So sehr, wie uns die Heldentaten der Athleten aus der Vergangenheit faszinieren, ist es gleichermaßen merkwürdig, dass so wenige Bodybuilder sich mit der Geschichte ihres Sports auskennen. Vielleicht liegt dies daran, dass Bodybuilding weniger ein Zuschauersport und mehr eine individuelle Angelegenheit ist.
Es ist weiterhin interessant anzumerken, dass viele der durchschnittlichen Bodybuilder im Jahr 2000 bezüglich ihrer Muskelentwicklung mit einigen der besten Wettkampfbodybuilder der 1940-iger Jahre vergleichbar sind. Der Fairness halber sei jedoch auch erwähnt, dass die Bodybuilder von heute sehr viele Vorteile gegenüber den Bodybuildern vergangener Zeiten besitzen. Heute sind mehr Informationen verfügbar und es gibt bessere Trainingsgerätschaften, fortschrittlichere Techniken sowie Supplements auf dem neusten Stand der Wissenschaft, um nur einige zu nennen.
Allzu oft führt dies Menschen zu der falschen Erkenntnis, dass die Gründer des Eisensports den jungen Löwen von heute nur wenig bieten können. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Es gibt eine wahrhafte Fülle von Informationen, die uns die Ahnen des Eisensports liefern können.
Bei unserer kontinuierlichen Suche nach etwas Neuem müssten wir manchmal nur auf das schauen, was vergessen wurde. Über die Lektionen, die gelernt werden müssen hinaus, gibt es eine bedeutende und oft beanspruchte Geschichte des Sports des Bodybuildings. Wer waren die Leute, die diese unglaubliche Aktivität, die ein so wichtiger Teil unseres Lebens geworden ist, voranbrachten?
Die Faszination von Kraft und Muskularität geht bis auf die Anfänge unserer Geschichte zurück. Die griechische Mythologie hatte Herkules. Im alten Testament gab es Samson. Doch das Bodybuilding, wie wir es kennen, hat seine Wurzeln zur Zeit der Jahrhundertwende zum zwanzigsten Jahrhundert.
Eine schöne neue Welt
Die frühen 1900er brachten einen enormen Zustrom von Europäern in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Amerika. Viele dieser Immigranten teilten einen gemeinschaftlichen Charakterzug: Sie waren an harte Arbeit gewöhnt.Die irischen, italienischen und deutschen Einwanderer erwarben sich den Ruf groß und stark zu sein. Der Konkurrenzkampf um Arbeitsplätze zwischen diesen Gruppen und der ungebildeten Bevölkerungsschicht im Allgemeinen war hart und unerbittlich. Arbeit, die mit dem Heben und Tragen schwerer Lasten zu tun hatte, war ihre einzige Zuflucht. In krassem Gegensatz zu diesen Arbeitern standen die Blaublütigen, die durch Jahre der Müßigkeit weich geworden waren.
Das Land der Möglichkeiten
Es war diese Ungleichheit, die einige der Unternehmer der ersten Generation dazu führte, ihre männlichen Eigenschaften auszunutzen und am Zustand der Faulheit der Nation zu verdienen.Anzeigen, welche die Vorzüge der körperlichen Fitness priesen, begannen zu erscheinen. Zugkräftige Überschriften, die nach heutigen Standards schmalzig und wunderlich erscheinen, tauchten in Zeitschriften und Zeitungen auf:
- Charles McMahon: "Bist Du ein Mann oder eher ein Kleiderständer?"
- Earle Liederman: "Ich mache Männer stark."
- Bernarr McFadden: "Schwäche ist ein Verbrechen. Sei kein Verbrecher!"
Die Geburt eines Business
Kraft und Muskeln wurden in den farbenprächtigen rauschenden Zwanzigern zum Renner. Die Ziegenfeld Follies waren z.B. ein berühmtes Variete, welches sich durch musikalische Einlagen, tanzende Mädels, Magier und Komödianten auszeichnete. Die beliebteste Darbietung war jedoch eine Strongman Nummer. Doch dies war keine gewöhnliche Zirkusnummer. Der Darsteller wurde als der stärkste Mann der Welt bezeichnet, was milde ausgedrückt eine offenkundige Übertreibung darstellte, doch dem zahlende Publikum, welches es nicht besser wusste, war dies egal. Die Darbietung war extrem beliebt – und das mit gutem Grund.Die Vorstellung begann damit, dass ein gut aussehender, eleganter Mann die Bühne betrat. Er zog seinen Mantel aus und enthüllte einen Körper, der aussah, als ob er aus Stein gemeißelt wäre. Michelangelos David, der einst als das Sinnbild männlicher Perfektion angesehen wurde, verblasste im Vergleich mit den erstaunlichen Exemplaren in Ziegenfelds Extravaganz. Die eindrucksvolle Sensation wurde mit dem Namen Sandow angekündigt.
