von Nelson Montana
Teil 1 findet ihr hier.
Man schrieb das Jahr 1965 und Joe Weider hatte einen enormen Einfluss auf die Bodybuildinggemeinschaft. Er nannte sich selbst den Trainer der Champions und beanspruchte den Ruhm für fast jede Neuerung seit der Erfindung des Rades für sich. Natürlich hatte er keine einzige der Techniken, welche von Bodybuildern verwendet wurden, selbst entdeckt, doch er gab ihnen Namen. preview
Das Aufpumpen eines Muskels wurde als das Weider Durchblutungsprinzip bekannt. Training mit lockerer Form wurde in das Weider Abfälschungsprinzip umbenannt. Selbst das Hinzufügen von mehr Gewicht wurde ihm als das Weider Überlastungsprinzip zugeschrieben. Die Ausdrücke Supersatz, Megasatz und absteigende Sätze, welche heute zutage Teil des Vokabulars eines jeden Trainierenden sind, gehören zu den Wortschöpfungen Weiders.
Während Weider nach immer neuen Ansätzen für den Verkauf seiner Produkte suchte, nutzte er die Popkultur der damaligen Zeit für die Steigerung seiner Umsätze. Amerika begann gerade mit seinem Weltraumprogramm und Weider behauptete die Technologie des Weltraumzeitalters zu verwenden. Das Industriezeitalter war vorbei und die Öffentlichkeit bewunderte die Errungenschaften der Wissenschaft. Aus diesem Grund benutzte Weider die Worte Wissenschaft und wissenschaftlich wann immer er konnte. Sein Training wurde als wissenschaftlich bezeichnet und seine Supplements waren wissenschaftlich zusammengesetzt.
Er erweiterte seine Firma um einen speziellen wissenschaftlichen Flügel und Männer in weißen Laborkitteln wurden in Werbeanzeigen für seine Produktlinien abgebildet. Dubiose pseudowissenschaftliche Titel wie ernährungswissenschaftlicher Berater und Doktor der Naturgesetze wurden an die Mitglieder seiner Schreiberschar vergeben. Das Büro der Forschungsklinik wurde auf Bildern der Weider Zentrale auffallend gekennzeichnet. Als jedoch der Mr. America Bob Gadja die Weider Zentrale besuchte und die Tür mit der Aufschrift Forschungsklinik öffnete, sah er dahinter nur eine Besenkammer.
Wie die Dinge aussehen ist genauso wichtig wie die Dinge sind
Weider war sich auch der optischen Anziehungskraft des Bodybuildings stets bewusst. Er nahm nicht nur die besten Körper unter Vertrag, um seine Produkte mit unsterblicher Hingabe zu empfehlen, er wollte auch gut aussehende Gesichter! Clarence Ross, Armand Tanny, und Larry Scott hätten leicht auch GQ Models sein können. Dave Draper wurde als der ideale Amerikanische Strandgott aus Südkaliforniern vermarktet. Er passte perfekt zu diesem Image. Die Tatsache, dass er eigentlich aus New Jersey stammte, war hierbei irrelevant.Unbeschadet durch seine Werbeethik hatte Weider die Bodybuilding Öffentlichkeit davon überzeugt, dass seine magischen Produkte das waren, was echte Champions aufbaute. Das Schema war so erfolgreich, dass es bis heute verwendet wird.
Auf dem Weg gab es jedoch auch diejenigen, die von Weiders Taktiken angewidert waren. Andere haben ihm für seinen Einfallsreichtum Beifall gespendet. Wie immer man dies auch wahrnehmen möchte, die simple Wahrheit ist, dass ohne Joe Weider das Bodybuilding, wie wir es kennen, nicht existieren würde. Es ist weiterhin mehr als wahrscheinlich, dass ohne den Einfluss von Joe Weider niemand so etwas wie eine Karriere im Bereich des Bodybuildings haben würde, egal ob man jetzt ein professioneller Bodybuilder oder ein Bodybuildingjournalist ist (Hierfür danke ich dir, Joe).
Fassade oder Betrug?
Weider mag es bei seiner Werbung schamlos übertrieben haben, doch Bob Hoffman ging weit über die akzeptablen Grenzen hinaus, um potentielle Kunden zu überzeugen, dass seine Bodybuildingprodukte besser als alle anderen waren. Um zu beweisen, dass die Hoffman Prinzipien dem Altern entgegenwirken, veranstaltet der 50 Jahre alte Hoffman eine Präsentation, bei der er mit einem Arm 250 Pfund nach oben drückte. Was niemand wusste war, dass die Stange aus Aluminium bestand und die Hantelscheiben hohl waren!Hoffmans Supplementlinie verkaufte sich sehr gut und viele dieser Produkte waren denen von Weider überlegen. Die Hoffman Nahrungsmittelproduktlinie (Weight Gain Riegel, Hi-Protein Kekse, Frühstückszerealien, usw.) waren in der Tat recht gut, während Weiders Produkte einen scheußlichen chemischen Nachgeschmack hatten. Hoffman vermarktete sogar eine eigentümliche Sonnenschutzformel, welche die Konsistenz von Wasser besaß und es Bodybuildern angeblich erlaubte, sich den ganzen Tag in der Sonne aufzuhalten ohne sich zu verbrennen. Anders als die Sunblocker von heute führte dieses Gebräu zu einer außerordentlich dunklen Sonnenbräune. Niemand weiß genau, was dieser mysteriöse Balsam enthielt.
