Die Sachlage im 19. Jahrhundert
Obwohl im 19. Jahrhundert Radsport noch keine lukrative, werbeorientierte Sportart war, wurde er damals härter ausgeübt als jemals zuvor. So sind die Belastungen denen die Radsportler ausgesetzt waren, vor allem zum Anfang des Profigeschäfts kaum zu glauben. Es gab Sechstagerennen im Radsport ohne erwähnenswerte Ruhepausen und Langstreckenrennen, die 600 bis 1200m lang sein konnten. Vereinzelt waren sogar Tour de France Etappen über 500km lang. So erforderten außerordentliche Leistungen nicht nur eine perfekte Anpassung an den Radsport an sich, sondern auch eine enorme Willensstärke. Zusammenbrechende, verwirrte Fahrer nach den Rennen waren keine Seltenheit. Zu dieser Zeit spielten allerdings auch schon Aufputschmittel eine große Rolle im Radsport. Es war die große Zeit des Experimentierens. Man wusste noch nicht welche Wirkungen verschiedene Mittel hatten. So kamen zu dieser Zeit unter anderem folgende Wirkstoffe zum Einsatz: Kokain-Morphium-Mischungen, welche später sogar, basierend auf einer Alkoholbasis, zu erwerben waren - bekannt unter den Namen "l’Elixir de Vitesse oder le Vélo Guignolet". Danach folgen Alkoholika, Kaffee, Tee, Kokain, ebenso wie Theobromin (in Schokolade) aus Kakaobohnen, Theobromin und Koffein aus Kola-Nüssen, Strychnin, Nikotin, Morphium, Opium, Digitalis, Nitroglyzerin, Äther, Arsen - alles Stoffe, denen man Wirkung nachsagte und um die sich wundersame Geschichten rankten. Bereits zu dieser Zeit erkannte man also deutlich wie weit Hilfsmittel zur Unterstützung einen Einfluss ausüben konnten:"Mir ist die Tour eines Radfahrers bekannt, der drei Tage nur von Cocawein sich nährend, am ersten Tag 172 km, am zweiten 150 km und am dritten 143 km zurücklegte; ferner die Tour zweier Officiere, welche im vorigen Sommer die Mädelergabel im bayrischen Allgäu erstiegen und ebenfalls 3 Tage nur von Cocawein gelebt, beziehungsweise Cocazigaretten dazu geraucht hatten." (1887) (R. Rabenstein)
Der 23. Juli 1986 schlug ein erstes richtig dunkles Kapitel der Dopingproblematik auf: Der Brite Arthur Linton stirbt am Typhus-Fieber - sein Immunsystem war durch die Drogen quasi zerstört. Ihm folgte der 28Jahre junge Radfahrer Jimmy Michael, der an einer Delirium-Tremens Krise verstirbt. Ob dies nun bereits die ersten Anzeichen für eine komplett "durchgedopte" Sportart waren , ist zweifelhaft. Zwar waren die Gelder noch knapp, jedoch die Fahrer weitaus leichtsinniger und nicht annähernd so aufgeklärt wie heute. Die beiden Todesfälle lassen sich jedoch vermutlich dem fanatischen Pfleger Choppy Warburton zuschreiben, da er beide Athleten betreute und durch seine mysteriöse Mixtur "Cuca Cup" negativ auffiel.
Zu dem löchrigen Erkenntnisstand über Amphetamine kam außerdem noch die gesellschaftliche Problematik hinzu, dass Kokain und Heroin um die Jahrhundertwende gängige und akzeptierte Drogen waren. Da sowohl Arbeiter, Künstler und Interlektuelle zu diesen Substanzen griffen, gab es keinen Anlass dazu einen Radsportler zu verurteilen. Diese "guten" Umstände bildeten also das perfekte Fundament für eine dopingverseuchte Sportart. Das etliche Rennfahrer zu jedem Rennen mit ihren speziell bepackten Koffern reisten, war bald ebenso normal, wie das Amen in der Kirche. Diese waren dann meist mit Kokaintabletten und jeglichen anderen Substanzen, von denen man sich eine Leistungssteigerung erhoffte, gefüllt. Gleichzeitig wurden in den 20ern auch etliche Experimente im Radsport durchgeführt: So nahmen z.B. zwei von den Leistungen vergleichbare Rennfahrer unterschiedliche Substanzen (meist immer noch Stimulanzien, jedoch waren mittlerweile auch die ersten Hormone wie Adrenalin verfügbar) vor einem Bahnradrennen ein, um zu prüfen welches besser wirkt.
