Insbesondere in diesen Fällen war häufig ein Wirkstoff im Spiel, der seit den frühen Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts immer wieder als letzte Hoffnung von Abnehmwilligen eingenommen wurde, zumeist mit katastrophalen Folgen. Die Rede ist von 2,4-Dinitrophenol, besser bekannt unter dem Kürzel DNP. Nun ist DNP erneut in den Fokus der Forscher gerutscht und könnte den Markt der Diätpillen revolutionieren.
DNP: Eine unschöne Vergangenheit
Die erste industrielle Nutzung lässt sich auf die Folgejahre des ersten Weltkrieges datieren. Dort fand man heraus, dass ein Gemisch aus DNP und TNT eine optimale Mischung für Atilleriegranaten bildeten. Später fand es auch in der Landwirtschaft als Insektizid und in der Produktion von Holzschutzmitteln und Fotochemikalien Anwendung.Wie alle Nitrophenole ist DNP hoch toxisch. Dieser Tatsache war man sich in den 20er Jahren jedoch nicht bewusst als man DNP als Schlankheitsmittel auf den Markt brachte. Der Hintergrund:
Man hatte beobachtet, dass die Fabrikarbeiter, die mit DNP in Kontakt kamen, drastisch Gewicht verloren. Die Hypothese, dass es folglich ein ausgezeichnetes Diätmittel sein könnte, lag nahe.1Einer der ersten Forscher, die sich intensiv mit DNP auseinandersetzten, war der Pharmakologen Maurice L. Tainter. Er fand heraus, dass sich mit 3 bis 5 mg DNP der Grundumsatz um bis zu 50 % steigern lässt.2 Eine verlockende Idee: Für den Durchschnittsmann würde das einen Zusatzverbrauch von rund 1000 Kalorien am Tag bedeuten.
Recht bald häuften sich jedoch die Berichte über teils heftige Nebenwirkungen: Hyperthermie, also eine deutliche Erhöhung der Körpertemperatur, Tachykardie, also eine andauernde Erhöhung des Puls, dazu teils heftige Schweißausbrüche und eine gesteigerte Atemfrequenz.3 Es gibt auch Berichte über Linsentrübungen. Die Häufung derartiger Berichte führte letztlich dazu, dass die entsprechenden Mittel 1938 vom Markt genommen wurden3 und es bis auf vereinzelte missbräuchliche Anwendungen lange still wurde um DNP.
Erst in den 80er Jahren feierte DNP ein Revival. Nachdem ein bekannter Wrestler in Folge der Einnahme von DNP-haltigen Schlankheitspillen verstarb, wurden im Rahmen einer Gerichtsverhandlung allen auf dem Markt befindlichen Mitteln die Zulassung entzogen, sodass bis heute keine entsprechenden Mittel legal zu erwerben sind. Das hält jedoch windige Händler nicht davon ab, im Internet weiterhin Abnehmmittel zu verkaufen, die DNP enthalten. Teils mit katastrophalen Folgen: Wiederholt starben Menschen in Folge der Einnahme von DNP. Erst kürzlich ging der Fall der 21jährigen Ella Parry durch die Medien. Die essgestörte Waliserin starb in Folge der Einnahme einer DNP-haltigen Diätpille aus dem Internet.
"Dieting by Cooking Yourself"
Um zu verstehen, warum DNP so gefährlich ist, muss man die Wirkungsweise der Chemikalie verstehen, die einst der Steroid-Guru Dan Duchaine bildlich mit "Dieting by Cooking Yourself" umschrieb, was dem Kern der Sache sehr nahe kommt.DNP ist ein Protonenionophor, das heißt, es entkoppelt die oxidative Phosphorylierung in den Mitochondrien. Vereinfacht dargestellt hemmt DNP die Bildung von ATP in den Zellen, da diese die bereitgestellten Intermediärprodukte in Wärme umwandeln (Thermogenese). Der Körper reagiert auf diese Veränderung mit der zusätzlichen Bereitstellung von Kohlenhydraten oder Fettsäuren zur Metabolisierung. Es entsteht ein gefährlicher Kreislauf:
Da der Körper nicht ausreichend ATP produzieren kann, laufen die Mitochondrien auf Hochtouren. Man könnte sagen, der Körper versucht verzweifelt das dringend notwendige ATP zu synthetisieren. Durch die Wirkung des ATP verlaufen diese Versuche jedoch ohne nennenswerten Erfolg. Die zugeführten Energiereserven sorgen nur für eine Verstärkung der Thermogenese. Der Stoffwechsel läuft also auf Hochtouren.
