Wenn das Leben ‘ne Party ist …
… dann ist Bodybuilding der Türsteher. Und zwar einer von dieser ganz mürrischen Sorte, die eigentlich jeden (Sams-)Tag mit dem falschen Bein aufgestanden ist. Der Spielverderber, der jeden Anflug von Spaß, Jugendlichkeit, von Lebensfreude, im Keim erstickt.Dieser Artikel kann nur als Ergänzung verstanden werden zu Pflichttexten wie "Don’t overanalyze it", "Wie man Bodybuilding sozialverträglich in den Alltag einbindet" und anderen gebetsmühlenartig wiederholten Apellen zu mehr Mäßigung. Aber einige Forumsdiskussionen der jüngeren Vergangenheit haben mich motiviert, doch noch mal das Augenmerk auf dieses eine Thema zu legen, das wie kaum ein anderes den Konflikt zwischen dem Engelchen und Teufelchen auf der Schulter des ambitionierten Sportlers schürt.
Bodybuilding und Party – geht das?
Das Dressing für deinen Kopfsalat…
So hat Grönemeyer ihn betitelt, den guten Alkohol, zweifelsohne Mittel und Zweck jeder einzelnen Feierei auf diesem Planeten. Sei ehrlich: ohne Alkohol ist jede Disko ein geschmacklos eingerichteter, stinkender Raum, in dem das Licht kaputt ist. Man kann natürlich auch ohne Alkohol Spaß haben – aber doch mit erheblichen Abstrichen. Die Freude am Berauschen ist so alt wie die Menschheit an sich. Und jetzt kommt eine kleine thunfischgemästete Randgruppe daher und will die Welt von der Schlechtigkeit dessen überzeugen?Und das nur wegen seiner katabolen Wirkung. Und weil er den Testosteronspiegel in den Keller jagt. Und weil er die Regeneration und den Schlaf, zu dem man ja eigentlich so und so nicht kommt, beeinträchtigt. Und weil er doch einige Kalorien auf dem Kerbholz hat, 7,1 pro Gramm um genau zu sein, und da sind die der üblichen Beimischungen noch gar nicht berücksichtigt. Außerhalb der Bulking-Phasen natürlich eher doof.
Andererseits kann so ein Saufgelage im Falle einer erwünschten Gewichtszulage ja schnell mal einen vierstelligen Beitrag zum Energiekonto leisten. Und nicht zu vergessen der sich häufig anschließenden Fressflash, vermutlich bedingt durch zeitweilige Unterbindung des Eiweiß- und Zuckerstoffwechsels in der Leber, der selbst den größten Suppenkasper aus der Reserve lockt. Hierauf schwören ja vor allem die Anhänger weniger legaler Inhalations-Drogen. Außerdem treibt der edle Tropfen ja auch die Nieren zu Höchstleistungen an und wirkt somit diuretisch. Und er weitet die Adern – der Blick in den Spiegel sollte also am nächsten Tag für gute Laune sorgen. Gerüchten zufolge soll ja Alkohol in der unmittelbaren Bühnenvorbereitung des einen oder anderen Bodybuilders eine Rolle gespielt haben.
Überhaupt: es existieren Videos, auf denen sich selbst der heilige Ronnie Coleman einen Schluck genehmigt. Markus Rühl war auch zu aktiven Zeiten ein bekennender Freund des Bieres. Und Arni ist ja so und so bekannt für ein ausuferndes Leben à la Wein, Weib und Gesang. Wenn sich also diese, im wahrsten Sinne des Wortes, wandelnden Verkörperungen des Bodybuildings auch mal ihren Gelüsten hingeben – warum sollten wir armseligen Gestalten uns dann mit unangemessen elitärem Selbstbild mit unserer Cola Light in die Ecke verziehen, aus Angst um den Verlust bisheriger Fortschritte?!
Die Nacht zum Tag …
… bedeutet auch, dass die eigentlich für die Reparatur und den Aufbau der im Gym schwer strapazierten Muskeln reservierte Zeit geopfert werden muss. Ob mit Alkohol oder ohne. Wo eigentlich der Magerquark ungestört seines Amtes walten sollte, muss nun ungelenk zu niveauarmer Musik abgezappelt werden. Zum bedrohlichen Schlafentzug gesellen sich also auch noch ungeplante Cardioeinheiten, die die ohnehin akute Übertrainingsgefahr ins Unendliche steigern. Und die ganze Prozedur dann auch noch, bis die Wolken wieder lila sind.Es ist ja nicht nur so, dass der Schlafentzug den durch das eitle Gepumpe vor dem Diskobesuch erzielten Benefit ohne Zweifel zunichte machen würde – auch am berühmten "Tag danach" erlaubt das allgemeine Befinden dem reuigen Sünder in der Regel nicht, seinen Rückfall in die finstersten Prä-Trainingszeiten zu kompensieren.
Also lieber vor Mitternacht mit dem Verweis auf die Wichtigkeit von mindestens acht Stunden Schlaf die geilste Party auf dem Stimmungshöhepunkt verlassen? Eher nicht. Alternativvorschlag: an den folgenden Werktagen lieber jeweils eine halbe Stunde früher den Facebook-Account Richtung Bett verlassen.
