Du, Es und Ich
Wer bereits von der einleitenden Passage völlig genervt ist, sie als überzogen, belehrend oder unverschämt empfindet, der sollte besser nicht weiterlesen. Die Kost wird nicht leichter verdaulich. Aber von meiner Meinung rücke ich nicht ab.
Unsere Gesellschaft rückt derzeit vieles, was noch vor wenigen Jahren absolut tabuisiert gewesen ist, zunehmend in die öffentliche Aufmerksamkeit. Und das ist keine schlechte Entwicklung! Sie führt dazu, dass Betroffene sprechen dürfen, Menschen Hilfe suchen, die bislang gar nicht wussten, dass ihr Leiden einen Namen besitzt, sie senkt Dunkelziffern. Gefährliche Ausmaße nimmt der Sinneswandel an, wenn er dazu dient, ernsthafte Erkrankungen zu Modeerscheinungen zu verharmlosen. Das klingt abwegig, wahnsinnig gar? Klar, aber der Wahnsinn ist Realität geworden. Sprechen wir über Essstörungen!
Essstörungen haben im (Leistungs-)Sport eine lange Tradition. Bislang traten sie überwiegend in Ästhetik- oder Ausdauerdisziplinen auf, in denen ein geringes Gewicht eine unabdingbare Basis für Höchstleistung bildet. Prominente Beispiele aus dem deutschen Spitzensport liefern die Eiskunstläuferin Eva-Maria Fitze, der ehemalige Vier-Schanzen-Tournee-Sieger Sven Hannawald oder der Ruderer Bahne Rabe, Olympiasieger im Achter 1988, der an den Folgen seiner Magersucht verstarb. Dass nur so wenige Namen den Weg an die Öffentlichkeit finden, lässt keinen Schluss auf die tatsächliche Verbreitung des Problems zu. Dieses hat mittlerweile so weit um sich gegriffen, dass die Psychologie bereits eine eigene Bezeichnung kreierte: Anorexia athletica, eine begriffliche Anlehnung an die gewöhnliche Magersucht Anorexia nervose (sofern man denn in diesem Zusammenhang von "gewöhnlich" sprechen darf). Der Anteil der Betroffenen liegt für die angesprochenen Sportarten, insbesondere im Frauenlager, bei zum Teil bei über 50%. 2004 führte der FIS eine Neureglung ein, nach der die Skilänge von Skispringern bei einem Body-Maß-Index von unter 20 in Vollausrüstung (dies entspricht einem "Netto-BMI" von 18,5!) im Wettkampf gekürzt werden muss. preview
Aber es geht mir gar nicht um die Opfer der elitären Leistungsebenen. Nicht um diejenigen, denen das mahnende Publikum ständig auf die Finger klopft, die später in missionarischer Absicht in den Talkshows sitzen. Der Magerwahn macht vor dem Breitensport ebenso wenig halt, wie es die Dopingproblematik tut. Aber die Unterschiede sind gewaltig! Wir können im Hobbybereich einen überaus kuriosen Trend beobachten: Früher erkrankten die Betroffenen, weil sie sich einer bestimmten Sportart so innig verschrieben hatten. Heute scheinen sie sich gezielt für eine Sportart zu entscheiden, weil sie bereits betroffen sind. Und ironischerweise fällt die Wahl dabei zunehmend auf jene Sparte, die eigentlich das Sinnbild von Körpermasse, von einer ausnahmslosen "weniger-ist-niemals-mehr"-Mentalität gekennzeichnet ist: das Bodybuilding.
Treiber der seltsamen und doch so logischen Entwicklung ist die Tatsache, dass sich sowohl der Begriff der Essstörungen als auch der des Bodybuildings immer weiter auffächert. Von letzterem fühlt sich mittlerweile jeder angesprochen, der eine 2,5kg-Kurzhantel besitzt und nach dem morgendlichen Gassigehen noch zehn Liegestütze absolviert. Und Essstörungen? Ich bin kein Psychologe, aber selbst wenn ich einer wäre, hätte ich wohl inzwischen den Überblick verloren; Bulimia nervosa (die bekannte Ess-Brech-Sucht), Binge Eating (die Neigung zu unkontrollierbaren Essanfällen), Orthorexia nervosa (der Zwang, sich ausschließlich gesund zu ernähren), Chew and Spit (die Angewohnheit, "verbotene" Lebensmittel zu kauen und den Nahrungsbrei wieder auszuspucken) … und das sind nur die klinisch definierten Erscheinungsformen! Abseits des Fachjargons bestehen unendlich viele Schattierungen, und viele Menschen befinden sich auf dem gefährlich schmalen Grad zwischen Gut und Böse.
Die Grenzgänger finden zumeist Zustimmung, wenn sie doch eigentlich Hilfe bräuchten.
Essgestörte haben es in der Gesellschaft schwer. Sie werden ständig stranguliert durch die besorgten Blicken ihrer Eltern. Durch Großmütter, die nicht verstehen, dass sie ihre Torte verschmähen. Durch Freunde, die sie Spielverderber schimpfen.
