Den ersten Schock hatte mir die Ärztin vor einigen Wochen versetzt, die mir sagte, dass meine Rückenprobleme "natürlich auch mit meinem Übergewicht zu tun haben". Naja, vom Bodybuilding keine Ahnung die Frau dachte ich mir - da ist man einfach schwerer als der Durchschnitt. Auch wenn man seit fast einem Jahr nur sporadisch ans Eisen geht, so schnell baut man ja nicht ab.
Dann war da der Geburtstag, auf dem ich von einem halben dutzend Leuten angesprochen wurde, ob ich noch trainiere. Liegt an den Klamotten dacht ich mir... kaschiert ja.
Aber als die süße Praktikantin gestern in der Mittagspause meinte Männer dürfen ja ruhig einen kleinen Bauch haben, als ich mein soßentriefendes Fleisch genoss, während sie sich ihren Thunfischsalat schmecken ließ, da klickte was. Hätte ich nicht noch vor einem Jahr diesen Fraß den ich mir hier gerade schmecken ließ als Müll bezeichnet? Männer mit Bauch? Was hatte ich mit denen zu tun?
Der Blick in den Badezimmerspiegel am Abend gab mir dann den Rest. Ich war tatsächlich einer von ihnen geworden, unmerklich, sukzessive, Stunde für Stunde, Tag für Tag, Woche für Woche... früher hatte ich mich über diese "Ex-BB" immer lustig gemacht, die nicht mitbekommen hatten wie ihr Körper sich langsam in die falsche Richtung entwickelt, und sich immer noch für durchtrainiert hielten. Nun war ich einer von ihnen. Wollte ich das? Nein, um Himmels Willen!
Und deswegen stand ich nun hier, morgens um 7 auf dem Stairmaster, als erster im Studio in dem die Thekenkraft mich nicht kannte, obwohl ich seit 5 Jahren dort angemeldet war. Angemeldet. Meine letzte Einheit konnte ich aus dem Kopf nicht mehr zuordnen, es musste ein paar Wochen her sein – oder vielleicht waren es doch Monate?
Der Stairmaster schien kaputt zu sein. Anders war es nicht zu erklären, dass ich auf Anfängerstufe trainierte aber trotzdem schwitzte wie ein Schwein. So abbauen kann man doch gar nicht, dachte ich mir, während sich der Gummi meiner Trainingshose mehr und mehr in meinen Bauch einschnitt. Mein quer durchs Studio schweifender Blick erkannte hinter zwei Säulen die Spiegelwand, und eine wurstähnliche Gestalt die sich auf dem Stairmaster abrackerte... ich war alleine im Cardiobereich. Ich war die Wurst. Ich beschloss den Stairmaster zu verlassen, mich aufs Laufband zu begeben, ein moderates Tempo einzustellen, und das Aufwärmen Aufwärmen sein zu lassen. Ich war also nicht nur fett geworden, sondern auch träge. Es musste eine Menge passieren!
Maschinen sind was für Waschlappen, also ab in den Freihantelbereich nach dem Aufwärmen. Plan? Brauch ich nicht, erstmal ein paar schwere Sätze Kreuzheben raushauen, das Gewicht, den Pump die Spannung geniessen! Yeah, wie Arnie einen Orgasmus nach dem anderen!
Aufwärmgewicht am besten wie früher, 60KG auf die Stange, und los geht's. Keine Orgasmen, keine Spannung, keinen hochgekriegt! Verdammt schwere 60KG, aber die neuen glänzenden Olympiastangen sind bestimmt schwerer als früher. Keine Sorge, einfach runter mit dem Aufwärmgewicht, und die 40 dann sauber für 20WH um Blut in die Muskeln zu pumpen. Na bitte geht doch, die Hantel bewegt sich. Aber hätte ich mir doch den Blick in den Spiegel gekniffen. Der Pavian der mal groß macht... das bin ich. preview
Frustriert die Hantel runter, der Rücken schmerzt, ab aufs Laufband und die halbe Stunde füllen, die ich bis zur Arbeit noch Luft hab. Vielleicht doch ein Plan? Ganz sicher sogar, also in der Mittagspause Pute und Reis, und Pläne für die nächsten Wochen schmieden.
- Wenn Du nach einer längeren Pause wieder ins Training einsteigst, überstürze es nicht, geh smart vor! Was dein Körper mit 20 noch locker weggesteckt hat, das wirft dich 10 Jahre später schnell wochenlang aus der Bahn. Und verletzt auf der Couch zu liegen bringt dich auf dem Weg zurück zur alten Form nicht voran.
Bei der Ernährung kannst Du hingegen deutlich schneller wieder auf alte Standards wechseln. Sortiere den "Dreck" aus, achte auf eine hohe Proteinzufuhr und hochwertige Baustoffe. Plane deinen Wiedereinstieg. Mach keine Raketenwissenschaft draus, aber leg konkrete, erreichbare Etappenziele fest und arbeite dich gezielt und strategisch vor. Die Minuten die du in die Planung investierst, sparst du hundertfach wieder ein, weil du effektiver auf dein Ziel zuarbeitest. Vergiss nie: wer keine Ziele hat, der kann auch nichts erreichen!
