1. Einführung

1.1 Ein paar erste Worte

Vor wenigen Tagen erfuhr ich von einem Bekannten, der demnächst den Deutschen Rekord im Bankdrücken in seiner Alters- und Gewichtsklasse knacken will (viel Erfolg an dieser Stelle), dass Mecklenburg-Vorpommern nun auch auf die Initiative von Marc Bielau hin eine eigene Landesliga fürs Bankdrücken bekommen wird. Ja, Mecklenburg-Vorpommern, das kleine Bundesland an der Ostsee, in dem laut Bismarck alles 100 Jahre später ankommen würde. – Das Bankdrücken ist offensichtlich bereits da.

1.2 Der Gedanke zu diesem Artikel

Dies gab mir den Anlass, die ersten Worte für diesen Artikel zu schreiben über eine Übung, die vielleicht soviel Beachtung findet wie keine zweite. Erzähle ich jemanden, dass ich Powerlifting betreibe, kommt sofort die Frage, wie viel ich denn drücken würde (gleich nach einem komischen Blick, dass man nicht 120 kg Körpergewicht haben muss, um diese Sportart wettkampforientiert auszuüben). - Vermutlich weil meine heidnischen tiefen Kniebeugen sowieso nicht mit ihren Hofknicks-Beugen vergleichbar wären.

Geht man in ein McFit Studio, so findet man unzählige Langhantelbänke aber kaum (geschweige denn vernünftige) Powerracks. Ich habe schon Leute gesehen, die den halben Tag auf der Langhantelbank verbrachten und nebenbei zwischen den Sätzen telefonierten oder Zeitung lasen. So was kannte man sonst nur vom Pfahlsitzen, wobei der Weltrekord von 196 Tagen wohl noch nicht wirklich gefährdet ist.

Wenn eine Übung es also scheinbar wert ist, ihr einen gesamten Artikel lang Aufmerksamkeit zu schenken, scheint es mir das Bankdrücken zu sein.

2. Die Geschichte des Bankdrückens

2.1 Die Ursprünge

Wie es sich für eine Übung mit Charakter gehört, so hat auch das Bankdrücken eine kleine Geschichte zu erzählen und existierte nicht bereits seit dem Urknall in seiner heutigen Form.

Im späten 19. Jahrhundert wurde zur Kräftigung noch suspine oder back press, die den heutigen Floor Press in etwa entsprechen, ausgeführt. Generell war eine kräftige Brust für die meisten Kraftübungen jedoch unnötig, so dass Männer mit übermäßig trainierten Brustmuskeln eher lächerlich waren und ihnen der Spott der Leute sicher war.

Im Jahr 1928 wurde die back press von der AAU (Amateur Athletic Union) zusammen mit anderen Übungen, die nicht zu den olympischen Lifts gehörten, zu den odd lifts, also den seltsamen, skurrilen Lifts klassifiziert.

Langsam entwickelte sich, wie bereits angedeutet, aus dieser Übung das heutige Bankdrücken, wobei die ersten Bänke aus Getränkekisten oder anderen Gegenständen bestanden und keine Hantelhalterung oder etwas in der Art hatten. Erst in den 50ern konnte man die ersten Bänke finden, die unserer heutigen Vorstellung entsprechen würde und unter die man sich wohl selbst freiwillig zum Drücken legen würde. In dieser Zeit bekam die uns heute so vertraute Übung auch ihren Namen. Seit den 70ern gehörte Bankdrücken dann neben Kniebeugen und Kreuzheben wie auch heute noch endgültig zu einen der drei Lifts des Powerliftings.