Im Biotop der Bodybuilding- und Fitnesssportler, unter vermeintlich Gleichgesinnten, lebt es sich besser. Was "draußen" auf Ablehnung stößt oder Besorgnis erregt, bekommt hier plötzlich einen Sinn. Und es klingt auch noch alles viel cooler als in der Brigitte-Diät! Versehen mit zumeist englisch-sprachigen Namen, die eher nach amerikanischer Newcomer-Band als nach einer Ernährungsform klingen, oder mit geheimnisvollen Abkürzungen, die dem Ganzen noch den extra-wissenschaftlichen Touch verleihen, kann mittlerweile aus einer riesigen Fülle an Möglichkeiten geschöpft werden. Und das explosionsartig wachsende Web 2.0 lädt alle herzlich dazu ein! Jetzt kann jeder sehen, dass auch die extremste Reduktionskost ihre Anhängerschaft besitzt, und sich diese sogar aus Menschen zusammensetzt, die man sich durchaus zum Vorbild nehmen kann, aus Sportlern, die vor Kraft, Gesundheit und Attraktivität nur so strotzen. Jetzt kann jeder sehen, dass er niemals alleine ist.
Ich weiß, dass das bisher Gesagte das Pferd von hinten aufzäumt. Es ist davon auszugehen, dass kein Essgestörter bewusst in die Gemeinschaft eintritt, um seine eigentlichen Absichten zu verschleiern. Für viele ist es zunächst der Schritt in die richtige Richtung. Sie versuchen, ihr Idealbild neu zu definieren, ein positiveres Körperbewusstsein zu erlangen. Und Bodybuilding hat vielen dabei geholfen! Weil es lehrt, dass Essen etwas Gutes, Funktionales ist, etwas, das man unbedingt braucht, um persönliche Ziele zu erreichen. Dass man sich mit einem hohen Gewicht auf der Hantel wohler fühlen kann als mit einem niedrigen auf der Waage.
Aber manch einen lässt der Kontrollzwang nicht mehr los. Fatal, wenn man sich dann mit Menschen austauscht, die nur bestätigen und nicht hinter die Kulissen schauen (können). Jeder hört eben immer nur, was er hören will. Und unter den unüberschaubar vielen Meinungen, zu denen man in diversen Foren, Portalen, Blogs etc. freien Zugang erhält, kann man ja die ausblenden, die einen lockeren Umgang mit der Nahrungsaufnahme verbreiten wollen. Es gibt doch auch genug, die tägliches Fasten, schwindelerregend niedrige Kohlenhydratmengen, milligrammgenaues Abwiegen jeder Mahlzeit propagieren. So viele Menschen können nicht irren!
Erwiesenermaßen gibt es genetische und vererbbare Neigungen zu Alkoholerkrankungen oder anderen Süchten. Ich denke, dass es auch Veranlagungen, vielleicht aber auch prägende Vorkommnisse in der Biografie eines Menschen geben muss, die eine übertriebene Fokussierung auf die körperliche Erscheinung und den ständigen Drang nach Kontrolle hervorrufen. Betroffene können ihre Situation verbessern, wenn sie sich dem Sport widmen, aber all zu oft werden bisherige Verhaltensmuster lediglich umgestrickt und umbenannt. Der Sport, der wie oben erwähnt eine so heilsame Therapie darstellen könnte, beschleunigt den Verfall sogar, wenn anstelle der mahnenden Realwelt-Aufsicht die bejahende Internet-Community tritt.
Die Zeiten, in denen Diäten nur von zumeist weiblichen, tatsächlich übergewichtigen Personen durchgeführt wurden und ausschließlich darin bestanden, ein bisschen weniger zu essen und sich ein bisschen mehr zu bewegen, sind lange vorbei. Heute betrifft Diät auch Jungs, die ein Gewicht von Köpergröße minus 120 aufweisen und Mädchen in Size Zero. Heute ist Diät auch nicht mehr die simple Reduktion der Nahrungsmittelzufuhr, Diät ist eine Umstrukturierung sämtlicher Gepflogenheiten unter Rücksichtnahme auf Hormonausschüttungen, Speicherkapazitäten und anderen Komplexitäten, die ohne abgeschlossenes Medizinstudium beinahe gar nicht verstanden werden können. Diät ist auch an Weihnachten. Diät ist Leben.
Ich begrüße den medizinischen Wissenszuwachs und die verbesserte Zirkulation wissenschaftlicher Erkenntnisse wie jeder andere auch. Dass ich mich persönlich (zugegeben aus Bequemlichkeit) (noch) nicht mit all den populären Ernährungsformen befasst habe heißt nicht, dass ich sie kategorisch ablehne – das sollte man nie mit Dingen tun, die man nicht versteht! Die erstaunlichen Resultate, die viele Athleten damit erreichen, sprechen unbedingt dafür. Ich meine nur, dass sie, in die falschen Hände gelegt, großes Unheil anrichten können.
