Doping - neue Arena für den Drogenkrieg?
Geschrieben von: Steve Beitler
Am 12. Februar 2004 verkündete Attorney General John Ashcroft in einer Pressekonferenz die Strafen, welche man für die Weitergabe von Steroiden und für Geldwäsche zu erwarten hat. An diesem Tag tat er mehr, als das heikle Thema nur zu beleuchten. Ashcroft eröffnete eine neue Front im Kampf gegen Anabolika und stellte neue Strategien vor, die US-Präsident Bush schon drei Wochen zuvor angekündigt hatte. In der Rede zur Lage der Nation, in der er kein Wort über AIDS, das Gewichtsproblem der Amerikaner, oder sich weltweit ausbreitende Viren verlor, war es ihm wichtig zu sagen "Der Einsatz leistungssteigernder Mittel wie Steroide in Baseball, Football und anderen Sportarten ist gefährlich und sendet das falsche Signal - dass es Abkürzungen zum Erfolg gibt, und dass Leistung wichtiger ist als Charakter."
Die ganze Misere, die zu dieser Pressekonferenz Ashcrofts führte, begann im Juni 2003. Ein anonymer Coach sendete eine gebrauchte Spritze an die US-Anti-Doping Agency (USADA). preview Die USADA ist der amerikanische Arm der Welt-Anti-Doping Organisation (WADA). Diese unabhängige Gruppe wurde vom Olympischen Komitee 1990 ins Leben gerufen und hat es sich zum Ziel gesetzt den Olympischen Sport vom Einsatz leistungssteigernder Mittel zu befreien.
Das USADA Labor in Südkalifornien identifizierte die Substanz in der Spritze als Tetrahydrogestrinon, oder THG, ein bis dahin unbekanntes Steroid. Die USADA gab die Entdeckung bekannt und auch, dass mehrere Athleten positiv auf THG getestet wurden. Als Schöpfer dieses Novums verdächtigten sie eine Firma in Burlingame, Kalifornien, mit dem Namen "Bay Area Laboratory Cooperative" (BALCO). Eine Woche später begann eine groß angelegte gerichtliche Untersuchung, unter anderem mit Aussagen von Leichtathletik-Star Marion Jones, Gewinnerin von fünf Medaillen in der Sommerolympiade 2000 und Baseball Megastar Barry Bonds.
Bonds Personal Trainer Greg Anderson war einer der vier Hauptbeschuldigten Ashcrofts. Alle vier hatten gute Beziehungen zu BALCO. Die Firma wurde 1980 von Victor Cante gegründet, einem ehemaligen Mitglied der Band "Tower of Power", und stellte legale Nahrungsergänzungen her, die einen guten Ruf unter Athleten genossen. Die Regierung beschuldigt sie jedoch der Weitergabe illegaler Substanzen an Athleten, unter anderem Steroide, die hergestellt wurden, um ihre Leistung zu steigern und Dopingtests zu umgehen.
Aus Ashcrofts Rede konnte man unmissverständlich ablesen, dass die Verbindung zwischen dem Kampf gegen Doping und dem Kampf gegen Drogen immer enger wird. Der San Francisco Chronicle schreibt, dass 2003 die USADA fast 7 Millionen USD mehr als die Hälfte ihres Budgets, vom Office of National Drug Control Policy (Amt der Nationalen Drogenkontrolle) erhielt. Geleitet wird dieses Amt vom "Drogenzar". Das hat sich für sie ausgezahlt, denn die USADA hat im selben Jahr gemeinsam mit der American Continental Group, einer Firma mit guten Beziehungen zu den Republikanern, zwischen 60 000 und 100 000 USD ausgegeben, um den Kongress und das Weiße Haus zu einer Budgetaufbesserung des Amtes zu "motivieren".
Letzten April hat das Senate Commerce Comittee Dokumente über den Fall BALCO vom US-Justizdepartment eingeholt. Einen Monat später hat das vom arizonischen Republikaner John McCain geleitete Komitee beschlossen, Beweise für den Fall BALCO an die USADA weiterzuleiten. Er wollte der USADA helfen, gedopte Athleten aus dem US-Team auszuschließen, welches zu den Olympischen Spielen nach Athen reiste.
Die nun wiederbelebte alte Leier, Sport von Doping zu befreien, zieht philosophische und strategische Fragen mit sich. Welche Auswirkung wird die Verbindung von "Doping" und "Drogen" in Zukunft haben? Sind Themen wie "Verletzungen vorbeugen" und "angemessene Anwendung" überhaupt noch gültig? Oder ist Sport eine Ausnahme, wo keine Toleranz der richtige Weg ist? Wie würde ein System von kontrolliertem Einsatz von Doping im Sport aussehen? Macht eine Reform in der Dopingfrage im Sport überhaupt einen Sinn?
