Fleisch ist ungesund, bestätigt durch die Weltgesundheitsorganisation WHO. Militanten Veganer fiel bei dieser Meldung vor lauter Freude der Tofu-Brätling in den Soja-Latte. Carnivore weltweit bekamen es mit der Angst zu tun und die Praxen der Proktologen quollen vor lauter Darmkrebsvorsorgewilligen über. Die Antwort der Fleischindustrie ließ nicht lange auf sich warten: Der Schutzverband Schwarzwälder Schinkenhersteller warf der WHO vor, die Bevölkerung zu verunsichern, der italienische Landwirtschaftsverband Coldiretti sprach gar von "Fleisch-Terrorismus". Vernunftgeleitete Menschen jenseits von Fundamentalismus und übertriebener Paranoia fragten sich vielmehr, was denn nun hinter dieser Meldung steckt.

Jenseits der Headlines

Gerade in Zeiten, in denen die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne der meisten Erwachsenen der eines ADHS-Patienten entspricht, bekommen Headlines, neudeutsch für Überschriften, eine ganz besondere Bedeutung. In gedruckten Zeitungen und Zeitschriften nehmen sich Leser immerhin noch durchschnittlich fünf Sekunden für die Entscheidung einen Artikel zu lesen oder es zu lassen.

Im Internet müssen dem Autor zwei Sekunden reichen, um die Leser von ihrem Artikel zu überzeugen. Die Konsequenz sind immer reißerische Überschriften. Doch damit nicht genug: Immer mehr Menschen halten es nicht einmal mehr für nötig die Artikel überhaupt zu lesen: Überschrift und Teaser, also die Kurzzusammenfassung, die unter dem Titel angezeigt wird, wenn man bei Google, auf Nachrichtenseiten oder, in verschärftem Maße, bei Facebook auf journalistische Artikel stößt, müssen reichen, um sich eine fundierte Meinung als Diskussionsgrundlage zu bilden.

In der Konsequenz durften sich wohl nicht wenige Kraftsportler, die gemeinhin einen überdurchschnittlichen Fleischkonsum vorzuweisen haben, die letzten Tage mit einigen oberschlauen Kommentaren bezüglich des ach so ungesunden Essverhaltens konfrontiert gesehen haben.


Lesen bildet

Schaut man sich die den Meldungen zu Grunde liegende Publikation einmal genauer an, oder macht sich zumindest die Mühe den zugehörigen Artikel zu lesen, so wird man feststellen, dass die Pauschalaussage "Fleisch verursacht Krebs", wie sie durchaus zu vernehmen war, durch keine Aussage in der Veröffentlichung der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC), die der WHO untergeordnet ist, gedeckt wird.

Konkret ist die Rede von verarbeitetem Fleisch, also alle Fleischprodukte, die gepökelt, geräuchert, fermentiert oder durch andere Prozesse haltbar gemacht wurden. Hier gebe es ausreichend Beweise, dass diese im Zusammenhang mit Krebs, im Speziellen mit Darmkrebs stünden. Dabei reiche bereits eine täglich zugeführte Menge von 50 Gramm, um das Darmkrebsrisiko um 18 Prozent zu steigern.

Dumm für Freunde von Hausmacher Wurstplatten, gut für den Steakliebhaber – könnte man meinen. Wäre da nicht noch ein Nachsatz: Rotes Fleisch sei "wahrscheinlich krebserregend". Dass sich die Autoren selbst nicht ganz sicher sind, zeigt sich darin, dass sie gleich auf die unsichere Studienlage verweisen. Zwischenfazit: Wurst und verarbeitetes Fleisch sind krebserregend, vergleichbar mit Asbest, rotes Fleisch vielleicht, vielleicht aber auch nicht.

Die Krux mit den Statistiken

Der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas Bauer haben ein gemeinsames Hobby: Sie hinterfragen Statistiken und deren Interpretationen und publizieren diese Analysen. In ihrer jüngsten Ausgabe haben sie sich die IARC-Publikation und deren mediale Verarbeitung einmal genauer angeschaut.
"Was bedeuten diese 18 Prozent? Heißt das, dass von je 100 Menschen, die 50 Gramm Wurst täglich zu sich nehmen, 18 mehr an Darmkrebs erkranken? ", fragen die Wissenschaftler in ihrer Stellungnahme. Ihre Antwort ist deutlich: "Nein!"