Die ersten Abgrenzungen 1919
1919 sprachen dann zum ersten Mal Bürger von Doping, so dass sich vereinzelt erstmal Radsportler verteidigen mussten . Die Gespräche liefen zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht in dem Stil ab, wie wir ihn heute gewohnt sind. Denn man stritt nicht stundenlang ab, dass man verschiedene Substanzen benutzte, sondern die Radfahrer waren erbost, dass man ausgerechnet ihren Sport so verunglimpfte. Schließlich war es bekannt, dass andere Personen wie Schauspieler, Sänger, Bergsteiger, Bergarbeiter, Ringkämpfer und andere Sportler auch zu diesen Mitteln griffen, dafür aber nicht zur Rechenschaft gezogen wurden .Die Zeit von 1920 – 1950
Die ersten Verurteilungen von Doping basierten jedoch nicht, wie vielleicht angenommen werden könnte, auf dem Wunsch nach einem fairen Wettkampf unter möglichst komplett gleichen Bedingungen, sondern vielmehr auf der Erkenntnis, dass die damals bekanntesten Drogen Kokain und Alkohol, zum Teil auch erhebliche Nebenwirkungen hatten. Der Unterschied dieser Epoche, im Vergleich zu den vergangenen, lag nun darin, dass die Untersuchungen und Experimente, die konkret die Möglichkeit von Leistungssteigerungen zum Forschungsgegenstand hatten, zunahmen. Es war somit die Zeit der blühenden Zusammenarbeit von Sportlern, Trainern, Ärzten und auch der Pharmindustrie. Im Radsport fand vor allem das Mittel Recresal auf Phosphatbasis große Anwendung. Weiterhin wurden aber auch in ihrer Wirkung sagenumwobene Nervengifte wie Strychnin verwendet. Man fuhr dabei regelrechte Kuren, um den Körper an das Gift langsam zu gewöhnen. Im Wettkampf führte man dann eine extra hohe Dosis zu, um jeglichen Schmerz abzutöten. Diese Vorgehensweise war zwar weit verbreitet, ihr Nutzen ist jedoch stark umstritten. Ob Arsen und in welchem Ausmaß benutzt wurde, ist nicht bekannt.Ende der 20er entwickelten sich dann auch schon die ersten Diskussionen, mit dem annähernd gleichen Inhalt wie heute:
- Fair oder Unfair?
- Nährstoffe oder Stimulanzien?
- Unterschiede zwischen kurz- und langfristigen Substanzen.
- Therapie oder Leistungssteigerung?
- Medikament oder Doping?
Die Zeit von 1950 bis 1980 und die Tour de France.
Wer Anfang der 50er Jahre noch an einen komplett sauberen Radsport glaubte, der war entweder total naiv oder wollte einfach nicht hinsehen. Schaut man sich heute die Siegestabellen der Tour de France an, stechen einem sofort viele große Namen der 50er und 60er direkt in die Augen:Sieger der Tour de France
- 1970 - Eddy Merckx (BEL)
- 1969 - Eddy Merckx (BEL)
- 1968 - Jan Jansen (NDL)
- 1967 - Roger Pingeon (FRA)
- 1966 - Lucien Aimar (FRA)
- 1965 - Felice Gimondi (ITL)
- 1964 - Jacques Anquitil (FRA)
- 1963 - Jacques Anquitil (FRA)
- 1962 - Jacques Anquitil (FRA)
- 1961 - Jacques Anquitil (FRA)
- 1960 - Gastone Nencini (ITL)
- 1959 - Frederico Bahamontes (ESP)
- 1958 - Charly Gaul (LUX)
- 1957 - Jacques Anquitil (FRA)
- 1956 - Roger Walkowiak (FRA)
- 1955 - Louison Bobet (FRA)
- 1954 - Louison Bobet (FRA)
- 1953 - Louison Bobet (FRA)
- 1952 - Fausto Coppi (ITL)
- 1951 - Hugo Koblet (SUI)
- 1950 - Ferdinand Kubler (SUI)
- 1949 - Fausto Coppi (ITL)
- Fausto Coppi – wurde nie direkt überführt, soll aber zeitweise Rennen mit über 7! verschiedenen Amphetaminen gefahren sein.
- Louison Bobet – wird heute zitiert "Man kann eine Tour nicht mit Himbeersaft gewinnen!" Außerdem war er dafür bekannt, dass er sich vor jedem Rennen sein Spezialdrink "La Bombe" zusammenmixte.