Sustanon? Sojamehl? Beides ist dasselbe!
Als das amerikanische Gewichtheberteam bei den Olympischen Sommerspielen von den Deutschen und den Russen deklassiert wurde, weigerte sich Hoffman zu akzeptieren, dass Steroide der Grund hierfür waren. Er bestand darauf, dass sein spezielles Hi-Protein genauso gut wirken würde wie diese ausländischen Medikamente. Er schickte Beutel hiervon an das amerikanische Team. Dieses verwendete das Protein vor dem nächsten sportlichen Wettstreit in der Hoffnung und in dem Glauben, dass Hoffman richtig lag. Sie bekamen stattdessen einen Tritt in den Hintern.Starrköpfig wie er war, hasste Hoffman es zu verlieren. Er gab schließlich auf und gestand ein, dass Steroide Sportlern dabei helfen könnten einen Vorteil zu erlangen und begann, wenn man einigen Quellen glauben darf, damit, seine Gewichtheber dazu zu ermuntern diese einzunehmen, um die Ausgangslage bei zukünftigen Wettkämpfen wieder ausgeglichen zu machen.
Dan the Man
Dan Lurie wird manchmal vergessen, doch im Bezug auf den kommerziellen Erfolg war er genauso bedeutend wie Weider oder Hoffman. (Nebenbei bemerkt war Dan ein Geschäftspartner von Weider in den frühen 1940ern).Nachdem bei ihm in Teenageralter abnormale Herzgeräusche diagnostiziert worden waren, dachte Dan, dass er zu einem körperlich untätigen Leben verdammt war, bis er schließlich in der Hoffnung seinem Herzproblem entgegenwirken zu können mit dem Training begann. Dies war die Inspiration für sein lebenslanges Motto:
Lurie ging einen anderen Weg, wenn es darum ging Handel zu treiben. Er verkaufte Gewichtssets für Anfänger an Sportgeschäfte, Kaufhäuser und sogar Supermärkte! In den Jahren zwischen 1960-70 stammte das erste 110 Pfund Gewichtsset eines Jungen mit großer Wahrscheinlichkeit von Dan Lurie. Dies war Weider die ganze Zeit über ein Dorn im Auge.
Lurie war mehr jemand, der sich irgendwie durchwurstelte als ein brillanter Geschäftsmann und führte viele Geschäfte auf niedrigerer Ebene durch. Weider hingegen wollte auf einen Schlag dominieren. Er versuchte ständig Luries Einfluss zu unterdrücken, doch Dan machte weiter. Dan nutzte seine bescheidene Berühmtheit als Fernseh-Strongman, um sich und seine Produkte voranzubringen. Er gründete seine eigene Bodybuildingorganisation (WBBG) und gab seine eigene Zeitschrift (Muscle Training Illustrated) heraus. Keins von beiden war besonders erfolgreich, wie Dan selbst zugab:
Mit ihrer Hilfe konnte ich Geld aus Weiders Taschen abziehen und er haste das!
Während sich Dan weiter abmühte und im Stillen ein prächtig gedeihender Geschäftsmann wurde, ging die Weider gegen Hoffman Fehde weiter und jeder von beiden pries die Überlegenheit seiner jeweiligen Methoden.
Der Guru spricht
Während der Kampf um die Vorherrschaft zwischen Hoffman und Weider weiterging, existierte eine Randgruppe, welche die wissenschaftlichen Aspekte des Bodybuildings ernster nahm. Vince Gironda führte diese Gemeinschaft an.Vince erlangte den Ruf des wahren Trainers der Champions. Gironda, der nur über einen High School Abschluss verfügte, kann wohl als der intelligenteste und fachkundigste Mann in der Geschichte des Bodybuildings angesehen werden. Gironda entwickelte durch Verständnis, Experimentieren, Beobachtung und Kreativität Trainings- und Ernährungsmethoden, die nicht nur innovativ waren, sondern auch einen Standard für das Bodybuilding der nächsten 40 Jahre setzten. In vielen Fällen werden die Theorien, die er aufstellte, erst jetzt voll verstanden.
