von Mauro Di Pasquale
Die kohlenhydratarme Diät oder auch Low-Carb Diät war im letzten Jahrzehnt DIE neue Diätform. Was die wenigsten jedoch wissen ist, dass diese Diätform weder von Dr. Atkins, welcher die Low-Carb Variante für den Normalbürger bekannt machte, noch von Autoren wie DiPasquale oder Dan Duchaine, welche mit ihrer Variante mehr den Sportler ansprechen, erfunden wurde. Die Geschichte der Low-Carb Diät lässt sich 140 Jahre bis zu einem Leichenbestatter in London zurück verfolgen.
Mr. Banting & Dr. Harvey
Alles begann 1862 mit einem 66 Jahre alten Leichenbestatter. Mit 202 Pfund Körpergewicht bei gerade einmal 1,68 Metern Körpergröße war William Banting so übergewichtig, dass er nicht einmal mehr seine eigenen Schuhe zubinden konnte. Als er während des Jahres 1862 neben anderen Problemen auch Gehörprobleme bekam, ging Banting zu einem Hals-Nasen-Ohrenarzt namens Dr. William Harves, welcher schnell zu dem Schluss kam, dass Bantings Problem nicht Schwerhörigkeit sondern Übergewicht war. Die Gehörprobleme kamen dadurch zustande, dass durch überschüssiges Fett ein Druck auf das Innenohr aufgebaut wurde.preview
Dr. Harvey verschrieb Banting folgendes: Keine Stärke, kein Zucker, kein Bier und keine Kartoffeln mehr. Stattdessen waren nur noch Fleisch, Fisch, Gemüse und Wein erlaubt (einmal abgesehen von einer Kruste Brot dann und wann).
Harveys Mahlzeitenempfehlung erlaubte folgendes:
Bis zu 180 g Schinken, Rindfleisch, Hammel, Wild, Nieren, Fisch oder jegliche Form von GeflügelJegliche Art von Gemüse außer Kartoffeln
Zum Abendessen zwei oder drei Gläser Rotwein, Sherry oder Madeira
Champagner, Portwein und Bier waren verboten und es durfte pro Mahlzeit maximal 30g Brot gegessen werden
Die Diät funktionierte und die gesundheitlichen Probleme Bantings einschließlich seiner Schwerhörigkeit verschwanden. Hiervon inspiriert veröffentlichte er im Jahre 1863 sein erstes Low-Carb Diätbuch mit dem Titel "Letter on Corpulence".
Die Einführung der Kalorien
Der nächste Meilenstein in der Geschichte der Low-Carb Diät wurde zwischen 1890 und 1900 durch das damals neue Konzept der Kalorien gesetzt. Ein agrarwissenschaftlicher Chemiker Namens Wilbur Atwater kam auf die geniale Idee, dass man, wenn man Nahrungsmittel in eine Art Miniofen namens Kalorimeter steckte und darin verbrannte, die bei der Verbrennung frei werdende Wärme messen konnte. Er nannte die zugehörige Maßeinheit Kalorie.Die Idee war einfach: Der Körper ist nichts anderes als eine Art Miniofen der Kalorien verbrennt. Wenn man mehr Kalorien verzehrt als man verbrennt, nimmt man zu, wenn man weniger Kalorien verzehrt als man verbrennt, nimmt man ab.
Aber Banting machte auch eine interessante Beobachtung. Er stellte fest, dass zum Gewichtsverlust bzw. der Gewichtszunahme mehr gehört als nur die Summe der Kalorien. Nach seinen Erfahrungen war der Einfluss auf die Fettzellen von dem, was er aß, stärker abhängig, als von der Menge, die er aß. Genau das ist die zentrale Idee hinter der Metabolen Diät (wenn auch ein Jahrhundert zu früh): Auch wenn Kalorien einen wichtigen Faktor darstellen, bestimmt die Art der verzehrten Nahrungsmittel die hormonelle Reaktion des Körpers auf eine Mahlzeit, welche dann wiederum zu einem großen Teil bestimmt, ob Fett gespeichert oder freigesetzt wird.
Das Dupont Projekt
- Der Zeitpunkt: die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg
Der Ort: das Medical Department von E.I. DuPont
Das Problem: die zunehmende Fettleibigkeit bei den Angestellten
Pennington verordnete den Angestellten von DuPont eine Ernährung mit viel Fett, viel Eiweiß und wenig Kohlenhydraten ohne jegliche Einschränkung der Kalorienzufuhr. Die Diätenden berichteten, dass sie sich bei dieser Diät generell gut fühlten, die Mahlzeiten genossen und keinen Hunger zwischen den Mahlzeiten verspürten. Die 20 Teilnehmer des Projekts nahmen im Durchschnitt innerhalb von dreieinhalb Monaten 22 Pfund ab.
