 steht vor allen Dingen die Krebsgefahr im Vordergrund: Die Prostata neigt im Alter ohnehin zur Vergrößerung; da kann Steroidgebrauch rasch zur Eskalation in Sachen Zellmutation führen. Wer in dieser Hinsicht vorbelastet ist, sollte sich eine Erstkur in den Vierzigern also klemmen (sofern er nicht das Risiko eingehen will, schneller als gewollt "definiert bis auf die Knochen" zu sein).

Für junge Athleten unter 20 sind die Risiken allerdings noch vielfältiger:
  • Steroide schließen die Epiphysen-Fugen in den Knochen und beenden damit jedes Knochenwachstum (der männliche Körper wächst aber u. U. noch bis über das 20. Lebensjahr hinaus).
  • Knochen und Sehnen erreichen erst mit Anfang 20 ihre maximale Festigkeit. Da die Muskelkraft unter Steroideinwirkung überproportional zunimmt, erhöht sich bei stoffenden Teenagern die Gefahr von Rupturen und Abrissen enorm.
  • Im juvenilen Alter produziert die Haut aufgrund der hohen endogenen Hormonproduktion viel Talg und neue Hautzellen, das ist auch der Grund für die bekannte akne juvenilis (die man im Übrigen auch mit 20 noch nicht sicher hinter sich hat). Werden exogene Hormone zugeführt, so vervielfacht sich das Akne-Risiko – bzw. eine bestehende Akne kann sich erheblich verschlimmern. Es hat schon arme Teufel gegeben, die sich während einer Kur nur in puncto Größe und Appetitlichkeit von einer Pizza unterschieden haben; in puncto Optik und Oberflächenfettgehalt waren sie völlig pizzaidentisch.
  • Hinzu kommt, dass bei jungen Leuten unter 20 die Familienplanung in der Regel gelinde gesagt noch nicht abgeschlossen ist – Störungen der Fertilität (die nicht auftreten müssen, aber durchaus auch schon nach einer einzigen Kur auftreten können) haben daher umso dramatischere Auswirkungen.
Gewiss gibt es Leute, die bereits in jungen Jahren Steroide einwerfen und damit sogar etwas erreichen, und wer glaubt, dass Arnold Schwarzenegger erst mit über 21 zu Steroiden gegriffen hat, glaubt wahrscheinlich auch an die Zahnfee. Aber: Arnold war der berühmte "one in a million" mit dem entsprechenden Potenzial, und er konnte sich später auch eine künstliche Herzklappe leisten (denn wer glaubt, dass diese wegen eines angeborenen Herzfehlers nötig war, wie es in den Medien kolportiert wurde, glaubt gewiss ebenfalls an die Zahnfee – oder sogar noch an deren kleine Schwester). preview

Wie viel "bringt" eine Kur?

