Mit dem zunehmendem Außer-Kontrolle-Geraten unserer Ernährungsgewohnheiten und der hieraus resultierenden ästhetischen Entgleisung in den Freibädern der westlichen Industriestaaten eröffnet sich für die Lebensmittelbranche, die Pharmazie, die Esoterik und für sonstige skrupellose Geschäftemacher ein Markt von anscheinend unendlicher Kapazität und mit unendlichem Wachstumspotenzial. Diät geht uns alle an. Immerhin haben sich angeblich zwei Drittel aller Deutschen schon mal an mindestens einer versucht. Hier eine kleine, repräsentative Zusammenstellung aus der Chronik jener raffinierten Ideen, die vordergründig den Geldbeutel verschlanken.

Metabolic Balance – Erfolg aus dem Computer

Auf der Suche nach einer wirklich erfolgsversprechenden Diät wird wohl jede Frau ihren Blick schon einmal gen Hollywood gerichtet haben. Wer Vorreiter in Sachen Mode ist, ist es folgerichtig auch in der Abspeck-Frage. Unter den zahlreichen Beratern der Stars von Übersee hat sich ein deutscher Exportschlager etabliert, der u.a. Größen wie Kate Winslet zu Erfolgen verholfen haben soll.

Der aus einer bayrischen Kleinstadt stammende Allgemeinmediziner Dr. Wolf Funack entwickelte quasi im heimischen Wohnzimmer eine Diät-Methode, die angeblich in ihrem Ausgangspunkt lediglich der Betreuung einiger seiner schwergewichtigen Patienten dienen sollte – und ihn schließlich doch zu einem der reichsten Vertreter seiner Zunft werden ließ.

Der Clou der Metabolic Balance Diet liegt in der Erstellung eines präzisen Ernährungsplanes nach einem umfassenden Bluttest. Hämoglobin, Cholesterin, Amylase, Gallenfarbstoffe und andere Parameter sollen Auskunft darüber geben, was künftig in der Speisekammer des Kunden landen muss, erlauben angeblich eine Einteilung aller Menschen in Kohlenhydrat-, Eiweiß- oder Mischtypen. Wie genau die Rückschlüsse gezogen werden, darüber schweigt sich Funack öffentlich aus – verständlich, käme er doch sonst nicht an die Erlöse aus Buchverkäufen, Kunden-Honorare oder Lizenzgebühren, die die zertifizierte Metabolic Balance-Betreuerschaft an ihn entrichten muss.

Die Idee mutet zunächst wenig innovativ an, erinnert sie doch an die altbekannte Blutgruppen-Diät. Das Metablic Balance-Konzept (ihr Urheber verzeihe mir den Verzicht auf das eigentlich zwingende ® hinter jeder Bezeichnung – ich mag den Lesefluss ungern behindern) hat es sich jedoch zu Aufgabe gemacht, die Lebensmittelauswahl nach der Beeinflussung des Hormonspiegels zu gestalten. Besonderes Augenmerk liegt hierbei – Überraschung! – auf dem Insulin.

Also doch nichts Neues? Ne, eigentlich nicht. Funack hält sich für einen Revolutionär, weil er die Sinnlosigkeit der strikten Low-Fat-Ernährung erkannt haben will – dass aber nicht die Nahrungsfette der Hauptauslöser unserer Übergewichtsproblematik waren, sollte sich doch schon weitestgehend rumgesprochen haben. Der größte Unterschied zwischen der Metabolic Balance-Diät und allen anderen gängigen Formaten besteht wohl noch in der beinahe religiösen Aura, die ihre Macher ihrer Kundschaft vermitteln wollen. Den 10 Geboten ähnlich, ist die Diät an lebensbegleitende Grundregeln gebunden: Täglich 35ml Wasser pro Kilogramm Körpergewicht. Nur drei Mahlzeiten am Tag. Fünf Stunden Pause zwischen den Mahlzeiten. Keine Nahrung nach 21 Uhr. Zum Abschluss eines Essens eine Portion Obst (warum auch immer). Immer nur eine Eiweißquelle pro Mahlzeit (wie auch immer). Und die immer zur Eröffnung des Essens (,um den Insulinspiegel niedrig zu halten - aha).