Der Grund hierfür ist einfach, es handelt sich bei den 18 Prozent keinesfalls um das absolute Krebsrisiko, vielmehr um ein relatives Risiko. In Zahlen: Das absolute Risiko an Darmkrebs zu erkranken liegt etwa bei fünf Prozent, das Sterberisiko im Bereich der Hälfte. Wenn nun von einem Anstieg des Risikos um 18 Prozent die Rede ist, bedeutet das für das absolute Risiko einen Anstieg um rund einen Prozentpunkt auf sechs Prozent.
Klingt schon gleich viel weniger dramatisch. Und keineswegs ist Wurst damit gleichsam gefährlich wie Rauchen oder Asbest. Korrekt ist, dass vergleichbare Beweise für dargestelltes Krebsrisiko vorliegen, nicht aber, dass die krebsauslösende Wirkung vergleichbar ist.

Von Korrelationen und Kausalitäten

Dass bislang keine Vollpublikation vorliegt, die eine genaue Prüfung der der Aussagen zu Grunde liegenden Daten ermöglicht, kommt erschwerend hinzu.

Soweit bekannt, beruft sich die WHO aber auf Studien, die eine Korrelation zwischen dem Konsum von verarbeitetem Fleisch und einem erhöhten Darmkrebsrisiko beschreiben. Hier haben wir es mit dem alten Problem der Verwechslung oder zumindest Vermischung von Kausalität und Korrelation zu tun: Nur weil zwei Phänomene zusammenhängen, heißt das keineswegs, dass eine Kausalität besteht.

Beispiel: Nehmen wir die beiden Aussagen "Jugendliche haben häufiger Akne" und "Jugendliche essen viel Schokolade". Wer nun schlussfolgert, dass Schokolade Akne verursacht unterliegt einem Fehlschluss, getreu dem Motto cum hoc ergo propter hoc.

Das heißt: Solange die genauen Hintergründe zur Entstehung von Krebs nicht bekannt sind, lassen sich lediglich (begründete) Vermutungen bezüglich möglicher Risikoquellen formulieren. Das heißt nun nicht, dass man ohne Sorge den ganzen Tag in Asbest gekleidet, die Kippe in der einen, die Salamistulle in der anderen Hand verbringen sollte.

Es heißt aber wohl, dass man solche Meldungen mit der nötigen Vorsicht genießen sollte.

Stimmen, die keiner hört

Der mediale Hype um diese Publikation war groß, die inhaltliche Verarbeitung meist mangelhaft. Nur wenige Medien wie die FAZ legten die Fakten sachlich korrekt dar, viele andere, beispielsweise die Münchner Abendzeitung ließen sich zu schlecht recherchierten Artikeln hinreißen.

Dass die WHO indes bereits zurückgeruderte, fand nur wenig Rezeption in den Massenmedien. So heißt es nun, dass man keineswegs den Menschen den Verzehr von verarbeitetem Fleisch verbieten wolle, man weise nur darauf hin, dass ein geringerer Verzehr das Krebsrisiko vermindern könne.

Dass es diese Klarstellung nicht auf die Titel- beziehungsweise Startseiten schaffte, verwundert nicht, ist sie doch viel weniger "sexy" als "Rauchen kann töten, Wurst essen auch? " wie die Zeit über ihrem, zugegeben sachlich korrekten Artikel fragte.

Alles Wurst?

Was sagt uns das alles?

Erstens, dass man sich nicht von Schlagzeilen leiten lassen sollte. Zweitens, dass übermäßiger Wurstkonsum unter Umständen gefährlich sein könnte (unter Umständen auch nicht). Drittens, dass rotes Fleisch unter Umständen gefährlich sein könnte, wenn auch nicht so gefährlich wie Wurst (unter Umständen auch nicht). Zumindest hat man aber wieder einmal allen Angehörigen von carnivoren Kraftsportlern einen Anlass gegeben, deren ach so ungesunden Lifestyle zu kritisieren. Allein das war es doch Wert!