Was haben der Selbstmord des Piloten der A320, Chalie Hebdo und die Pegida-Bewegung gemeinsam? Es war irgendwann mal ganz groß in Mode, sich öffentlich dazu zu äußern. "Dank" sozialer Netzwerke fühlt sich auf einmal jedermann dazu berufen, Statements zu allen erdenklichen Themen abzugeben. Kompetenz oder persönliche Betroffenheit nicht nötig, Hauptsache brisant genug. Brisanz bringt Likes, und mögen sie auch von diesen Facebook-Freunden kommen, die wir auf der Straße gar nicht grüßen (Hand auf Herz: Wir haben sie doch alle in unserer Liste).

Momentan, mit der Fibo 2015 im Rücken, ist da innerhalb unserer kleinen Parallelgesellschaft wieder ein solcher Fall öffentlicher Überpräsenz eingetreten, der auch auf diesem Forum für ganze Scheiterhaufen voller Zündstoff sorgt. Ihr wisst, wovon ich spreche: Fitness-Youtuber vs. Oldschool-Bodybuilder.


Für den Fall, dass du diesen Artikel in sagen wir mal zwei Wochen lesen könntest, wenn das Thema garantiert so und so schon wieder vom Tisch ist, hier noch mal die Sachlage:
Die diesjährige Fibo, die alljährlich in Köln stattfindende, europaweit größte Messe für Fitness und Bodybuilding, zeigte für den Geschmack einiger allzu deutlich die Entwicklungstendenzen der Szene auf. Während diese sogenannten "Fitness-Youtuber" Karl Ess, Tim Gabel und Co. von den Messebesuchern nahezu überrannt wurden, lümmelten (ehemalige) Weltstars der Wettkampf-Elite unbeachtet an leeren Ständen herum. Auch das allgemeine Publikum hatte sich nach Meinung vieler Beobachter zum Negativen entwickelt: Stringer, Tokyo Hotel-Haarschnitte und Körpergröße-minus-110 statt breiter Kreuze und Melonenwaden. Und eine ganze Randgruppe haut in die Tasten, um das Offensichtliche in Worte zu packen.
Gym- und Facial Aesthetics schlägt Mr. Olympia: Wie konnte es dazu kommen? Und: Ist das jetzt eigentlich wirklich ein Problem, das so viel Aufmerksamkeit verdient hätte?

Es ist ja nicht so, dass man es nicht vorher gewusst hätte. Spätestens, seit ein jeder nach der ersten Woche Fitnessstudiomitgliedschaft ein "Max Mustermann IFBB Bikini-Physics-Athlet"-Facebook-Profil zu kreieren begann, wurde deutlich, wohin die Reise gehen würde.

Auf einmal konnte jeder ein optimiertes Internet-Ich erschaffen. Wozu strapazierende Wettkampf-Diäten, wenn es auch ein Instagram-Filter tut? Der aus sportlicher Sicht eigentlich mäßig erfolgreiche "Social Media-Athlet" (den Begriff sollte ich mir übrigens schützen lassen) steht gegenüber dem Oldschool-Bodybuilder aus vielen Gründen besser dar:

Er erreicht ein wesentlich größeres Publikum, lebt gesünder und stressarmer als die Herren aus der Männer 5 und kann damit im Idealfall sogar mehr Ertrag ernten, als eine Tüte Eiweißpulver. Die Bewegung hat gar Selfmade-Millionäre hervorbringen können. Und vielleicht, eventuell, liegt genau hier der Hund begraben, von dem sich jetzt viele ans Bein gepinkelt fühlen.
Auch auf die Gefahr eines Shitstorms hin wage ich zu behaupten, dass diese Diskussion eine der vielen neidgeprägten unserer Neidgesellschaft ist. Es sei unfair, dass gestandene Wettkampf-Bodybuilder von ihrem Sport nicht leben könnten, während Halb-Erwachsene, die nicht mehr leisten als eine Handkamera und ein Videoschneideprogramm zu bedienen, im Porsche auf dem Fibo-Gelände vorfahren. Ist es das?
Die Diskussion spielt sich für mein Empfinden in einer Kategorie mit der um die Verdrängung des stationären Einzel- durch den Onlinehandel oder der Tante Emma-Läden durch die Lebensmitteldiscounter ab.

Immer wieder gibt es Menschen, die das Rad des Wandels anzuhalten versuchen und jeden Fortschritt zum Rückschritt erklären. Dabei ist auch der Fitness-Markt ein Markt. Angebot und Nachfrage bestimmen, wer Erfolg hat und wer leider draußen bleiben muss. Und die Nachfrage nach dem Extremen sinkt dann jetzt scheinbar so wie die nach Röhrenfernseher.