In den Vierzigern untersuchte Dr. Alfred Pennington die Lebens- und Ernährungsgewohnheiten der Angestellten von E.I. DuPont de Nemours and Co. In Willington, Delaware. 1951 veröffentlichte er seine Diätform, welche gut funktionierte und in ihren Grundzügen der Diät von Banting, welche fast ein Jahrhundert früher entwickelt worden war, sehr ähnlich war.
Die Grundidee bei Dr. Penningtons Diät war, dass der Mensch nicht fett wird, weil er zu viel isst, sondern vielmehr aufgrund dessen, was der Körper mit der aufgenommenen Nahrung macht – der Umwandlung von zu viel zugeführten Nährstoffen in Fett. Eine kalorienreduzierte Diät konnte nicht funktionieren, da sie das überschüssige Fett nicht abbaute, weil übergewichtige Menschen Kohlenhydrate nicht richtig verstoffwechseln und so der größte Teil dieser Kohlenhydrate in Fett umgewandelt wird.
Diese Schlussfolgerung beruhte zum Teil auf den Forschungsergebnissen des Russel Stage Instituts aus dem Jahre 1928, die zu dem Ergebnis führten, dass jede Mahlzeit aus 60-90g Fett und 180 – 270g Fleisch bestehen durfte. Die von Pennington entwickelte Diätform wurde unter dem Namen DuPont Diät bekannt und zuerst in der Juni Ausgabe des Holiday Magazin im Jahre 1950 veröffentlicht. Später wurde sie auch in Form einer Broschüre für 10 Cent vermarktet.
Nur Fett und Eiweiß: Das Geheimnis der Inuit Diät
Parallel zu den Untersuchungen von Dr. Pennington machte der Forscher Vilhjalmur Stefansson in der Arktis bei der Ernährung der Inuit, mit denen er dort zusammenlebte, eine für ihn interessante Entdeckung. Obwohl sich die Inuit fast ausschließlich von Fleisch, Fisch und Fett ernährten, war ihr allgemeiner Gesundheitszustand erstaunlich gut.Um herauszufinden, welche mögliche Wirkung diese Ernährungsform bei ihm selbst haben würde, ließ er sich bei seinem Selbstversuch von einem medizinischen Team genau überwachen. Die Ergebnisse dieser Studie wurden am 3. Juli 1926 im JAMA (Magazin der American Medical Association) unter dem Titel "The Effects of an Exclusive Long-Continued Meat Diet" veröffentlicht.
Das Ergebnis dieser Studie war, dass es den Medizinern nicht möglich war, auch nur die Spur eines Hinweises darauf zu finden, dass diese Art der Ernährung schädliche Nebenwirkungen haben könnte.
Das metabolische Syndrom
In den Fünfzigern führten Professor Alan Kekwick and Dr. Gaston L.S. Pawan eine Studie durch, mit der sie ihre Theorie belegen wollten, dass eine unterschiedlich hohe Zufuhr von Kohlenhydraten, Fett und Eiweiß bei gleichbleibender Kalorienzufuhr einen unterschiedlichen Einfluss auf den Gewichtsverlust hat.Hierfür hielten sich übergewichtige Probanden an ein 1000 Kalorien Diät, wobei die Zusammensetzung der Kalorien aus Kohlenhydraten, Fett und Eiweiß variierte. Eine Gruppe nahm 90% ihrer Kalorien in Form von Eiweiß zu sich, eine andere Gruppe nahm 90% der Kalorien in Form von Fett zu sich und eine dritte Gruppe verzehrte 90% der Kalorien in Form von Kohlenhydraten. Die Eiweißgruppe nahm 6 Pfund ab, die Fettgruppe 0,9 Pfund und die Kohlenhydratgruppe nahm sogar geringfügig zu. Außer der reinen Kalorienzahl gab es also augenscheinlich noch andere Faktoren, die bei der Gewichtsreduktion eine Rolle spielten.
Diese Ergebnisse wurden 1958 durch eine Studie von Dr. Richard MacKarness, dem Leiter der ersten britischen Klinik für Fettsucht und Lebensmittelallergien, untermauert. MacKarness veröffentlichte das Buch "Eat Fat and Grow Slim" (Iss Fett und werde schlank) in welchem er argumentierte, dass Kohlenhydrate und nicht Kalorien für die Fettzunahme verantwortlich sind.