Eine Diät dieser Art ist an ein Phasen-Modell gebunden. Der erste Abschnitt beinhaltet hierbei eine Fastenkur, die der Reinigung des Darmes dienen soll. Über einen zwei Tage umfassenden Zeitraum ernährt sich der Teilnehmer ausschließlich von sehr leichter Kost - wahlweise Obst, Gemüse, Suppe, Säfte oder ähnliches, die unterstützende Einnahme eines Abführmittels (!) wird empfohlen. Funack wirft in seinen Veröffentlichungen mit längst überholten Schimpfwörtern wie Entschlackung um sich.

Phase 2 wird von einem ausnahmslosen strikten Ernährungs-Fahrplan diktiert. Der Diätende hält sich hierbei an einen grammgenauen, sehr spartanischen Plan, der nach der oben erwähnten Blutuntersuchung durch den Computer erstellt wurde. Kein Cheat, keine sonstigen Ausweichmanöver, stattdessen Tupperschüssel im Büro. Auch zusätzliche Fette in der Zubereitung sind tabu – ein auffälliger Widerspruch zu Funacks betonter Anti-Low-Fat-Haltung. Über zwei Wochen erstreckt sich der strenge Abschnitt; angeblich genau die Zeitspanne, die Organismus und Psyche benötigen, um sich auf die neuen Gewohnheiten umzustellen.

In der dritten Phase erfolgt eine schrittweise Auflockerung der Diät. Der Teilnehmer ist aufgefordert, zu experimentieren und bis dato verbotene Lebensmittel zu integrieren. Zeigen sich negative Auswirkungen wie z.B. Hautirritationen, so beweist dies Unverträglichkeiten. Nahrung soll nach und nach wieder ohne die Küchenwaage portioniert, das Gespür für Mengen und Hunger zurück erlangt werden. Auch gelegentliche Schummelmahlzeiten sowie drei Esslöffel gesunden Öls halten wieder Einzug in die tägliche Ernährung.

Was ist von einer Diät zu halten, deren medizinisch eigentlich umfassend gebildeter Erfinder (oder besser gesagt: Besitzer) Gewichtsreduktionen von bis zu 15kg pro Monat ankündigt? Ihr ahnt es: nicht viel. Die Metabolic Balance ist bereits in das Visier des Verbraucherschutzes geraten. Der Hauptkritikpunkt: entgegen den Versprechungen Funacks wird die aus den am Blutbild orientierten Ernährungsplänen hervorgehende Nahrungsmenge nicht an das Gewicht der Betroffenen angepasst.

So gaben extrem adipöse Patienten an, die Vorgabe einer dreistelligen Kalorienzufuhr für den gesamten Tag erhalten zu haben. Dass so angesichts des erhöhten Grundumsatzes eines Übergewichtigen tatsächlich enorme Abnahmen in kürzester Zeit möglich sind, ist offensichtlich – die Unvernunft dieser Hauruck-Methode allerdings auch. Generell schießt das gesamte Konzept mit Kanonen auf Spatzen. Ob Wohlstandsbäuchlein oder Kleidergröße 60 – auf zwei Gramm Fenchel mehr oder weniger kommt es für niemanden an. Pseudowissenschaftliche Individualisierung der Betreuung nach körpereigenen Markern mag psychologischen Halt gewähren, aber Erfahrungsberichte belegen, dass die finalen Ernährungspläne trotz allem dann doch nicht wirklich ausschlaggebend divergieren. Alles was an der MBD gefällt – die Abkehr von extrem verarbeiteten Lebensmitteln, die Betonung von Obst, Gemüse und proteinreicher Nahrung, der Aufruf zu mehr Bewegung – ist auch Bestandteil jeder anderen sinnigen Diät – auch von jenen unzähligen, die sich kostenlos ergooglen lassen.

Atkins-Diät – der Anfang einer fetten Revolution

Er kann zweifelsohne als einer der Pioniere der bis heute sehr aktuellen Low-Carb-Ernährung bezeichnet werden: Robert Atkins, amerikanischer Kardiologe und Ernährungswissenschaftler, der bereits in den 60er-Jahren die Auswirkungen einer kohlenhydratarmen Nahrung am eigenen, sehr übergewichtigen Leib erforschte.