Rau, cholerisch und garstig wie er war, hatte Gironda wenig Geduld mit Leuten, die sein Trainingssystem in Frage stellten. Im Studio von Vince befolgte man entweder seine Methoden oder bekam seinen übellaunigen Zorn zu spüren. Einmal erkannte Vince, dass ein aufstrebender Bodybuilder, mit dessen Training er schon mehrere Stunden verbracht hatte, seine Anweisungen nicht befolgte. Was zum Teufel machst du da? verlangte er zu wissen.
Als der fragliche Bodybuilder sagte, dass er ein paar Dinge etwas verändern wollte, warf Vince ihn aus dem Studio. Als der Mann sich darüber beschwerte, da er für eine sechsmonatige Mitgliedschaft bezahlt hatte, ging Vince zur Kasse, nahm das Geld für eine sechsmonatige Mitgliedschaft heraus und warf es demjenigen entgegen, während er brüllte Wenn du nicht auf das hörst, was ich dir sage, dann möchte ich dich hier nicht mehr sehen! Vince Gironda war der urbildliche Ich-weiß-es-besser Typ. Doch im Fall von Vince traf dies wirklich zu.
Vince war ein Revolutionär. Er war der erste, der mehrere Bodybuildingprinzipien aufgestellt hat, mit denen wir heute noch vertraut sind. Er war der Meinung, dass zügiges Training mit Gewichten die Wachstumshormonausschüttung anregt. Er war ein Vertreter kurzer intensiver Trainingseinheiten. Er erkannte auch die Tendenz zum Übertraining bei vielen Bodybuildern. Er nannte diesen Zustand Übertonus.
Vince erkannte bereits damals, dass Fett für die Hormonproduktion essentiell ist. Er wusste auch, dass Zink für optimale Testosteronspiegel notwendig ist (Dies war zu einer Zeit, zu der Victor Conte, welcher dadurch bekannt wurde, dass er die Wichtigkeit einer speziellen Zinkvariante für Bodybuilder unterstützte, noch in den Windeln lag.).
Vince empfahl, dass Bodybuilder ein Dutzend Eier pro Tag essen sollten. Er schlussfolgerte richtig, dass Cholesterin ein wichtiger Baustein für bestimmte Hormone ist, so dass anzunehmen war, dass es das Muskelwachstum fördern könnte. Er nahm weiterhin an, dass ein hoher Cholesterinspiegel nicht durch die Cholesterinzufuhr über die Nahrung zustande kommt, sondern genetisch bedingt ist. Auch in diesem Fall erwies sich der größte Teil seiner Annahmen als korrekt.
Er verkündete, dass die Bauchmuskeln wie jede andere Muskelgruppe trainiert werden sollten und dass die Gepflogenheit der Ausführung von Sit-Ups mit exzessiv hohen Wiederholungszahlen ein Schock für das Nervensystem ist. Vince entwickelte sogar den Hackenschmidt Schlitten, so dass Trainierende Hackenschmidt Kniebeugen, welche im Original von George Hackenschmidt entwickelt worden waren, effizienter ausführen konnten. Vince bestand auch darauf, dass die Schilddrüse der Schlüssel zum Stoffwechsel und dem Fettabbau ist, weshalb er Kelp empfahl (Kelp ist eine Algenart, die viel Jod enthält, welches wiederum die Schilddrüsenfunktion anregt.).
Und schließlich erfand Vince auch das zehn Sätze a 10 Wiederholungen System für fortgeschrittene Trainierende. Bei dieser Trainingsmethode werden die Pausen zwischen den Sätzen so kurz wie möglich gehalten, um den Fettabbau zu beschleunigen, während die Muskeln gleichzeitig extrem stark durchblutet werden.
Viele von Vinces Theorien waren und sind kontrovers. Er erlaubte keinem seiner Schüler die Ausführung von Bankdrücken oder Kniebeugen! Diese Empfehlung erscheint unverständlich, doch für Vince waren Symmetrie und Ästhetik wichtiger als alles andere. Er behauptete, dass zu viel Bankdrücken zu einer traubenförmigen Brust führt, die tief herunter hängt, während die Brust eher wie Rüstungsplatten aussehen sollte, welche den Brustkorb umschließen. Wenn er über viele Bodybuilder der modernen Ära redete, knurrte er gewöhnlich etwas wie:
Sie haben hässliche, überentwickelte Beine und große, fette Ärsche – das Resultat von zu vielen Kniebeugen.
Im Studio von Vince gab es keine Ergometer oder Laufbänder, was er wie folgt begründete:
Welcher Idiot fährt mit dem Auto zwei Meilen ins Studio, um dann auf dem Laufband zu laufen? Du möchtest Rad fahren? Geh raus und fahr irgendwo hin!
Vince praktizierte, was er predigte. Auch wenn er nicht groß und massig war, hatte er eine makellose Symmetrie und war das ganze Jahr über hart definiert. Er war wirklich einmalig.