MacKarness kam als erster auf die Idee, dass vielleicht eine Stoffwechselstörung bei der Verwertung von Kohlenhydraten dafür verantwortlich sein könnte, dass manche Menschen es nicht schafften, an Gewicht zu verlieren. In vielen Aspekten griff er hierbei schon den Untersuchungen des späten 20. Jahrhunderts vor, die zum Konzept des "Metabolischen Syndroms", auch "Syndrom X" genannt, führten.
In den Sechzigern veröffentlichte der New Yorker Arzt Herman Taller sein Buch "Calories don’t Count" (Kalorien zählen nicht). In dieser Publikation erklärte er, warum eine kalorienreduzierte Diät alleine bei manchen Menschen nicht funktioniert und manche Menschen trotz hoher Kalorienzufuhr abnehmen konnten. Taller kam zu dem Schluss, dass nicht alle Kalorien gleich sind und Kohlenhydrate (zumindest für manche Menschen) ein Problem für den Körper darstellen. Er wies darauf hin, dass eine kohlenhydratreiche Ernährung die Insulinausschüttung anregt und so bei Menschen, die empfindlich auf Kohlenhydrate reagieren, den Aufbau von Körperfett fördert.

Fett kam aus der Mode
In den Fünfzigern und Sechzigern begann der Wissenschaftler Ancel Keys damit, den Zusammenhang zwischen Herzkrankheiten und Ernährung zu untersuchen und kam zu dem Ergebnis, dass Cholesterin eine Ursache für Herzkrankheiten ist, dass gesättigte Fette den Cholesterinspiegel erhöhen und deshalb gesättigte Fette ein Auslöser für Herzkrankheiten sind.Die Studien von Keys bildeten für mehr als drei Jahrzehnte die Grundlage der meisten Ernährungsempfehlungen und verursachten indirekt die Wiedergeburt der Fettphobie in den Achtzigern sowie eine Lawine von Maßnahmen zur Reduzierung des Cholesterins (z.B. das National Cholesterol Education Program), welche zur Entwicklung und Vermarktung einiger der profitabelsten Medikamente aller Zeiten führte.
Insulin und die Wiederentdeckung der Low-Carb Diät
Während sich alle bisher erwähnten Studien direkt mit der Rolle des Stoffwechsels bei der Gewichtszunahme befassten, konzentrierten sich in den Neunzigern eine Anzahl von Diätwissenschaftern auf das Zusammenspiel von Insulin und Stoffwechsel als bestimmenden Faktor für die Gewichtszunahme.Unter ihnen waren z.B. Dr. Robert Atkins mit seinem Buch "New Diet Revolution" aus dem Jahre 1992, Barry Sears mit "Into The Zone" im Jahre 1995 und Dr. Michael and Mary Dan Eades mit "Protein Power" im Jahre 1995.
Diese Sicht der Dinge bekam weitere Unterstützung, als Dr. Walter Willett, Vorsitzender des Department of Nutrition an der Harvard University's School of Public Health, vorschlug, das bestehende Konzept der Nahrungspyramide der FDA, welches für ein Jahrzehnt 6 bis 11 Portionen Getreide, Brot und Nudeln pro Tag empfahl, zu überdenken und umzugestalten.
Im Wesentlichen spielt Insulin deshalb so eine große Rolle bei der Fettleibigkeit, weil der exzessive Konsum einfacher und verarbeiteter Kohlenhydrate den Körper bei vielen Menschen resistent gegenüber der Insulinwirkung gemacht hat. Der Verzehr größere Mengen an Kohlenhydraten führt zu einem starken Anstieg des Blutzuckerspiegels, welcher seinerseits den Körper veranlasst, mehr Insulin auszuschütten.
Wenn Insulin in den Blutkreislauf gelangt, bewirkt dieses einen plötzlichen Abfall des Blutzuckerspiegels, was wiederum zu einem verstärkten Hungergefühl führt, welches dann wiederum zum Verzehr weiterer Kohlenhydrate anregt. Wenn diese starken Blutzuckerschwankungen über einen längeren Zeitraum immer wieder auftreten, bekommt der Körper früher oder später Probleme damit, auf das Insulin zu reagieren.
Die Metabole Diät
Im Jahre 1995 veröffentlichte Dr. Mauro Di Pasquale sein Buch "Die Anabole Diät", welches eine frühe Version der Metabolen Diät darstellte. Das Konzept der Metabolen Diät unterscheidet sich von alle bestehenden Diätformen, egal ob es sich um kohlenhydratarme Diäten, (z.B. die Atkins Diät, "Protein Power" oder die "Zone Diet") oder um Diätansätze mit komplexen Kohlenhydraten und eingeschränkter Fettzufuhr handelt.Dr. Di Pasquale entwickelte diese Diätform auf Basis seiner Erfahrungen aus dem Powerlifting und seinem dreißigjährigen Erfahrungsschatz, den er als Leiter einer Klinik für extrem übergewichtige Personen sammeln konnte.