Neben seiner beachtlichen Muskularität zeigte Sandow außergewöhnliche Kunststücke der Kraft. An einem Punkt der Show hob er eine Plattform an, auf der sich 19 Menschen und ein Hund befanden! Sein Sinn für Selbstdarstellung in Verbindung mit Ziegenfelds Flair für Übertreibungen machten Sandow zum Superstar. Plötzlich waren Muskeln in.
Das neu gefundene Interesse an Muskeln veranlasste Georde Jowett dazu damit zu beginnen die Zeitschrift Strength herauszugeben, welche man als das erste Bodybuildingmagazin bezeichnen konnte. Unter Jowetts Schülern befand sich ein junger Mann mit großen Visionen – sowohl als Strongman als auch als Businessman. Sein Name war Bob Hoffman. Im Jahr 1932 Gründete Hoffman den York Barbell Club, welcher zur Heimstätte vieler der frühen Anhänger der Muskelwelt wurde. Er begann auch damit unter dem Titel Strength and Health sein eigenes Magazin herauszugeben.
Hoffman erklärte sich selbst unbescheiden zum Gesündesten Mann der Welt. Besessen von den Vorzügen des Trainings mit Gewichten, verlangte er von jedem, der in seiner Firma arbeitete, Gewichte zu stemmen. Hoffman ging sogar so weit eine obligatorische Trainingsphase für jeden Angestellten einzuführen – während der Mittagspause!
Im Gegensatz zu seinem selbst proklamierten gesunden Image hatte Hoffman den Ruf ein Raucher, Spieler und Frauenheld mit einer Neigung zum Nachtleben zu sein. Auch wenn er Schlafmangel zu einem der schädlichsten Laster erklärte, schlief er selten mehr als fünf Stunden pro Nacht. Trotzdem hielt er seine fehlerlose Fassade immer aufrecht. Als ein Freund einmal gegenüber Hoffman erwähnte, dass dieser sich Ruhe gönnen sollte, um sich von einer offensichtlichen Erkältung zu erholen, bellte Hoffman ihn an:
Ich habe keine Erkältung! Ich war in meinem ganzen Leben noch keinen einzigen Tag lang krank!
Hoffmans Arroganz und sein Ego arbeiteten für ihn. Seine unermüdliche Arbeitsmoral waren sehr hilfreich dabei das olympische Gewichtheben an die Vorderfront des öffentlichen Bewusstseins während der gesamten 1930iger zu bringen. Bodybuilding hingegen hatte wenig Anziehungskraft für Hoffman. Er war der Meinung, dass Muskeln eine angenehme Nebenwirkung des Gewichthebens waren, doch das alleinige Streben nach Muskeln war in seinen Augen eitel und narzisstisch.
Ein anderer ambitionierte junge Mann versuchten Hoffman in seinem eigenen Spiel zu schlagen und besaß andere Ideen.
Und so begann es
Joe Weider sah die Anziehungskraft von Muskeln. Er nahm an, dass es das beneidenswerte Erscheinungsbild der Muskularität und der hieraus resultierende Sex Appeal waren, welche die Menschen dazu brachte zu trainieren. Im Jahr 1938 veröffentlichte Weider mit seinen Lebensersparnissen von sieben Dollar ein primitives Pamphlet, welches absichtlich Bodybuilding über das Gewichtheben stellte. Er nannte diese Veröffentlichung Your Physique. Dieses bescheidene Blättchen legte den Grundstein für ein Imperium.Weider verkaufte über den Postweg Gewichte, doch die ersten Sätze waren keine Kurz- oder Langhanteln im konventionellen Sinn. Es waren Reste weggeworfenen Schotts, den er auf einem verlassenen Zugschrottplatz fand. Weiders originale Gewichtssätze bestanden aus Rädern, Rohren, Achsen und Klammern.
Hoffman war trotz seiner Ambivalenz gegenüber Bodybuilding der Anziehungskraft dieses Sports nicht völlig abgeneigt, was auch der Grund dafür war, dass er Bodybuildingwettbewerbe in Verbindung mit Gewichtheberwettkämpfen (AAU) finanziell unterstütze. Doch Hoffman stellte sicher, dass der Bodybuildingwettbewerb das letzte Ereignis auf der Tagesordnung war, so dass jeder zuvor das Gewichtheben sehen würde.