Der Vater der Mütter
Was Vince Gironda für das Training war, war Rheo Blair für die Ernährung. Rheo war der erste inoffizielle Forschungswissenschaftler auf dem Gebiet der Bodybuildingernährung. Ich sage bewusst inoffiziell, da ein solches Forschungsgebiet noch gar nicht existiert. Rheno erfand es.Das meiste, was über Blair bekannt ist, stammt vom Hörensagen, da so wenig seiner Arbeit dokumentiert wurde. Rheo hatte das Gefühl, dass das Sojaprotein, welches in den Supplements von Weider und Hoffman zum Einsatz kam, nicht für den menschlichen Konsum geeignet war. Er machte sich daran eine Proteinformel zu entwickeln, die aus einer Mischung aus Vollmilchpulver und Eiern bestand und identisch mit der Muttermilch sein sollte. Einfach gesagt erfand Rheo H. Blair das moderne Proteinsupplement.
Blair war als sprunghaft und exzentrisch bekannt. Er bastelte ständig an seiner Formel herum, veränderte hier die Menge einer bestimmten Aminosäure um ein Milligramm und dort das Verhältnis bestimmter Aminosäuren - immer auf der Suche nach der perfekten Formel. Er veröffentlichte zwei außergewöhnliche Publikationen: The Blair Report und The Irwin Johnson Scientific Bodybuilding and Nutrition Course (Irwin Johnson war Rheos Geburtsname). Er erklärte einmal folgendermaßen wie er zu seinen Endeckungen kam:
Lange bevor viele der Autoren und Autoritäten der fettreichen, kohlenhydratarmen Ernährung überhaupt geboren waren, verwendete Rheo Blair dieses Prinzip bei seinen Klienten und sich selbst.
Das medizinische Establishment der damaligen Zeit kritisierte Blair dafür rücksichtslos und leichtsinnig zu sein. Der Gedanke daran, dass sich jemand nur von Fleisch, Eiern, Sahne, Tabletten aus getrockneter, gepresster Leber, Gemüse, Wasser und Blairs Protein ernähren könnte, wurde als nahezu geistesgestört angesehen. Blair wurde als Quacksalber und Verrückter tituliert. Doch nicht jeder dachte so. Ein aufstrebender Bodybuilder namens Don Howorth befolgte Blairs Programm, welches es ihm ermöglichte den Mr. America Titel zu gewinnen.
Larry Scott befolgte Blairs Ratschläge bis ins letzte Detail und baute hierdurch 25 Pfund an Muskeln auf. Dave Draper hatte immer die Neigung dazu etwas zu viel Fett mit sich herum zu tragen, doch als er Blairs Programm befolgte, verlor er 15 Pfund an Fett und wurde zu einem der definiertesten Bodybuilder seiner Ära. Natürlich beanspruchte Weider den Ruhm für Drapers Veränderung für sich. Da sich Dave bei Weider unter Vertrag befand, war dies sein Recht, doch Rheo Blair war das wahre Genie.
Rheo war nie verheiratet. Er praktizierte den alternativen Lebensstil während einer weniger offenen und verständnisvollen Zeit und wurde aus diesem Grund von seiner Familie gemieden. Als er starb (er litt unter einer angeborenen Nierenfunktionsstörung und die Ärzte hatten damals vermutet, dass er das Kindesalter nicht überleben würde) wurden seine Aufzeichnungen bezüglich des Proteinstoffwechsels von seinen Angehörigen weggeworfen und sind für immer verloren.
Das Bodybuilding wird erwachsen
1960er werden von vielen als das goldene Zeitalter des Bodybuildings angesehen. Es gab Kameradschaftsgeist. Die hauptsächlich in schwarz-weiß gedruckten Magazine schufen eine bestimmte Atmosphäre. Sie besaßen eine Ausstrahlung. Für viele Jungen waren sie faszinierend und fast hypnotisierend. IFBB Historiker Joe Roark drückte dies einmal folgendermaßen aus:Die Weider Magazine hatten unbestreitbar eine Seele.
Es ist ironisch, dass als der Fitnessboom der Siebziger begann, der Geist, der so sehr Teil dieser frühen Magazine war, verschwand. Das Aussehen der Zeitschriften wurde glatter, Unschuldigkeit wurde durch den schönen Schein ersetzt. Bodybuilding war nicht länger ein Untergrundkult, der nur von einem exklusiven Personenkreis verstanden wurde. Es wurde zu einer Modeerscheinung und es schien so, als ob plötzlich jeder ein Experte war.
Der letzte Teil dieser Artikelserie wird weitere unglaubliche Männer und Frauen betrachten, die den aktuellen Status des Bodybuildings formten.
Teil 3 findet ihr hier.