Auch wenn die Anabole Diät und die Metabole Diät erst 1995 der Öffentlichkeit vorgestellt wurden, spiegeln beide Diätformen das Ergebnis einer Entwicklung über den Zeitraum von drei Jahrzehnten wieder. Di Pasquale entdeckte die Vorteile einer Ernährung mit stark eingeschränkter Kohlenhydratzufuhr und hoher Fett- und Eiweißzufuhr für sich selbst bereits in den Sechzigern, als er noch Medizinstudent war. In den späten Sechzigern begann er mit kurzen Phasen hoher Kohlenhydratzufuhr und längeren Phasen mit stark eingeschränkter Kohlenhydratzufuhr zu experimentieren. Er verwendete dieses Ernährungsschema in den Siebzigern und Achtzigern um seine Kraft und Muskelmasse zu erhöhen und den IPF Weltmeistertitel 1976 sowie die Goldmedaille bei den World Games 1981 zu gewinnen.
Mit seinen Ideen war er nicht alleine. Menschen wie Vince Gironda und Dan Duchaine, der 1996 seine Version der Anabolen Diät unter dem Namen "Body Opus" veröffentlichte, experimentierten mit ähnlichen Konzepten.
In den frühen Neunzigern wandte Di Pasquale seine Ernährungsform erfolgreich bei Bodybuildern der World Bodybuilding Federation und Wrestlern der World Wrestling Federation WWF als Alternative zum Doping an.
Obwohl Di Pasquales Diätform das Konzept der stark reduzierten Kohlenhydratzufuhr anderer Low-Carb Diäten übernommen hat, berücksichtigt sie doch die Bedenken verschiedener Mediziner und Ernährungswissenschaftler, welche die verstärkte Bildung von Ketokörpern, welche über den Urin ausgeschieden werden, eher kritisch betrachten. Gegner der ketogenen Diät sehen die Ketose als potentiell schädlich an, da sie in ihren Augen bis hin zu einer lebensgefährlichen Ketoazidose führen kann.
Auch wenn eine Ketoazidose bei gesunden Menschen nicht auftreten kann, sollte chronische Ketose aufgrund ihrer katabolen Wirkung dennoch vermieden werden. Durch den Wechsel kurzer Phasen hoher Kohlenhydratzufuhr mit längeren Phasen stark eingeschränkter Kohlenhydratzufuhr hat Di Pasquales Diät alle Vorteile einer Low-Carb Diät, ohne jedoch deren Nachteile mit sich zu bringen. Durch die Periodisierung werden anabole und antikatabole Wirkungen synergistisch mit der fettverbrennenden und antikatabolen Wirkung der Low-Carb Phase kombiniert. Weiterhin werden hierdurch die negativen Auswirkungen zu weit entleerter Kohlenhydratspeicher in Muskulatur und Leber umgangen.
Die Metabole Diät basiert auf folgenden drei Prinzipien:
Kohlenhydrate als primäre Energiequelle werden durch Fett ersetzt, ohne dass hierbei die Anzahl der zugeführten Kalorien verändert wird. Der Körper reagiert hierauf mit einer stärkeren Fettverbrennung durch verstärkte Lipolyse und erhöhte Oxidation freier Fettsäuren.Wenn sich der Körper an Fett als primäre Energiequelle gewöhnt hat, wird die Fettzufuhr reduziert, um so die Gesamtkalorienzufuhr zu reduzieren. Aufgrund der reduzierten Fettzufuhr über die Nahrung ist der Körper gezwungen, verstärkt Körperfett als Energiequelle zu nutzen.
Durch das Umschalten des Stoffwechsels auf Fettverbrennung und dem zyklischen Wechsel zwischen kurzen Phasen mit hoher Kohlenhydratzufuhr und längeren Phasen mit stark eingeschränkter Kohlenhydratzufuhr wird die Muskelmasse erhöht und gleichzeitig Körperfett abgebaut. Dies geschieht mit Hilfe einer ernährungsbedingten Manipulation der anabolen, antikatabolen und die Fettverbrennung fördernden Hormone wie z.B. Testosteron, Wachstumshormone, Insulin, IGF-1, Kortisol und Schilddrüsenhormone.