Ob es dazu kam, weil "die Jugend von heute" den einfacheren Weg sucht ohne Diät, 180kg-Kniebeuge und Schlafengehen nach der Tagesschau, oder weil niemand mehr seine Lebenserwartung für einen Körper, der bei 99 % der Bevölkerung auf Abscheu stößt, halbieren will: Wir werden es wohl nie erfahren.
Die Leistungen der Bodybuilding-Elite von damals und heute will ich damit nicht kleinreden! Coleman, Rockel und so viele andere haben uns Gänsehautmomente für die Ewigkeit beschert und eindrucksvoll gezeigt, was man aus dem menschlichen Körper machen kann.
Mein Mitleid hält sich dennoch in Grenzen.

Selbst Markus Rühl, eigentlich ja auf der Seite der "Betroffenen" stehend, hat die Situation treffend analysiert: Viele Athleten haben es völlig verpasst, ihre Introvertiertheit zu überwinden, und eine persönliche Note in ihre Außendarstellung einfließen zu lassen, die über Vaskularität und Muskelmasse hinausgeht. Aber das Publikum will Menschlichkeit, sonst klappt das nicht mit der Vorbildfunktion. Und wenn jemand die kinderleicht zu bedienenden Mittel der modernen Kommunikation nicht zu nutzen weiß, ist der dann nicht selber schuld?


Es muss ja auch nicht immer eine Omnipräsenz in diesem Internet sein. Aber ein bisschen Fan-Nähe sollte sich doch irgendwie bewerkstelligen lassen, wenigsten für diese 4 Tage im Jahr. Meine eigenen Fibo-Erfahrungen sind geprägt von unfreundlichen, abweisenden und gelangweilten Pros, die ihren Anhängern auch noch Geld für Fotos und eine krakelige Unterschrift abnehmen. Mit so wenig emotionalem Engagement kommt man ja noch nicht mal in der Versicherungsbranche weiter, dann doch erst recht nicht bei der Zusammenarbeit mit 15-Jährigen.

Man mag den Mitglieder der Gym Aesthetics-Crew vorwerfen, sie wären genetisch weniger gesegnet, weniger konsequent im Training oder sie wären dreist lügende Pseudo-Naturals, -Veganer und Sonstiges: Sie sind in jedem Fall Meister der Außendarstellung.

Sie haben Entertainment-Charakter. Die Früchte ihrer medialen Arbeit lassen sich konkret messen. Hier einmal die Abonnentenzahlen der populärer Youtube-Channel (Achtung! Dies ist eine sich minütlich ändernde Momentaufnahme, Stand 16. April 2015):
  • Karl Business Lifestyle: 50.000
  • Karl Ess: 346.000
  • Tim Gabel: 211.800
  • Road to Glory: 54.000
Und dazu einmal im Vergleich:
  • Markus Rühl: 10.000
  • Dennis Wolf TV: 3.200
Das ist, wo wir stehen.

Und es kommt noch dicker: Die genannten Youtube-Stars sind auch noch gewiefte Geschäftsmänner und haben wirtschaftlich zum Rundumschlag ausgeholt, etwa durch zugegeben indiskutable Bezahl-Trainingssysteme wie das 360-Grad-Paket oder den Einstieg in die Vermarktung des GA-Modelabels, deren Tanktops und Hoodies mittlerweile wie geschnitten Brot die Lager zweier ehemaliger Bosch-Ingenieure verlassen. Es ist wie überall da draußen: Wer sich selbst überzeugend verkauft, kann auch sonst alles verkaufen. Business as usual eben.
Und warum fühlst du dich ganz persönlich dadurch auf den Schlips getreten? Wenn du keine Lust mehr auf Bananen, schlecht dosierte Lautmalerei und vermeintliche Doping-Lügen hast? Dann klick einfach nicht mehr drauf.
Damit entlastest du nicht nur deine Nerven, sondern entziehst dem Feind auch noch ein Stück weit seine Lebensgrundlage. Aber damit ist das Problem noch nicht gelöst sagst du. Da ist ja auch noch die Anhängerschaft, und die belästigt dich nicht nur einmal im Jahr auf der Fibo, sondern jeden Tag im Studio, in diesen nur halbvorhandenen Klamotten und diesem unsäglichen "Gainz-Denglisch".

Aber mal ernsthaft: Gibt es da draußen nicht schlechtere Menschen, als ein paar Jugendliche, die sich noch auf der Suche nach dem eigenen Ich befinden und dabei an Vorbilder geraten sind, die du aus welchen Gründen auch immer nicht gutheißt? Die Gym Aesthetics-Crew sind ja schließlich nicht die ISIS!
Muss man Energie darauf anwenden, eine "Unterwanderung der Wurzeln unseres Sports" herbeizureden, wo gar keine ist?
Ein User hat es im Forum so treffend formuliert, dass ich gar nicht anders kann, als diesen Artikel mit einem sinngemäßen Zitat abzuschließen:
Diese ganze Youtube-Healthy-Lifestyle-Aesthetic-Sache ist ja schon so was wie eine Jugendkultur. Und als solche hat sie eines mit allen Jugendkulturen gemeinsam: Die 'Älteren' finden sie per se schon mal scheiße.
Sei nicht "diese Älteren" wie unsere spießigen Lehrer damals! Leben und leben lassen. Toleranz ist ja nicht katabol.