Praktisch jeder Trainierende (du etwa nicht?) durchläuft die Sinnhaftigkeit seiner Trainingsgestaltung betreffend eine Art evolutionären Prozess, ähnlich der Menschwerdung, ähnlich der unter den Wirbeltieren einzigartigen Entwicklung vom aufrechten Gang über die Greifhand bis hin zum Ackerbau. Was üblicherweise mit einem rein aus Bizepscurls bestehendem 7er-Split im Kinderzimmer beginnt, gipfelt irgendwann in die vermeintliche Krone der durchdachten Reizsetzung: den Großen 3 (ihr wisst, was ich meine).

Do you even lift?

Ein viel gesagter, bereits in diversen Merchandise-Artikeln verewigter Ausspruch, das "I have a dream" des Bodybuildings. Ihren Ursprung fanden die weisen Worte in einer entarteten Oberarm-Trainings-Diskussion auf einem amerikanischen Team Andro-Pendant, geführt im Jahre 2002. Bis heute sind sie unter Kraftsportlern in aller Welt Ausdruck der Überlegenheit gegenüber den Nichtwissenden.
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    Ich kreuzhebe, also bin ich!
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Auch ich wähnte mich lange Zeit am Ende der Fahnenstange allen Machbarens, weil ich vorzeigbare Leistungen im Heben erbringen konnte. Beziehungsweise, weil ich überhaupt gehoben habe.

Was ich nun gelernt habe: Actually, habe ich nie geliftet! Der Deadlift ist ein technischer Spaziergang - im Vergleich zu den Olympischen Lifts.

Viele Wege führen nach oben

Was haben Gerätturnen, Wellensurfen und Dressurreiten mit dem Olympischen Gewichtheben gemeinsam? Es sieht im Fernsehen wesentlich einfacher aus, als es eigentlich ist! So, als ginge es einfach nur darum, ein Gewicht irgendwie über den Kopf zu bekommen. Die bittere Wahrheit: Olympic Lifts lassen erst mal jeden wie den Prototypen eines Bewegungslegastheniker da stehen.

Die erste Schwierigkeit besteht schon darin, die Begrifflichkeiten nicht allzusehr durcheinander zu schmeißen.
  • Da gibt es einmal den Snatch, zu deutsch Reißen, also das direkte Heben der Hantel vom Boden über den Kopf, ohne Zwischenablage. Der Snatch ist die Haute Couture der Olympischen Disziplinen, der bewundernswerteste, anspruchsvollste und damit auch gefährlichste aller Lifts.
  • Der Clean wird im Deutschen als Umsetzen bezeichnet. Hierbei wird das Gewicht vom Boden in die tiefe Frontsquat-Position gebracht. Hiervon kann noch der Powerclean abgegrenzt werden, bei dem nicht vollständig in die Beuge gegangen wird.
  • Üblicherweise wird der Clean mit einem Jerk kombiniert, also dem Drücken der Hantel von der Schlüsselbeinhöhe über den Kopf. Möglich ist ein Push-Jerk, also das Überkopfdrücken in paralleler Beinstellung, oder ein Split-Jerk, bei dem explosive Kraft über den Sprung in eine ausfallschrittähnliche Stellung generiert wird.
  • Der Thruster ist eine Art Mischung aus Clean, Frontsquat und (Push) Press, wobei der Clean lediglich das "Aufheben" darstellt, da die Hantel nicht mehr auf dem Boden abgelegt wird. Die Bewegung ist fließend auszuführen, so dass die potenzielle Energie aus der konzentrischen Phase des Squats zum Drücken des Gewichtes über den Kopf genutzt werden kann.

Warum man das (eigentlich) machen sollte

Würdet ihr ein Auto ohne Räder kaufen und diese im Nachgang selber besorgen? Natürlich nicht! Wir haben alle zu wenig Zeit, und jeder hat ein Interesse daran, möglichst viel in einem Abwasch zu erledigen. Die Lifts erwischen dich bis in die Fingerspitzen. Du wirst diese viel zitierten Muskeln spüren, von denen man gar nicht wusste, dass man sie hatte. Warum sich also mit weniger begnügen?