Schon zum damaligen Zeitpunkt gab es wissenschaftliche Studien, die eine gewichtsreduzierende Wirkung dieser Ernährungsweise andeuteten. Atkins selbst muss ein Genussmensch gewesen sein, brachte vor Beginn seiner Ernährungsumstellung über 100kg auf die Waage. Es lässt sich vermuten, dass er seine Diät an persönliche Vorlieben anpasste – und die waren eher deftiger Natur. Fetter Braten, Vollei, Butter und Bacon, dafür Verzicht auf klassische Beilagen, Süßigkeiten, Obst und auf stärkehaltige Gemüsesorten. Wir sprechen gewissermaßen von einem frühen Vorfahr heutiger Lifestyle-Produkte wie die Metabole Diät oder die Anabole Diät, die Mountaindog Diät und dergleichen mehr.

Atkins war kein Freund des Kalorienzählens. Aber er verschwieg auch nicht, dass speziell kohlenhydratarme Diäten bei einer Rückkehr in alte Gewohnheiten erhebliche Jojo-Effekte begünstigen, und betonte somit die Wichtigkeit einer dauerhaften Bereitschaft zur Umstellung. Und: er räumte ein, dass angesichts der Einseitigkeit der Atkins Diät eine Supplementierung von Eiweißen und Mineralien empfehlenswert sei.

Atkins, wenn auch ungleich sympathischer und kultiger, hat eines mit dem zuvor erwähnten Dr. Funack gemein: er verdiente an seiner Innovation fürstlich! Ob ihm hierbei sein für seine Berufsgruppe eher unüblicher Prominentenstatus behilflich war, oder sich die Leute vom verlockenden Aspekt des Abnehmens mit fettigem Genuss angezogen fühlten: in jedem Fall zählt die Atkins Diät auch Jahrzehnte nach ihrer Erfindung zu den populärsten, soll u.a. Jennifer Aniston und Renée Zellweger nach ihrem Einsatz in Schokolade zum Frühstück zu Erfolgen verholfen haben. preview

Die Atkins Nutritionals Inc., unter deren Label über viele Jahre Low-Carb-gerechte Lebensmittel vertrieben wurden, ging 2005 den Weg in die Insolvenz. Zwei Jahre zuvor war ihr Gründer im Alter von 73 Jahren verstorben, allerdings nicht, wie seine Kritiker es ihm gern voller Schadenfreude andichten, an Herzverfettung, sondern an einer sturzbedingten Kopfverletzung. Ob er sein Leben in einem schlanken Körper beendete oder kurz vor seinem Tot wieder zu alter Fülle – die, wenn es sie denn überhaupt gab, nach Angaben seiner Befürworter nur anhand des schlechten Krankenhausessens zustande gekommen war und somit die Richtigkeit seines Ernährungskonzeptes nur untermauert – zurückgekehrt war – letztlich bleibt die Person Robert Atkins ebenso rätselhaft, wie das Geheimnis einer guten Figur an sich.

Slimfast und Co. – die Unkaputtbaren

Ich will ehrlich sein: meine ursprüngliche Motivation zu diesem Artikel erwachte allein aus der Wut, die ich empfand, als ich kürzlich diesen Fernsehspot sah. Almased schimpfte sich das beworbene Produkt. Und ich saß etwas ratlos vor dem Gerät. Hatte ich doch in den vergangenen Jahren den Eindruck gewonnen, dass man sich in der Diätfrage landesweit auf eine gewisse Vernunft geeinigt hatte – zumindest in soweit, dass die meisten Menschen um die Bedeutung einer langfristig gesunden Lebensweise informiert wurden. Und nun also wieder Almased!

Mahlzeitenersatz. Ein Wort wie eine schallende Ohrfeige für die gesundheitliche Aufklärung! Und immer die Frage im Hinterkopf: "Gab’s das nicht schon mal?" Klar, aber Slimfast ist doch nun wirklich schon lange her! Aber na ja, die Schallplatte hat’s ja auch in Zeiten der Massenspeichermedien wieder zurück geschafft.