So wie es Kritik an der Vision eines drogenfreien Amerikas gibt, melden sich auch hier Kritiker zu Wort. Sie hinterfragen die allgemeine Ansicht, dass nur ein dopingfreier Sport ein fairer Sport ist. "Sport ist die Welt der Freaks und genetischen Elite. Doping schmälert diesen genetischen Vorzug etwas", meinen Prof. Julian Savulescu und Bennett Foddy der Oxford University. Unterstützung in ihrer Sichtweise bekommen sie von Raelene Boyle, einem ehemaligen australischen Olympiaathleten: "Ich bin sicher nicht gegen den Sportgeist, aber biologische Manipulation zeigt nun mal den menschlichen Trieb - die Fähigkeit uns selbst auf der Basis von Vernunft und Urteilsvermögen zu verändern." Es gibt drei beliebte Methoden, die Anzahl der roten Blutkörperchen im Blut zu steigern (was die Sauerstoffzufuhr in die Muskeln erhöht und vor allem in Ausdauersportarten erwünscht ist). Entweder durch ein Training in großen Höhen. Oder durch eine Luftmaschine, die eine künstliche Umgebung großer Höhen erzeugt. Oder durch Erythropoetin, ein beliebtes Doping bei Radfahrern. Savulescu und Foddy sehen keinen Unterschied zwischen den drei Methoden.
Viele dieser Kritiker weisen auch darauf hin, dass Athleten schon seit eh und je alles versucht haben, ihren Konkurrenten voraus zu sein. Griechische Athleten aßen Schafshoden, um ihren Testosteronspiegel zu erhöhen, ähnlich wie Dopingmittel es heute tun. Charles Yesalis der Penn State University, der sich schon seit mehr als 20 Jahren mit Steroiden befasst hat, sagt dazu: "Der wahrscheinlich größte Effekt der BALCO-Affäre ist, dass sie die Aussagen der Sportindustrie, es gäbe nur ein paar schwarze Schafe unter vielen weißen, verpuffen lässt. Tatsächlich finden sich nur ein paar weiße Schafe unter vielen schwarzen."
So eine Ansicht ist im internationalen Sport undenkbar. US-Baseball Commissioner Bud Selig hat sich "keine Toleranz für Steroide" als Ziel gesetzt. Craig Masback, CEO der USA Track and Field - dem Machtapparat des Sports, sagte: "Es gibt hier kein Zurück. Wir müssen uns diesem Kampf stellen." In ihrem Kampf gegen Doping nutzen Sportbeamte Drogentests als ihre Hauptwaffe, wenden sie aber auch jenseits des Sports an. Die USADA hat die Zahl der Drogentests über die letzten vier Jahre verdoppelt, berichtet die New York Daily News und führt sie jederzeit, überall und ohne Vorwarnung durch. Tara Nott Cunningham, eine US-Gewichtheberin und Gewinnerin einer Goldmedaille in Sydney, ist eine von 3200 Eliteathleten, die regelmäßigen Besuch von den Doping Control Officers der USADA, auch DCOs genannt, bekommen. Cunningham selbst schätzt, dass sie sich schon 100 Tests unterziehen musste. Der USADA fällt dies nicht schwer, da jeder Athlet alle drei Monate ein Formular ausfüllen muss (Athlete Location Form), auf welchem er angibt, wo er sich die nächsten drei Monate jeden Tag aufhalten wird. Obwohl die USADA an ihre Tests glaubt, geht sie noch weiter. Sie hat das Recht, Athleten auch ohne positiven Dopingtest zu sperren.
Das Streben der USADA könnte aber schon bald von einer neuen Front von leistungssteigernden Substanzen überrollt werden. Gentherapie- und Transfer zeigen gute Fortschritte. Diese ermöglichen Muskelmasse aufzubauen und die Zahl roter Blutkörperchen zu erhöhen. Dies wird vor allem Patienten mit Muskeldystrophie und ähnlichen Krankheiten zu Gute kommen. Dieselben Methoden könnten Athleten ebenfalls ermöglichen, ihren Sport noch besser auszuüben. Da einige dieser Methoden lediglich die Menge an Substanzen erhöhen, die unser Körper ohnehin herstellt, wird es hier für Drogentester schwierig. Wie kann man dann noch unterscheiden, was der Körper selbst hergestellt hat und was nicht?