Wo fangen denn Essstörungen an, wo hören sie auf? Ist Hungern akzeptabel, weil der oder die Hungernde einem sportlichen Ideal nachstrebt? Und was ist eigentlich der Unterschied zwischen Hunger, Disziplin und Vernunft?
Essgestört ist natürlich das Mädchen aus dem Youtube-Video, das sich nicht mehr die Zähne putzte, weil es Angst vor den Kalorien in der Zahnpasta hatte. Aber essgestört sind vielleicht auch du und ich? Weil wir im Supermarkt jedes Produkt vor dem Kauf umdrehen, um die Nährstofftabelle zu studieren. Weil wir Cheatmeals planen wie Geschäftstermine. Weil wir nach drei Stunden ohne eiweißhaltige Nahrung nervös werden und uns schmächtig fühlen. Es mag in unseren Augen so normal erscheinen, dass wir es nicht mal als Beschränkung empfinden. Aber ist es das auch in den Augen der tortenbackenden Großmütter? Alles ist eben immer eine Frage des Standpunktes.
Ich bin mit meiner Situation im Großen und Ganzen so zufrieden wie hoffentlich der Großteil meiner Leser. Manchmal wünsche ich mir schon die Unbeschwertheit meiner Kindheit zurück oder zumindest die Gleichgültigkeit anderer Leute. Aber das ist wohl ab einem gewissen Wissensstand nur noch Wunschdenken. Andererseits gefällt mir das Preis-Leistungs-Verhältnis meines Lebenswandels doch ausgesprochen gut, ich bin fit, fühle mich wohl in meiner Haut und werde selten krank. Um mir das zu bewahren, esse ich bewusst. Aber ich kontrolliere nichts der Kontrolle wegen! Verzicht ist für mich Mittel zum Zweck. Nach dem Ende meiner Wettkampfdiät habe ich die Küchenwaage nicht einen Moment vermisst. Meine Alarmglocken beginnen bei Menschen zu schrillen, die so lästige Dinge wie das Abwiegen von Mahlzeiten als entspannend empfinden.
Natürlich führt nicht jede Diät zu einer Essstörung (denn dann wären nach statistischen Schätzungen fast 100% der Deutschen betroffen), aber sehr viele Essstörungen beginnen mit Diäten. Und die Gefahr scheint umso höher, je extremer die Diätform gewählt wird. Irrsinnige Pläne mit vierstelligen Kaloriendefiziten pro Tag führen natürlich schnell zu sichtbaren "Erfolgen" und beinhalten so immense Einschnitte in den Alltag, dass man sich nur schwer wieder davon losreißen kann. Nicht nur, dass physische Beschwerden bei der Rückkehr zu normalen Portionsgrößen auftreten können; die Wiederaufnahme eines gesunden Essverhaltens bedarf unstrittig der Überwindung psychischer Grenzen. Und die haben sich bei manch einem zu hoch aufgetürmt. Man geriete weniger leicht in den Teufelskreis, wenn man die Sache behutsam anginge, sich realistische Ziele stecken, umfassend und kritisch informieren und die Maßnahmen der Schwere des Problems anpassen würde. Aber die Verlockung ist doch zu groß, wenn es so komprimierte und gefällige Informationen zu vielversprechenden Crash-Diäten auf einen Klick gibt. Und nur einen Klick weiter die dazugehörigen positiven Erfahrungsberichte.
Dies war keine Hetzschrift gegen bewusste Ernährung, gegen Menschen, die sich Herausforderungen stellen wollen, die sich zum Abnehmen entscheiden, wenn es von klinischer Notwendigkeit ist, und auch nicht gegen den Informationsaustausch im Netz. Wohl aber gegen das Wegsehen und gegen das Anfeuern. Stattdessen: Verantwortung im Umgang mit uns selbst und mit anderen! Bevor wir unsere Lebensweise als die richtige anpreisen, sollten wir ehrlich hinterfragen, wie glücklich wir selbst denn damit geworden sind. Der Unterschied zwischen echtem Wohlbefinden und subtiler Abhängigkeit ist kleiner, als viele es wahr haben wollen. Die eigene Person ist schnell belogen, der Kopf schnell umprogrammiert. Wir sollten unser Gewissen prüfen, bevor wir Werbetrommeln rühren. Und selbst wenn wir dann tatsächlich behaupten können, unseren Seelenfrieden gefunden zu haben, müssen wir uns stets vor Pauschalisierungen hüten. Was in einer Wettkampf-Diät gerechtfertigt werden konnte, ist nicht für jemanden geeignet, der mit einem kleinen Wohlstandsbäuchlein zu kämpfen hat. Was sich mit unserem Wesen verträgt, kann auf andere Menschen zerstörerisch wirken. Mäßigung heißt die Devise. Das Abwägen ist manchmal wichtiger als das Abwiegen.