Laut Produktpackung handelt es sich um ein schlichtes Mehrkomponenteneiweiß auf pflanzlicher Basis mit erhöhtem Kohlenhydratanteil (ca. 30%), der auf die Zugabe von "besonders enzymreichen Honig" (?) zurückzuführen ist. Ein Shake soll unter Zugabe von zwei Esslöffeln Pflanzenöl eingenommen werden. Und sonst tagsüber nichts. Außer Brühe und Saft und sowas wieder. Mehr gibt es auch gar nicht zu erzählen.

Bei allem Grusel, den wir angesichts dieser immer wieder auferstehenden Geister empfinden, bleibt ein winziger Hoffnungsschimmer: der Verpackungshinweis, laut dem Nahrungsergänzungsmittel keinen Ersatz für eine ausgewogene Ernährung sein können und dauerhafte Gewichtsreduktion nur bei dauerhaft bewusster Lebensweise funktioniert. Na ja, ist wohl ähnlich freiwillig und ähnlich wirksam wie die großen Aufkleber auf den Zigarettenpackungen. Und wir wissen, dass es trotzdem immer Raucher geben wird – und immer wieder solche, die den schnellen, simplen Weg zur Wunschfigur wählen. Ob nachhaltig oder nicht: Hauptsache, es muss nicht mühsam gedacht werden.

Und was es da noch so gibt …

Nichts, was es nicht gibt, könnte man sagen. Man nehme ein beliebiges Wort (z.B. Kohlsuppe, Schokolade, Hollywood, Mondphase etc.) und kombiniere es mit dem Zusatz "Diät" – eine totsichere Methode, eine bereits vorhandene Erfindung zu machen. Die DDR-Diät fiele mir spontan ein. Bestimmt erfolgsversprechend, da gab’s ja nix im Supermarkt.

Stöbert man einmal in den einschlägigen Abnehmforen, erfährt man von den dort aktiven Damen allerlei Herzerfrischendes aus der Kategorie Made-my-Day: "Da gab es mal eine, da durfte man an einem Tag nur hartgekochte Eier essen, am anderen Tag nur Bananen, am dritten nur Wienerwürstchen und am vierten je zwei Eier, zwei Bananen und zwei Würstchen.", weiß eine Userin zu berichten.

Viele Diäten scheinen ein Produkt der Bemühungen von Frauenzeitschriften zu sein, ihre aktuelle Auflage loszuwerden. Das Konzept dieser Schlankheitskur ("Kur" klingt gesünder und erholsamer als "Diät", daher bevorzugt einsetzen!) beruht zumeist darauf, sich überwiegend von einem Lebensmittel, Ananas zum Beispiel, zu ernähren. Oder anders gesagt: Kalorien drastisch reduzieren. Und dabei so zu tun, als wäre das Ganze mit Expertenhintergrund mühsam ausgetüftelt worden.

Die lange Liste der homöopathisch bis halb-magischen Methoden von Kräutertees, Artschocken-Saft, Hypnosen und dergleichen mehr sei hier einmal gnädig verschwiegen.

Es gibt natürlich auch lobenswerte Ideen. Weight Watchers zum Beispiel. Punkte werden scheinbar lieber gezählt als Kalorien. Und die Sache mit den Gruppentreffen gefällt mir auch. Gut, man könnte auch zum kostenlosen örtlichen Selbsthilfekreis gehen. Oder sich mit Freunden zusammentun. Im Notfall Duellpartner im Internet suchen. Aber gönnen wir den Amerikanern den Umsatz mit ein paar gebrandeten Müslipackungen. Sie vertreten immerhin die vernünftige Weise des Abnehmens. Auch die Fit For Fun- und Brigitte-Diät wird von Experten immer wieder lobend erwähnt. Am besten drehen also immer noch die das Rad, die es nicht neu erfinden wollen.

Vielleicht macht Geld ja doch glücklich, aber es macht auf jeden Fall nicht schlank. Von der Pflicht zum persönlichen Engagement kann sich niemand loskaufen; der Ablasshandel kurz vor der Bikinisaison hilft letztlich nur den juristischen Personen aus dem Handelsregister.