- Jacques Anquitil – benutze ebenso Amphetamine. Ein Zitat von Pierre Chany aus seinem Buch "l’Homme aux 50 Tour de France" nimmt dazu Stellung:
"Ich erzähle euch eine Anekdote, die sich auf den Prix de Forli bezieht, ein Zeitfahrrennen. Jaques Anquetil und Ercole Baldini waren die beiden Favoriten. Sie hatten großen Respekt voreinander. Am Vorabend speisten sie mit mir und anderen Nahestehenden gemeinsam. Ich weiß nicht mehr wer damit begann ... Auf jeden Fall sagte einer: "Weißt du was? Da wir die beiden besten sind und wir das unter uns ausmachen, sollten wir unsere Gesundheit schonen. Lassen wir die Amphet’. Morgen, nur um einmal zu sehen, machen wir alles nur mit Mineralwasser ... ."
Beide waren einverstanden.
Das Rennen verlief in einem Desaster. Beide kämpften bis zum letzten, um ihre Leistung annähernd zu erbringen. Mit folgendem Ergebnis:
"'Damit werden wir nie wieder beginnen!' versicherten sie mir beim Absteigen vom Rad."
Und auch der "König des Pelotons" wurde der Einnahme leistungssteigernder Substanzen überführt. So wurde er 1969 beim Giro d’Italia gesperrt.1973 und 1979 wurde er auch positiv getestet. Nach dem Ende seiner Karriere wurde zudem bekannt , dass Merckx regelmäßig Kortisone benutzte, um die Strapazen des Sports zu überstehen. Merckx bestritt immer wieder Dopingvorwürfe, sagte aber auch: "Jeder nimmt es doch, du machst es wie die anderen!"
Außerdem waren auch noch Hugo Koblet und Charly Gaul gedopt.
Koblet jedoch nachweislich von den Ärzten und Betreuern gegen seinen Willen mit einer Dosis, die sein Karriereende bedeutete. Er erlitt eine schwere Herzerweiterung – die irreversibel war und ihm 20% seiner Leistungsfähigkeit "raubte". Dies geschah jedoch erst 1952, also ein Jahr nach seinem Toursieg. Dieser Fall zeigt bereits, dass auch in den 50ern Geld eine wesentliche Rolle im Radsport spielte.
Charly Gaul wurde bei einer Zollkontrolle 1959 mit Pillen erwischt, die pharmazeutisch die Leistung verbessern.
Die Zeit bis 1980 war jedoch nicht nur die Hochburg der Amphetamine, sondern auch der Hormone, der Beta- 2 Agonisten, der Glukokortikoide / Corticosteroide und der Anabolika. Alle diese Mittel fanden breite Anwendung im Radsport, unter ihnen vor allem Cortison und Testosteron. Man erhoffte sich folgende Wirkungen:
- Verhinderung eines Leistungsabfalls nach intensiver Anstrengung (Anabolika)
- Minimierung der Infektanfälligkeit (Anabolika)
- Beschleunigung der Regeneration (Anabolika)
- Verringerung des Körperfetts bei gleichzeitiger Erhöhung der Muskelmasse(Beta2)
- Vermindertes Belastungsempfinden ( Glukokortikoide / Corticosteroide)
- Verbesserte Regeneration ( Glukokortikoide / Corticosteroide)
- Euphorische Stimmung ( Glukokortikoide / Corticosteroide + Amphetamine)
- la Mémé für Mératran
- la petite Lili für Lidepran
- le cousin Riri für Ritalin
- le Pépé für Tonedron
Die ersten Doping Kontrollen
Bis 1966 gab es kein direktes Doping. Es wurden zwar viele vermeintlich leistungssteigernde Substanzen verwendet, die heute auch allesamt auf der Dopingliste stehen , jedoch nahm die UCI verbindliche Anti-Doping-Bestimmungen erst 1966 in ihr Reglement auf. Somit können, pedantisch betrachtet, alle vorherigen angewandten Methoden und Substanzen nicht direkt als Doping bezeichnet werden. Obwohl jedoch klar sein sollte, dass jegliche der oben beschriebenen Aktivitäten zur Leistungssteigerung nichts mit Sport im eigentlichen Sinne zu tun hatte und klar eine Unsportlichkeit darstellte. Wie mit der Zeit vor 1966 umzugehen ist, bleibt trotzdem jedem selbst überlassen und es ist sicherlich Auslegungssache, ob der Einsatz von Pharmaka Betrug ist oder nicht, da sie jedem Sportler relativ frei zur Verfügung standen und auch nicht verboten waren.Teil 2 des Artikels findet ihr hier.