Weider veranstaltete auch Wettkämpfe, doch er entschied sich dazu auf das Gewichtheben zu verzichten und den Leuten zu geben, was sie wirklich wollten – Muskeln. Seine IFBB Wettkämpfe boten Geldpreise, welche die besten Muskelmänner der damaligen Zeit anzogen. Die Shows waren bereits lange bevor Hoffmans Business schlechter wurde ein großer Erfolg. Hoffman beschloss Feuer mit Feuer zu bekämpfen und begann damit eine Zeitschrift mit dem Namen Muscular Development herauszugeben, die dem Bodybuilding gewidmet war. Ein Mann namens John Grimek wurde sein Herausgeber, was eine logische Wahl darstellte, da Grimek nicht nur ein ungeschlagener Bodybuildingwettkämpfer war, sondern auch ein Champion im Bereich des Gewichthebens, was Hoffman ansprach.
Jahr für Jahr schlugen sich Hoffman und Weider in bitterer Rivalität, wobei jeder um das Geschäft mit der Bodybuilding Gemeinschaft wetteiferte und Weider Hoffman immer einen Schritt voraus war. Es ist zweifelhaft, ob einer von beiden wusste, dass das Business des Muskelaufbaus einen unvorstellbaren Schub von einem der unwahrscheinlichten Orte aus erhalten würde. Es war um das Jahr 1940, als ein Spielplatz an der Küste von Santa Monica Hunderte und schließlich Tausende von Zuschauern pro Tag anzog. Dieser schmale Streifen Strand wurde als Muscle Beach bekannt.
Der Aufstieg
Obwohl beide Visionäre waren, hätten weder Hoffman noch Weider das Phänomen, welches als Muscle Beach bekannt wurde, auf die Bühne bringen können. Der Spielplatz am Strand war eine natürliche Attraktion für junge Männer, die ihre Kraft und Athletik zur Schau stellen wollten. Bodybuilder wanderten in diesen Bereich ab, um zu trainieren, Trainingskonzepte zu diskutieren und Storys über die Vorzüge von allem möglichen, beginnend bei Ziegenmilch und Bierhefe bis hin zu zur Kontroverse bezüglich des Drückens während man auf der Bank liegt, auszutauschen. Leute aus der näheren und weiteren Umgebung strömten zum Muscle Beach, um all die perfekten Körper zu betrachten. Doch die Bevölkerung des Muscle Beach bot mehr als nur Muskeln.Niemand weiß genau wie es begann, doch es ist eine nahe liegende Annahme, dass wenn ein Bodybuilder eine Posingroutine mit einem Spagat beendet, der nächste Bodybuilder im Geiste der freundlichen Steigerung der Preisklasse ein Spagat ausführt, während der eine Langhantel nach oben drückt. Dies spornt den nächsten Mann dazu an dasselbe zu versuchen, während er ein hübsches Mädchen nach oben hebt. Nach kurzer Zeit erreichten blendende Darstellungen akrobatischer Fähigkeiten eine Stufe, welche die Welt zuvor noch nicht gesehen hatte. Les Stockton, einer der ursprünglichen Teilnehmer beschrieb dies folgendermaßen:
Wir warfen Mädels 12 Meter hoch in die Luft und fingen sie wieder auf. Es ist erstaunlich, dass niemand verletzt wurde.
Jonglieren, Stoßen, Turnen, Schleudern von Langhanteln quer über die Plattform und merkwürdige Kraftakte waren alltägliche Kost am Muscle Beach. Es ist schwer vorstellbar, dass so viel Anstrengung in das Darbieten freier Unterhaltung für Schaulustige gesteckt wurde, doch die Bodybuilder der damaligen Zeit hatten das Gefühl etwas beweisen zu müssen. Sie wollten die Welt wissen lassen, dass Muskeln nicht nur Show waren. Die Pflege und die Entwicklung des eigenen Körpers wurden als heilige Pflicht angesehen.
Sie taten es nicht für Geld oder Ruhm, sie taten es, da sie es liebten. Die Menschen am Muscle Beach traten für den Gewichte hebenden Lebensstil als einen Beweis dafür ein, was der menschliche Körper leisten kann – was weit entfernt von den durch Medikamente aufgeblähten Bodybuildern ist, die verärgert sind, wenn die Zuschauer nicht genug Enthusiasmus während ihrer langweiligen Posingroutinen zeigen.
Einer der größten Stars des Muscle Beach war kein Muskelmann, sondern eine Frau. Abbye Pudgy (Pummelchen) Stockton war die erste bekannte Befürworterin der Vorzüge des Trainings mit Gewichten für Frauen. Ich habe mit dem Training angefangen, um Fett zu verlieren, so wie dies die meisten jungen Mädchen tun, sagte Pudgy. Zu dieser Zeit trainierten die meisten Menschen nicht, so dass der Anblick von Muskeln – besonders an einer Frau – so etwas wie ein Schock für sie war! Sie fuhr fort, um die Atmosphäre zu beschreiben, die am Muscle Beach herrschte:
Es machte Spaß! Wir bauten menschliche Pyramiden mit zehn Leuten. Mein Freund [Les, nun ihr Ehemann] machte einen Handstand und drückte sich mit den Armen nach oben während ich ihn über mir hielt. Niemand hatte je zuvor etwas Ähnliches gesehen.