2.2 Bankdrücken heute

Auch auf Wettkampfebene entwickelte das Bankdrücken nach und nach eine Tradition. Dieses Jahr findet bereits die 27. Deutsche Meisterschaft im Bankdrücken des BVDK statt. Seit 1990 veranstaltet der Weltverband IPF Weltmeisterschaften in dieser Disziplin und seit 2002 gibt es beim BVDK die Bundesliga für Bankdrücken. Es gibt Landes- und Norddeutsche Meisterschaften und von den allabendlichen Bankdrückwettbewerben in den Deutschen Studios ala Wie viel drückst du? Ich drück mehr! möchte ich gar nicht erst sprechen.

Wir haben nicht nur die goldenen Zeiten des Bodybuildings hinter uns, sondern ganz offensichtlich auch die Zeiten in denen Frauen mehr Brust als Männer haben und man boobies noch nicht von Storchenstelzen abgelöst wurden.

Und auch die Weltrekorde ließen sich nicht lumpen. 2004 drückte Gene Rychlak 1005Pfund (~455kg) und nach einigen Erhöhungen legte Ryan Kennelly letztendlich mit 1070Pfund (~486kg) am 12. April 2008 aktuell die höchste Messlatte.

Auch wenn ich mir damit den Hass seiner Fans und der eingefleischten Bankdrückgemeinde aufhalsen werde, so muss an dieser Stelle dennoch gesagt werden, dass es in meinen Augen irgendwo fragwürdige Grenzen hat, wenn Athleten mit offenen Shirts Hantelbewegungen von wenigen Zentimetern ausführen, ohne diese wirklich herauszudrücken (das ist meine persönliche Meinung, der man sich nicht anschließen muss). Und ja, ihr dürft euch jetzt Abends in den Schlaf weinen und mich dafür hassen, dass ich diese Wort niedergeschrieben habe, aber Hofknickskniebeuge sind schließlich auch noch nicht zum Wettkampf zugelassen (zumindest bei den meisten Verbänden, aber das ist wieder ein anderer Artikel..). - Natürlich bin ich nur neidisch, habe Herpes und ständig schlechten Sex, dass ich diese Gotteslästerung betreib. Aber vielleicht habe nicht nur ich keine richtige Ablage und auch kein richtiges Ausdrücken beim Weltrekordversuch gesehen. Lassen wir das..

Die Bankdrückleistungen haben sich also die letzten Jahre enorm verbessert. Der deutsche Ausnahme Drücker Markus Schick hat 2007 bei der Deutschen Meisterschaft immer noch 235kg bei 74,7kg Körpergewicht gedrückt und damit den Relativsieg für sich verbucht und auch andere Athleten sind längst über Hepburns 400Pfund hinaus. – Der Weltrekord fürs Drücken ohne Shirt liegt übrigens bei Scot Mendelson mit 715Pfund (~325kg).

Doch wie konnte dies gelingen?

2.3. Rekordeknacken for runaways

Anfangs stiegen die Bankdrückrekorde nur langsam. In den 50ern drückte der Kanadier Doug Hepburn erstmals 400 (~181kg), 450 (~204kg) und schließlich 500 Pfund (~226kg). 1957 behauptete Hepburn, dass 600 Pfund (~272kg) eine denkbare Leistung wäre, aber erst 1967 schaffte Pat Casey diese Hürde. Ted Arcidi drückte 1985 die 700 Pfund (~317kg) und 17 Jahre später schaffte Ryan Kennelly die 800 Pfund (~362kg). Zwei Jahre später war die Zahl der 800-Pfunddrücker bereits in einem zweistelligen Bereich.

Wie konnte dies so schnell gelingen? Die Antwort liefert das Jahr 1983 in dem ein College-Student namens John Inzer ein Shirt entwickelte, dass Verletzungen der Schultern beim Bankdrücken vorbeugen sollte. Praktischerweise schützte dieses Shirt jedoch nicht nur vor Verletzungen, sondern half dem Trainierenden auch das Gewicht von der Brust wegzudrücken, was nicht lange ungenutzt bleiben sollte. – Schauen wir uns also einmal ein Bankdrückshirt an, was dieses bewirkt und wo die Unterschiede liegen.