Im schlimmsten Fall kann das zu tödlich verlaufenden Hyperthermiesyndromen führen, also einer Überhitzung des ganzen Körpers.
Das hat zur Folge, dass Gehirn und Herz nur noch unzureichend mit Sauerstoff versorgt werden. Die Atmung wird beschleunigt und Stoffwechselprodukte häufen sich, was zu einer Veränderung des pH-Wertes des Blutes führt.
- Abfall des Blutdrucks
- Tachykardie
- Herzrhytmusstörungen
- Plötzlicher Herztod
- Dyspnoe
- Aspirationspneumonie
- Lungenödem
- Kopfschmerzen
- Unruhe
- Hirnödeme
- Koma
- Hyperthermie
- Dehydration
- Metabolische Azidose
- Schilddrüsenfehlfunktion
- Zerstörung der quergestreiften Muskulatur
- Anstieg des Blutzuckerspiegels
- Bauchschmerzen
- Brechreiz & Erbrechen
- Zyanose
- Hamolytische Anämie
- Methömoglobinämie
- Agranulozytose
- Hautverfärbungen
- Hautbrennen
- Grauer Star
- Niereninsuffizienz
- Nierenversagen
- Leberstörungen
- Leberversagen
Die dokumentierten Fälle, die tödlich verliefen, hatten zumeist ein Multiorganversagen als Todesursache.Unter Pharmokokinetik versteht man die Gesamtheit aller Prozesse, denen ein Arzneistoff im Körper unterliegt, also Aufnahme (Resorption), Verteilung (Distribution), Abbau (Metabolisierung) und Ausscheidung (Exkretion). So geht man gemeinhin von einer letalen Dosis von 1 bis 3 g DNP aus.5
Nun scheint die Halbwertszeit von DNP ausreichend zu sein, dass bei einer täglichen Gabe ein Kummulierungseffekt stattfinden kann. Eine Studie beschreibt den tödlich verlaufenden Fall eines Bodybuilders, der an vier aufeinanderfolgenden Tagen 600 mg DNP einnahm und daran verstarb.6 Man geht davon aus, dass auch andere Todesfälle auf ein Nichtbeachten der Kummulierung zurückzuführen ist, die insbesondere vor dem Hintergrund der individuell stark abweichenden letalen Dosis höchst gefährlich ist:
Niemand kann einem im Voraus sagen, wie viel DNP der Körper verträgt.Erhöht wird das Risiko noch dadurch, dass kein wirksames Gegenmittel bekannt ist. Die gängige Therapie besteht im Versuch den Giftstoff aus dem Körper zu bekommen und diesen zu kühlen.
In vielen Fällen kam jedoch jede Hilfe zu spät und die Ärzte mussten mehr oder weniger hilflos zusehen, wie der Patient verstarb. In einem Fall konnte der Patient durch eine wiederholte Gabe von Dantrolen gerettet werden.7 Inwieweit man dies verallgemeinern kann, ist jedoch fraglich. Daher bleibt festzuhalten, dass jegliches Hantieren mit DNP akut lebensgefährlich ist!
Neue Studienergebnisse aus den USA
Eine Forschergruppe um Dr. Rachel Perry hat sich nun erneut mit DNP beschäftigt und erste bemerkenswerte Erkenntnisse gewonnen. Im Tierversuch fanden sie zwei Dinge heraus:- Die Toxizität von DNP ist umso größer, je höher der Wirkstoff-Peak nach der Einnahme ist.
- Die Wirkung auf den Stoffwechsel ist von der "Area under the curve" der Plasmakonzentration abhängig.