Inmitten seiner rassigen, frechen und wilden Aktivitäten war der Muscle Beach das Mekka der Muskeln. Jeder, der sich danach sehnte zur Bruderschaft des Bodybuildings zu gehören, wollte ein Teil hiervon sein. Der Muscle Beach war der Ort, an den man ging und an dem man gesehen wurde. Und jeder, der jemand war, war dort.
Der Fall
Zusammen mit den gesunden Körpern am Muscle Beach kam eine gesunde Libido. Zu einer Zeit, zu der man von einer Frau erwatete, dass sie sich ihre Jungfräulichkeit bis zur Ehe aufsparte, war der Grad an sexueller Freizügigkeit am Strand abwegig. Die Menschen entdeckten die Sinnlichkeit von Muskeln. Les Stockton erinnert sich wie folgt daran:Es gab Stellen, an die Kids gingen – dunkle, abgelegene Bereiche – und mitten am Tag Sex hatten. Danach gingen sie wieder zurück an den Strand.
Die Freizügigkeit traf auf einen Stolperstein, als die Munterkeit begann außer Kontrolle zu geraten. Die sexuellen Handlungen wurden immer unverholener. Die schwule Gemeinschaft dieser Zeit, die sich normalerweise diskret verhielt, begann damit ihre Präsenz zu zeigen. Die Menschenmengen wurden so groß, dass die Kriminalität zu steigen begann. Knapp bekleidete Frauen marschierten vor dem Podium auf, auf dem die Bodybuilder ihre Show abzogen.
Die Dinge erreichten schließlich ihren Höhepunkt, als ein Mädchen zwei der Strandbodybuilder der Vergewaltigung beschuldigte. Auch wenn die Anklage fallen gelassen wurde, hatte die Stadtverwaltung nun endgültig genug. Die Anwohner der Gegend waren beschämt vom skandalösen Verhalten und begannen sich zu beschweren. Die letzten geschmacklosen Behauptungen waren die perfekte Gelegenheit für die örtlichen Behörden einzuschreiten und den Muscle Beach zu schließen.
Muskeln werden zum allgemeinen Trend
Viele der originalen Muscle Beach Menge machten mit anderen Dingen weiter. Les und Pudgy Stockton eröffneten genau wie zwei weitere Stammgäste des Muscle Beach – Vic Tanny und Jack LaLanne – Fitnessstudios. Die Studios erwiesen sich als so erfolgreich, dass Tanny sich dazu entschloss auf nationaler Ebene tätig zu werden. Er war der erste, der unter der Annahme, dass die Nation bereit für eine Fitnesswelle wäre, eine Kette von Studios im ganzen Land eröffnete. Er hatte die richtige Idee, doch es war zehn Jahre zu früh dafür.Vics erhabener Traum vom Bodybuilding zu profitieren war für das Amerika des Jahres 1950 ein wenig zu radikal. Die Kette ging weniger als zwei Jahre nach ihrer Eröffnung bankrott. Jack LaLanne wurde hingegen durch seine Morgenshow im Fernsehen zu einer Berühmtheit. Als Jack einige Jahre später eine Kette von Fitnessstudios eröffnete, half sein bekannter Name dabei, diese zu einem boomenden Geschäft zu machen. Jack war dort erfolgreich, wo Vic versagt hatte. Es zeigte sich einmal mehr, dass Timing alles ist.
Die glorreichen Jahre
Während der originale Muscle Beach für immer verschwunden war, entstand einige Meilen weiter in der Stadt Venice ein neuer Muscle Beach. Doch diese Stätte am Strand hatte nicht viel mit dem Spielplatz in Santa Monica zu tun. Die Dinge veränderten sich. Eine neue Sorte von Bodybuildern erschien auf der Bildfläche. Sie waren größer, stärker und weitaus massiger, als es sich jemals jemand hätte vorstellen können. Es war ganz klar das Ende einer Ära – und der Beginn einer neuen.In Teil zwei werde ich von der zweiten Wiedergeburt des Bodybuildings inklusive einiger der einflussreichsten Figuren, dem ersten Guru und einem Blick auf den Mann, den viele als das einzige wahre Genie des Bodybuildings ansehen, berichten.
Teil 2 findet ihr hier.