Die Frage "Welche Zuwächse kann ich von einer Kur erwarten?" interessiert Anfänger am meisten. Dummerweise ist sie etwa so einfach zu beantworten wie die Frage, welche Gehaltserhöhung man sich von einem Tête-à-tête mit der Chefin auf dem Damenklo erwarten darf. Will heißen: Es kommt ganz darauf an. In der Steroidfrage vor allen Dingen auf die Ausgangsbasis und auf die Kurlänge.
  • Ausgangsbasis
    Steroide docken an Rezeptoren in der Muskulatur an – und je mehr Muskulatur da ist, desto mehr Rezeptoren gibt es auch. Eine Erstkur ist also umso effektiver, je mehr Muskelmasse bereits vorhanden ist. Stoffende 68-kg-Magerfrettchen können indes spritzen, bis ihnen die Kanüle am Pöter festwächst, ohne zum Tarzan zu mutieren: Wenn alle Rezeptoren besetzt sind, bewirkt auch eine Erhöhung der Dosis kein besseres Muskelwachstum. Stattdessen werden die überzähligen Steroidmoleküle über das Hauptentgiftungsorgan des Körpers abgebaut und ausgeschieden, sodass das einzige, was massiger wird, am Ende die Leber ist.
  • Kurlänge
    Echter Eiweißaufbau braucht seine Zeit, Hormonüberschuss hin oder her - auch mit Steroiden wachsen Muskeln nicht im Zeitraffertempo! Zwar nimmt man unter Steroideinfluss je nach Steroid innerhalb weniger Wochen deutlich an Gewicht zu, aber dieses Gewicht besteht in erster Linie aus Wasser. Grund: Steroide bewirken u. a. die Einlagerung von Wasser in den interfibrillären Zwischenräumen. Da – je nach Steroidbeschaffenheit – ein Teil der Steroidmoleküle zudem in Östrogen umgewandelt (aromatisiert) wird und Östrogen einen direkten Einfluss auf die Natrium- und Wasserspeicherung hat, sammelt sich u. U. eine Menge Flüssigkeit im Gewebe an (allerdings kann man die Menge der Wasseransammlung über die Ernährung, insbesondere über die Kohlenhydrataufnahme, recht gut steuern). Das Wasser lässt die Muskeln nicht nur praller aussehen, sondern bewirkt auch eine Kraftzunahme, da die Reibung zwischen den Muskelfasern sich reduziert (Beuker 1986). Aus diesem Grund verwechseln die meisten unerfahrenen Steroiduser Wasserretentionen mit echtem Muskelzuwachs – und glauben daher, dass man mit Steroiden innerhalb von acht Wochen ordentlich Muskeln aufbauen kann. Tatsächlich ist jedoch mindestens die doppelte Zeit erforderlich, um nennenswert Muskelgewebe aufzubauen. Nach acht Wochen hat man bestenfalls Chancen, bei der Wahl des "Mr. Aquaman" vorn mitzumischen (und vier Wochen später dann bei der Wahl des "Mr.-Gewichtsverlust-in-kürzester-Zeit-trotz-Trainings"). Damit liegt es auch auf der Hand, warum orale Steroide wie Methandienon, Stanozolol usw. als Stand-alone-Steroide eine denkbar schlechte Wahl sind: Aufgrund des breiten Nebenwirkungsspektrums ist es nicht empfehlenswert, sie länger als ein paar Wochen anzuwenden – und innerhalb von ein paar Wochen baut man keine Masse auf.

"Haltbarkeit" von Steroid-Masse

Ob bzw. in welchem Maße Muskelmasse, die mit steroidaler Hilfe aufgebaut wurde, auf Dauer gehalten werden kann, ist strittig. Unstrittig ist indes, dass nach dem Absetzen auf jeden Fall ein erklecklicher Teil wieder verloren geht. Ob das, was ggf. übrig bleibt, am Ende den Aufwand wert war, hängt wiederum sehr von der Ausgangslage ab: Wer nach 5 Jahren Naturaltraining eine Steroidkur macht, an deren Ende er 2 kg Muskelmasse übrig behält, macht zumindest kein Minusgeschäft (obwohl man bedenken muss, dass eine vernünftige Kur inklusive Absetzphase rund ein halbes Jahr dauert – in dieser Zeit lässt sich auch nach 5 Jahren noch einiges per Naturaltraining aufbauen). Wer hingegen nach einem halben Jahr Bodybuilding anfängt, Testosteron zu spritzen, dadurch 10 kg Wasser, Fett und ein bisschen Muskelmasse zunimmt und am Ende mit einem lächerlichen Kilo Gewinn oder gar völlig ohne Gewichtsfortschritt dasteht, macht definitiv ein Minusgeschäft, denn im ersten Trainingsjahr kann man bei richtiger Vorgehensweise ohne Steroide tonnenweise Muskeln aufpacken.

Warum geht Steroid-Masse überhaupt wieder verloren?

Aus zwei Gründen: Zum einen besteht, wie schon erwähnt, ein guter Teil der Steroidmasse gar nicht aus Muskeln, sondern aus Wasser – und dieses Wasser verlässt den Organismus nach Absetzen der Steroide umgehend wieder. Der andere Grund ist, dass Muskelmasse – im Unterschied zu Spachtelmasse – keine unveränderliche Substanz ist. Man muss sich von der Vorstellung lösen, dass organisches Gewebe im physikalischen Sinne „stabil“ ist, denn das ist es nicht. Tatsächlich finden im Körper täglich (!) sowohl Aufbau- als auch Abbauprozesse statt (d. h. Zellen sterben ab und neue Zellen entstehen), und aufgebaute Masse bleibt nur so lange vorhanden, wie die Aufbauprozesse die Abbauprozesse im dafür erforderlichen Maß überwiegen. Am Ende einer Steroidkur ist die Stoffwechsellage jedoch katabol: Die körpereigene Testosteronproduktion ist am Boden, dafür treibt eine relativ große Menge Östrogen im Organismus ihr Unwesen. Wenngleich man diesem Zustand durch intelligentes Absetzen auch in gewisser Weise entgegenwirken kann, so lässt sich die vormals höchst anabole Stoffwechsellage doch keinesfalls durchgehend aufrechterhalten. Als Folge tritt nach der Rückkehr zum hormonellen Normalzustand früher oder später auch der Masse-Normalzustand wieder ein. Klingt komisch, ist aber so.