Das Ende der Fettleibigkeit Dank DNP?
Wenngleich diese Studienergebnisse vielversprechend klingen, ist es zu früh ein Revival von DNP auszurufen. Tierstudien allein sind nur bedingt aussagekräftig. Sollten Humanstudien die Ergebnisse bestätigen, könnte eine retardierte Form von DNP aber in der Tat ein schlagkräftiger Therapieansatz im Kampf gegen metabolisches Syndrom, Typ 2-Diabetes und nicht alkoholischer Fettleber sein.Zum jetzigen Zeitpunkt ist das aber wie gesagt nur eine Zukunftsvision. Jedoch eine durchaus reizvolle, bedenkt man die stetig steigende Zahl adipöser Menschen. Forscher prognostizieren einen regen Anstieg der fettleibigen Menschen um bis zu 80% bis 2030. Das hätte gravierende Auswirkungen auf unser Gesundheitssystem.
So sehr vor diesem Hintergrund die Entwicklung eines wirksamen und nebenwirkungsarmen Mittels gegen krankhaftes Übergewicht zu begrüßen ist, ist dennoch darauf hinzuweisen, dass im überwiegenden Teil der Fälle keine pharmazeutische Hilfe notwendig ist.
Abnehmen kann grundsätzlich (fast) jeder durch eine "einfache" Umstellung seiner Lebensgewohnheiten: Angepasst ernähren und mehr bewegen, diese Grundregeln allein sind so mächtig wie kaum ein Arzneimittel je sein können wird. Nur sind sie unbequem.Das führt zu der Frage, welche Auswirkungen ein derartiges Arzneimittel, sollte es jemals in der beschriebenen Form auf den Markt kommen, auf die Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten der Menschen haben wird.
Zügelloses Schlemmen ohne Reue? Sport als überflüssiges Relikt vergangener Tage? Ich denke nicht. Sport und eine gesunde Ernährung haben deutlich mehr Gesundheitsnutzen als den reinen Effekt auf Köpergewicht und die Verteilung von Fett- und Muskelmasse. Dennoch würde eine derartige Pille einschlagen wie eine Bombe.
Quellen
- E. Colman: "Dinitrophenol and obesity: an early twentieth-century regulatory dilemma", in: Regul. Toxicol. Pharmacol., 2007, 48 (2), S. 115–117.
- W. C. Cutting, M. L. Tainter: "Actions of Dinitrophenol", in: Proc. Soc. Exper. Biol. Med., 1932, 29, S. 1268–1269.
- C. M. MacBryde und B. L. Taussig: "Functional changes in liver, heart, and muscle, and loss of dextrose tolerance resutling from dinitrophenol", in: Journal of the American Medical Association, 1935, 6, S. 13–17.
- J. Bartlett, M. Brunner, K. Gough: „Deliberate poisoning with dinitrophenol (DNP): an unlicensed weight loss pill“, in: Emerg. Med. J., 2010, 27 (2), S. 159–160.
- J. C. Suozzi, C. M. Rancont, R. B. McFee: "DNP 2,4-dinitrophenol: a deadly way to lose weight", in: Journal of Emergency Medical Services, 2005, 30, S. 82–89.
- R. B. McFee, T. R. Caraccio, M. A. McGuigan, S. A. Reynolds, P. Bellanger: "Dying to be thin: a dinitrophenol related fatality", in: Vet. Hum. Toxicol., 2004, 46, S. 251–254.
- S. Kumar, K. Barker, D. Seger: "Dinitrophenol-Induced Hyperthermia Resolving With Dantrolene Administration", Abstracts of the North American Congress of Clinical Toxicology, in: J Toxicol Clin Toxicol, 2002, 40, S. 689.
- R.J. Perry, D. Zhang, X.-M. Zhang, J. L. Boyer, G. I. Shulman: Controlled-release mitochondrial protonophore reverses diabetes and steatohepatitis in rats”, in: Science 13 March 2015: Vol. 347 no. 6227 pp. 1253-1256.