Fastenzeit
Die Probleme rund ums Feiern reißen nicht ab. Und hier wäre noch eins: irgendwie ist das da meistens schlecht mit dem Essen.Mit viel Glück stellt der Gastgeber beim Vorglühen eine Packung Salzstangen, die ohnehin zu viele Carbs für die späte Stunde enthalten, auf den Tisch. Spätestens mit dem Eintritt in die Diskothek ist dann aber ganz Schluss mit dem Angebot an Festnahrung. In Verbindung mit der oben beschriebenen üblichen Länge des Aufenthaltes bahnt sich schnell eine katabole Katastrophe an. Anschließend landet man, siehe Fressflash, oftmals bei denen, die noch oder schon wieder geöffnet haben: Bockwurst-Tankstellen, 24-Stunden-Döner oder McDonalds. Das macht es auch nicht besser. Ganz arm dran ist, wer am nächsten Morgen in fremden Betten erwacht und im Eifer des nächtlichen Gefechts abzuklären vergessen hat, in wieweit die heimische Küche der neuen Errungenschaft mit Haferflocken, Leinsamen und Whey-Protein ausgestattet ist.
Die Fettreserven des Durchschnittsmenschen könnten ihn über mehrere hundert Stunden Sport versorgen. Die Sorge um den Rückgriff auf die Eiweißreserven in der Muskulatur betrifft eher buddhistische Hungerstreikende, verunglückte Bergleute in Gletscherspalten und Wettkampfathleten mit Körperfettanteilen unter der 5%-Marke. Dennoch fühlt sich manch wohlgenährter Trainingsanfänger wohler oder auch einfach nur professioneller, wenn er mit einer Tüte Nüsse, Eiweißshaker und Tupperdose um die Häuser zieht. Da mausert sich auch die gruseligste Diskotoilette zum willkommenen Esszimmer! Nun denn. Immerhin scheinen wenigstens diese heimlichen Esser insgeheim zu wissen, dass sie sich unter sozialen Gesichtspunkten eher frag- und merkwürdig verhalten.
The Party is over?
Und das nur, weil du jetzt ein neues Hobby hast?Ja ja, Bodybuilding ist mehr als das, ist auch Lifestyle. Ich weiß schon. Find ich ja auch gut. Ich will auch nicht – wirklich absolut gar nicht und ich hoffe, dass jeder Interessierte diesen Artikel bis zu seinem Ende liest! – zum exzessiven Saufen aufrufen. Ich weiß, dass Alkohol Menschen zu ihrem Schlechten verändern kann, oft nur temporär, manchmal auch andauernd. Dass weder ein Vollrausch noch ständiger Schlafentzug und nachlässige Ernährung gesund sind ist mir natürlich auch präsent. Ich bin noch nicht mal ein Freund des regelmäßigen moderaten Konsums. Ich trinke abends lieber meinen Tee als ein Glas Rotwein. Und mich nervt auch dieses selbstmitleidige Rumgeheule von solchen, die ausbleibende Resultate beklagen, aber sich am Wochenende grundsätzlich aus der Welt schießen müssen.
Vernunft und Fürsorge für den eigenen Körper gehört zu diesem Sport. Und wenn man lange genug dabei ist, hat man das auch intus. Er weckt Körperintelligenz. Und dann kann man sich mit Entbehrungen tatsächlich wohl fühlen. Aber wenn man lange genug dabei ist, dann lernt man auch, dass sich so vieles in Punkto Verzicht nicht lohnt, weil der Körper auch verzeihen kann. Es gibt ja diese schockierenden Statements: "Ein anständiger Suff zerstört die Arbeit von sechs Wochen! Da schaukelt sich das Internet wieder hoch. 16-Jährige befragen nicht ihr Gewissen, sondern die ihnen eigentlich völlig unbekannte Usergemeinschaft, ob ein Drink auf der Klassenfahrt erlaubt sei (und ob man da Liegestütze im Hotelzimmer machen sollte).
Ich mein ja nur: so manch einer, der das Training ursprünglich begonnen hat, weil er die Mädchen auf der Tanzfläche mit seinem Bizeps beeindrucken wollte, hat sich später ins soziale Abseits katapultiert. Wenn man sich im Gym umguckt, dann sind oftmals die am weitesten gekommen, die auch mal Fünfe grade sein lassen. Mit der Enthaltsamkeit ist doch ein bisschen wie mit den Supplementen: Klar sind sie hilfreich, aber sie sind nicht der Garant für alles. Da muss jeder für sich seinen Mittelweg finden. Und in meinen Augen gehört nicht dazu, die Stimmung auf dem Junggesellenabschieb des besten Freundes zu vermiesen, in dem man Moralpredigten abhält und ab 22 Uhr anfragt, wann man denn endlich ins Bett könnte, am nächsten Morgen sei ja wieder ein Workout geplant. Wenn wir ehrlich sind fordern wir von unserem Umfeld doch allein durch das häufige Training einiges an Rücksichtnahme.
Es soll sich auch niemand zum Alkoholkonsum genötigt fühlen, der es wirklich aus innerster Überzeugung nicht will. Menschen dieser Art haben natürlich auch meinen Respekt. Aber all die anderen sollten sich doch mal fragen, ob man sich nicht wenigstens hin und wieder selbst treu bleiben sollte. Kann der 16-Jährige wissen, ob er nicht schon in zwei Jahren gar keine Lust mehr auf dieses ganze Trainieren hat? Hat sich dann gelohnt, eine Jugend zu opfern, von der jeder eben nur eine hat? Hobby ist am Ende eben genau das: Hobby! Und dein Lifestyle sollte auch ein Stück weit DEIN Style sein. Nicht der der Covermodels auf der M&F oder gar der irgendwelcher Internethelden. Hin und wieder ein bisschen Abstand zu der üblichen Selbstgeißelung führt bestimmt am ehesten dazu, langfristig bei der Stange zu bleiben.