Der Blick in den Spiegel zeigt noch keine wirklichen Veränderungen, aber ich fühle mich anders, und das tut gut. Langsam spüre ich, dass unter dem Speckmantel den ich mir angefressen hatte noch so etwas wie Muskeln existiert.
Nach meinem ersten frustrierenden Studiotag hatte ich mir die Mittagspause und den Abend Zeit genommen, um die nächsten Schritte zu planen. Ich verantworte Projekte mit Budgets von mehreren zehntausend Euro in meinem Job, wieso sollten die Strategien die dort funktionieren nicht auch für meinen Rückweg zum BB funktionieren?
Also hatte ich mich hingesetzt, den Status Quo offen und ehrlich analysiert, und mir eine Strategie zurecht gelegt. Ich bin fett und träge geworden, und mein Muskelgedächtnis bringt nichts, so lange ich mir Muskelalzheimer anfresse. Die Ernährung war zugleich am einfachsten wieder auf ein hohes Niveau zu bringen und dennoch ein großer Faktor, der deutliche Unterschiede ausmachen würde. Also hatte ich den großen Bruch gewagt, von einem Tag zum nächsten aufgeräumt, und aus dem "friss was gerade greifbar ist" ein geplantes, durchdachtes "Du bist was du isst" gemacht.
Mit den passenden Tools war am Computer binnen einer halben Stunde das Essen der nächsten zwei Wochen geplant, etwas eintönig, aber das wird Tag für Tag besser. Seit ich mir jeden Tag 10 Minuten für eine Rezeptsuche in Bodybuildingforen nehme und mich nach interessanten Alternativen umsehe, kommt Abwechslung ins Essen.
Die ersten 3-4 Tage waren der pure Horror. Mir fehlten die Zuckermassen, ich spürte regelrecht wie die gesunden Nährstoffe in mir erstmal einen Großputz veranstalteten. Die Haut wurde schlechter und fettig, der Antrieb fehlte, und jeder Gang vorbei am Süßwarenregal oder der Eistruhe wurde zur Zerreißprobe. Doch dann ging es schlagartig bergauf. Der Großputz schien abgeschlossen, die Haferflocken zum Frühstück schienen den Fett-Zuckerpanzer von meinen Geschmacksknospen geraspelt zu haben. Ich genoss es mich nach dem Essen leicht und luftig zu fühlen. Mich bewegen zu können, ohne Angst die Nahrungsmassen in meinem Verdauungstrakt in Wallung zu versetzen und wieder hochzuspülen. Mein nachmittäglicher Proteinshake schmeckte besser als jedes Eis, denn ich konnte ihn ohne schlechtes Gewissen genießen.
Im Training hatte ich mir 2 Wochen leichten Einstieg gegönnt. An 3 Tagen pro Woche ein GK-Training, mit 2-3 Übungen pro Muskelgruppe. Kein Training bis zum Muskelversagen, leichtes aber konzentriertes Pumptraining um meinen Körper aus dem Schlaf zu holen, das Gefühl für die Übungen wiederzubekommen, und auch wenn ich mich in den ersten 3 Einheiten fühlte als hätte ich nie trainiert, stellten sich in der zweiten Woche die ersten positiven Zeichen ein. Meine alten Stärken Trizeps und Waden pumpten sich wieder ein bisschen auf, im Rest des Körpers schaffte ich langsam wieder Spannung aufzubauen – ich war auf dem richtigen Weg.
- Wenn du nach einer längeren Pause ins Studio zurückkehrst, vergiss nie welch enormen Einfluss die Ernährung auf Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden ausübt. Mit steigendem Alter und schlechterem Allgemeinzustand wird der Einfluss größer und größer. Es macht wenig Sinn sich im Gym die Seele aus dem Leib zu trainieren und den Körper dann mit minderwertiger Nahrung zu versorgen. Gute Ernährung ist dabei keine Frage des Geldbeutels, sondern der Disziplin und Planung. Vorkochen z.B. kann einen vor der Notwendigkeit schützen sich unterwegs minderwertiges JunkFood zu besorgen um den Hunger zu stillen.
Während du bei der Ernährung schnelle Umstellungen machbar sind, wenn du weißt was du tust und nicht in Extreme verfällst gilt beim Training: Lass es nach längeren Pausen im Studio langsam angehen. Ehrgeiz ist wichtig und richtig. Aber sich zu schnell zu viel zuzumuten resultiert in zu großer Überlastung. Und man ist schneller an dem Punkt an der Körper das nicht mehr kompensieren kann als einem lieb ist. Gönn deinem Körper also einen sanften Weckruf, genieße das Training, und lass Luft nach oben. Geh nicht an deine Grenzen, alles zu seiner Zeit.
Teil 2 findet ihr hier..