Disclaimer: Der folgende Artikel richtet sich nicht an (wanna be) Bodybuilder und Freibadposer, sondern an Trainierende, denen es um die Steigerung ihrer körperlichen Fähigkeiten geht. Wer das legitime Ziel der Körperformung verfolgt, sollte sich die Zeit für das Lesen dieses Artikels sparen und lieber ein paar Konzentrationscurls machen.

Manchmal hat man solche Augenblicke, die einem die Augen öffnen. Die einen merken lassen, dass man über die Zeit in eine gewisse Blindheit gerutscht ist und offensichtliche Dinge nicht mehr erkennt. So, als wenn man als Teenager seinen ersten Playboy in der Hand hat und feststellt, dass weibliche Wesen nicht nur kirschkerngroße Brüste haben können, oder beim ersten Blick in eine der vielen bunten Bodybuildingzeitschriften, dass 30cm Oberarm nicht das Ende der Fahnenstange sind. Ich denke, es ist klar, wovon ich spreche. Es gibt solche Augenblicke und wir erleben sie immer wieder. Und manchmal brauche solche Erlebnisse womöglich mehr als einen Anlauf. So erging es mir vor kurzer Zeit.

"Jemand der keine 20 Liegestütze ausführen kann, sollte nicht einmal daran denken Langhantel Bankdrücken in sein Trainingsprogramm aufzunehmen.", ist ein Zitat von Chad Waterbury und was ich in diesem Augenblick nur nickend innerlich hingenommen hatte, kam wenige Tage später erneut in mein Gedächtnis, als eine Bekannte mich fragte, wie sie mit dem Training beginnen sollte. Ja, wie denn?

Ich selbst treibe seit inzwischen über einem Dutzend Jahren Sport. Ich war als Kind nie der Sportlichste. Eher das Gegenteil war der Fall. Ich war ein kleines dickes Kind. Das Paradebeispiel einer dicken Couchpotatoe. Ein Schluck Wasser. Ein Lappen. Kurz gesagt: Ich war, wie viele andere, die aus der Motivation einer körperlichen Veränderung damit beginnen Sport zu treiben. Doch etwas war anders.

Während viele Leser, wie es bei der thematischen Eingrenzung dieses Forums in der Natur der Sache liegt, mit dem Eisentraining ihre ersten sportlichen Erfahrungen außerhalb des gehassten Schulsports machen, kam ich zum Ringen. Meine Mutter trieb mich dazu an mir eine Sportart zu suchen, um meine überschüssige Energie loszuwerden. Aus Raufereien mit meinem kleinen Bruder wurden regelmäßig Haltegriffe, bis er heulte. Ich sollte mir also einen Sport suchen und wie der Zufall es wollte, sah ich zu dieser Zeit im Fernsehen einige Ringkämpfe und fand die Sportart aus einem nicht definierbaren Grund cool. - Und unter uns, das ist Ringen auch, aber das ist ein anderes Thema.

Worauf will ich hinaus? Nun, ich war, wie bereits betont, ein körperlich unterentwickelter Waschlappen, der so auf dem Planeten dahin vegetierte. Doch anstatt meine Muskeln, die es gar nicht gewohnt waren überhaupt in irgendeiner Weise komplex zusammen zu spielen, auch weiterhin nicht in diesen Genuss kommen zu lassen, indem ich sie mehr oder weniger isoliert belastete, begann ich ein komplexes Bodyweight-Krafttraining, dass sich in diesem Fall Ringen nannte.

Nun ist dieser Artikel nicht dafür gedacht, diese zu Unrecht unter repräsentierte Sportart den Lesern schmackhaft zu machen und für einen Mitgliederansturm im DRB zu sorgen. Vielmehr will ich auf etwas anderes hinaus, was der ein oder andere vielleicht schon ahnen mag.

Kommen wir zu meiner Bekannte zurück. Wie sollte sie also trainieren? Sollte ich sie Kniebeugen beginnen lassen, wenn sie nicht mal genug Gleichgewicht und Körperspannung hat, um einbeinige Kniebeuge (nicht Pistols!) ohne Hantelstange auszuführen? Bankdrücken, obwohl sie kaum fünf saubere Liegestütze schaffte? Kreuzheben, obwohl sie keine 10 Supermans mit Halten schaffte?

Da war er, einer dieser Momente!

Wenn man solange trainiert und dabei unbewusst etliche Dinge ausprobiert und in sein Training nach und nach einfließen lässt, ist es gar nicht so einfach einem blutigen Anfänger einen verantwortungsbewussten Plan zu geben und man vergisst, wo seine eigenen Wurzeln waren.

Ich habe mich in letzter Zeit aus diversen Gründen mit Bodyweightübungen beschäftigt, wobei ich teilweise sehr skeptisch war. Aber schaut man über den Hantelstudio-Tellerrand, so gibt es da draußen genug Athleten in unzähligen Sportarten, die meiner Meinung nachzwei Punkt immer wieder bestätigen:
  1. Die Grundlagen werden nicht mit beschränkten Hantelbewegungen geschaffen und
  2. Körpergewichtsübungen können richtig angewendet mehr als nur eine nette Urlaubsalternative sein
Bevor der Leser jetzt kurz davor ist, das kleine "X" oben am rechten Bildschirmrand zu klicken, möchte ich eins klar stellen: Das ist kein Aufruf dazu seine Studiomitgliedschaft an den Nagel zu hängen und das Eisentraining völlig zu beenden. Viel mehr möchte ich einen Denkanstoß setzen, dass gerade Anfänger mit Körperkraftübungen, die genauso vielfältig sind, wie die Möglichkeiten im Studio (!), eine gewisse Grundlage setzen (könnten), wenn sie zuvor nie Sport getrieben haben. Macht erstmal 20 saubere Liegestütze, mehrere Wiederholungen einbeiniger Kniebeuge, Klimmzüge in verschiedenen Griffarten und Beugestütze.

Und wer meint, ihm würde dies zu einfach werden, dem kann ich versprechen, dass es genug Anpassungsmöglichkeiten gibt, um das ganze interessant genug zu gestalten, dass man diese Behauptung am liebsten nie aufgestellt hätte. - Pistols, Liegestützvarianten, Liegestütze-Sternchen, Zirkelzusammenstellungen und anderen Dinge sind es mit Sicherheit wert in einem späteren Artikel noch einmal genauer betrachtet zu werden. Fakt ist, in jedem Trainingsstadium werden sich Übungen mit dem eigenen Körpergewicht finden lassen, die einen an die eigenen Grenzen treiben werden.

Auch den Fortgeschrittenen unter uns sei gesagt, dass ein wenig Körperkrafttraining eine gewisse Demut erzeugen kann, wie schwach man eigentlich ist. Ich bin durch das Geben von Unikursen und den Wiedereinstieg in den Kampfsport in den letzten Monaten nach und nach wieder zum ergänzenden Körperkrafttraining gekommen und versuche diesem einen Platz ein meiner Trainingsgestaltung zu bieten. Und vielleicht ist der ein oder andere Leser nach diesem Text zumindest aufgeschlossener gegenüber Körperkraftübungen als Ergänzung zur Menschwerdung geworden.