Lassen wir die wichtigsten Ergebnisse der Studien noch einmal Revue passieren, um ein Fazit zu Androstendion und Androstendiol abgeben zu können.

King et al. (1999) fanden heraus, dass Androstendion in einer Dosierung von 100 mg kurzzeitig weder Testosteron noch freies Testosteron erhöhen kann.
300 mg/Tag über 8 Wochen führten ebenfalls nicht zu einer Erhöhung von Testosteron oder freiem Testosteron, wohl aber zum Anstieg von Östradiol. Dies in einer Größenordnung zwischen 41 % und 27 %. Die Studie war begleitet von einem Trainingsprogramm - auf die Körperzusammensetzung oder die Kraft hatte Androstendion in dieser Dosierung keine Auswirkung.

Leder et al. (2000) untersuchten die kurzfristige Wirkung von Androstendion in einer Dosierung von 100 oder 300 mg. Bei 100 mg tat sich beim Testosteron nichts, Östradiol erhöhte sich jedoch um 42 %.
Bei 300 mg war dann schließlich doch ein Anstieg beim Testosteron um 34% zu verzeichnen. Dieser war allerdings begleitet von einer 128 %-igen Erhöhung von Östradiol.

Rasmussen et al. (2000) maßen den Protein-Anabolismus vor und nach fünftägiger Einnahme von 100mg Androstendion. Es konnte keine positive Wirkung festgestellt werden, Androstendion besitzt also kein oder nur ein sehr geringes anaboles Potential.
Zudem wurde die kurzfristige hormonelle Wirkung von 100 mg Androstendion betrachtet – Testosteron nicht signifikant erhöht, Östradiol signifikant höher.

Earnest et al. (2000) verglichen die kurzfristigen Auswirkungen von 200 mg Androstendion und 200 mg Androstendiol.
Mit viel Rechnerei stellten sie gegenüber der Placebo-Gruppe eine leichte Erhöhung von Testosteron und freiem Testosteron fest, wobei die Erhöhung bei Androstendion einen Tick deutlicher ausfiel, als bei Androstendiol. preview

Broeder et al. (2000) verglichen ebenfalls Androstendion und Androstendiol. Die Probanden erhielten 200 mg Androstendion oder Androstendiol pro Tag über 12 Wochen. Der Vergleich der Messungen vor und nach den 12 Wochen ergab keine Änderung bei Testosteron oder freiem Testosteron, Östradiol jedoch war in der Androstendiongruppe um 92,1 % und in der Androstendiolgruppe um 57,4 % erhöht.
Es hatte den Anschein, dass sich Testosteron in der Androstendiongruppe während den 12 Wochen zunächst erhöhte (um 16 %), gegen Ende dann aber zum Ausgangswert zurückkehrte.
Zur Studie gehörte auch ein Trainingsprogramm - auf Kraft oder Körperzusammensetzung konnte weder durch Androstendion noch durch Androstendiol ein Einfluss festgestellt werden.

Brown et al. (2002) untersuchten die kurzfristigen Auswirkungen von sublingualem Androstendiol (~ 20 mg). Hier war 60 min nach der Einnahme ein deutlicher Anstieg des Testosteronwertes um 87,1 % festzustellen. Beim freien Testosteron waren dies nach 60 min sogar 103,5 %.
Auf der anderen Seite erhöhte sich aber auch Östradiol (75 %) und das Maximum war 180 min nach der Einnahme (letzte Messung) wahrscheinlich noch nicht erreicht. Es ist gut möglich, dass die Östradiolerhöhung deutlich nachhaltiger ist, als der kurzfristige Anstieg des Testosterons.

Die oralen Varianten von Androstendion und -diol halten also keinesfalls das, was von ihnen versprochen wird. Im Gegenteil, Testosteron erhöht sich allenfalls geringfügig, Östradiol aber sehr deutlich. Es zeigt sich, dass die prozentuale Umwandlung zu Testosteron gemäss Blaquier et al. (in vitro 5,61 % bei Androstendion und 15,76 % bei Androstendiol) bei oraler Zufuhr in vivo niemals erreicht wird.

Besonders Androstendiol enttäuscht – angeblich soll nur durch das daraus entstandene Testosteron Östradiol erhöht werden können. Stimmt nicht, wie hier deutlich gezeigt wurde. Zwar erhöht es Östradiol nicht so stark wie Androstendion, jedoch steigt Östradiol deutlich, ohne dass sich bei Testosteron etwas tut.

Immer mal wieder wird im www der Tipp gegeben, Androstendiol (z.B. mit den 250 mg Kapseln von AST) im Grammbereich zu dosieren.
Möglich, dass dann der Testosteronspiegel doch etwas deutlicher ansteigt, aber ich will lieber nicht wissen, was dann mit Östradiol passiert ...

Vergleicht man die hormonellen Auswirkungen von oralem Androstendion oder -diol z.B. mit Clomifen, so muss man feststellen, dass sich mit Clom-Only deutlich mehr tut. Denn da erreicht man ohne weiteres permanent einen T-Spiegel um die 10 ng/ml.

Manchmal wird ja vermutet, dass Androstendion und Androstendiol selbst ein anaboles Potential besitzen. Ist nach den Ergebnissen hier aber auch sehr unwahrscheinlich.

Ich denke, man kann getrost behaupten, dass alle Androstendion-Produkte kontraproduktiv sind, und Androstendiol zumindest dann, wenn die Leber zwischen dem Prohormon und der Blutbahn steht.

Bleiben natürlich noch die Androstendiol-Produkte, die es anders machen, wie z.B. die Sublingualtabletten.

Mittlerweile gibt es da noch einige andere Produkte, so z.B. Kapseln, bei denen Androstendiol mit einem Ester oder Äther versehen ist (z.B. 4-AD-EC von Biotest, 4-AD Ethergels von Molecular Nutrition, Tetrabol von Syntrax ...). Dadurch soll die Aufnahme nach dem Andriol-Prinzip über das lymphatische System (und damit an der Leber vorbei) möglich werden. Ob das wirklich funktioniert? In der Phantasie der Anbieter schon ?
Hier sollte man sich allerdings mal ernsthaft die Frage stellen, ob man da nicht besser gleich zu originalem Andriol greifen mag.

Dann gibt es noch die ganz preiswerte Lösung für den versionierten Hobby-Chemiker: Bei Anbietern wie z.B. http://www.1fast400.com kann man sich Androstendiol-Cypionat bestellen (1 Gramm kostet 5 USD) und daraus mit etwas Geschick Androstendiol-Injektionen selbst herstellen.

Ob man damit Muskulatur aufbauen kann? Ich bezweifle es stark, denn
  1. es lässt sich kaum voraussagen, welchen Testosteronspiegel man mit welchem Androstendiol-Produkt in welcher Dosierung erreichen wird
  2. um wirklich aufbauen zu können, braucht man schon das Mehrfache des physiologischen Testosteronspiegels. Ob das mit Androstendiol überhaupt erreicht werden kann, ist sehr fraglich
  3. es ist unklar, ob es eine Grenze für die Umwandlung von Androstendiol zu Testosteron gibt, und wenn ja, wo diese liegt
  4. wie in den Studien gezeigt wurde, ist es anzunehmen, dass Androstendiol Testosteron nur kurzfristig erhöht, Östradiol aber lange und nachhaltig.