3. Super-Shirts: Eine Neue Epoche im Bankdrücken

3.1 Überblick

Als John Inzer sein Super-Shirt entwickelte, ahnte er vermutlich nicht, was für Folgen dieses nach sich ziehen würde. Der Equipment-Krieg, der auch viele Kritiker nach sich zieht, sorgt für immer stärkere Leistungen (ein Schelm, der weitere Gründe gefunden zu haben meint). Gleichzeitig gibt es durchaus Gegenbewegungen, wie einzelne RAW (also ohne Shirt) Wettkämpfe oder die noch relativ junge German RAW Association, die nur Wettkämpfe ohne Equipment durchführt.

Fairerweise sei jedoch jetzt bereits gesagt, dass überraschenderweise auf den RAW-Wettkämpfen in der Regel die gleichen Gesichter zu finden sind, wie auf anderen und dass ein Bankdrückshirt keinen Welt-, Deutschen- oder Landesmeister macht. Die Jungs, die mit Shirt das ein oder andere Kilogramm bewegen können, schaffen auch ohne unterstützendes Equipment nicht wenig.

Es ist also durchaus nicht so, dass man sich ein Shirt überzieht und gleich den Deutschen Rekord knackt, wie es mancher vielleicht durchaus denken mag.

3.2 Was ist ein Bankdrückshirt

Doch was ist ein Bankdrückshirt genau? Der ein oder andere wird vielleicht schon einmal einen Powerlifting Wettkampf gesehen haben oder sogar in seinem Studio dem faszinierenden Phänomen des Bankdrückshirt-Drückers begegnet sein.

Ursprünglich zur Verletzungsvorbeugung gedacht, werden diese inzwischen in erster Linie im Wettkampf dazu genutzt, um die Maximalleistung beim Drücken zu steigern. Erst Mitte der 80er wurde den Athleten der Nutzen beim Erreichen maximaler Lasten bewusst und das Shirt für diesen Zweck gezielt genutzt. Dabei gibt es die verschiedensten Variationen, wobei Polyester und Jeansstoff die häufigsten Materialien sind.

Neben dem Material ist die Dicke ein weiterer Faktor. Während in der IPF nur einlagige Shirts erlaubt sind, werden in anderen Verbänden auch doppellagige Shirts genutzt, mit denen noch ein paar Prozent mehr Leistung möglich sind, so wie Jeans-Shirts mehr Gewicht bringen als Polyester.

Die Funktionsweise ist dabei bei allen Shirts gleich. Der Schnitt des Shirts ist dermaßen, dass die Fasern beim herablassen der Hantel Spannung aufbauen und so einen Widerstand gegenüber der Hantel aufbauen. So kann es durchaus passieren, dass man mit zu wenig Gewicht auf der Langhantel diese gar nicht mehr bis zur Brust herunter bekommt, was ein komisches Gefühl ist, wenn man das erste Mal ein Shirt an hat. Das Shirt selbst ist dabei extrem unbequem und in der Regel nur mit Hilfe von mehreren Leuten anziehbar. Je enger, desto besser! lautet die leicht einprägsame Regel.

Neben dem Material gibt es aber noch weitere Punkte, die beim Shirt-Kauf beachtet werden müssen. Je nach Technik (mit oder ohne Brücke, wie eng die Ellenbogen am Körper sind etc.) gibt es die verschiedensten Shirts, was es nicht immer leicht macht, das passende für sich selbst zu finden.

3.3 Warum ein Bankdrückshirt nutzen? Ist das nicht Bescheißen?

Ich schrieb bereits, dass Equipment-Diskussionen fester Bestandteil der Powerliftinggemeinde sind und für die meisten Fitnesssportler oder Bodybuilder dürfte es sowieso nicht sehr interessant sein, sich ein Bankdrückshirt zuzulegen.