Abnehmen mit Steroiden

Die Vorstellung, dass man mithife von Steroiden im Handumdrehen Fett verlieren kann, ist mindestens so weit verbreitet wie die Vorstellung, dass Steroide quasi "über Nacht" die Muskeln wachsen lassen - und genauso irrig. Um es klar zu sagen: Kein anaboles Steroid verbrennt Fett. Es stimmt zwar, dass Steroide den Stoffwechsel beschleunigen, aber dieser Effekt ist im Hinblick auf Fettabbau vernachlässigbar. Wer abnehmen will, muss diäten - daran führt kein Weg dabei. Allerdings können Steroide den Verlust von Muskelmasse, der mit einer strengen Fettreduktionsdiät normalerweise einhergeht, zuverlässig verhindern. Ist man als Fettmops also gut beraten, Steroide zu nehmen? Nein. Körperfett ist kein "totes Fleisch", sondern bioaktives Gewebe - es produziert u. a. Östrogen. Je mehr Fett man am Körper hat, desto höher ist entsprechend die Aromatisierungsrate, wenn androgene Steroide zugeführt werden. Da Östrogen die Fett- und Wassereinspeicherung begünstigt, schießt man sich mit der Anwendung eines Testosteronderivats bei hohem Körperfettanteil selbst ins Knie. DHT-Derivate wie Stanozolol und Drostanolon sind im Übrigen auch keine Lösung: Sie konvertieren zwar nicht zu Östrogen, haben aber hässliche Auswirkungen auf die Blutfettwerte (mit denen man als Übergewichtiger in der Regel ohnehin mehr oder weniger auf Kriegsfuß steht). Und Fett verbrennen sie, wie schon erwähnt, auch nicht.

Mit Hüftgold verhält es sich eben wie mit echtem Gold: Es ist eine verteufelt sichere Anlageform - und wer's rasch loswerden will, muss es einschmelzen.

Das naturale Limit

Über eines darf man sich überdies keine Illusionen machen: Steroide ermöglichen keine Verschiebung der natürlichen Gewichts- oder Leistungsgrenze. Heißt: Wer mithilfe von Steroiden ein Leistungslevel erreicht, das er natural nicht erreichen könnte, fällt nach Absetzen der Steroide in jedem Fall wieder in seinen natürlichen Rahmen zurück. Will man sich dauerhaft jenseits seiner Naturalgrenze bewegen, so muss man sich für ein Leben mit Steroiden entscheiden. Wer sich also von einigen wenigen Nadelstichen Veränderungen fürs ganze Leben erhofft, sollte lieber in die Tropen fliegen und sich dort von den Moskitos perforieren lassen – mit etwas Glück hat er dann wenigstens Malaria.

Fazit

Die Entscheidung, ob und – wenn ja, wann – man Steroide verwenden will, sollte gut überlegt sein. Im Zweifel ist es immer besser, noch zu warten. Unter Umständen erledigt sich das Thema dann von selbst: entweder, weil man den Sport an den Nagel hängt (wenn man zu den Burschen ohne Durchhaltevermögen gehört), oder weil man erkennt, dass man nicht alles nehmen muss, um alles geben zu können. Es ist schließlich eine unbestrittene Tatsache, dass einem vieles, was man noch mit 18 Jahren für eine glänzende Idee gehalten hat, nur wenige Jahre später als geistige Entengrütze erscheint. (Wer’s nicht glaubt, sollte einmal warten, bis die Kollegin im Büro sich vor dem Kopierer bückt – und sie dann beiläufig auf ihr Arschgeweih ansprechen ...!)