Darüber hinaus schulen sie deine Koordination und Schnellkraft und ein halbstündiges Skill-Training stellt jede Form des Cardios in den Schatten. Sie werden dir beweisen, dass deine Körperkontrolle noch Luft nach oben aufweist, das Hüftflexibilität und Schnellkraft in den letzten Jahren mehr gelitten haben, als dir lieb ist.

Und was mich persönlich am meisten überzeugt hat:
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    Es macht Spaß! Ja, tatsächlich. Spaß und (Nicht-Ball-)Sport, das ist möglich.
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Es ist eine dieser Aktivitäten, in die man versinken kann wie ein Kind beim Spielen, ohne zu merken, wie Schweiß und Zeit verrinnen. Es ist eine Challenge mit dem eigenen Ich. Man kann nicht mehr damit aufhören.

Ist das denn auch was für mein Training?

Wahrscheinlich nicht.

Zur Begründung: Welcher Studiobetreiber legt schon seine Flächen mit Matten aus und toleriert das Zubodengehen schwer beladener Hanteln?

Was allerdings wichtiger ist: Olympisches Gewichtheben ist nichts, was man aus Youtube-Tutorials lernen könnte. Der Weg von unten nach oben besteht aus gefühlt unendlich vielen Teilschritten. Wer weiß, vielleicht lerne ich es niemals in meinem Leben, vielleicht bin selbst ich mit meinen 23 Jahren zu spät dran. In jedem Fall habe ich mich in vertrauensvolle Hände begeben.

Die findet man in einem gewöhnlichen Studio zumeist nicht. Und wenn ihr bedenkt, dass selbst Matthias Steiner, der wahrscheinlich berühmteste Witwer in der Geschichte des Sports, die Olympischen Spiele von Peking 2012 mit 196 unsanft im Nacken gelandeten Kilos beendete, dann wisst ihr, warum diese Movements nichts für Autodidakten sind.


Was sonst noch in New York geschah …

Zeit für ein wenig Offline! Ihr könnt es dank der europäischen Berichterstattung gar nicht verpasst haben: Der Big Apple hat einige Frostschäden erleiden müssen. Ja, es war kalt hier! Nun gut, das kann im Januar schon mal vorkommen.

Mein New York City Crossfit-Abenteuer


Ein wenig kleiner hätten die medialen Wellen, die man schlug, schon sein können, aber gönnen wir dieser strauchelnden Nation under God mit ihren liebenswerten Einwohner doch ein paar Schlagzeilen, in denen nicht die Worte Guantanamo, Krankenversicherungspflicht oder Angela Merkels Handy fallen.

Etwas Gutes hatte die Panikmache ja auch:
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    Die Wartezeit für das wahrscheinlich begehrteste Gebäck der Welt, den New York-CronutTM, hatte sich aufgrund der Kältewarnungen von 2 Stunden auf 30 Minuten verkürzt.
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Und da mein Arbeitsplatz nur wenige hundert Meter von der berühmten Schweizer Dominique Ansel Bakery entfernt liegt, ergriff ich diese einzigartige Chance. Ein weiterer Harken auf der To-Do-Liste meines Lebens!

Wer den Cronut nicht kennt: Es handelt sich um einen patentgeschützten Mischling aus, der Name lässt es vermuten, Croissant und Donut. Eine tägliche Begrenzung der Produktion auf 250 Exemplare und eine Limitierung des Verkaufs auf maximal 2 Cronuts pro Person führt dazu, dass täglich hunderte New Yorker vor Sonnenaufgang in die Downtown pilgern, stundenlange Wartezeiten in Kauf nehmen oder Schwarzmarkpreise von bis zu 100$ (bei einem Verkaufspreis von 5$) zu zahlen bereit sind.

Geschmacksurteil? Wirklich ausgezeichnet (lieber hätte ich allerdings mal wieder diese Milchmäuse von Aldi Nord gegessen)! Den zweiten Cronut bekam dann unser Frontdesk-Mann aus Haiti, der sich tagelang unverschuldet wegen eingefrorener Wasserleitungen in unserem Bürokomplex hatte beschimpfen lassen müsste. Als er darauf hin sagte: "Ich wünschte, aller würden uns Schwarze so respektvoll behandeln wie ihr Deutschen.", da war mein Cronut-Tag perfekt.