Doch für alle anderen: Warum sollte man sich so etwas anschaffen? Würde man sich nicht selbst bescheißen und mehr eine Zirkusnummer als ernsthaftes Bankdrücken hinlegen? Schrieb ich nicht selbst, dass Fabelweltrekorde von über 1000Pfund teilweise eine sehr fragwürdige Ausführung hätten? – Ja, aber ich schrieb auch, dass niemand nur vom Anziehen eines Shirts auch nur einen Blumentopf gewinnen würde (genauso wenig wie jemand nur dank Medikamenten heutzutage eine Bodybuildingmeisterschaft gewinnen würde). Was spricht also dafür?

Nun, abgesehen dass natürlich das Ego gestreichelt wird, da man mit Shirt unweigerlich mehr Drücken wird, schützen auch die heutigen Anfertigungen noch immer vor Schulterverletzungen oder Brustmuskelabrissen. Bankdrücken mit Shirt ist nicht vergleichbar mit RAW drücken, was vermutlich nur schwer vorstellbar ist, wenn man selbst noch nie in so einem Shirt unter der Hantel gelegen hat.

Wer also sehen will, was sein eigener Körper zu leisten fähig ist und dabei Verletzungen möglichst vermeiden möchte, sollte sich auch als Nicht-Powerlifter nicht davor scheuen, sich ein gebrauchtes Bankdrückshirt für wenige Euros zuzulegen und den ein oder anderen Maximalversuch damit auszuprobieren. – Dabei sollte gerade für diejenigen, die nicht vorhaben sich auf einen Wettkampf vorzubereiten, das Bankdrückshirt allerdings nicht zum neuen Trainingsshirt werden, was bei jeder Einheit durchgängig getragen wird.

Wer mehr dazu erfahren möchte, sollte sich den unten verlinkten Artikel 20 Tips For Getting The Most Of Your Bench Press Shirt von Ben Tatar durchlesen.

4. Schluss

Abschließend ein paar letzte Worte. Vor etwa 100 Jahren war Bankdrücken, bzw. eine Vorform dieser Übung, noch so cool wie ein rosaner Trainingsgürtel mit glitzernden Strass-Steinen. Heute, im 21. Jahrhundert, ist Bankdrücken nicht nur unter den sogenannten Disco-Pumpern eine der vielleicht beliebtesten Übungen, was mir selbst auch nach diesem Artikel manchmal immer noch unverständlich ist.

Doch auch wenn in diesem Artikel einige einführende Worte zu Bankdrückshirts und leistungssteigernden Übungen gesagt wurden, sollten gerade (Hobby-)Bodybuilder nicht vergessen, dass Wie viel drückst du?-Schwanzvergleiche cool sein mögen, aber letztendlich nicht zwangsläufig etwas mit gewünschten Trainingserfolgen zu tun haben.

Allen anderen, die sich dennoch ein Shirt zum Ausprobieren holen und vielleicht sogar Blut geleckt haben, kann ich nur raten, sich über kurz oder lang einem Wettkampf unter wirklichen Bedingungen zu stellen und das Gefühl und die Atmosphäre eines Wettkampfes zu genießen.

Studiomeister gibt es Hunderte. Deutsche Meister immer nur einen.

Quellen

  • Arcidi, Ted (2007): Benchpress Shirts - They Be The Death Of Raw Pressing Power?, Criticalbench.com.
  • Chris (2006): The History of The Bench Press,
  • Hickok, Ralph (2003): Powerlifting, Hickosports.com.
  • Hos, Curd (2004): History of the Bench Press
  • Hos, Curd (2004): Bench Shirts
  • Köberich, Heiner u.a. (2008): Geschichte Kraftdreikampf
  • Lattimer, Shawn (2007): Bench Press Shirts, Criticalbench.com.
  • Tatar, Ben (2007): Why Lift With a Bench Shirt?, CriticalBench.com.
  • Tatar, Ben (2007): 20 Tips For Getting The Most Of Your Bench Press Shirt, CriticalBench.com.